Gliederung

0.Zitate1.Einleitung1.1.Das traditionelle Denken1.1.1.Von den Ideen zu den Begriffen1.1.2.Von Diesseits und Jenseits zu Immanenz und Transzendenz1.1.3.Der traditionelle Außen-Innen-Dualismus1.1.4.Vom Subjekt über dessen "Tod" zur Subjektivität1.1.5.Das übliche traditionelle Denken kennt keine Wahrheit1.1.6.Das Konzept der Seienden ist widersprüchlich1.1.7.Synchronie und Diachronie oder stehende und vergehende Zeit1.2.Welt und Weltbild1.3.Bewußtseinswandel1.4."Methode"1.5.Kopernikanische Wende1.6.Igel und Fuchs1.7.Religiöser Hintergrund1.8.Philosophischer Hintergrund1.9.Zusammenfassung1.9.1.Objektive Stabilität durch willkürliche Erfindungen1.9.2.Das Ende des traditionellen Außen-Innen-Dualismus1.9.3.Seiende oder Aktanten2.Kritik des traditionellen Denkens der Moderne2.1.Von der objektiven Welt der Seienden zur subjektiven Welt der Aktanten2.2.Naiver Realismus der Moderne2.3.Physikalischer Kosmos – objektive Welt – mein subjektives Leben2.4.Schwierigkeiten mit den Seienden2.4.1.Seiende statt Wissen so far und Wissen from now on2.4.2.Das Konzept der philosophischen Seienden widerspricht unserem Leben2.4.3.Es gibt kein Abbilden2.4.4.Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel2.5.Die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt2.5.1.Wissenschaft und Hinterwelt2.5.2.Das moderne Weltbild als Mythos2.5.3.Die Postmodernen sind nicht überheblich2.6.Philosophisches und alltägliches "Abbilden"2.7.Exkurs II: Markus Gabriel als Naiver Realist3.Transzendentaler Explikationismus

0. Zitate

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.

Ich wollte damit keineswegs sagen, der Glaube an den Kausalnexus sei ein Aberglaube unter mehreren, sondern es ging mir darum, daß jeder Aberglaube eben nichts anderes ist als der Glaube an den Kausalnexus.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es gibt viele Wege, auf denen das, was ich vergeblich zu sagen versuche, vergeblich zu sagen versucht werden kann.«

Samuel Beckett

 

„Ich lerne nur aus Büchern, die ich nicht verstehe. Verstünde ich sie, brauchte ich sie nicht zu lesen.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Sollten die Gesetze des (bisherigen) Denkens niederbrechen, dann wird es die tiefste Wandlung im intellektuellen Leben des Menschen geben, verglichen mit welcher die Kopernikanische und die Einstein’sche Revolution nur Scheinschlachten sind.“

Oliver Leslie Reiser

 

„Die Welt ist ein erstaunlicher Ort, und der Gedanke, daß wir über die wichtigsten Werkzeuge verfügen, die nötig sind, um sie zu verstehen, ist heute nicht glaubwürdiger als zu Aristoteles‘ Zeiten.“

Thomas Nagel

 

„Der vernünftige Glaube weiß, daß er ein Glaube ist.“

Rainer Forst

 

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Max Weber

 

„Das nicht erforschte Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden.“

Sokrates

 

„Es ist eine furchteinflößende, eine ehrfürchtige Wahrheit, daß die Anerkennung der Andersheit der anderen, unserer unausweichlichen Trennung, die Bedingung menschlichen Glücks darstellt. Gleichgültigkeit ist die Verleugnung dieser Bedingung.“

Stanley Cavell

 

„Keiner kann sagen, was er meint, obwohl jeder nur das sagt, was er meint.“

Bruno Liebrucks

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Der Perspektivismus bildet keine Relativität des Wahren, sondern ganz im Gegenteil die Wahrheit des Relativen.“

Gilles Deleuze und Felix Guattari

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Ich habe die Wunde der Welt berührt, die Wunde des Leben-Wollens und Sterben-Müssens.“

Christoph Schlingensief

 

„Eine Philosophie, deren Botschaft lautet, daß der Tod eigentlich keiner sei, hat nicht nur einen beschränkten Zugang zum Tod, sondern gar keinen.“

Michael Theunissen

 

„Wir müssen entweder lernen, als Brüder miteinander zu leben, oder wir gehen als Narren unter.“

Martin Luther King

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Wir sind alle als Originale geboren – wie kommt es, daß so viele von uns als Kopien sterben?“

Edward Young

 

„Ich erkenne meine Verwandtschaft“ (mit allen Wesen), „ich bin nichts als ein Vermögen, ihnen Widerhall zu geben, sie zu verstehen und zu antworten.“

Maurice Merleau-Ponty

 

„Der philosophische Diskurs ist die Musik des Denkens.“

Georg Steiner

 

„Was mich betrifft, so bezweifle ich, daß der Mensch jemals eine völlige religiöse Unabhängigkeit und eine vollkommene politische Freiheit ertragen kann, und ich bin geneigt zu denken, daß er, ist er frei, gläubig sein muß.“

Alexis de Tocqueville

 

„. . . wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern . . .“

Samuel Beckett

 

„Die Geschichte ist nämlich nicht, wie es die herrschende Ideologie gern sieht, die Hingabe des Menschen an die lineare, kontinuierliche Zeit, sondern die Befreiung des Menschen von ihr.“

Giorgio Agamben

 

„Theologie verliert ihr Thema, wenn sie nicht mit dem völlig Verändernden zu tun hat.“

Gerhard Ebeling

 

„Wir befinden uns in einer summenden Welt, inmitten einer Demokratie von Mitgeschöpfen; wohingegen die orthodoxe Philosophie, in welcher Gestalt auch immer, uns nur zwischen einsame Substanzen stellen kann, die alle scheinhafte Erfahrungen machen.“

Alfred North Whitehead

 

„Das Wahre ist Prüfstein sowohl seiner selbst als auch des Falschen.“

Baruch de Spinoza

 

„Der Mensch ist nicht so sehr von Dämonen besessen als von Automatismen beherrscht. Nicht böse Geister setzen ihm zu, es sind Routinen und Trägheiten, die ihn zu Boden drücken und deformieren. Was seine Vernunft trübt, sind nicht zufällige Irrtümer und okkasionelle Wahrnehmungsfehler – es ist die ewige Wiederkehr der Klischees, die wahres Denken und freies Wahrnehmen verunmöglichen. 

Die alltägliche Meinung ist eine Pest, an der man zwar nicht stirbt, die aber doch von Zeit zu Zeit ganze Gemeinwesen vergiftet. Phrasen, die in den Körper abgesunken sind, erzeugen ‚Charaktere’. Sie formen Menschen zu lebenden Karikaturen der Durchschnittlichkeit, sie machen aus ihnen fleischgewordene Plattitüden.“

Peter Sloterdijk

 

„Der Weg entsteht im Gehen.“

Antonio Machado

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Wer wirklich Sehen lernt, nähert sich dem Unsichtbaren.“

Paul Celan

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Entgegensetzung der fest gewordenen Subjektivität und Objektivität ist aufzuheben und das Gewordensein der intellektuellen und reellen Welt als ein Werden, ihr Sein als Produkt, als ein Produzieren zu begreifen. . . Alle Unterscheidungen werden dabei ver-rückt; diese Tätigkeit ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, das Fixe zu verflüssigen. . . Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

„Nur was wir akzeptieren, kann sich verändern.“

Carl Gustav Jung

 

„Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Anstrengung.“

Mark Twain

 

„Je mehr ich den sogenannten Erfolg zu schmecken bekomme, desto gründlicher werde ich mir der Nichtigkeit der eigenen Existenz bewußt. Denn diese wird zu einer Funktion des Erfolgs.“

Theodor Adorno

 

„Wissenschaft ist die organisierte Abwehr der Frage nach dem Sinn des Lebens.“

Norbert Bolz

 

„Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Erlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.“

Theodor W. Adorno und Max Horkheimer

 

„Wir können nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben.“

Johannes Soukup

 

„Bewahre dir in allen Dingen die Freiheit des Geistes und sieh zu, wohin er dich führt!“

Ignatius von Loyola

 

„Die wichtige Frage bezüglich der Tiere ist doch nicht, ob sie denken oder sprechen können; entscheidend ist vielmehr allein, ob sie leiden können.“

Jeremy Bentham

 

„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Glauben ist das Bemühen um die eine Wahrheit – und nicht ihr Besitz.“

Johannes Soukup

 

„Nicht das Interesse an Wahrheit oder Wissen schwand, sondern die Überzeugung griff um sich, daß Wahrheit sich nur dem Zugreifen und nicht dem Zuschauen erschließen würde.“

Hannah Arendt

 

„Die Wissenschaft versteht es bestens, metaphysische Annahmen zu zerstören; aber sie liefert keinen Ersatz dafür.“

Francisco Varela

 

„Ein frommes und gottgefälliges Leben besteht darin, sich der wahren menschlichen Weisheit, das heißt, des Nichtwissens im Wissenmüssen des Guten bewusst zu sein.“

Hans-Georg Gadamer

 

„Ein Wort muß man nicht ‚verstehen‘. Man kennt es, oder man kennt es nicht.“

Philipp Wegener

 

„Wir müssen uns wohl von dem naiven Realismus, nach dem die Welt an sich existiert, ohne unser Zutun und unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwann verabschieden.“

Anton Zeilinger

 

„Sprechen wir sinnvoll von Realität, so sprechen wir von Realität; spricht niemand von Realität, so ist von Realität nicht die Rede.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„In dem Maße, wie wir uns bemühen zu verstehen, um weniger glauben zu müssen, vertieft sich der Glaube.“

Johannes Soukup

 

„Ich möchte ein Buch schreiben, das die Menschen verwirrt, . . . und das sie dahin führt, wo hinzugehen sie niemals eingewilligt hätten.“

Antonin Artaud

 

„Ich beginne zu glauben, daß die einzige wirkliche Sünde der Selbstmord ist oder das Faktum, nicht wir selbst zu sein.“

George Tyrell

 

„Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, daß er hineinschlüpfen kann – und nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“

Max Frisch

 

„Die Welt bietet nicht Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten.“

Albert Camus

 

„Wer glaubt, die Wahrheit zu besitzen, hat lediglich aufgehört, nach ihr zu suchen.“

Johannes Soukup

 

„Glaube, der nicht Erkenntnis ist, aus Erkenntnis kommt und auf Erkenntnis beruht, ist ohne Kontakt zur Wirklichkeit. Glaube ohne Kontakt zur Wirklichkeit ändert an der Wirklichkeit des Glaubenden nichts. Er ist ohne soteriologische Kraft.“

Johannes Fischer

 

„Jeder tue das Seine, der Leser aber das Meiste.“

Søren Kierkegaard

 

„Welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, daß in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewußtsein gekommen wäre? An diesem Sich-bewußt-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an – daran ist kein Zweifel – die Moral zugrunde: jenes große Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europas aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele.“

Friedrich Nietzsche

 

„Physikalische Objekte sind gelegen kommende Vermittler – nicht durch Definition aufgrund von Erfahrung, sondern einfach als nicht reduzierbare Setzungen, epistemologisch den Göttern Homers vergleichbar. . . . Der Mythos der physikalischen Objekte ist den meisten anderen Mythen darin überlegen, daß er sich als wirksamer erweist, dem Fluß der Erfahrungen eine handliche Struktur aufzuprägen.“ 

Willard Van Orman Quine

 

„Denken ist Schöpfung, nicht Wille zur Wahrheit.“

Gilles Deleuze

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig . . . von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„‚Alles klar‘ oder ‚kein Problem‘ – beide Formeln sind zutiefst unwahr . . .

   Die Rätselhaftigkeit ist unsere fundamentale Wahrheit; alles übrige ist Interpretation . . .

   Zu wissen, was man nicht wissen kann, ist ein bedeutendes Stück Erkenntnis – denn es ermöglicht Toleranz, Kommunikation und Frieden.“

Heinz Robert Schlette

 

„Nichts fordert so viel Treue wie lebendiger Wandel.“

Johann Baptist Metz

 

„Die Sprache ‚vermittelt‘, wenn man so sagen will, zunächst nur in dem Sinne zwischen dem Menschen und seiner Welt, daß sie diese seine Welt überhaupt erst als eine solche für ihn entstehen läßt. In diesem Sinne ist die ‚Welt‘ immer schon sprachlich vermittelte Welt.“

Theodor Bodammer

 

Existieren heißt Differieren; die Differenz ist in gewissem Sinne das Wesen der Dinge.“

Gabriel Tarde

 

„Wer existiert, ist beständig im Werden und versetzt sein Denken ins Werden. . .  Wer ein objektives Christentum und nichts anderes hat, der ist eo ipso ein Heide, denn das Christentum ist gerade eine Sache des Geistes, der Subjektivität und Innerlichkeit.“

Søren Kierkegaard

 

„Definierbar ist nur das, was keine Geschichte hat.“

Friedrich Nietzsche

 

„Die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre.“

Joseph Ratzinger

 

„Freiheit ist heute die Aufgabe und Chance der Kirche.“

Hermann Krings

 

„Es gibt keinen Rückzugsort des Christen von der Welt, weder äußerlich noch in der Sphäre der Innerlichkeit. Jeder Versuch, der Welt auszuweichen, muß früher oder später mit einem sündigen Verfall an die Welt bezahlt werden.“

Dietrich Bonhoeffer

 

„Man vergisst immer wieder, auf den Grund zu gehen, und setzt die Fragezeichen nicht tief genug.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Wir verstecken uns, wenn wir das Denkbare nicht denken.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Christlicher Glaube richtet sich nicht auf Sätze und Lehren, sondern auf die Wirklichkeit, von der Sätze und Lehren handeln.“

Thomas von Aquin

 

„Kunst ist Magie – befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“

Theodor Adorno

 

„Das Eigenartige am Schicksal ist, daß es auf keine Seite der Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich richtig paßt.“

Jonathan Lear

 

„Je begreiflicher uns das Universum wird, um so sinnloser erscheint es auch.“

Steven Weinberg

 

„Leuten, die an Esoterik glauben, sage ich: Studiert Quantenmechanik, das ist noch viel seltsamer, aber im Gegensatz zu euren Behauptungen experimentell bewiesen!“

Anton Zeilinger

 

„Ich glaube keiner Theorie, sondern ich benutze sie nur. Ich benutze von der Theorie jeweils das Teilstück, das mir hilft, . . . solange es mir hilft.“

Eckard Sperling

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren.

Es heißt so leben, wie es unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Die gegenwärtige, weit verzweigte Realismus-Debatte wirft manche Rätsel auf, deren größtes sein könnte, warum sie überhaupt geführt wird.“

Peter Janich

 

„Um der Zukunft willen vernichten wir alles, was der Zukunft eine Chance ließe.“

Friedrich-Wilhelm Marquardt

 

„Nicht nur Gott kennen wir allein durch Jesus Christus, auch uns selbst kennen wir nur durch ihn. Ohne Jesus Christus wüßten wir weder, was unser Leben noch was unser Tod noch was Gott ist noch was wir selber sind.“

Blaise Pascal

 

„Die Kunst gibt nicht das Sichbare wieder, sondern macht sichtbar,“

Paul Klee

 

„Es ist immer etwas Lächerliches im philosophischen Diskurs, wenn er von außen den anderen vorschreiben und vorsagen will, wo ihre Wahrheit liegt und wie sie zu finden ist.“

Michel Foucault

 

„Das Wort ist ans Wort gebunden; niemals jedoch an Dinge.“

Edmond Jabès

 

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“

William Faulkner

 

„Es gehört schon zu den Widersprüchen des Menschen, daß er welche zu haben glaubt.“

Jean Paul

 

„Das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und den Mitmenschen, über Lebensstimmung und Wahl der Aufgaben.“

Karl Jaspers

 

„Der Auferstehungsglaube ist nicht die ‚Lösung‘ des Todesproblems.“

Dietrich Bonhoeffer

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wer mehr sieht, hat Recht; . . . aber nur der, der mehr sieht, sieht, daß er mehr sieht.“

Heinrich Rombach

 

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgehen wird, sondern daß es Sinn hat – unabhängig davon, wie es ausgehen wird.“

Václav Havel

 

„Meine Philosophie lautet, daß alles viel komplizierter ist, als man gemeinhin glaubt.“

Kwame Anthony Appiah

 

„Ich bin kein Revolutionär, aber ich bin der Meinung, daß die Kirche im besten Sinne des Wortes unterwandert werden muß, und zwar durch eine größere Wahrheit, durch die ursprüngliche Wahrheit, und daß das Gebäude der Kirche, um dieser Wahrheit Rechnung zu tragen, irgendwann nachgeben muß, um so diese Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen.

  Das kann keine andere als die Wahrheit Jesu Christi sein.“ 

Eugen Biser

 

„Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt.“

Oscar Wilde

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kultur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. . . Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld.“

Friedrich Dürrenmatt

 

„Kommunikation ist ein produktives Mißverständnis.“

Jacques Lacan

 

„Die Philosophie besteht gerade in der Anstrengung, das zu sagen, was sich nicht sagen läßt.

Philosophie ließe, wenn irgend, sich definieren als Anstrengung, zu sagen, wovon man nicht sprechen kann; dem Nichtidentischen zum Ausdruck zu helfen, während der Ausdruck es immer doch identifiziert.“

Theodor Adorno

 

„Um die Menschen zu lieben, muß man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.“

Jean-Paul Sartre

 

„Unsere Kultur ermutigt uns nicht, Philosophen zu sein, und dies ist vielleicht die verheerendste Verneinung von Freiheit in unserem Leben.“

William Warren Bartley

 

„Nein; gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“

Friedrich Nietzsche

 

„Die großartigste Lehre in beiden Religionen, der jüdischen wie der christlichen, ist – ich berufe mich hier auf ein Wort Schopenhauers – die Lehre von der Erbsünde. Sie hat die bisherige Geschichte bestimmt und bestimmt heute für den Denkenden die Welt. Möglich ist sie nur unter der Voraussetzung, daß Gott den Menschen mit einem freien Willen geschaffen hat.“

Max Horkheimer

 

„Wir verstehen nicht einmal das Leben – wie können wir den Tod verstehen?“

Konfuzius

 

„Die meisten Menschen, die sich schämen, mit einem abgelegten Hut oder Mantel zu gehen, laufen freudig mit abgelegten Meinungen herum.“

Sören Kierkegaard

 

„Wie kann der Mensch sich verstehen, wenn er den Tod nicht versteht?“

Karl Rahner

 

„Daß es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit bschieden sein sollte, Licht in das eine oder andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich; aber freilich auch nicht wahrscheinlich.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Man muß die Erklärung geben, die akzeptiert wird. Darauf kommt es beim Erklären an.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Die Götter anderer Menschen zu verachten, bedeutet, diese Menschen selbst zu verachten, denn sie und ihre Götter gehören zusammen.“

Sarvepalli Radhakrishnan

 

„Grundlagenreflexion ist unverzichtbar, solange wir uns selbst fudamental verstehen wollen.“

Uwe Meixner

 

„Entfremdung ist die freiwillige Unterwerfung unter eine angebliche Objektivität.“

Johannes Soukup

 

„Wenn ich mich nicht täusche, ist die Innenseite dieser äußeren Reserviertheit nicht nur Gleichgültigkeit, sondern, häufiger als wir es uns zum Bewußtsein bringen, eine leise Aversion, eine gegenseitige Fremdheit und Abstoßung, die in dem Augenblick einer irgendwie veranlaßten nahen Berührung sogleich in Haß und Kampf ausschlagen würde.“

Georg Simmel

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“ . . . und . . . „Denken ist Danken“.

Martin Heidegger

 

„Die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet . . . die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt.“

Clive Staples Lewis 

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Freiheit ist das Wahrheitskriterium des Christentums.“

Eberhard Jüngel

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Glaube ist die Unmöglichkeit, unbedeutend zu sein.“

Peter Sloterdijk

 

„Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.

Was ist das Besondere? Millionen Fälle,“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Wichtig ist nicht, was wir wissen, sondern wie wir leben.“

Johannes Soukup

 

„Kurz: ‚Substanz‘ ist ein metaphysischer Irrtum, der dadurch entsteht, daß die Struktur von Subjekt-Prädikat-Sätzen auf die Struktur der Welt übertragen wird.“

Bertrand Russel

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen.

Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

 

„Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen.“

Paul Nurse

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„Gott kannst du nicht mit einem anderen reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Wir haben nicht zu viel Verstand und zu wenig Seele, sondern wir haben zu wenig Verstand in den Fragen der Seele.“

 

„Ich werde aussterben.“

Elias Canetti

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht, was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.“

Johannes Soukup

 

„Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.“ 

Robert Musil

 

„Nur Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“

Heinz von Förster

 

„Der entscheidende Punkt ist, daß nur der Verzicht auf eine Erklärung des Lebens im üblichen Sinne uns die Möglichkeit schafft, den charakteristischen Merkmalen des Lebens Rechnung zu tragen.“

Niels Bohr

 

„Glaube ist das Denken eines religiösen Geistes.“

John Henry Newman

 

„Das schlechthin Unvernünftige – wir zerstören unsere Welt – tritt ein, weil alle vernünftig handeln.“

Thomas Ruster

 

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen Parteien, Kirchen oder Völkern die Regel.“

Friedrich Nietzsche

 

„Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen.

Dabei droht sie uns jedoch, stumm und fremd zu werden.

Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“

Hartmut Rosa

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

„Möglicherweise hat nicht die Gesellschaft Gott vergessen, sondern wir Christen haben verlernt, richtig über Gott zu reden.“

Manfred Lütz 

 

„Wir brauchen ein Ministerium für Ruhestörung, das kalkuliert Ärger erzeugt; die Routine zerstört und die Selbstzufriedenheit untergräbt.“

Cyril Dean Darlington

 

„Du und ich, wir sind nicht zwei.“

Emmanuel Levinas

 

„Wirklich ist das, wovon wir ausgehen, selbst wenn wir es im einzelnen bezweifeln.“

Bernhard Waldenfels

 

„Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind, – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat.

Es ist also kein Lehrbuch.

Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete. . .

Denn wenn ich auch nur selten ins Schwarze getroffen habe, wird der aufmerksame Leser doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.“

Ludwig Wittgenstein.

1. Einleitung

Das waren sehr viele Zitate; sie sollten die Richtung andeuten, in die wir uns bewegen werden, und Ihnen damit eine Entscheidung ermöglichen, ob es sich eventuell lohnen könnte, mein Buch zu lesen.

Haben Sie keine Sorge, daß es in diesem Stil – also auch ein wenig langweilig und ermüdend – weitergeht. Ganz im Gegenteil; ich versuche, selbst zu denken, finde das unheimlich spannend, weil man möglicherweise gezwungen wird, einen völlig unbekannten Weg in geistiges Neuland zu wagen, und lade Sie ein, mich dabei zu begleiten.

Wenn Sie Fehler finden, hat sich das Thema für Sie höchstwahrscheinlich erledigt. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich kurz auf die entsprechenden Schwachstellen hinweisen würden. Ich danke Ihnen schon im Voraus und bitte um Entschuldigung für mein Versehen.

 Unter Fehlern verstehe ich insbesondere logische Widersprüche, fehlende Denkmöglichkeiten und ungerechtfertigte Annahmen jeglicher Couleur, also nicht nur wissenschaftliche, sondern auch weltanschaulich-religiöse oder alltägliche.

 

Keinen Fehler bedeutet es freilich, gegen den Strich zu denken oder vom Zeitgeist mit seinen Plattitüden abzuweichen, von dem also, was „man sagt“ oder „jeder weiß“. Solche „Selbstverständlichkeiten“ interessieren mich nicht im geringsten.

Dabei darf es natürlich nicht um das Widersprechen als Selbstzweck gehen, wie wir es heute in unserer Gesellschaft – mit nahezu beliebigen Begründungen oder auch ganz ohne sie – tagtäglich erleben. Entscheidend ist lediglich, daß Unsinnigkeiten auch dann zu vermeiden sind, wenn sie von vielen Menschen geteilt werden und somit – gewissermaßen als ideologisches Bekenntnis – einem beliebigen Gruppen- bzw. Korpsgeist entsprechen, wie wir ihn von Diktaturen oder „verschworenen Gemeinschaften“ kennen.

Bloße Ansichten sind belanglos, und eine „Meinungsfreiheit“, derzufolge schließlich jeder sagen darf, was er „denkt“, ist keine Errungenschaft der Demokratie, sondern zerstört sie. Meinungs-Freiheit setzt Meinungs-Bildung im engeren Sinne voraus, und ohne diese wäre es häufig besser, auf jene zu verzichten.

 

Die meisten von uns können es sich heute kaum leisten, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, belanglos oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst oberflächlich, belanglos und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung und Tips vom Baumarkt oder Finanzberater lesen.

(„Tips“ stimmt; ich halte mich an die alte Rechtschreibung, denn sie wurde gerade überarbeitet, als ich endlich einigermaßen sicher darin war. Die vorreformerische Orthographie ist offiziell auch für Bücher gestattet; sie muß nur konsequent von gestern sein, und dem versuche ich nachzukommen.) 

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler deuten unser Zeitalter als das Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde mitbestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge, Seebeben oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit den meisten anderen Menschen gegenüber leben zu können und mich nicht nur schämen zu müssen.

Simpel ausgedrückt möchte ich etwas zurückgeben.

 

Obwohl ich seit bald 50 Jahren über den Inhalt des Buches nachdenke, gelingt mir leider immer noch keine leicht verständliche Darstellung, so daß Ihnen die vorliegende gewiß einige Mühe abverlangen wird. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß

– meine Gedanken zum einen sehr ungewohnt sind, weil ich mich nicht von ihrer Exotik verunsichern lasse, sofern sie mir als richtig oder gar relativ zwingend erscheinen, und

– es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden.

Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen,

– entweder möglichst jeden Schritt innehalb seiner Grenzen als folgerichtig zu erkennen und dann auch – wenn es sein muß zähneknirschend – mitzugehen

– oder ihn aus guten Gründen abzulehnen.

 

Gute Gründe können freilich nur Gegenargumente, aber nicht widersprechende Meinungen sein. „Ich sehe das anders“ ist nicht nur kein guter Grund, sondern gar keiner. Weshalb sehen Sie es trotz meiner Argumentation anders?

Zu unserem Anthropozän gehört ganz wesentlich, daß ein gemeinsames sauberes Denken weitestgehend fehlt. Das war wohl „schon immer“ so; aber in einer monolithischen oder autoritätsgläubigen Gesellschaft ist eine geistige Beweglichkeit für das Zusammenleben wohl auch nicht unbedingt erforderlich. Die vor uns stehende (zum Glück) pluralistische Epoche kann ohne seriöse geistige Auseinandersetzungen jedoch nur friedlos werden, weil die unaufhebbaren Differenzen dann eben anders ausgetragen werden müssen.     

„Und willst du nicht mein Bruder sein, . . .“

 

Ein „ja, aber . . .“ hilft beim Denken nicht weiter; entweder „ja“ oder „nein“; tertium non datur, denn jedes Dritte wäre nur ein fruchtloses Rumgeeiere.

Beim Denken; im Leben ist das zumeist ganz anders.

Weder glaube ich an die Logik, noch bildet sie für mich das Nonplusultra (wie mir mitunter vorgehalten wird); alles Wichtige im Leben oder das, was uns zu Menschen macht, transzendiert die Logik. Damit wird es jedoch keineswegs unlogisch, sondern befindet sich als Alogisches jenseits der logischen Dimensionen – aber damit freilich auch jenseits von richtig oder falsch.

 

Das bedeutet, daß wir das Entscheidende useres Lebens nicht wissen, aussagen oder bezeichnen, sondern höchstens beschreiben und darstellen können. Darin besteht nicht zuletzt die Aufgabe der Kunst, die also ebenso alogisch ist wie unser Leben. Sie kann letzteres auch tanzen, malen, singen, vertonen oder in Stein meißeln, dies aber weder richtig noch falsch tun, sondern vielleicht ausdrucksstark, überzeugend, mitreißend oder einfach schön. 

Wer jedoch nicht „nur“ – mehr oder weniger treffend – beschreiben bzw. ausdrücken, sondern einen Anspruch auf Richtigkeit erheben möchte, muß logisch sauber arbeiten, denn andernfalls kann seine „Aussage“ nicht nur nicht richtig, sondern nicht einmal falsch sein.

Eine unlogische „Aussage“ ist weder Aussage noch Kunst und kann weg.

 

Um das Mitdenken zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge möglichst vollständig wiederzugeben. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig viele Überschneidungen, das heißt, Wiederholungen und somit Redundanz. Die nehme ich bewußt inkauf, und vielleicht kommt Ihnen dieses „schon wieder“ mitunter sogar ganz gelegen.

Hinter mir liegt ein Denkweg, für den ich, wie schon gesagt, Jahrzehnte benötigt habe. Wenn Sie immer noch ein Stückchen brauchen, um ihn nachvollziehen zu können, wäre das meines Erachtens also weder sonderlich überraschend noch ärgerlichAber vielleicht ist es auch nur halb so schlimm, weil irgendwann der flow einsetzt und Sie dann – ebenso wie es mir erging – gar nicht mehr aufhören wollen oder können.

Betrachten Sie mein Buch als eine „Abkürzung“, mit der ich dem einen oder anderen Leser bzw. Hörer bereits helfen konnte, worüber ich sehr froh und wofür ich sehr dankbar bin. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

„Herr Müller sagt aber . . .“

Na und? Frau Meier meint auch etwas.

„Prüfet alles und behaltet das Gute„, nicht aber das, was „die Guten“ sagen. Denn wer zu ihnen gehört, müssen wir erst herausfinden, indem wir das, was wir subjektiv als gut erachten, selbst erkennen.

 

Ich erlebe sehr häufig, daß diese Prioritäten vertauscht werden; das erleichtert den „Denkern“ nicht nur die Auseinandersetzung, sondern erspart sie ihnen sogar. Damit kommen wir auf das soeben angedeutete Manko unseres Anthropozän zurück:

Leider wollen bzw. können sehr viele Menschen nicht selbst denken und möchten gesagt bekommen, was richtig oder gar wahr ist. Da ich niemanden beleidigen möchte, verzichten wir auf Beispiele, aber sie erübrigen sich heute wohl ohnehin. Ich bin fest überzeugt, daß eine solche Un-Kultur hinter die Aufklärung zurück und damit in eine tiefe Krise führen muß. Wir dürfen nicht die Künstliche Intelligenz nutzen und selbst denken wie im Mittelalter; dann ist die Furcht vor einer übermächtigen Technik natürlich begründet.

Die KI erweist sich dann nicht als intelligenter, sondern wir selbst machen uns dümmer als sie ist.

 

Die Irreversibilität der Zeit bedeutet nicht, daß die Errungenschaften der Vorfahren zu einem festen Beststand oder Besitz unserer Gesellschaft geworden sein müßten.

Die Aufklärung beispielsweise gehört als geschichtliche Epoche ins 18. Jahrhundert, aber daraus folgt keineswegs, daß wir aufgeklärt sind. Wer nicht tagtäglich versucht, selbst kritisch zu denken, fällt hinter das damals bereits mögliche Niveau zurück. Unsere persönliche Aufklärung

– stellt keine historische Tatsache dar, sondern

– bildet eine Praktik, die nur im jeweiligen Hier und Jetzt möglich ist.

Wird sie da nicht kontinuierlich vollzogen, halten wir uns vielleicht für aufgeklärt, sind es aber nicht. 

 

„Ecclesia semper reformanda“; alle Kirchen und nicht nur sie brauchen eine kontinulierliche Reformation, um nicht in ihren Traditionen zu erstarren oder an ihnen zu ersticken und damit den Glauben und das Denken zu verunmöglichen.

Bei den Kirchen ist das besonders problematisch, weil vielen Menschen ihr Glauben sehr wichtig ist und sie – aus Angst, ihn zu verlieren – zu einem traditionell-konservativen Denken neigen. Das muß nicht falsch sein, birgt aber immer die Gefahr, in einen sturen Fundamentalismus zu verfallen. Erik Flügge beschreibt in seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit“, „wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“.

In Philosophie und Theologie geht es nicht um „ewige Wahrheiten“ und weder um Kontemplation noch um Rückschau, sondern darum, neue Begrifflichkeiten zu schaffen. Sie sollen den Menschen unmittelbar helfen, mit den spezifischen Problemen der jeweiligen Gegenwart zu leben, denn diese sind ebenfalls durch neue Begrifflichkeiten entstanden, wären mit den alten nicht einmal denkbar und können somit auf deren Grundlage auch nicht gelöst werden.

„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ (Jean Jaurès).

 

Winston Churchill schrieb: „Ein vernünftiger Text soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

(Ich will mich einerseits nicht mit fremden Federn schmücken und gebe deshalb gerne andere Autoren wieder, wenn ich glaube, daß sie meine Überlegungen besser zum Ausdruck gebracht haben, als ich das vermag. 

Andererseits langweilt mich aber das Suchen nach den Quellen, und deshalb „zitiere“ ich zumeist recht locker aus der Erinnerung. Mir geht es also nur um den Inhalt und nicht um die sogenannte „wissenschaftliche Exaktheit“, mit der ich auch sonst wenig anfangen kann. Warum soll „wissenschaftlich“ eo ipso ein positives Prädikat sein? Bedeutet es nicht sehr häufig auch „engstirnig“, „voreingenommen“, „einseitig“ oder gar „überheblich“?)

 

Zurück zu Churchill; bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl . . .

Den tapferen Lesern wünsche ich die Erfahrung, daß letztlich wohl nur eigene Anstrengungen vor Langeweile bewahren, zur Sinnfindung beitragen und Erfüllung ermöglichen oder glücklich machen können.

Ich hoffe und glaube sogar ein wenig, daß Sie am Ende nicht das Gefühl haben werden, um Ihre Zeit betrogen worden zu sein. Mir hat sich eine neue Sicht auf mein Leben erschlossen, die ich am besten als „befreiend“ charakterisieren würde, weil sämtliche Denk- und Rede-Zwänge aufgrund angeblicher Evidenz, Logik oder Dogmatik jeglicher Couleur entfallen.

Freiheit bedeutet meines Erachtens, ich selbst sein zu können und das denken, sagen und (mit Einschränkung) tun zu dürfen, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin und was mir am Herzen liegt. Ein um Wahrheit bemühter Widerstreit hilft mir dabei, weil er meine Ansichten – möglicherweise sogar korrigiert, mit Sicherheit aber – schärft.    

 

(Es ist klar, daß jeder von uns diese Gedanken für sich selbst formulieren muß. 

Ich werde des öfteren zur ersten Person Singular wechseln, ohne nochmals darauf hinzuweisen. Das resultiert nicht aus einer übersteigerten Egomanie, sondern aus dem Willen, mich möglichst exakt und verständlich auszudrücken; in der Ich-Form ist das häufig leichter möglich.)

 

Es gibt meines Erachtens kein „so ist es“, sondern lediglich ein „ich kann mir das nach bestem Wissen und Gewissen gegenwärtig nicht anders vorstellen“ oder „das entspricht zur Zeit meiner festen, aber natürlich korrigierbaren Überzeugung“. Wer sie als wahr betrachtet, ist jedoch – Sie verzeihen mir bitte – entweder erschreckend anmaßend oder unglaublich einfältig.

Überzeugungen und die Wahrheit haben aber auch gar nichts miteinander zu tun. Die Begründung ist denkbar einfach, denn erstere sollte jeder und letztere kann keiner besitzen

– Wer keine Überzeugung hat oder

glaubt, über die Wahrheit zu verfügen,

ist kein ernstzunehmender Gesprächspartner.

 

Dieser Wegfall des „so ist es“ bzw. der objektiven Welt paßt zum christlichen Glauben, der uns freimachen will, um möglichst ohne Hindernisse und Grenzen nach der Wahrheit suchen zu können.

– Die Wahrheit setzt Freiheit voraus;

– die Freiheit aber nicht Wahrheit, sondern nur das Streben nach ihr; das wußte schon Lessing:

„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte“, würde ich mit Lessing die linke Hand wählen.

Nicht aus gespielter Bescheidenheit oder Demut, sondern wegen meiner tatsächlichen

– Hochachtung vor der Wahrheit und

– Einsicht in die eigene Endlichkeit.   

Damit widerspreche ich explizit Karl-Heinz Menke und seinem Buch „Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?“. Keines von beiden, sondern die Freiheit bildet die notwendige Vorausetzung dafür, daß wir uns um Wahrheit bemühen können

 

Ich beschreibe Ihnen also nicht – im Sinne eines Ratgebers – den Weg zu Ihrem Glück oder Heil, sondern will Ihnen unter anderem verständlich machen, daß Sie dafür im wesentlichen selbst zuständig und verantwortlich sind.

Natürlich bleiben die letzten Bedingungen und Umstände unseres Lebens absolut unverfügbar. Aber damit sollten wir uns nicht herausreden, denn bis wir zu ihnen gelangen, türmen sich für die meisten von uns viele störende Überzeugungen auf, welche die Freiheit unnötig begrenzen, weil wir sie irrtümlich als objektiv oder unumgänglich betrachten – sei es als Welt, Gesetz, Evidenz, oder Dogma –, tatsächlich aber übergehen sollten, um freier zu werden.  

 

Unser erster Teil bildet eine Einleitung, deren Sinn darin besteht, Sie

– sowohl mit dem traditionellen Denken

– als auch mit dem Flair oder der Atmosphäre des Buches sowie

– seinem Ziel vertraut zu machen.

 

Im zweiten Teil versuche ich, das traditionelle abendländische Weltbild möglichst sachlich und argumentativ stark zu kritisieren. Dabei soll deutlich werden, daß dieses Denken einige

philosophische Glaubensbekenntnisse und

Widersprüche

enthält, die wir unbedingt wissen und möglichst korrigieren sollten.

 

Der dritte Teil bildet das Ziel und – auch vom Umfang her – den Schwerpunkt unserer Überlegungen.

Dieser Versuch zu einer postmodernen Philosophie der Freiheit kann sowohl

– als Korrektur

– wie auch als Alternative des traditionellen Modells 

verstanden werden.

Ich hoffe sehr, daß uns die praktischen Konsequenzen, die sich aus einem solchen Umdenken ergeben könnten, die Lösung der zahllosen Probleme, vor denen wir gegenwärtig offensichtlich stehen, erleichtern.   

 

Die Postmoderne ist freilich ein schillernder Begriff, der häufig stark polarisiert und sehr unterschiedliche Bedeutungen besitzen kann. Auf diese Vielfalt gehen wir jedoch gar nicht ein, denn das ist kein Lehrbuch; ich stelle Ihnen nur meinen eigenen Ansatz vor, der – neben tausend anderen Varianten – zweifellos auch zur Postmoderne zählt.

Das „Alleinstellungsmerkmal“, das ihn auszeichnet, besteht wie bereits gesagt darin,

– kaum unbegründete Annahmen zu treffen, das heißt,

– sehr konsequent zu denken,

– möglichst alle wichtigen Aussagen zu rechtfertigen und somit

– selbst gespannt darauf sein zu können, wohin eine solche Reise des Geistes führt.   

 

Ich schreibe nicht, was ich will, sondern nur, was ich schreiben „muß“. Wie in der Belletristik; deren Romanhelden entwickeln häufig eine Eigendynamik, welcher sich der Autor unterordnen sollte; er ist dann lediglich der Diener seiner Figuren.

„Jedes gute Buch schreibt sich von selbst; man darf es nur nicht dabei stören“ (Patricia Highsmith).

Soweit zu meiner Einladung.

 

AD: „Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.“

„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!

AD: „Danke!

Sie sagten oben, Überzeugung und Wahrheit hätten nichts miteinander zu tun. Demzufolge sind unsere Überzeugungen unwahr?“

Nein; das folgt keineswegs daraus:

Daß die Zeit nicht hoch ist, muß doch auch nicht bedeuten, sie sei tief; vielmehr halten wir beides für unsinnig.   

Und so verhält es sich auch bei den Überzeugungen; sie können weder wahr noch unwahr sein, denn das eine wäre ebenso unverständlich wie das andere. Natürlich lassen sich nicht alle Eigenschaftspaare auf sämtliche möglichen Träger anwenden. 

 

AD: „Das leuchtet mir ein; aber ein großes Problem bleibt dennoch bestehen:

 Wir haben nur Meinungen und sind von ihnen mehr oder weniger überzeugt. Wahr bzw. unwahr können sie nicht sein, und ob sie richtig resp. falsch sind, wissen wir häufig nicht. Das gilt natürlich auch für die Prämissen oder Voraussetzungen sämtlicher Begründungen; sie stellen ebenfalls nur Meinungen dar.

Wie wollen Sie auf dieser Grundlage – im Sinne des ‚Alleinstellungsmerkmals‘ – Ihre Überzeugungen rechtfertigen? Ohne etwas (objektiv Wahres oder zumindest) Richtiges geht das ja gar nicht, denn andernfalls wären sämtliche Schlußfolgerungen ebenso ungewiß wie deren Voraussetzungen.“

 

Bis auf Ihr Ergebnis gehen wir völlig d’accord:

Auch meine Prämissen sind nur subjektive Meinungen; denn niemand besitzt etwas anderes. Sie unterscheiden sich allein darin von den Schlußfolgerungen, daß sie etwas intersubjektiver sein sollten und ich folglich hoffen kann, daß wir beide uns auf dieser – grund-legenderen – Ebene noch einig sind. „Begründen“ heißt dann ganz einfach:

Wenn ich so tief grabe, daß Sie meine Voraussetzungen teilen, ergeben sich zwingend die von mir angegebenen Konsequenzen. Sie „müssen“ also

– entweder geistig mitgehen

– oder Fehler in meiner Argumentation aufzeigen,

um Ihrem eigenen Weltbild nicht zu widersprechen.

 

AD: „Das würde letztlich bedeuten, daß der Proponent den Opponenten

– höchstens innerhalb eines gemeinsamen Weltbilds überzeugen kann, indem er den Opponenten

– auf eine Konsequenz ihres Weltbilds hinweist, welche dieser bisher übersehen hat.

Mit der Wirklichkeit hätten Begründungen demzufolge gar nichts zu tun?“

 

Natürlich nicht; und deswegen spielt bei Beweisen weder die Wahrheit noch die Richtigkeit der Prämissen eine Rolle.

Der inhaltliche – also über die bloße Lgik hinausgehende – Teil betrifft allein das Weltbild und ist damit wie dieses weder wahr noch unwahr und weder richtig noch falsch. Wir gehen von einem Teil des Weltbilds aus, in dem Proponent und Opponent hinreichend übereinstimmen; ohne diese Einigkeit

– ist einerseits jeder Beweis ausgeschlossen, aber

– andererseits genügt sie allein auch.

 

AD: „Das ist ja furchtbar! 

Es bedeutet doch, anders formuliert, daß der Proponent den Opponenten nur von dem überzeugen kann,

was letzterer implizit bereits weiß – weil es in seinem eigenen Weltbild enthalten ist –,

– von dem er aber noch nicht ahnt, daß er es schon weiß,

weil ihm der logische Weg zu dieser Einsicht bisher unbekannt war und erst vom Proponenten eröffnet werden muß.“

 

Ihr „furchtbar“ deutet darauf hin, daß Sie erschrocken sind; dazu besteht aber gar kein Grund. Alles axiomatische Denken funktioniert nach diesem Schema:

Wir erhalten – als Resultat – immer nur das heraus, was wir selbst – als Prämisse – in das System hineingesteckt haben.   

Die Logik kann nichts beisteuern, weil sie inhaltsleer und in diesem Sinne unwirklich ist.

AD: „Es ist also nicht richtig, sondern nur ‚hineingesteckt‘, daß 1 + 1 = 2 gilt?“

Im Prinzip stimmt das; ich würde es nur etwas anders formulieren:

Wir haben eine Mathematik – genauer: Algebra – entwickelt, konstruiert oder erfunden, aus deren Axiomen sich 1 + 1 = 2 als logische Konsequenz ableiten läßt. Diese Gleichung ist also weder wahr noch richtig im Sinne irgendeiner Übereinstimmung – womit auch immer. Vielmehr bildet sie lediglich eines der impliziten Ergebnisse unserer (mehr oder weniger willkürlichen) expliziten Axiome.

 

Den meisten von uns wurde es freilich anders gelehrt; sie haben erzählt bekommen, 1 + 1 = 2 sei eine (nahezu selbstverständliche) Erkenntnis. Schlimmer noch; die Mathematik wird sogar häufig als Paradebeispiel benutzt, um zu verdeutlichen, daß die Wahrheit – angeblich(!) – ewig unveränderlich sein müsse

AD: „Es ist also nur eine (indirekte) Setzung und weder wahr noch richtig, daß ein Elefant und noch ein Elefant zwei Elefanten sind?“

Nein, natürlich nicht; ich habe von Mathematik gesprochen, und Sie wechseln jetzt zur Zoologie, in der jene nur angewandt wird.

Zu jeder Aufgabe gehört das geeignete Werkzeug oder zu jedem Problem eine passende Lösungsmethode. Für das Zählen von Tieren (und den meisten anderen Dingen) ist die spezielle (Variante der) Mathematik, in der 1 + 1 = 2 gilt – die Peanosche Mathematik –, die angemessene und jede andere ungeeignet; von mir aus gerne auch „falsch“. 

Aber es finden sich leicht auch Beispiele, bei denen wir vielleicht 1 + 1 = 1 anwenden müssen, um „richtig“ zu liegen: Zwei Geschichten, die miteinander verbunden werden; Wolken, die ineinander übergehen; Gase bzw. Flüssigkeiten, die sich gut vermischen, ein Lärm und noch ein Lärm oder der Sinn des Lebens.

 

Und wenn Sie es noch praktischer haben möchten: 

Ohne diese Boolesche Mathematik hätten wir keine Digitalrechner.

1.1. Das traditionelle Denken

Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitestgehend davon aus,

– daß uns allen eine objektive Welt vorgegeben ist,

– die aus Seienden besteht.

Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es erweist sich als recht harmlos:

Was beim Bäcker gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen oder Theologen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren objektiver Existenz oder Wirklichkeit Sie restlos überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .

 

Beispiele ersetzen keine Definition oder Erklärung:

Unter Seienden verstehen wir Entitäten, die

– objektiv, das heißt,

– unabhängig von uns, 

– mit sich selbst identisch,

– voneinander getrennt und

– erkennbar sind.

Ursprünglich waren die Seienden einmal ungewußt, und im Laufe der Zeit können wir immer mehr von ihnen wissen; das meint die Moderne mit „Fortschritt“.   

 

AD: „Seiende ändern sich doch fast immer; Menschen wachsen, Züge fahren, die Sonne geht auf und unter. Ihre Identität der Seienden widerspricht dem ganz massiv.“

Nein; das muß kein Widerspruch sein, stellt aber gewiß ein ernstliches Problem dar. In der Antike wurde es bekannt als das „Schiff des Theseus“: Wieviel oder welche Teile davon dürfen maximal ausgetauscht werden, wenn es das Schiff des Theseus bleiben soll?

Moritz hat man – ebenfalls schon in der Antike – eine identische und vielleicht sogar ewig-unveränderliche Seele verliehen, durch die er „immer“ Moritz sein wird. Wir erkennen ihn nicht wieder – vom Baby zum Uropa –; uns hilfft eine unsichtbare Seele natürlich nicht. Aber für das Christentum bot sich diese Lösung des Theseus-Problems an, weil es vollkommen genügt, wenn nur Gott Moritz identifizieren kann.  

 

Ihr Einwand war also sehr wohl begründet, denn „Identität“ ist ein vieldeutiges Wort, und deswegen sprechen wir bei der Identität der Seienden im weiteren genauer von der Identität(S).

Das Problem selbst kann jedoch gerne bestehen beiben, da wir ausnahmslos alle Seienden verabschieden und auf dem Wege auch diese Ungereimtheit beseitigen.

 

AD: „Als Paradebeispiel für das traditionelle Denken kann uns die Evolutionstheorie dienen. Ihr zufolge gab es identische(S) Seiende schon Jahrmilliarden vor allem Wissen, und allmählich werden immer mehr von ihnen zum Wovon unseres Wissens. Das meint die Moderne mit Forschung und Fortschritt.“

Natürlich stellt die Evolutionstheorie einerseits das traditionelle Exempel dar.

Aber andererseits kann es gar kein (richtiges) Beispiel für das herkömmliche Denkmodell geben, weil Wissen von Seienden prinzipiell unmöglich ist.

 

Meine Begründung für diese gewiß überraschende Behauptung folgt im nächsten Abschnitt. 

Zunächst schauen wir uns einige Grundbegriffe an, um eine solide Basis zu schaffen, und unterscheiden dazu zwischen

den Wovons oder Referenten des Wissens, die es auch postmodern gibt, sowie

den Seienden, (an) welche nur die Tradition glaubt.

.

„Wissen“ ohne Wovon ist kein Wissen, denn dabei wird nichts gewußt; das heißt, wer von nichts „weiß“, weiß gar nicht. Es gibt also kein Wissen ohne seinen Referenten, auf den es sich bezieht.

Referent ist somit ein erkenntnistheoretischer oder semantischer Begriff,

 

Der Glaube an Seiende entspricht dagegen einem ganz speziellen Denkmodell, so daß Seiende einen ontologischen Begriff darstellt, und es folglich einen Kategorienfehler bedeutet, Referenten und Seiende durcheinanderzuwerfen.

 

AD: „Das ging mir jetzt zu schnell. Was ist Wissen überhaupt?“ 

Diese Frage wird in der Postmoderne sinnleer, und deswegen kann ich sie Ihnen nicht beantworten:

Nur wer das Wissen für ein Seiendes hält, kann sinnvoll fragen, was das wirklich sei. Tilman Borsche zeigt in seinem Buch „Was etwas ist“, weshalb dies das Grundproblem des traditionellen Denkens überhaupt darstellt. 

 

Für uns, also postmodern gehört das Wissen dagegen zu den Begriffen, und sie sind alle lediglich Denkwerkzeuge. Dieses „lediglich“

– ist einerseits als abwertend gegenüber den Seienden durchaus begründet,

– andererseits sind die Begriffe natürlich unbedingt erforderlich für unser Leben und sollten möglichst hilfreich, geschickt, fruchtbar oder kreativ sein. Gute Begriffe verkürzen Denkwege, vermeiden Sackgassen und eröffnen Schnellstraßen. Werden die Begriffe anders gewählt, denken wir nicht nur different, sondern unser gesamtes Leben kann völlig anders verlaufen.

Aus dem

– traditionellen „Was ist das Wissen wirklich?“ wird damit

– postmodern ein „Wie verstehen oder definieren wir (unter anderem auch) den Begriff des Wissens am besten, so daß er uns hilft, ein wahres Leben zu führen?“.

 

Für das Alltagsdenken genügt die Ebene der Seienden. Philosophisch resp. theologisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen und fragen, woher sie kommen bzw. wer oder was sie ermöglicht. Das ist zwingend, denn die Seienden können sich ja nicht selbst hervorbringen; Selbstverursachung gibt es ebensowenig wie die Selbstbewegung eines Perpetuum mobile.

AD: „Ist nicht nahezu die gesamte Theologie des Mittelalters mit Thomas von Aquin an der Spitze davon ausgegangen, daß Gott sich selbst hervorbringt bzw. -gebracht hat und er somit als ‚causa prima‘ dem ersten Beweger des Aristoteles entspricht?“  

 

Völlig richtig; aber unsere Aufgabe besteht nicht darin, leere Worte nachzuplappern. Sie ohne ein angemessenes Verständnis zu benutzen, entspricht dem Vorspielen falscher Tatsachen und kann damit eine Form von Lüge sein.

Wie sollte ein A, das es gar nicht gibt, sich erzeugen können?

Wie sollte ein A, das es gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können? 

Das mag noch so oft wiederholt werden; begreifen kann es meines Erachtens niemand. Aber eine „Erklärung“, die ich – auch beim besten Willen – nicht verstehe, ist (für mich) keine Erklärung; deswegen frage ich weiter und gibt es das vor Ihnen liegende Buch.

Daß den meisten meiner Bekannten bei derartigen Worten alles klar zu sein scheint, verunsichert mich nicht. „Philosophieren ist der Versuch zu verstehen, was man selbst sagt“ (Georg Picht), und erst nachdem uns dies halbwegs gelungen ist, sollten wir reden. 

 

Unsere Moderne „löst“ das Problem mit der Herkunft der Seienden anhand einer Evolution. Aber das ist natürlich keine Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie beliebige Seiende innerhalb der vergehenden Zeit kausal aus früheren Seienden hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft:

Was existierte vor dem Wasserstoff?

Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration und damit immer tiefer in das Früher hinein, aber niemals zu einem Ziel. Hegel nannte dergleichen deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“; sie „löst“ das Probem, indem sie es immer weiter vor sich her schiebt – bis wir es nicht mehr erkennen bzw. irrtümlich glauben, es gelöst zu haben.

 

Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.

In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir unsere Frage nach dem Woher – mit der soeben angedeuteten Logik – konsequenterweise natürlich auch auf den angeblichen Schöpfer anwenden müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.

Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit überhaupt?“ –, ließe er sich wahrscheinlich auch gleich auf die Welt selbst beziehen – wie die vorchristliche Antike dies tat –, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre.

Die Annahme, daß natürlich Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich fest im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos erzählt werden.

Kann Gott überhaupt Eigenschaften besitzen? Oder wollen und handeln?

Mit welchem Recht wenden wir unsere Begriffe, die sich als Denkwerkzeuge im Alltag bewährt haben, auf Gott an? Werden damit nicht eventuell mehr Probleme hervorgerufen als gelöst?

 

Damit kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück:

Die Seienden bilden die traditionelle Wirklichkeit und bedürfen als solche eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder einfach sein läßt, denn aus Nichts wird auch nichts. Dieses notwendige Fundament kann keineswegs in anderen Seienden bestehen, denn damit wäre nichts gewonnen. Vielmehr müßten wir unsere Suche nach dem Grund aller Seienden von vorn beginnen und gelangten wieder zu einer unendlichen Iteration oder Hegels schlechter Unendlichkeit.

Kann das Woher der Seienden jedoch nicht in ihnen selbst bestehen, muß es der Antike zufolge unsichtbar oder rein geistig sein und entspricht damit einem nur denkbaren Jenseits oder einer nicht-empirischen Überwelt.

 

Legen Sie mein Buch nicht sofort beiseite; ich glaube das natürlich nicht.

– Zum einen lehnen wir postmodern das gesamte traditionelle Denken ab, und

– zum anderen wären die Ideen natürlich auch innerhalb desselben keine Lösung, weil damit das Problem des Anfangs ebenfalls nur verschoben würde. Durch das Ändern von Bezeichnungen lassen sich keine schwierigen Fragen beantworten. Es macht, mit anderen Worten, keinen Unterschied, ob die Seienden durch Seiende oder durch Ideen ermöglicht werden. 

Gerade daran wird jedoch sehr deutlich, daß dieses Denken hoffnungslos in eine Sackgasse zu führen scheint.

 

Die Überwelt bestand bei Platon und anderen antiken Denkern in den identischen(I) Ideen. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.  

Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Aus den objektiven jenseitigen Fundamenten der Welt sind in der Zwischenzeit die subjektiven menschlichen (Schnaps-)Ideen geworden.  

 

Den Index „I“ haben Sie gewiß nicht überlesen; die Identität der Ideen ist eine andere als die der Seienden.

Nur zu ersterer gehören Ewigkeit und Unveränderlichkeit. Das leuchtet ein, weil die Platonischen Ideen häufig auch christlich als die Schöpfungsgedanken Gottes interpretiert wurden bzw. werden. Was für ihn beispielsweise gerecht ist, gilt zu allen Zeiten vom Anfang bis zum Ende der Schöpfung und bildet den einen absolut identischen(I) Maßstab.

 

Traditionell sind Eisenbahnen, Hochhäuser und Mausefallen Seiende, aber offensichtlich weder ewig noch unveränderlich. Wir hatten oben schon angemerkt, daß das Seiende A sich noch so stark verändern und sogar entstehen oder vergehen kann; es bleibt mit sich selbst identisch(S) und damit – solange es existiert – das Seiende A. 

Die Idee des Hochhauses ist identisch(I) und damit ewig-unveränderlich; deswegen können wir sagen, daß es vor der Moderne noch keine Hochhäuser als Seiende gab.

Sie existieren erst seit dem 19. Jahrhundert und wie lange noch, wissen wir nicht. Die Hochhäuser als Seiende wandeln sich in der Zwischenzeit ganz massiv, entstehen und vergehen; das ist nicht widersprüchlich, weil sie nur identisch(S) sind; Hochhaus ist Hochhaus.   

 

Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des antiken Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:  

Ihm waren dazu die identischen(I) Ideen als „Baupläne“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe beispielsweise.

Auf der Grundlage der einen geistigen Idee des Planeten etwa konnte der Demiurg nun beliebig viele materielle Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein – mit der Idee des Planeten und damit notwendigerweise auch untereinander – übereinstimmten.   

Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die sichtbaren Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.

Das halten wir fest:

 

 

objektive Wirklichkeit  
       
Jenseits   Diesseits  
Überwelt   Welt  
Träger oder Grund der Seienden   Seiende  
    objektive Realität  
– Gott      
– Ideen = { Essenz, Wesen oder Was +  
    Sein, Existenz bzw. Daß }  
– . . . . .       
identisch(I)   identisch(S)  
nicht wahrnehmbar   wahrnehmbar  
denkbar   denkbar  
rein geistig   materiell und geistig  
nicht in Raum und Zeit   in Raum und Zeit  

Abbildung 1.1.

 

(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen.)

 

Ich habe die Seienden ganz bewußt nur rechts beim Diesseits aufgeführt, weil das Jenseits unterschiedlich gedacht werden kann:

Die Antike entschied sich, wie soeben deutlich werden sollte, weitgehend für ein Reich der Ideen.

Die christliche Theologie

– hat solche Gedanken jedoch zumeist von sich gewiesen,

– das Jenseis (im Kern) mit Gott identifiziert und

– diesen nahezu ausnahmslos als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes dargestellt.

 

Martin Heidegger sprach diesbezüglich von einer „Onto-Theologie“. Sie krankt meines Erachtens ganz entscheidend daran, daß das Jenseits nach dem Modell des Diesseits gedacht wird und nur einem Superlativ desselben entspricht. Letztlich gibt es nur die eine Wirklichkeit, die in das vollkommene Jenseits und das uns bekannte Diesseits zerfällt

Nur in diesem Bild oder onto-theologisch kann man über die Gedanken oder Absichten, den Willen und das Handeln Gottes sprechen.  

 

Wer dies alles ablehnt, muß deswegen noch kein Atheist sein, sondern vertritt möglicherweise nur eine andere Philosophie und hält vielleicht allein die Annahme, Gott sei ebenfalls nur ein – wenn auch besonderes – Seiendes, für falsch.

Mit anderen Worten:

Das traditionelle Modell mit seiner grund-legenden Alternative – entweder Wirklichkeit und damit Seiendes oder gar nicht(s) – zwingt die Gläubigen, Gott als Seiendes denken zu müssen. Aber ein solcher Gott widerspricht meines Erachtens dem Christentum; damit folge ich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der sagte „Einen Gott, den es“ – als Seiendes – „gibt, gibt es nicht“.

 

Wir können uns an dieser Stelle kurzfassen, denn für uns stellt sich die Frage „Onto-Theologie – ‚ja‘ oder ’nein‘?“ gar nicht, weil wir sämtliche Seienden ablehnen. 

Das bedeutet natürlich, daß es Materie oder einen Geist, die es gibt, ebenfalls nicht geben kann.

Gläubige, welche die traditionelle Theologie hinter sich gelassen haben, „glauben a-theistisch“ (Hartmut von Sass) an einen Gott, der im postmodernen Denken die traditionelle Alternative zwischen Seienden und Nicht-Seienden hinter sich läßt.

So wie die Zeit weder hoch noch tief sein kann und Überzeugungen sich jenseits von wahr oder unwahr befinden, hat Gott nichts mit der traditionellen Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende zu tun.

 

Im Bild gesprochen:

Postmodern haben wir zwei Vakua vorliegen.

Nur bei einem gibt die Tradition uns Recht und schreibt „Nicht-Seiende“ an dieses Vakuum.

Bei dem anderen streiten wir, und die Tradition glaubt – aus unserer Sicht irrtümlich –, es wären Seiende darin. 

1.1.1. Von den Ideen zu den Begriffen

Vor der Moderne wurden die Seienden zumeist als Einheit von 

Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden. 

Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst;  definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse. 

 

Das sind die Ideen oder Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg  die Seienden gefertigt bzw. die Nicht-Seienden nicht gefertigt hat.

Idee   =   Essenz, Wesen oder Was

Ein solches Denken ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare hergestellt werden.

Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee

existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und 

verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.

Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen rein geistigen Idee des Planeten

 

Die Moderne cancelt die göttlichen Ideen nicht ersatzlos, sondern tauscht sie gegen das aus, was diese Ideen ihr zufolge und auch unserer Meinung nach immer schon waren, nämlich menschliche Begriffe.

Folglich bestehen die Seienden nun in der rein diesseitigen Einheit von 

Begriff auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.

Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber die Tradition weiß, was es nicht gibt.   

 

Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental, weil die Ideen zugleich Ideale darstellten, an denen die Seienden gemessen werden konnten bzw. sich messen lassen mußten

Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren. Diese Funktion geht verloren; Begriffe sind Denkwerkzeuge und keine Leitsterne.

 

AD: „Können wir bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen.

Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘. 

‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiende damit ein Unbegriff. 

‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“

 

Ich glaube, Sie haben 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich, wie Ihre Beispiel zeigen, beliebig vergrößern ließe. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:

Weshalb sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Wenn Einhörner imaginär sind, warum glauben wir dann, Nashörner seien real?

 

AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch keiner Einhörner.“

Ich bezweifle letzteres nicht nur, sondern bin mir sogar recht sicher, daß viele unserer Vorfahren beispielsweise Erdscheibe und Himmelsglocke, Hexen, Besessene, Wunder, Feen oder den König von Gottes Gnaden und vielleicht sogar Einhörner nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl viele Traditionalisten sie heute eher unter „Nicht-Seiende“ einordnen würden.

 

AD: „Das stimmt; beispielsweise hatte der eine bei seinem Unfall eben ‚zufällig Glück gehabt‘, und der andere sieht im eigenen Überleben ‚eine wunderbare Fügung Gottes‘; er wird scheinbar noch gebraucht. Jeder muß seine Antworten auf derartige Fragen selbst finden, darf sie aber nicht auf andere Menschen übertragen. Das folgt zwingend, da unsere Antworten sich „nur“ aus dem subjektiven Weltbild ergeben können, das bei jedem anders ist. 

Das gebe ich einerseits alles zu.

Aber andererseits kann es doch nicht sein,

daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht, oder

– dLeben, Liebe, Heil, Leid und Tod bloße Narrative sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns sogar ersparen können.“ 

 

Natürlich kann das nicht sein; es ergibt sich in Ihrer Argumentation aber doch auch nur, weil Sie unsere Wirklichkeit mit deren bloßen Interpretationen oder Deutungen  gleichsetzen.

Vielleicht wirkt darin noch das traditionelle Denken nach, demzufolge die Seienden in der Einheit von

Existenz, Sein bzw. Daß und 

Essenz, Wesen oder Was bestehen.

Wir trennen diese beiden Seiten völlig voneinander:

Die Wirklichkeit

ist kontinuierlich, fluid oder „nur“ bewußt und

besteht gar nicht in gewußten Stückchen, so daß die Frage, was diese sind, gegenstandslos wird.  

 

David Hilbert war ein deutscher Mathematiker und stand von Berufs wegen vor der undankbaren Aufgabe, seinen Studenten erklären zu müssen, was Begriffe sind. 

Theoretisch ist die Antwort einfach: Sie sind das, was beim Aktualisieren auf reine Denkungen führt, das heißt, zu Vorstellungen ohne alle Bilder, Anschauungen bzw. Ausmalungen. Praktisch ist das schwierig, weil für die meisten von uns Menschen nichts oder zumindest nicht viel übrigbleibt, wenn wir an X alle Bilder, Anschauungen bzw. Ausmalungen streichen. Deswegen ist die Mathematik im allgemeinen nicht sonderlich beliebt.

Das Wort „X“ provoziert oder aktualisiert die Vorstellung X – mit all den Assoziationen, die „X“ eben bei uns hervorruft.

 

Das nutzt Hilbert für die Geometrie.

Selbst wenn wir soeben aus dem Schlaf geweckt wurden, sind wir uns praktisch ohne nachzudenken ganz sicher, daß zwei Punkte eine Gerade, drei Punkte (im allgemeinen) eine Ebene und eine Gerade mit einem Punkt außerhalb von ihr ebenfalls eindeutig eine Ebene bestimmen. 

Wie kommt das? Haben wir die geometrischen Axiome im Kopf und leiten die genannten Zusammenhänge daraus blitzartig ab?

Nein; natürlich nicht. Vielmehr verfügen wir über anschauliche Vorstellungen von namens „Punkt“, „Gerade“ sowie „Ebene“, und aus ihnen ergeben sich unmittelbar und sehr einfach unter anderem die Zusammenhänge von soeben.

Das hat jedoch nichts mit Mathematik zu tun und wollte bzw. „mußte“ Hilbert seinen Studenten austreiben.

 

Wie macht man das, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden läßt, daß wir mit dem Wort „X“ irgendwelche Bilder, Anschauungen bzw. Ausmalungen assoziieren?

  Die Worte sind letztlich vollkommen belanglos; die Studenten sollen denken, und dazu bedarf es nicht der üblichen Worte, sondern nur der richtigen Begriffe. Folglich können wir ohne alle Bedenken beispielsweise „Punkt“ durch „Schornsteinfeger“, „Gerade“ durch „Liebe“ und „Ebene“ durch Bierseidel“ ersetzen. Dann nehmen die drei obigen Zusammenhänge folgende Form an:

Zwei Schornsteinfeger bestimmen eine Liebe, drei Schornsteinfeger (im allgemeinen) einen Bierseidel und eine Liebe mit einem Schornsteinfeger außerhalb von ihr ebenfalls eindeutig einen Bierseidel.

 

Hilbert übersetzte die geometrischen Axiome in diese Ersatzsprache und bat seine Studenten, unsere drei Sätze daraus abzuleiten. Jetzt sind die automatischen Assoziationen zu den Worten nicht mehr verboten, weil sie eher schaden als nützen.

Und wer trotzdem die geometrischen Folgerungen aus den Axiomen – in „Schornsteinfeger“,

1.1.2. Von Diesseits und Jenseits zu Immanenz und Transzendenz

AD: „Sie hatten uns eingangs versprochen, möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten und bringen kurz danach – für mich irritierend – ein Jenseits  ins Spiel . . .“

Das verschwindet auch sofort wieder! 

Ich benutze das Begriffspaar Diesseits – Jenseits nur für das traditionelle Denken, demzufolge die gesamte Wirklichkeit in diesem Sinne unterteilt werden kann. Da wir postmodern jedoch sämtliche Seienden ablehnen, gibt es für uns kein Jenseits – aber natürlich auch kein traditonelles Diesseits. Das eine ist so hinterwäldlerisch wie das andere.

 

Wir erheben nicht den Anspruch, eine vorgegebene Wirklichkeit möglichst adäquat wiederzugeben, sondern suchen nach einem Weltbild, das unser Leben möglichst zugleich erleichtert und vertieft. Wird daran zwischen Immanenz und Transzendenz unterschieden, so haben diese beiden Begriffe eine völlig andere Bedeutung als ihre traditionellen Pendants:  

Wir behaupten nicht, es gäbe eine der Immanenz entzogene Transzendenz. Das wäre auch mehr als leichtsinnig, denn die damit zwangsläufig provozierte Frage, woher wir von einer solchen Transzendenz wissen wollen, führt uns in Teufels Küche, wie die jüngere Gestesgeschichte beweist.

Vielmehr verfügt jeder von uns über ein subjektives Weltbild, auf dessen Grundlage er sein Leben gestaltet. Die Fragen, ob jenes

neben der notwendigen Immanenz eine Transzendenz enthält und

worin diese gegebenenfalls besteht,   

– sind vollkommen offen und

– werden allein vom Weltbild selbst beantwortet. 

 

Vielleicht dient es dem Verständnis, den überzeugten Atheisten sowie den traditionell Denkenden als die beiden asymptotischen Grenzfälle unserer Transzendenz zu verstehen:

Der Atheist benötigt letztere gar nicht; er lebt aus der festen Überzegung, daß sich ausnahmslos alles immanent erklären läßt.

Für den Traditionalisten dagegen besteht (auch) die Transzendenz aus Seienden; sie kann folglich gewußt werden und wird damit zum Jenseits. Der Traditionalist selbst verfügt über ein mehr oder weniger großes Wissen davon.

 

AD: „Was ist besser?

Als Gläubiger können Sie kaum den Atheisten favorisieren, mögen den Traditionalisten aber ebenfalls nicht sonderlich . . .“   

Ihre Frage ist falsch gestellt, weil es meines Erachtens letztlich absolut nicht um unser Weltbild geht. Natürlich ist es überaus wichtig, weil unsere Lebensweise ganz massiv vom Weltbild abhängt. Aber dennoch kann es nur sekundär sein, weil allein unser Leben wichtig ist.

Ich schließe, anschaulich gesprochen, jeden Gott aus, der uns fragt „Was hast du geglaubt“, gegebenenfalls Häkchen anbringt und dann zusammenzählt, ob ihre Summe für den „Himmel“ ausreicht.

 

Ohne jegliches Gericht ist unser Leben nach meinem Dafürhalten aber ebenfalls ausgeschlossen.

AD: „Oh! Das hatte ich nicht erwartet!“ 

Doch;

– zum einen geht es dabei jedoch allein um unser Leben, aber nicht darum, was wir glauben, und 

– zum anderen kann ich natürlich nur von einem Gericht sprechen, wie es in meinem Weltbild vorkommt. Das ist jedoch kein Straf-, sondern ein Versöhnungsgericht:

Es muß unter anderem dafür sorgen, daß ein Folterer und sein Opfer danach in einem inneren Frieden zusammenleben können. Ein „Himmel“ mit „ich könnte dem . . .“ bzw. „Ich verzeihe dem nicht, daß . . .“ scheint mir unmöglich zu sein.

 

AD: „Ohne Seiende gibt es die traditionelle Zeit ebenfalls nicht, so daß die Transzendenz auch weder Anfang noch Ende kennt.

Die einzig-entscheidende Frage, die wir diesbezüglich beantworten müßten, besteht also darin, ob sich die Immanenz selbst trägt oder eines transzendenten Grundes bedarfUm ihn allein geht es letztlich; dieser Grund hat aber auch gar nichts mit einer Ursache zu tun.

Der Unterschied zwischen Grund und Ursache sowie die Bedeutung des ersteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, daß dem vormodernen Denken zufolge ohne den Grund – die Ideen – auch keine Wahrheit existieren würde.

 

Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu können, mußte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Maßstab – des Bauplans –, ist keine begründete Wertung möglich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Façon: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.

Sokrates stellte für Platon die personifizierte – Idee der – Gerechtigkeit dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich und eine hinreichende Ähnlichkeit zwischen beiden feststellte.

 

Sollten Sie jetzt bedenklich die Stirn runzeln, gehen wir wahrscheinlich vollkommen d’accord:

Wie kann eine rein geistige Idee mit der praktischen Lebensführung verglichen werden?

Wir müssen derartige Fragen zum Glück nicht beantworten, denn mit der Moderne – und ganz in unserem Sinne – wurden die göttlichen Ideen zu Begriffen und damit bloßen Denkwerkzeugen verweltlicht.

 

Diese sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge natürlich auch für die materiellen Körper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise könnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den seienden Planeten konkrete Gestalt an oder verkörpert sich darin – ganz ähnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.

Platon war diesbezüglich so konsequent, daß er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls würden diese Dinge ja seines Erachtens gar nicht existieren (können); aber durch die entsprechenden Ideen gibt es nun – analog zur Gerechtigkeit – sogar wahre Bettgestelle und wahren Schmutz bzw. Kot. 

Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der „wahren Liebe“, dem „wahren Freund“ oder „Helden“ wirkt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.

 

Von besonderem Interesse für unsere weiteren Überlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.

– Ideen sind identisch(I), und das heißt sowohl ewig als auch unveränderlich.

Nur auf ihrer Grundlage läßt sich zum Beispiel sinnvoll sagen, daß zu Zeiten der Sauriere auf der Erde keine Menschen lebten.

– Seiende sind dagegen nur identisch(S).

Fast alle Seienden

— existieren nur eine bestimmte Zeit und

— können sich ändern.

Gott muß als Seiendes gewiß ewig gedacht werden, um seiner Funktion gerecht werden zu können; aber ich sehe keine Grund, für die weitgehendst vorausgesetzte Unveränderlichkeit Gottes. 

Hieran wird nochmals sehr schön deutlich, daß wir Identität(S) und Unveränderlichkeit sauber voneinander unterscheiden müssen. Die beiden haben nichts miteinander zu tun, denn die Unveränderlichkeit ist lediglich der asymptotische Grenzfall einer Änderung mit dem Wert 0 und geht somit kontinuierlich in sie über.

 

Den Grundgedanken ewig identischer Ideen hat das traditionelle Denken bis heute beibehalten:

– „Ewig-identische“ Naturgesetze

– bestimmen wie „ewig-identische“ Elementarteilchen,

– sich gemäß einer „ewig-identischen“ Evolution

– in der „ewig-identischen“ Raum-Zeit bewegen.

Ohne derartige Annahmen wäre der Gedanke, wir könnten von unserem speziellen Hier und Jetzt aus die gesamte Wirklichkeit verstehen, überhaupt nicht möglich.

Nur wenn die Explosion eine ewig-identische Idee ist, können wir verstehen, daß es vor 13, 6 Milliarden Jahren einen Urknall gegeben haben soll. Wann und wo eine konkrete Explosion tatsächlich erfolgt, spielt dann überhaupt keine Rolle; es ist ja immer das Gleiche.

1.1.3. Der traditionelle Außen-Innen-Dualismus

Unsere Körper gehören zu den materiellen oder physikalischen Seienden der objektiven Realität.

Traditionell Denkende gehen zumeist davon aus, daß wir als Subjekte – zumindest im Kern – mit unserem Körper zusammenfallen. Aber der Satz „Ich bin mein Körper“ muß falsch sein, weil

– dieses „mein“ das Ich zum Besitzer des Körpers macht, während

– das „bin“ das gleiche Ich mit dem Körper selbst identifiziert,

so daß der Körper sein eigener Besitzer sein müßte, was offensichtlich Unsinn darstellt. Selbstbesitz läßt sich ebensowenig denken wie Selbstverursachung.

 

Die übliche „Lösung“ besteht darin, unserem Körper eine Psyche hinzuzufügen und die Einheit dieser beiden Seiten mit dem Subjekt zu identifizieren, das nun – als Psyche – widerspruchsfrei einen Körper haben kann. Natürlich nicht wie ein Auto oder alle anderen Dinge; wir müßten also zumindest diese beiden Formen des Besitzens voneinander unterscheiden.

Damit ergibt sich eine Zweiteilung der Seienden in Subjekte und Objekte. Letztere sind nur Körper, und bei uns Subjekten kommt zu diesem – dem Seienden i. e. S. – jeweils noch die Psyche hinzu. 

Daß ein solcher Dualismus von Außen und Innen zu zahlreichen Problemen führt, muß uns nicht interessieren; wir glauben (an) keinerlei Seiende. Wegen unserer Beschränkung auf die physikalische Realität besteht das Außen im Kosmos, während die Psyche als Innen für das Abbilden der Welt benötigt wird.

 

AD: „Aber geht unser Innen nicht notwendigerweise unermeßlich weit über dieses Repräsentieren des Außen hinaus? Muß es nicht unter anderem auch unsere Gefühle, Triebe, Absichten, den Willen, die Freiheit oder das Gewissen umfassen?“

Sie haben 100%-ig Recht, aber das

– wird von der Tradition nicht nur zumeist überspielt, sondern

– kann wohl auch gar nicht sauber angegangen werden,

weil alle diese inneren Entitäten eng mit dem ungelösten – und wie ich fest glaube: prinzipiell unlösbaren – Problem verknüpft sind, wie ein räumliches Außen und ein unräumliches Innen überhaupt miteinander wechselwirken sollen.

Zum Glück können wir alle derartigen Fragen auf sich beruhen lassen und benötigen vom traditionellen Denken nur den Gedanken des Abbildens als Negativfolie, um unsere eigenen Überlegungen zu veranschaulichen. 

 

Und dieser Gedanke ist recht einfach:

Wir stehen vor dem Eiffelturm, und unsere Augen sind entweder offen oder geschlossen. Im ersteren Fall können Wahrnehmungen, und in beiden Fällen Vorstellungen des Eiffelturms in unserer Psyche entstehen; beide sind unwirkliche Abbilder des wirklichen Eiffelturms.

Die Psyche ist freilich kein Gefäß; das „in“ soeben war aber trotzdem richtig, weil bei ihr wie bei den Zahlen „Inhalt“ und „Gefäß“ zusammenfallen. Die 3 befindet sich als „Inhalt“ in der Menge der natürlichen Zahlen; dem „Gefäß“.

Falsche Wahrnehmungen sind rein subjektiv; werden sie jedoch immer adäquater oder richtiger, müssen sich die Wahrnehmungen der verschiedenen Subjekte auch einander annähern und damit partiell intersubjektiv werden. Die exakt richtige Wahrnehmung kann als asymptotischer Grenzfall vollständiger Intersubjektivität verstanden werden.  

 

Der objektiv-wirklichen Realität der Seienden im Außen des Kosmos stehen traditionell die subjektiv-unwirklichen Psychen oder Innen der Subjekte gegenüber. 

Diese Innen müßten wir freilich alle mit Anführungsstrichen versehen, denn sie stellen keine wirklichen Innen dar:

Unser Körper befindet sich im Raum; deswegen können wir ihn sehen; das zugehörige Innen sieht jedoch auch kein Chirurg.

Der Kern befindet sich in der Kirsche, der Käfer in der Schachtel oder das Gehirn im Kopf. Beide Bestandteile eines wirklichen Ineinanders müssen im Raum sein; das Innen ist natürlich kleiner, aber nicht raum-, ausdehnungs- oder dimensionslos – wie die Psyche.

 

Sie entspricht einem Punkt; Punkte gehören in die Mathematik, befinden sich aber nicht im Kosmos, denn dort kann ihre Existenz überall behauptet, und das heißt, nirgends widerlegt werden

Wir sprechen wie selbstverständlich von unserem Innen, verstehen aber nicht, was wir sagen. Damit wird natürlich auch das Außen hinfällig, weil es ohne ein zugehöriges Innen keinen Sinn besitzt.

Nochmals anders formuliert:

Für das tradtionelle Denken ist die Unterscheidung zwischen Innen und Außen so selbstverständlich und notwendig wie unproblematisch. Ich halte sie dagegen für grundfalsch, weil das „Innen“ keine Innen sein kann und damit auch das Außen als solches hinfällig wird.

Ob sich in dem Apfel ein Wurm befindet, läßt sich feststellen.

Daß in dem Körper eine Psyche sei, behauptet der eine und bestreitet der andere mindestens seit Demokrit und Epikur. Nach zweieinhalb Jahrtausenden hitziger Streitgespräche sollten wir endlich den Gedanken in Erwägung ziehen, daß es sich hierbei lediglich um ein Scheinproblem handelt.

1.1.4. Vom Subjekt über dessen "Tod" zur Subjektivität

Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wozu – in eine vorgegebene (Stände-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – dafür im Jenseits einmal belohnt zu werden   

Die Subjekte galten – wie alle Seienden – als substanziell oder mit sich selbst identisch und besaßen, im Gegensatz zu den Objekten, natürlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das heißt ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gläubig dem Willen Gottes unterzuordnen. 

 

Das änderte sich in der Moderne grundlegend. Die Subjekte

– blieben zwar weiterhin Seiende,

– wurden aber souveräner oder unabhängiger,

– erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.

Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren beispielsweise Descartes, Kant, Hegel und Husserl.

Die daraus resutierende Philosophie – zumeist als eine solche des Subjekts bzw. Bewußtseins bezeichnet – neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geisteswissenschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu führte, daß die (angeblich) gebildetsten und aufgeklärtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten fähig sind.

Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert gehört zur Suche nach einer Antwort.

 

Wir brechen natürlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, nämlich weil die Subjekte der Bewußtseins-Philosohie weiterhin Seiende sind.

Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzudeuten, sprechen wir bei den postmodernen „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten

Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele. Darin besteht keine Absage an den christlichen Glauben, sondern eine solche an die traditionelle Philosophie; ihr entstammen die Seelen. Das ist ein Begriff, der als theologisches Werkzeug benutzt werden kann, wenn man ihn für geeignet hält.  

 

Die Aussage, daß Subjekte leben, scheint für die meisten traditionell Denkenden ebenso selbstverständlich wie glasklar zu sein.

Wir hatten schon mehrfach darauf hingewiesen, daß dies nicht der Fall ist, und unsere postmoderne Analogie „Subjektivitäten leben“ wäre sogar ganz falsch. Weshalb, läßt sich gut verstehen:  

Um A von B unterscheiden zu können, müssen wir den Unterschied zwischen ihnen wissen; andernfalls war es kein Denken, sondern bloßes Meinen. Ist dies jedoch ausgeschlossen, weil weder A noch B Wissungen darstellen, besteht auch keine Möglichkeit, die beiden auseinanderzuhalten, so daß wir nur der ungewußten Einheit { Subjektivität + Leben } einen Sinn zuschreiben können.

 

Ist die Subjektivität primär – was wir freilich nicht wissen –, kann sie leben, aber auch sterben und tot sein; das ist gegebenenfalls das Leben der Subjektivität, ganz wie im traditionellen Denken.

Bildet jedoch das Leben die Basis, ist es noch anonym oder vorpersonal, und die Subjektivität des Lebens geht aus ihm hervor; sie taucht auf, hält sich eine Weile und geht wieder im Leben unter.  

AD: „Dieses ‚Hervorgehen‘ oder ‚Auftauchen‘ ist mir ein bißchen dubios . . .“

 

Entschuldigung; das war sehr kurz, um nicht vorzugreifen:

Erfahre „ich“ mich in dieser vorpersonalen Einheit als angesprochen,, muß ich antworten – nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gründen –, denn auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-als- angesprochen-Fühlen ist ein Antworten.

Darin besteht die Geburt oder das Geschenk der Freiheit. Freiheit ist Selbstbestimmung, und ihr Akt das Antworten, in bzw. mit dem ich mich zu einem Selbst bestimme

Ich tue dies 

– – mit der Philosophie des Subjekts – autonom oder eigenverantwortlich, jedoch 

– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht aus mir selbst heraus.

Die Freiheit ist keine Eigenschaft, die – mehr der weniger viele – Menschen besitzen, sondern ein soziales Phänomen. Ich verdanke sie dem Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.

 

Wodurch ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse, ist meines Erachtens vollkommen offen.

Emmanuel Levinas favorisiert (aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren „Antlitz“.

Ich glaube dagegen, daß Tiere und Pflanzen, jegliches Glück oder Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit bzw. alltägliche Selbstverständlichkeiten ebenso möglich sind. 

 

Ansprüche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich als weitere Beispiele weggelassen. Nicht weil sie mir als unmöglich erscheinen, sondern weil diese Ansprüche meines Erachtens nicht zu den immanenten noch additiv hinzukommen, sondern sich nur in letzteren ausdrücken können.

Ein transzendenter Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Ansprüche für sich selbst erheben; sein „Wünsche“ enden stets in der Immanenz.

AD: „Er will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden?“      

 

Nein; das will er nicht.

Aber diese Formulierung ist falsch und kann daher nur mißverstanden werden:

Wer oder was Gott als solcher ist, versuche ich gar nicht zu verstehen, weil mir dazu die Begriffe bzw. Denkwerkzeuge fehlen. Alles, was ich dazu sagen würde, wäre nicht nur falsch, sondern sinnleer; schlimmer als Baby-Gebrabbel.

Aber die Menschwerdung Gottes eröffnet uns einen Zugang, denn dazu müßten wir „nur“ uns selbst verstehen.  

Ich bin „mein“ Antworten auf das Mich-als-angesprochen-Erfahren. Ich antworte also nicht, sondern bin das Antworten; ich lebe nicht, sondern bin „mein“ Leben.

Ist Gotte Mensch geworden, muß also Entsprechendes auch für ihn gelten: 

Gott ist „sein“ Antworten auf das Sich-als-angesprochen-Erfahren. Er antwortet also nicht, sondern ist das Antworten; er lebt nicht, sondern ist „sein“ Leben.

Leben will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden.

 

En passant habe ich oben die Wissung(en) eingeführt.

Erschrecken Sie nicht wegen des unüblichen Wortes; die Wissungen entsprechen vollkommen dem substantivischen Wissen. Wir benötigen sie aber trotzdem, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.

 

Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich um „Wissungen – Gewußte“ sowie weitere Paare ergänzen.

Ein zweiter Grund ist grammatischer Art:

Wissung gestattet nicht nur – anders als das Wissen – die Pluralbildung Wissungen, sondern verweist auch eindeutig auf seine substantivische oder nicht-verbale Bedeutung:

Wir denken Denkungen, sehen Sehungen und wissen Wissungen.

1.1.5. Das übliche traditionelle Denken kennt keine Wahrheit

Für Postmoderne gibt es weder Seiende noch Ideen.

Da die Wahrheit traditionell in der Übereinstimmung

– von Essenz, Wesen oder Was der Seienden

– mit deren Ideen

besteht, glauben konservativ Denkende, der Postmoderne vorwerfen zu können,

– bei ihr sei alles gleich-gültig,  

– sie kenne keine Wahrheit oder

– fröne einer „Diktatur des Relativismus“. 

 

Darin besteht freilich nur ein sehr einfacher und nahezu schon peinlicher Denkfehler; nämlich:

Die – unbestreitbare Wirklichkeit und Notwendigkeit der – Wahrheit, die ich voll und ganz anerkenne, wird mit einem

– ganz bestimmten,

– an Antike und Mittelalter gebundenen, somit

– vom damaligen Zeitgeist abhängigen und

– möglicherweise heute nicht mehr nachvollziehbaren 

Wahrheitsverständnis verwechselt.

 

Traditioneller Kritiker:

„Da die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden ist und du beide cancelst, kann es für dich keine Wahrheit geben.“

Postmoderner:

„Wenn die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden wäre, könnte es für mich tatsächlich keine Wahrheit geben, weil ich beide cancel.

Aber ich versuche sehr ernsthaft,

– zwischen einer solch speziellen, lediglich historisch bedingten Interpretation der Warheit und

– der alles entscheidenden Wahrheit zu unterscheiden.

Wenn Jesus von sich behauptet, er – sage nicht nur, sondern – sei selbst die Wahrheit,

– besitzt sie nicht die Form von Wissungen – weil kein Mensch und schon gar nicht der (Gott-)Mensch aus ihnen bestehen kann –, so daß

– insbesondere auch die antik-mittelalterliche Wissens-Variante ausscheidet.“  

   

Abgesehen von diesem Denkfehler sahen wir am Beispiel der Sokratischen Gerechtigkeit bereits, daß die Tradition – selbst wenn ihr Wahrheitsverständnis  richtig wäre – ein ernstliches Problem damit hätte:  

Woran erkennen wir, ob die Seienden ihrer jeweiligen Idee entsprechen oder nicht?

Das heißt, wie läßt sich die traditionelle „Wahrheit“ verifizieren bzw. falsifizieren? 

Welches materielle Bettgestellt ist „wahr“, weil es mit seiner rein geistigen Idee harmoniert?

Ein „Wahrheitsverständnis“ ohne Kontrollmöglichkeit ist kein Wahrheitsverständnis, sondern belangloses Gerede.

 

Antony Flew verdeutlichte meine Intention mittels der Parabel vom unsichtbaren Gärtner, in der es ihm um die Frage nach der Beweis- bzw. Widerlegbarkeit eines seienden Gottes ging. 

Zwei Forscher entdecken im Urwald einen gepflegten Garten. Der eine meint, hier müsse ein Gärtner am Werk sein, während ihm der andere widerspricht. Sie beobachten den Garten, sehen aber nie jemanden. Der Gläubige behauptet daraufhin, es handle sich um einen unsichtbaren Gärtner. Daraufhin installieren sie einen Elektrozaun, stellen Hunde dazu und patrouillieren. Dennoch wird kein Gärtner gesehen, gehört oder verbellt. Der Gläubige bleibt trotzdem bei seiner Meinung und sagt, der Gärtner sei nicht nur unsichtbar und unhörbar, sondern auch körperlos.

Damit drängt sich natürlich die entscheidende Frage auf, was ein solches Wesen von einem eingebildeten Gärtner oder gar keinem Gärtner unterscheidet.

Wir stimmen gewiß Flew zu, daß ein Glaube, der gegen alle Falsifizierungen immunisiert wird – unsichtbar, unhörbar, körperlos, . . . – jegliche Aussagekraft verliert und auf die Ebene eines Märchens absinkt.

 

Ich würde sogar gerne noch einen Schritt weitergehen und den konservativ-traditionellen Vorwurf an die Postmoderne, sie kenne keine Wahrheit, umkehren:

Er ist meines Erachtens nicht nur einfach falsch, sondern stellt in den allermeisten Gesprächen, die wir tatsächlich führen, die wirklichen Verhältnisse sogar auf den Kopf: 

Für 99% der konservativ-traditionellen Kritiker existiert keine Wahrheit; voller Emphase benutzen sie zumeist lediglich dieses Wort und plustern sich häufig mit dem überheblichen Anspruch auf, die Wahrheit zu besitzen. (Mit dem fehlenden Prozent räume ich gerne ein, daß es auch ein paar traditionell Denkende gibt, die diese Inkonsistenz sehen und zu überwinden suchen.)

 

Zu meiner Umkehrung des Vorwurfs: 

Wissungen können per defiitionem richtig sein. Werden sie als „wahr“ bezeichnet, bestehen zwei Möglichkeiten:

Es sollte deutlich werden, welche von „richtig“ abweichende Bedeutung diesem „wahr“ zukommt. Die meisten Kritiker spüren jedoch nicht einmal, daß dies erforderlich wäre. 

Fehlt eine entsprechende Erklärung, fällt der Sinn von „wahr“ mit demjenigen von „richtig“ zusammen, und die beiden Worte sind synonym. Aber das braucht niemand, so daß „wahr“ gestrichen und verlustlos durch das übliche „richtig“ ersetzt werden könnte. 

Statt überzogen und hochtrabend von „der Wahrheit“ zu sprechen, wäre es dann angemessener sowie ehrlicher, bei dem bescheidenen „das ist richtig“ zu bleiben.

 

In genauer Umkehrung des konservativen Vorwurfs kennt die hausgemachte Tradition also nur bloße Richtigkeit, aber keine Wahrheit.

Ich versuche, meine Intention nochmals an einem Beispiel zu verdeutlichen:

Echnaton war einer der großen ägyptischen Pharaonen und wurde zugleich als Gott verehrt. Das ist logisch sauber, weil seine Untertanen aus anderen Zusammenhängen wußten, was ein Gott ist. Ohne dieses Wissen wäre „Gott“ nur ein anderes Wort für „Pharao“, auf das man verzichten könnte.

Anders formuliert:

Es gibt sowohl Pharaonen als auch Götter, und zwischen beiden besteht ein wesentlicher bekannter Unterschied. Lediglich Echnaton gehörte beiden Kategorien an.  

 

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Wahrheit und Richtigkeit können die traditionell Denkenden zumeist nicht benennen. Die Gläubigen unter ihren missionieren häufig damit, daß Christus die Wahrheit sei.

Damit

– „erklären“ sie entweder die Unbekannte „Christus“ mittels der Unbekannten „Wahrheit“, oder

– sie reduzieren Christus auf die Richtigkeit von Aussagen. 

AD: „Man sollte sie fragen, was Christus beispielsweise damit zu tun hat, daß 1 + 1 = 2 richtig ist.“

 

Daß die Frage nach der Wahrheit zumeist stillschweigend übergegangen wird, ist aber kein Zufall:

Die Tradition glaubt, Seiende und damit die Wirklichkeit wissen zu können. Gelingt ihr das, ist mit der richtigen Erkenntnis ein Ziel erreicht, das diesem Denken zufolge gar nicht überboten werden kann.

– Was kann mehr als richtig sein?

– Was sollte Wahrheit dann noch bedeuten?

Eine „Über-Richtigkeit“ ist gar nicht sinnvoll denkbar. Selbst ein Gläubiger, der weiß, was Gott von ihm will und dies tut, besitzt das richtige Wissen und handelt richtig. Wofür brauchen wir hier den Begriff der Wahrheit?   

 

Für die Postmoderne gibt es ebenfalls

sowohl Wissungen

– als auch Wirklichkeit, aber im Unterschied zur Tradition

keine Wissungen von der Wirklichkeit.  

 

Wissungen sollten richtig und können unrichtig oder falsch sein.

Aber sie sind in jedem Falle völlig unabhängig von der Wirklichkeit, so daß wir für diese eine qualitativ andere Wertung bzw. völlig neue geistige Dimension einführen müssen. Mit den irrigsten Überzeugungen läßt sich möglicherweise ein wahres Leben führen; wenn das gelingt, sind jene völlig belanglos.

„Glaube doch, was auch immer du willst – ‚Richtiges‘ oder ‚Falsches‘ –, aber führe ein wahres Leben, denn das ist unüberbietbar.“ Auch Jesus hat nichts Richtiges gesagt, sondern bestenfalls seinem Leben – und damit sich selbst als Antworten – eine wahre Form verliehen. 

Wahrheit

– kann es somit nur in der Postmoderne geben, und

– sie bezieht sich auf mich als Antworten auf „mein“ Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.  

1.1.6. Das Konzept der Seienden ist widersprüchlich

Vielleicht haben Platon, Aristoteles und andere Genies völlig anders gedacht; das schließe ich keineswegs aus. Mir geht es aber nicht um deren Denken, sondern um unser heutiges. Nahezu alle Menschen setzen hierbei das traditionelle Denkmodell voraus, als wäre es selbstverständlich, und ohne sich ernstlich mit der Antike oder auch nur dem Mittelalter beschäftigt zu haben. Und auf das, was dann herauskommt, bezieht sich unsere obige Überschrift; es enthält zumindest zwei eklatante Widersprüche.  

 

Zu Beginn dieses Kapitels hatten wir die Seienden definiert als Entitäten, die

– objektiv, das heißt,

– unabhängig von uns, 

– mit sich selbst identisch,

– voneinander getrennt und

– erkennbar sind.

Nun soll deutlich werden, daß es dergleichen gar nicht geben kann.

 

Jedes Seiende könnte für sich allein die verrücktesten Eigenschaften besitzen, müßte aber von allen anderen Seienden getrennt sein.

Was das bedeutet, wird noch ersichtlicher, indem wir den Begriff der Relation einführen und zwischen realen sowie konstruierten Relationen unterscheiden.

Erstere existieren wirklich; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.

Das Größenverhältnis zwischen den beiden gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt ihnen nicht wirklich zu und berührt sie gar nicht, sondern wird lediglich von außen an die Himmelskörper herangetragen.

 

Daß Seiende getrennt voneinander sind, bedeutet, daß zwischen ihnen beliebig viele konstruierte Relationen bestehen können, aber keine realen

Auch die traditionellen Subjekte sind Seiende und haben demzufolge keinerlei Kontakte; weder untereinander noch zu Objekten. Damit entfallen aber auch sämtliche Wahrnehmungen der Subjekte, denn ohne Wechselwirkung sind sie unmöglich.

 

Eine etwas ausgefallene philosophische Richtung besteht im Solipsismus. Das Wort kommt von „solus“, „allein“ und bezeichnet ein Denken, demzufolge ich mich als einziges Subjekt überhaupt verstehe. Wäre ich Solipsist, könnte ich Ihre Existenz nicht einmal bestreiten, weil sich das, was es logischerweise gar nicht geben kann, auch nicht bestreiten läßt.

Das erscheint Ihnen gewiß als absurd; soweit ich weiß, gibt es jedoch innerhalb des traditionellen Denkens bisher kein überzeugendes Argument gegen den Solipsismus. Warum soll ich beispielsweise nicht ein Buch schreiben, obwohl ich überzeugt bin, daß es keine Leser gibt? Ich schreibe halt gern.

 

Ob ich

– wirklich das einzige Subjekt überhaupt bin oder

– nur absolut keinen Kontakt zu allen anderen Subjekten habe, die es außer mit noch gibt,

bdeutet keinen Unterschied, der einen Unterschied macht.

Dem traditionellen Denken zufolge – glücklicherweise aber im Gegensatz zu unserem Leben – müßten wir also alle Solipsisten sein; blind, taub, apathisch, . . .

Die Kehrseite der Medaille besteht natürlich darin,

– daß wir von keinem anderen Seienden wissen könnten und

– auch die Objekte im übertragenen Sinne „Solipsisten“ wären.

 

Damit sind wir bereits beim zweiten Punkt:

Zwischen Erde und Mond kann keine reale Beziehung bestehen, wenn wir sie als philosophische Objekte verstehen.

Bei physikalischen Objekten bestehen diesbezüglich keine Schwierigkeiten; zu Erde und Mond gesellt sich ihre Massenanziehung dazu.

AD: „Aber das können Sie doch auch auf die Philosophie übertragen; dort haben wir mit Erde, Mond und Massenanziehung dann ebenfalls drei – Seiende in diesem Fall. 

 

Das stimmt nicht. Es geht doch keinesfalls um die Bezeichnungen; entscheidend ist vielmehr, daß die seiende „Massenanziehung“ keine Massenanziehung sein kann, weil diese eine reale Relation sein muß.

Mit anderen Worten:  

Die philosophische Masenanziehung zieht nichts an, sondern führt dazu, daß wir drei getrennte Seiende vorliegen haben – ganz so, wie es sich für das traditionelle Denken gehört.

Übertragen wir das physikalische System Erde-Mond dagegen umgekehrt in die Philosophie, entsteht nur ein Seiendes, eben das Ganze

 

Solipsisten können als blinde und taube Subjekte nicht die Wirklichkeit verstehen. Wie löst man dieses Problem am besten?

Unsere Variante besteht darin, sämtliche Seienden zu opfern; Subjektivitäten sind nicht nur keine Solipsisten, sondern benötigen das Sich-als-angesprochen-Erfahren sogar, um sie selbst werden zu können.

Die Tradition bleibt dagegen bei ihren Seienden – und mauschelt:

Zum einen entwickelt sie Wahrnehmungstheorien, die den eigenen Prämissen diametral zuwiderlaufen; es gibt keine sehenden Subjekte; entweder . . ., oder . . .

Zum anderen benötigt die Tradition den Nous; das ist in der Antike ein göttliches Wesen, das

– nicht zu den Seienden zählt, dadurch

– sehen kann,

– von außen auf die Welt schaut und

– sie dadurch in ihrer Wirklichkeit erkennt.

Aus dem Nous wird für Pascal der „Gott der Philosophen“, in der Moderne die „eine menschliche Vernunft“ und bei Thomas Nagel der „Blick von nirgendwo“, „und nirgendwann“ würde ich gerne ergänzen.

 

AD: „Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß die Philosophie in so einem eklatanten Widerspruch zur Physik stehen könnte . . .“

Doch; denken Sie etwa an den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie. Wir gehen heute zumeist davon aus, daß letztlich alles mit allem zusammenhängt; einerlei ob wir das nun durchschauen oder nicht.

Solange wir versuchen, das auf der Grundlage einer Philosophie zu verstehen, die das glatte Gegenteil voraussetzt und eine Summe getrennter Seiender zu ihrer fundamentalen Prämisse erhebt, werden wir bei der Lösung unserer Probleme auf ernsthafte Schwierigkeiten stoßen müssen.

1.1.7. Synchronie und Diachronie oder stehende und vergehende Zeit

Martin Heidegger wirft der Tradition „Seinsvergessenheit“ vor. Diese Kritik können wir auf sich beruhen lassen, weil das Sein im postmodern Denken ohnehin keine Rolle spielt; unser Einwand ist eher ein gegenteiliger: 

Die Tradition hat durch ihr Fokussieren auf die Seienden die Zeit – nicht nur vergessen, sondern – niemals hinreichend beachtet

 

Natürlich war immer von der Zeit die Rede, aber was hierbei „Zeit“ genannt wurde, hatte mit der Zeit häufig kaum etwas gemein und betraf lediglich eine „zeitlose“ oder „stehende Zeit“ (A. M. Klaus Müller), die wir im weiteren der Deutlichkeit halber „Synchronie“ nennen.  

Verstehen Sie das bitte ganz wörtlich:

– Eine „zeitlose Zeit“ ist keine Zeit, sondern Gleichzeitigkeit, und

– eine „stehende Zeit“ steht, aber vergeht nicht.

Das Pendant zur Synchronie bildet die Diachronie als zeitliche oder vergehende Zeit.  

 

Die Synchonie beginnt mit dem Zeitpunkt t(1).

Da Zeitpunkte keine Ausdehnung oder „Dauer“ (Henri Bergson) besitzen, beginnt die Synchronie nicht nur bei t(1), sondern endet auch dort. Wie soll ein Zeitpunkt in einen anderen übergehen können?

AD: „Mir wurde in der Schule gelehrt, daß dieses Problem durch die Infinitesimalrechnung beseitigt worden sei?“

Nein; es wurde lediglich überspielt von ihr; keine Rechenmethode kann die physikalische Zeit von t(1) nach t(2) bringen, weil es ohne Dauer nur Zustände – entweder t(1) oder t(2) –, aber keinen Wechsel bzw. Übergang zwischen ihnen gibt.

.

AD: „Ich persönlich sehe da überhaupt keine Schwierigkeiten und brauchte nicht einmal die Infinitesimalrechnung; wir unterteilen einfach die Differenz t(2) – t(1) – und schon ist das ‚Problem‘ gelöst.“

Nein; von Lösung kann keine Rede sein! 

Natürlich können wir alle Differenzen immer feiner unterteilen. Zwischen t(1) und t(2) liegt t(1,5), und wenn wir es noch detaillierter haben möchten, kommen t(1,25) sowie t(1,75) dazu usw. Wie lange wir dieses Ausfspalten auch fortsetzen; es bleibt bei Zeitpunkten, und immer wieder bis ins Unendliche erhebt sich die gleiche Frage: Wie kommen wir zum „nächsten“ Punkt?

Dazu taugt auch die tausendste Unterteilung nicht; vielmehr läßt sich ein Zeitintervall nur durch etwas überbrücken, was dauert, und das haben wir in der Synchronie nicht.

 

AD: „Wir müssen die Synchronie also doch wörtlich nehmen; sie steht bei t(1) oder ist immer das gleiche t(1).“

Wenn die Zeit nicht vergeht, gibt es weder Änderungen noch Nicht-Änderungen; Zenons Pfeil kann ebensowenig fliegen wie herumliegen.

  

AD: „Wie löst die Physik dieses Problem bei ihrer Zeit; das ist doch auch nur ein Nacheinander von Zeitpunkten oder eine Aufeinanderfolge von Synchronien?“ 

Natürlich; die physikalische Zeit bildet einen Strahl mit dem Parameter t, der dem mathematischen Kontinuum der reellen Zahlen entspricht. Anders wäre unsere Physik auch gar nicht möglich, weil sie auf Differentialgleichungen basiert, die vom Parameter t abhängen.

Aber damit ist die physikalische Zeit in sich widersprüchlich: Sie

entspricht der Synchronie oder stehenden Zeit,

– wird aber als Diachronie bzw. vergehende Zeit ausgegeben, und

die Mathematik überspielt diesen offensichtlichen Widerspruch.

Von einer Lösung des Problems, das letztlich im Widerspruch zwischen zwischen Zeitpunkt und Dauer besteht, kann also nicht die Rede sein.

 

Um Änderungen oder Nicht-Änderungen denken zu können, benötigen wir also – nicht die physikalische Zeit, sondern – die Diachronie.

Ihr gehört alles Wirkliche an; was einmal war oder sein wird bzw. gegenwärtig ist, muß diachron sein.  

Die Synchronie kennt weder Änderungen noch Nicht-Änderungen und damit auch keine Wirklichkeit, weil sie im Zeitpunkt (be)steht.

 

An dieser Stelle kann ich mit dem Anderrn endlich auch einen Begriff vernünftig einführen, der mitunter schon einmal kurz auftauchte, und bei dem Sie wahrscheinlich einen „Tipfehler“ vermutet haben.

Starre oder Unveränderlichkeit bedeutet, daß sich nichts ändert, obwohl dies in der Diachronie möglich wäre.

Das gilt für Wissungen; sie können sich ändern, müssen es aber nicht.

Konstanz oder Unveranderlichkeit meint dagegen, daß sich natürlich nichts andert, weil sich in der Synchronie gar nichts andern kann.

Das bezieht sich auf unsere Begriffe; sie befinden sich nicht in der Diachronie, sondern in der Synchronie, weil sie unwirklich sind.

 

AD: „Das gefällt mir zwar, aber daraus ergibt sich auch mein nächstes Problem:  

Das Einzige, was wahr bzw. unwahr sein kann, ist postmodern mein Leben; demzufolge muß es auch wirklich sein. Das Wissen ist lediglich richtig oder falsch, weil unwirklich. Das paßt alles wunderbar zusammen, führt aber zu einer fast unheimlichen Konsequenz:

Ich kann mein Leben nicht wissen.“    

 

Natürlich nicht! Ihr Wissen

– gehört zu Ihrem Leben und

– wirkt darauf ein oder verandert es;

– aber es ist keine Wissen vom Leben, weil es gar kein Wissen von der Wirklichkeit gibt.

Was hat zum Beispiel Ihre Biographie mit Ihrem Leben zu tun? 

In einer frommen Sprache lautet das „Richter ist allein Gott“.

Und auch das biblische „. . . sie wissen nicht, was sie tun“ scheint mir stets richtig zu sein.

AD: „Nein; wenn ich esse, weiß ich doch zugleich, daß ich esse.“

Ich glaube, das stimmt nicht, kann es Ihnen aber erst in der Zsammenfassung 1.9. ausführlich erklären. Bitte begnügen Sie sich vorerst mit dem folgenden Provisorium.

 

Ihre beiden „esse“ besitzen zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen:

„Wenn ich esse“; hierbei geht es um

– das Essen als Teil oder Ereignis Ihres Lebens,

– das niemals unwirklich sein kann.

„. . . wissen, daß ich esse“; dieses Essen

– ist unwirklich, 

– erfolgte gegen 18 Uhr,

– könnte theoretisch in meiner Biographie stehen und

– – anders als das erste „essen“ – sogar falsch sein.

 

AD: „Einverstanden. Aber unbefriedigend bleibt es schon, daß wir mit der Diachronie die wirkliche Zeit haben, aber nicht sagen können, worin sie besteht, sondern lediglich, daß sie nicht der physikalischen Zeit entspricht.“

Sie haben Recht; das wäre in der Tat unbefriedend, wenn die Diachronie tatsächlich die wirkliche Zeit bilden würde. Aber das ist nicht der Fall; wir werden in 1.9. von einer Zeitlichkeit ausgehen, von der die Tradition (fast) gar nichts ahnt.   

– Die Synchronie ist die Zeit der Begriffe,

– die Diachronie die Zeit der Wissungen, und

die wirkliche Zeit bildet die Zeit der Wirklichkeit.

Wir hätten als Überscrift dieses Abschnitts also auch wählen können:

„Die Tradition ahnt nichts von der (wirklichen) Zeit.“ 

1.2. Welt und Weltbild

AD: „Ich kann Ihren Ausführungen nicht widersprechen, habe aber ganz simple Fragen, die Sie überhaupt nicht zu berühren scheinen. Was zum Beispiel bedeuten die Worte ‚Löwe‘, ‚Savanne‘ oder ‚Afrika‘, wenn es keine Seienden gibt.

Es können doch keine subjektiven Vorstellungen meines Weltbilds sein, denn dann brauchte ich beim Anblick eines Löwen nicht auszureißen; Vorstellungen fressen nichts.“

 

Sie haben jetzt eine falsche Schlußfolgerung gezogen:

Wir streichen zwar die objektive Welt mit ihren Seienden, aber damit keineswegs unsere Wahrnehmungen. 

Nur traditionell sind diese an jene gebunden. Ihr Löwe beispielsweise ist also postmodern kein Seiendes, aber nichtsdestotrotz sind Löwen-Wahrnehmungen möglich; etwas ausführlicher:  

Es gibt Löwen-Wahrnehmungen in der Savannen-Wahrnehmung unter der Sonnen-Wahrnehmung bei einer furchtbaren Hitze-Wahrnehmung . . .

Postmodern unterscheidet sich Ihre wirkliche Situation als Tourist folglich in keiner Weise von der traditionellen, so daß Sie weiterhin die gleichen starken Gründe haben auszureißen. Bitte tun Sie’s! 

 

AD: „Weshalb? Wahrnehmungen beißen ebensowenig wie Vorstellungen.“

Sind Sie sich dessen mal nicht so sicher; die traditionellen Wahrnehmungen beißen gewiß nicht, denn sie stellen ja bloße Abbildungen dar, die – genau wie die Vorstellungen – rein geistig sind und sich mit letzteren gemeinsam in unserer Psyche befinden.

Ohne das Abbilden entfällt diese in der Postmoderne, so daß Ihre Beruhigung von soeben hinfällig wird.

AD: „Stimmt; dann ist mir aber unklar, wo die Wahrnehmungen eigentlich sein sollen.“

 

Doch; es ist nur so einfach, daß Sie es vielleicht gar nicht glauben wollen: 

Löwe, Savanne, Sonne und Hitze sind

– – mit der Tradition – Wahrnehmungen, aber

– – anders als bei ihr – befinden sich diese

  — nicht mehr als Kopien in der Psyche, sondern

  — als Originale in Afrika und damit in der Welt.

AD: „Bisher haben Sie immer gesagt, die gäbe es postmodern nicht mehr!“

Ja; aber es ist beides richtig. Ich versuche Ihnen das zu erklären und setze dazu neu an.

 

Sie hätten sich schon bei der Überschrift dieses Kapitels wundern können:

Ist ohne die (objektive) Welt ein Weltbild möglich?

Eindeutig „ja“.

 

Zum einen nehmen wir damit nur ernst, daß doch jeder von uns über ein Weltbild verfügt.

Natürlich gibt es keine Welt wieder; es ist nicht durch Erkennen oder Repräsentieren entstanden, sondern ergibt sich als subjektives Resultat aus unserem bisherigen Leben; Elternhaus, Schule, Freunde, Bücher, Ausbildung, Lieder . . . Dafür ist keine Welt erforderlich, sehr wohl aber die Sprache (im weitesten Sinne). Wir haben unglaublich viel gehört oder gelesen; das meiste davon wieder vergessen bzw. ignoriert und einiges behalten – unser Weltbild eben. Teile davon glauben wir (Feldhasen, Nashörner oder Erdmenschen) und anderes nicht (Osterhasen, Einhörner bzw. Marsmenschen). Letztere gehören nicht zur Welt, aber das Weltbild umfaßt beide. 

Mit Sicherheit sind nicht alle Weltbilder möglich, denn einige werden beim weiteren Procedere auf Widersprüche führen. Aber die Anzahl der denkbaren Weltbilder dürfte gewaltig sein, wenn wir nur anschauen, was von den uns bekannten Kulturen alles so geglaubt wurde bzw. wird. 

 

Zum anderen läßt sich „Weltbild“ trotzdem auch wörtlich im Sinne eines Bildes von der Welt verstehen:

So stelle ich mir meine subjektive Welt vor.

Natürlich existiert sie dadurch nicht; es gibt diese Welt ebensowenig wie eine objektive. Aber wir können kaum etwas planen – zum Beispiel eine Urlaubsreise –, ohne unsere subjektive Welt als wirklich vorauszusetzen; wir leben so, als würde sie existieren

AD: „Sie ist also weder objektiv noch wirklich, aber trotzdem glaube ich an diese Welt . . .“

Ja; und zum Altern gehört nicht zuletzt die Einsicht, daß dies auch damals schon so war, als wir uns noch weitgehendst auf den Erfolg, den diese Annahme uns bescherte, verlassen konnten.   

 

Zu meinem subjektiven Weltbild gehört ein Plan meiner Heimatstadt. Ich möchte zum Rathaus und schlage dazu diesem Plan folgend einen geeigneten Weg ein. Hier überrascht mich eine Baustelle, und dort ein kleines Denkmal; aber nahezu alle Wahrnehmungen – letztlich auch die beiden unerwarteten – bestätigen mein Weltbild.   

 

Es gibt also absolut keine Welt im traditionellen Sinne; weder eine objektive noch eine subjektive. Das einzige, was wir haben, ist unser eigenes Weltbild.

Es dient uns – wie soeben im Beispiel – zur Orientierung. Diese Funktion kann das Weltbild aber nur in dem Maße übernehmen, wie wir es als das Bild (von) der wirklichen Welt verstehen. Niemand kann sich ehrlicherweise an etwas orientieren, was er für null und nichtig hält.   

Wider besseres Wissen müssen wir also um handlungs- oder auch nur überlebensfähig zu sein,

– unser subjektives Weltbild (zumindest partiell) im Sinne der Tradition als richtig erachten,

– das heißt, es als Abbild derjenigen Welt verstehen, in der wir – als Körper – leben,

– um uns mit der Hoffnung auf Erfolg an diesem Weltbild orientieren zu können.

 

AD: „Es gibt die zugehörige Welt nicht, aber einzelne Wahrnehmungen ‚von ihr‘, die unser Weltbild bzw. die daraus resultierenden Wahrnehmungs-Erwartungen bestätigen. Auf die Frage woher diese weltlosen Wahrnehmungen stammen, sind wir noch nicht eingegangen.

Ist das, was Sie uns hier nahebringen wollen, eine Verallgemeinerung der Religionskritik von Ludwig Feuerbach?“

Nein; das ist es nicht.

Feuerbach hatte natürlich einerseits Recht damit, daß der seiende Gott nur eine Projektion darstellt.

Andererseits war es falsch von ihm, das Abbilden der Seienden, das er bei Gott – richtigerweise – für unmöglich hielt, beim Kosmos zu akzeptieren.

Seiende sind Seiende, und Abbilden ist Abbilden; in Feuerbachs Relegionskritik kommt also kein theologischer Fehler zum Ausdruck, sondern der Grundwiderspruch der Tradition:

Sie kehrt

– ihren tatsächlichen Denkweg, der vom Weltbild zur Welt als dessen Projektion führt, in

– einen falschen um, der angeblich von der Welt zum Weltbild als deren Abbild übergeht. 

 

Das ist eigentlich ein absurder Gedanke, an den wir aber so sehr gewöhnt sind, daß uns das schon lange nicht mehr auffällt: 

Wie nehmen wahr, um etwas von der oder über die Wirklichkeit zu erfahren; das Ergebnis besteht in unseren Wahrnehmungen. Aus ihnen puzzeln wir in mühsamer Kleinarbeit ein Weltbild zusammen, das heißt, einen Entwurf dafür, wie die Wirklichkeit – aufgrund unserer Wahrnehmungen – eventuell beschaffen sein könnte.

Für das traditionelle Denken erklären wir von der Welt her unsere Wahrnehmungen; jene kommt vor diesen. Postmodern erfahren wir dagegen durch die Wahrnehmungen erst von der Welt.     

Wir streichen alle Welten; subjektive wie objektive, wirkliche wie projizierte und verlassen damit auch die Spuren Feuerbachs.

AD: „Ich verstehe jetzt ein wenig, wie wir von unserem Weltbild zur „Welt“ gelangen; nicht durch Projektion, sondern weil wir uns nur an dem orientieren können, was wir selbst glauben.

Aber was ist das Weltbild? Die Summe unserer Vorstellungen?“

 

Nein; das können wir ausschließen, denn das Weltbild muß eine Einheit oder Gesamtheit sein; nur so läßt sich (im Teil 4) erklären, daß ohne eine Welt Wahrnehmungen entstehen, die unser Weltbild bestätigen. Sofern es überhaupt möglich wäre, müßten wir bei einer Summe von Vorstellungen kontinuierlich eingreifen.

Diese gesuchte Gesamthet ist diejenige der Begriffe – { Begriffe } –, und eine solche besteht natürlich weder aus Begriffen noch aus anderen Entitäten, sondern bildet eine Einheit. Darin hängt jeder Begriff mit sämtlichen anderen Begriffen zusammen und von ihnen ab. Um einen zu erklären, benötigen wir also letztlich alle Begriffe; das gilt bei jedem; nur die Reihenfolge, in der die Begriffe dabei benutzt werden, und ihr jeweiliges Gewicht variieren natürlich.

 

Ist für jeden Begriff alles erforderlich, so bedeutet dies:       

Der Begriff A ist

– das vollständige Weltbild

– in seiner A-Version oder -Darstellung. 

Eine andere Möglichkeit, die Begriffe zu erklären oder zu verstehen gibt es nicht, denn das Weltbild ist in sich geschlossen. Es besitzt weder einen Ausgang zu den Nicht-Begriffen noch einen Eingang von diesen her.

Das Weltbild besteht nicht aus den Begriffen, aber sie

– gehen allein aus ihm hervor und

– können deshalb auch nur durch das Weltbild bzw. dessen andere Begriffe erklärt werden.    

 

Heinrich Rombach beschrieb eine solche Einheit als Struktur und unsere einzelnen Begriffe als deren Momente

Damit sollten die vier wichtigsten Eigenschaften der beiden neuen Begriffe schon einigermaßen verständlich werden:

 

1. Die Struktur bzw. das Weltbild existiert als solches überhaupt nicht, weil es

kein Seendes ist, sondern

– nur in seinen Momenten resp. Begriffen vorkommt.

Wenn ich beispielsweise (den Begriff) Tisch denke, tritt nicht irgendwo zusätzlich das vollständige Weltbild auf. Aber in diesem Begriff ist es – wie in jedem anderen – auf dessen bestimmte Art präsent.

Der (Begriff) Tisch ist die Einheit meines Weltbilds in seiner Tisch-Version.  

 

Diese Formulierung führt uns leicht zu einer Analogie:

Ein Gebäude kann man in Drauf-, Vorder- oder Hinteransicht und noch in vielen anderen Darstellungen zeichnen. Es entspricht bei unserer Erklärung nun der Einheit des Weltbilds, und die verschiedenen Perspektiven korrelieren den Begriffen des Weltbilds.

Rombachs Strukturdenken bedeutet bei dieser Veranschaulichung:

Das Gebäude ist weg, aber alle Ansichten bleiben völlig ungeändert bestehen; als stände das Gebäude noch. Das tut es nicht, sondern es existiert allein in seinen Momenten; in jeder Ansicht auf eine andere Weise.

Zur Veranschaulichung können Sie vielleicht an die Holographie denken.

 

2. Jeder Begriff ist somit das vollständige Weltbild in einer speziellen Perspektive bzw. Darstellungsweise. Somit läßt sich kein Begriff vollständig erklären;

– zum einen entspricht dem Weltbild keine bestimmte, endliche Anzahl von Begriffen, und

– zum anderen brechen wir unsere Erklärung viel zu früh ab, um deren „Übereinstimmung“

  — sowohl mit dem Weltbild

  — als auch mit allen anderen Begriffen

erkennen zu können. Beim Begriff Tisch zum Beispiel kommen wir vielleicht nicht weit über Möbel, Stühle, Platte und Beine hinaus.     

 

Der Begriff Tisch ist also nicht ein kleines Stück Weltbild, während Stuhl als Begriff ein anderes Stück wäre. Vielmehr ist in jedem Begriff das gesamte Weltbild gegenwärtig, allerdings mit einem anderen Zentrum, Gewicht und Gefüge.

 

3. Deshalb stimmen die Begriffe – auch zu Ende gedacht – natürlich nicht überein; der Tisch ist weder ein Stuhl noch das Weltbild. In der Sprache Rombachs sind alle Begriffe sowohl untereinander als auch mit dem Weltbild „idemisch“, und das heißt:

Der Begriff Tisch ist eine spezielle Artikulation des gesamten Weltbilds; seine Bestimmtheit ergibt sich aus der Stellung des Begriffs Tisch in der Einheit des Weltbilds.

Der Begriff Stuhl bildet eine andere idemische Artikulation des gleichen Weltbilds.

Dennoch stimmt der Begriff Tisch ebensowenig mit dem Begiff Stuhl überein wie die Vorderansicht eines Hauses mit seiner Hinteransicht.

 

4. Aus all dem ergibt sich, daß wir nicht nur die Begriffe, sondern auch sämtliche Kombinationen von ihnen – Schlußfolgerungen, Theorien, Modelle oder Paradigmen – als Momente verstehen müssen, in denen unser Weltbild Gestalt gewinnt. 

Die traditionelle Annahme, nur Begriffe gehörten zum Weltbild, während die Theorien die Welt von außen beschrieben, erweist sich postmodern als unhaltbar. Eine Theorie ist  nichts anderes als der logische Zusammenhang vieler Begriffe. 

 

Die Grundgedanken des Strukturdenkens werden mitunter am Schachspiel erläutert; ich bevorzuge „Schnick, Schnack, Schnuck“, weil es wesentlich einfacher ist.

Die Momente sind Schere, Papier sowie Stein, und ihre Beziehungen lauten:

Schere schlägt Papier, Papier schlägt Stein, und Stein schlägt Schere.

Hier wird sehr schön deutlich, daß die drei Momente

– idemisch, aber nicht identisch sind und

– nur durcheinander bestimmt werden können:

 

AD: „Und das Spiel selbst?“

Das gibt es nicht, denn die Schere ist das Spiel auf die Weise der Schere, und diese ist nichts anderes

– als das Gewinnen gegen das Papier,

– das Verlieren gegen den Stein und

– das Unentschieden gegen die Schere.

Um zu sagen, was die Schere ist, müssen wir das Spiel aus Sicht der Schere beschreiben; oder aus derjenigen des Papiers bzw. Steins.

 

 

 

 

(AD. „Die Überschrift dieses Abschnitts irritiert mich; kann es ein Weltbild geben ohne die (objektive) Welt?“

Eindeutig „ja“.

 

Zum einen nehmen wir damit nur ernst, daß doch jeder von uns über ein Weltbild verfügt.

Natürlich gibt es keine Welt wieder; es ist nicht durch Erkennen oder Repräsentieren entstanden, sondern durch unser Leben, und dementsprechend kann es auch „nur“ subjektiv sein.

 

Zum anderen läßt sich „Weltbild“ trotzdem im Sinne eines Bildes von der Welt auch wörtlich verstehen:

So stelle ich mir meine subjektive Welt vor.

Natürlich existiert sie dadurch nicht; es gibt diese Welt ebensowenig wie eine objektive. Aber wir können kaum etwas planen – zum Beispiel eine Urlaubsreise –, ohne unsere subjektive Welt als wirklich vorauszusetzen; wir leben so, als würde sie existieren. 

AD: „Sie ist also weder objektiv noch wirklich . . .“

Ja; und zum Altern gehört nicht zuletzt die Einsicht, daß dies auch damals schon so war, als wir uns noch weitgehendst auf den Erfolg, den diese falsche Annahme uns bescherte, verlassen konnten.   

 

Unser Weltbild besteht in der Einheit seiner Begriffe; alle hängen mit sämtlichen anderen Begriffen zusammen und von ihnen ab. Um einen zu erklären, benötigen wir also letztlich alle Begriffe; das gilt bei jedem; nur die Reihenfolge, in der die Begriffe dabei benutzt werden, und ihr jeweiliges Gewicht variieren natürlich.       

Eine andere Möglichkeit, die Begriffe zu erklären oder zu verstehen gibt es nicht, denn das Weltbild ist in sich geschlossen. Es besitzt weder einen Ausgang zu den Nicht-Begriffen noch einen Eingang von diesen her.

AD: „Natürlich nicht; weil die Begriffe sich nicht zeigen, sondern nur gesagt werden können. 

 

Heinrich Rombach beschrieb eine solche Einheit als Struktur und unsere einzelnen Begriffe als deren Momente.

Damit sollten die vier wichtigsten Eigenschaften der beiden neuen Begriffe verständlich werden:

 

1. Die Struktur bzw. das Weltbild existiert also solches überhaupt nicht, weil es

kein Seendes ist, sondern

– nur in seinen Momenten resp. Begriffen vorkommt.

Wenn ich beispielsweise (den Begriff) Tisch denke, tritt nicht irgendwo zusätzlich das vollständige Weltbild auf. Aber in diesem Begriff ist es – wie in jedem anderen – auf eine bestimmte Art präsent.

Der (Begriff) Tisch ist die Einheit meines Weltbilds in seiner Tisch-Version.  

 

Diese Formulierung führt uns leicht zu einer Analogie:

Ein Gebäude kann man in Drauf-, Vorder- oder Hinteransicht und noch in vielen anderen Darstellungen zeichnen. Es entspricht bei unserer Erklärung nun der Einheit des Weltbilds, und die verschiedenen Perspektiven korrelieren den Begriffen des Weltbilds.

Rombachs Strukturdenken bedeutet bei dieser Veranschaulichung:

Das seiende Gebäude ist weg, aber alle Ansichten bleiben völlig ungeändert; das Gebäude existiert allein in ihnen; in jeder Ansicht auf eine andere Weise.

Zur Veranschaulichung können Sie vielleicht an die Holographie denken.

 

2. Jeder Begriff ist somit das vollständige Weltbild in einer speziellen Perspektive bzw. Darstellungsweise. Somit läßt sich kein Begriff vollständig erklären;

– zum einen entspricht dem Weltbild keine bestimmte, endliche Anzahl von Begriffen, und

– zum anderen brechen wir unsere Erklärung viel zu früh ab, um deren „Übereinstimmung“

  — sowohl mit dem Weltbild

  — als auch mit allen anderen Begriffen

erkennen zu können. Beim Begriff Tisch zum Beispiel kommen wir vielleicht nicht weit über Möbel, Stühle, Platte und Beine hinaus.     

 

Der Begriff Tisch ist also nicht ein kleines Stück Weltbild, während Stuhl als Begriff ein anderes Stück wäre. Vielmehr ist in jedem Begriff das gesamte Weltbild gegenwärtig, allerdings mit einem anderen Zentrum, Gewicht und Gefüge.

 

3. Deshalb stimmen die Begriffe – auch zu Ende gedacht – natürlich nicht überein; in der Sprache Rombachs sind sie sowohl mit allen anderen Begriffen als auch mit dem Weltbild „idemisch“, und das heißt:

Der Begriff Tisch ist eine spezielle Artikulation des gesamten Weltbilds; seine Bestimmtheit ergibt sich aus der Stellung des Begriffs Tisch in der Einheit des Weltbilds.

Der Begriff Stuhl bildet eine andere idemische Artikulation des gleichen Weltbilds.

Dennoch stimmt der Begriff Tisch ebensowenig mit dem Begiff Stuhl überein wie die Vorderansicht eines Hauses mit seiner Hinteransicht.

 

4. Aus all dem ergibt sich, daß wir nicht nur die Begriffe, sondern auch sämtliche Kombinationen von ihnen – Schlußfolgerungen, Theorien, Modelle oder Paradigmen – als Momente verstehen müssen, in denen unser Weltbild Gestalt gewinnt. 

Die traditionelle Annahme, nur Begriffe gehörten zum Weltbild, während die Theorien die Welt von außen beschrieben, erweist sich postmodern als unhaltbar. Eine Theorie ist  nichts anderes als der logische Zusammenhang vieler Begriffe. 

 

Die Grundgedanken des Strukturdenkens werden mitunter am Schachspiel erläutert; ich bevorzuge „Schnick, Schnack, Schnuck“, weil es wesentlich einfacher ist.

Die Momente sind Schere, Papier sowie Stein, und ihre Beziehungen lauten:

Schere schlägt Papier, Papier schlägt Stein, und Stein schlägt Schere.

Hier wird sehr schön deutlich, daß die drei Momente

– idemisch sind und

– nur durcheinander bestimmt werden können:

 

AD: „Und das Spiel selbst?“

Das gibt es nicht, denn die Schere ist das Spiel auf die Weise der Schere, und diese ist nichts anderes

– als das Gewinnen gegen das Papier,

– das Verlieren gegen den Stein und

– das Unentschieden gegen die Schere.

Um zu sagen, was die Schere ist, müssen wir das Spiel aus Sicht der Schere beschreiben; oder aus derjenigen des Papiers bzw. Steins.) 

1.3. Bewußtseinswandel

Ich verstehe die geistigen Turbulenzen der Gegenwart zu einem nicht unerheblichen Teil als Symptome eines epochalen Bewußtseinswandels, der uns – sofern wir ihn bewältigen – vom traditionellen Denken zum postmodernen führen könnte.

Ersteres geht davon aus, daß eine uns vorgegebene objektive Wirklichkeit existiert, während die Postmoderne – wie wir sie im vorliegenden Buch verstehen – dieses philosophische Glaubensbekenntnis ablehnt. Ich bin aus den verschiedensten Gründen – die alle noch zu besprechen sind – fest davon überzeugt, daß sich die Tradition hier im Unrecht befindet. Im Verlaufe der Moderne sind die Ideen bereits weitgehendst verschwunden, und mit der Postmoderne folgen ihnen meines Erachtens die Seienden nach. 

Vielen Menschen graut vor einem solchen Bewußtseinswandel; ich sehne ihn jedoch herbei und hoffe auf sein Gelingen. Zwei Argumente für meine positive Sicht dürften jetzt schon deutlich sein:

 

Zunächst wird unsere Zukunft – sofern wir sie denn erleben werden – zutiefst pluralistisch ausfallen und damit ein hohes Maß an Toleranz erfordern, was sich jedoch kaum mit der Annahme einer objektiven Wirklichkeit vereinbaren läßt.

Wer diese zu wissen glaubt, wird sehr leicht jede Gemeinschaft spalten, weil er zu unterscheiden vermag zwischen Irrenden – Ungebildeten, Bösen, Häretikern, Feinden, . . . – und seinesgleichen, den „Rechtgläubigen“ oder „Besserwissern“ also.

 

Spalten kann sogar ausschließlich derjenige, der die Wahrheit zu besitzen meint. Wer sich „nur“ um sie bemüht, versteht nicht sich selbst als Ritter der Wahrheit und die anderen als Irrende. Vielmehr sind sie mit ihm gemeinsam Suchende; natürlich auf einem anderen Weg, aber zum gleichen Ziel.

Wer um die Wahrheit kämpft, unterteilt nicht in wahr bzw. unwahr, sondern weiß, daß er von jedem anderen lernen kann, weil alle Leben einzigartig und sämtliche Erfahrungen einmalig sind.   

Hätte ich Ihr Leben gelebt, wäre es nicht besser verlaufen, sondern ich wäre Sie.

 

Viele traditionell denkende Konservative würden dies wieder als „Relativismus der Wahrheit“ oder „Diktatur des Relativismus“ abschmettern. Das beeindruckt mich aber gar nicht, weil ihr eigener Standpunkt – mit dem Anspruch, die Wahrheit zu besitzen – in meinen Augen ausgesprochen überheblich ist.

Was hat die Hochachtung vor der Wahrheit – die ich 100%-ig teile – mit der Anmaßung zu tun, sie zu besitzen, – die ich als Größenwahnsinn ablehne

Muß ich das, was ich begehre, bereits haben, oder darf ich es nicht haben, um es begehren zu können? Kann man sich ernstlich Schokolade wünschen, während sie bereits im Mund zerschmilzt?

 

Mein zweites Argument für die Hoffnung auf einen Bewußtseinswandel hin zur Postmoderne besteht darin, daß alles Entscheidende im Leben oder das, was uns letztlich zu Menschen macht, – Wahrheit, Verantwortung, Empathie, Verständnis, Bildung, Glaube . . . – an Freiheit gebunden ist.

Diese würde durch die Existenz einer objektiven Wirklichkeit jedoch willkürlich und völlig unnötig begrenzt.

 

Dann könnte der Glaube beispielsweise keine Berge versetzen.

Wer behauptet, er könne es, obwohl er selbst eine objektive Realität annimmt oder gar für selbstverständlich hält, legt kein beeindruckendes Zeugnis ab, sondern redet einfach Unsinn. Bei einem objektiv-realen Berg aus Dreck hilft kein Glauben, sondern nur Schaufeln, Baggern oder Sprengen.

Der Glaube besteht nicht darin, fromm klingende Phrasen zu beteuern. Vielmehr geht es bei ihm darum, „das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verfügung stellt“ (Hans-Joachim Höhn). Wir müssen uns entscheiden, ob wir beim Wiederholen leerer Worte stehenbleiben oder glauben wollen.

 

Ich möchte ernstnehmen können, daß der Glaube Berge zu versetzen vermag, und sehe in der postmodernen Philosophie dadurch, daß sie traditionelle Fehler aufdeckt, eine Möglichkeit, dies sauber zu denken.

Für die Seienden können wir nicht verantwortlich sein, denn sie sind unverfügbar vorgegeben; bestenfalls liegt der Umgang mit ihnen in unserer Hand.

Entfallen die Seienden, verschwindet diese Grenze; wir können uns weder dahinter verstecken noch damit entschuldigen:

„Ich bin schuldig geworden, weil ich nicht getötet habe, obwohl mein Gewissen mich dazu anhielt, um größeres Unheil zu verhindern.“

Unser Ansatz ließe sich somit recht treffend als ein „Versuch zur Philosophie der Freiheit“ verstehen. Keiner – nicht einmal Gott – kann für mich entscheiden; ich selbst bin – diesbezüglich einsam und verlassen – ganz allein verantwortlich.    

 

AD: „Ein Gewissen, das mich auffordert zu töten, muß irren; ich kann mich nur in dem Maße auf seine Vorgaben verlassen, wie es zu einem richtigen Gewissen gebildet wurde.“

Das ist eine sehr übliche Argumentation in diesem Zusammenhang; aber ich würde ihr bzw. Ihnen trotzdem in zweierlei Hinsicht widersprechen:

 

Zum einen geht es beim Töten-Sollen nicht nur um Tyrannenmord, Notwehr, Krieg, den Schutz Dritter oder die Todesstrafe. Diese Notfälle betreffen uns möglicherweise alle nicht direkt; aber mit der fließenden Grenze zwischen dem beabsichtigten Töten auf der einen Seite und dem unbeabsichtigten durch das Erleichtern oder Verschönern des Lebens auf der anderen Seite werden wir praktisch täglich konfrontiert.

 

Zum anderen nehme ich das Gewissen tatsächlich ernst:

Ohne Seiende stellt es die höchste mir zugängliche Instanz dar. Der Unterschied zwischen beiden ist freilich gewaltig: Die Seienden sagen in ihrer Objektivität allen das Gleiche, während mein Gewissen nur zu mir spricht.

Natürlich lebe ich nur wahrhaftig mit dem Eingeständnis, daß dann die Bildung des Gewissens zu meinen unbedingten Aufgaben gehört. Aber wenn es die oberste Instanz für mich darstellt, muß auch mein Gewissen selbst und letztlich ganz allein über seine eigene Bildung entscheiden. Es wäre insbesondere widersprüchlich, diese Aufgabe „selbstverständlich“ der Theologie und deren Ethik zu übertragen.

Mit dem „Willen Gottes“ hätte ich dagegen keinerlei Probleme; aber ihn erfahre ich eben höchstens durch mein subjektives Gewissen.  

Es rät mir zum Beispiel, mich ernstlich mit Religionskritikern auseinanderzusetzen, und erhebt keinen Einspruch, wenn ich Friedrich Nietzsche eine prophetische Sensibilität zuschreibe. 

 

Das macht unser Leben nicht unbedingt leichter, verhindert aber ein selbstgenügsames Einrichten; zum Beispiel im angeblich „gottgefälligen Trott“. 

Vielleicht gehört es sogar zu den wichtigeren Inhalten des christlichen Glaubens, daß auch die frömmste Routine niemals gottgefällig sein kann, weil es um die Zukunft geht, die keinen Trott gestattet, weil alles neu werden soll.

 

AD: „Schauen wir bitte noch einmal kurz zurück; ich vermag nicht einzusehen, wieso die Toleranz kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbar sein soll.“ 

Das ist gar nicht schwer. Wer diesen Glauben teilt, muß definitiv richtige Aussagen prinzipiell für möglich halten, nämlich diejenigen, welche die (objektive Wirklichkeit der) Seienden adäquat wiedergeben. 

Wird der Glaube an deren Existenz in einer Gesellschaft weitgehend geteilt, kann somit jeder – Philosoph, Verschwörungstheoretiker, Naturwissenschaftler, Theologe, Stammtischler, Politiker, Esoteriker . . . – wiederspruchsfrei behaupten, über richtige Beschreibungen zu verfügen.

Begründungen sind völlig unnötig, denn mit dem Totschlag-„Argument“ „So ist es – basta“ wird jedes konstruktive Gespräch jäh abgebrochen.

Irgendwie muß es einem solchen Denken zufolge ja sein, und der Sprecher beansprucht lediglich, ein genaueres Wissen von den Seienden zu besitzen als wir. Hut ab!

 

Es gibt traditionell kein zwingendes Argument gegen die Richtigkeit der Behauptung „So ist es – basta“, denn

– die vorausgesetzte objektive Wirklichkeit schließt nicht aus, daß es tatsächlich gerade so ist, und

– da der Sprecher bei seinen Aussagen über die Seienden notwendigerweise auf sämtliche vernünftigen Begründungen verzichten muß – die Seienden sind ebenso unwirklich wie de Nicht-Seienden –, existiert auch nichts, was man widerlegen könnte.

Natürlich sind dann tausend verschiedene und sogar gegensätzliche „So ist es“ möglich; der Redner behauptet einfach nur eines von ihnen. 

Ist er stur, sind wir mit unserem Latein am Ende; wir glauben ihm zwar nicht – können aber trotzdem nach Hause gehen. Das wird daran am deutlichsten, daß sein Basta-„Argument“ bei jedem „so“ erfolgreich vorgebracht werden kann.

In der Postmoderne kann es dagegen nicht speziell „so“ sein, weil es gar nicht irgendwie ist.

 

Aus dem traditionellen „So ist es – basta“ wird postmodern ein „Ich bin der Überzeugung, daß es sich folgendermaßen verhält . . ., und kann mir gegenwärtig gar keine andere Lösung vorstellen“. Dafür kann man geradestehen und vielleicht sogar eine Begründung hinzufügen.

Bei jener Behauptung dagegen ist der Redner, möglicherweise ohne überhaupt nachzudenken, nur der Schlaumeier, der nichts verantworten muß – er hat die Seienden schließlich nicht fabriziert – und vielleicht ob seines Wissens bestaunt werden will. 

 

AD: „Dagegen kann ich nicht viel vorbringen . . .

Angenommen Sie hätten Recht, und es gäbe tatsächlich keine Seienden. Wie erklären Sie sich dann unsere felsenfeste Überzeugung, überall welche zu sehen?“

Die Tradition kennt nur eine einzige Theorie des Sehens. Ihr zufolge existieren Seiende; eines von ihnen bin ich, und ein anderes sehe ich gerade. Gemäß der geläufigen Wahrnehmungs-Theorie treffen einige der von diesem Seienden ausgehenden Lichtstrahlen auf meine Pupille, und so wird das Sehen möglich.

Das heißt,

– wir verfügen unbestreitbar über Sehungen.

– Da wir diese jedoch nur mittels der Seienden erklären können,

sind wir überzeugt, in den Sehungen oder durch sie die Seienden zu erfahren.

Bräuchten wir für unsere Erklärung Musen oder Halbgötter, würden die Sehungen eben deren Existenz „beweisen“.

 

Das „zwingende Argument“ für die Existenz der Seienden ist also gar kein Argument, sondern pure Alternativlosigkeit – und resultiert damit aus mangelnder Phantasie, Denkfaulheit, Desinteresse oder ähnlichem.

Bei einem wirklichen Argument verfügen wir dagegen über

– mehrere Denkmöglichkeiten und

– möglichst starke Gründe, deretwegen wir uns für eine von ihnen entscheiden „müssen“.

Jürgen Habermas nannte dies „den zwanglosen Zwang des besseren Arguments“.

Ohne letzteres entsteht der zwanghafte Zwang des gedankenlosen Plapperns.

 

Hieraus ergibt sich meines Erachtens auch der entscheidende Grundgedanke der Aufklärung:

„Schlagt euch doch nicht länger gegenseitig tot! Schwerter zu Gedanken!“

–  Besitzt mein Gegenüber die stärkeren Argumente,

– dann gestehe ich das liebend gerne zu

– und darf dafür weiterleben.

Aber auch ganz abgesehen davon gestehe ich es wirklich liebend gerne zu, weil ich nicht Recht haben, sondern in meinem Denken weiterkommen will. Und dafür spielt es keine Rolle, wer die stärkeren Argumente vorbringt.

 

Immer wenn wir sagen „Das ist alternativlos“ oder „zwingend“, „unmöglich“ bzw. „absurd“, kann vernünftigerweise nur gemeint sein „. . . im Rahmen meines subjektiven Weltbilds„. Aus dem traditionellen „so ist die Welt“ wird postmodern „so sehe ich es in meinem Weltbild“, und wer das verinnerlicht hat, urteilt vorsichtiger.

AD: „Natürlich denkt, argumentiert, plant . . . jeder von uns nur innerhalb seines Weltbilds; das ist wohl zwingend.

Die gewaltige Übereinstimmung zwischen den subjektiven Weltbildern innerhalb einer Gruppe, Gemeinschaft oder Kultur verführt jedoch leicht zu der Annahme, es handle sich bei ihnen um die Abbilder einer objektiven Welt. Tatsächlich resultiert diese Übereinstimmung meines Erachtens aber lediglich aus Autoritätsgläubigkeit, Korpsgeist, Unwahrhaftigkeit, Denkfaulheit, Feigheit, Fremdenfeindlichkeit und ähnlichen Untugenden.   

Das traditionelle Weltbild ist also alles andere als ein Ruhmesblatt.“ 

1.4. "Methode"

Unsere „Methode“ ist so denkbar einfach, daß ich den Titel mit Anführungszeichen versehen habe. Wir versuchen lediglich konsequent, Kants „sapere aude“ zu befolgen:

„Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“.

In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.

 

Ich glaube nicht an die eine objektive Vernunft, die der traditionellen Moderne zufolge für alle Menschen die gleiche – und vielleicht sogar „die bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – sein soll.

An ihre Stelle tritt meines Erachtens unsere subjektive Vernunft, die auf dem eigenen Weltbild und damit auf unseren Lebenserfahrungen basiert. Ein objektiverer oder „höherer“ Maßstab steht uns nicht zur Verfügung, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben – ohne Kontakt zu einem angeblichen Nous, „Weltgeist“ (Hegel), „transzendentalem Subjekt“ (Kant) oder ähnlichem haben zu können.

Diese subjektive Vernunft kommt beispielsweise in den „Wahrheitspraktiken“ (Michael Hampe) zum Ausdruck, die für alle Bereiche unseres Lebens bestehen und häufig deutlich zeigen, was wir in dem betreffenden Funktionssystem intersubjektiv als richtig anerkennen sollten. In der Mathematik zum Beispiel betrifft das die Ableitungen aus den Axiomen, vor Gericht die beeidigten Zeugenaussagen und im Alltag das Wort eines Freundes.

 

Die Tradition hingegen setzt im Sinne der einen objektiven Vernunft voraus, daß bei entscheidenden Fragen die eine richtige Antwort oder Lösung für alle Menchen existiert, gefunden werden kann und sollte.

Bis zum Mittelalter kannten sie zumeist nur die jeweiligen Autoritäten; sie galten als Garanten der Wahrheit, so daß diese ihnen einfach geglaubt werden mußte. Die Aufklärung wandte sich mit Recht gegen ein solch naives Nicht-Denken und animierte jeden gesunden Erwachsenen, „sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien“ (Kant), um selbst erkennen, verstehen, argumentieren sowie glauben zu können.

Der aufklärerisch-moderne Traum von einer fundamentalen Wahrheitstheorie für alle Bereiche – anstelle ihrer verschiedenen Wahrheitspraktiken – sollte zur intersubjektiven Übereinstimmung führen und damit helfen, sinnlose Konflikte wie die Religionskriege des 17. Jahrhunderts und unmenschliche Grausamkeiten aller Zeiten in Zukunft zu vermeiden. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als überzogen und wird von der Postmoderne nicht geteilt. 

Die Aufklärung besitzt also zwei Aspekte, die wir deutlich auseinanderhalten müssen:

 

(1) Natürlich hat Kant Recht mit seinem Aufruf, die Verantwortung stets als unsere eigene anzuerkennen. Das betrifft nicht nur alles Tun oder Sprechen, sondern gilt auch für unser Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen anvertraut, entmündigt sich selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt in seinem Buchtitel spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Besonders bei weltanschaulich-religiösen Fragen, die schwerlich durch Erfahrungen entschieden werden können, ist das eigene Denken überaus wichtig. Der Verzicht auf letzteres entspricht sonst dem Freifahrtschein, jede willkürliche (widerspruchsfreie) Aussage – und natürlich auch ihr glattes Gegenteil – behaupten zu können, weil eine Überprüfung ausgeschlossen ist.

Wegen eines solchen Fehlens der Falsifizierbarkeit wurden beispielsweise viele Schulen der Tiefenpsychologie von ihren Gegnern nicht als seriös oder gar „wissenschaftlich“ anerkannt. Das gilt natürlich auch für jede Theologie, die sich auf fromme Formulierungen, blinden Glauben, bloße Textstellen oder andere unbegründbare Äußerungen beruft.   

 

(2) Aber da wir „nur“ über eine subjektive Vernunft verfügen, bleibt unser eigenes Denken individuell und wird somit niemals zu den ursprünglich von der Aufklärung erhofften objektiv-einheitlichen Ergebnissen führen. 

Das Denken setzt unter anderem voraus, sich im Streitgespräch dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu beugen. Das bringt beide Seiten weiter; unabhängig davon, welcher von ihnen dieses Argument entstammt.

Der damit einhergehende Verzicht auf willkürlich-beliebige Meinungen bringt zugleich einen Gewinn an Freiheit mit sich, denn letztere besteht

– nicht im Umfang des wählbaren, wenn auch noch so dummen Angebots, sondern

– in der Möglichkeit einer gerechtfertigten, weil wohlüberlegten Wahl. 

 

Freiheit bedeutet, mit anderen Worten,

argumentativ sauber begründen sowie

– daraufhin entscheiden zu können,

und unsere Fähigkeit zu beiden besteht in der Vernunft.

Wenn Ihnen das wie ein Widerspruch erscheint, brauchen Sie sich nur den gravierenden Unterschied zwischen Grund und Ursache zu verdeutlichen:

Letztere entspricht einer Kraft, die einfach wirkt und nichts mit Freiheit zu tun hat; ich stolpere, werde geschubst oder bekomme einen Schlag.

Gründe sind dagegen Appelle an die Freiheit und stellen somit keine physikalische Kategorie dar. 

 

Die Freiheit führt zu einem „Müssen“; „ich ‚muß‘ das jetzt zugeben, sagen, tun oder zumindest überdenken“.

Friedrich Nietzsche konnte deswegen formulieren „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ und meinte damit, daß stets zwingende Gründe für seine Freiheitsentscheidungen vorlagen.

– Eine möglichst saubere Begründung und

– die dadurch „erzwungene“ Entscheidung

bilden die beiden notwendigen Seiten der Freiheit, von denen es die eine niemals ohne die andere gibt, so daß jegliche „freie Wahl“ entfällt.

„Frei wählen“ können wir zwischen Lamm und Rindfleisch; aber das tun vielleicht auch die Katzen. Würden wir zur nächsten Bundestagswahl in diesem Sinne „frei wählen“, muß es schiefgehen.

 

Da wir über keinen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen, kann es mir auch nicht um eine angeblich aus uns selbst kommende Autonomie gehen. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen, denn unsere Freiheit verdanken wir unserem Sich-als-angesprochen-Erfahren und besteht somit nur im Antworten-Können

Deswegen setze ich Kants Zitat mit der gleichen Überzeugung fort, wie ich es oben begonnen hatte:

Ignorare aude; „habe zugleich auch den Mut, Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht, bleibst damit abhängig, und die Wirklichkeit geht nicht nur über Dich hinaus, sondern ist unverfügbar.

Deine Selbstbestimmung bedeutet somit keine Autonomie im Sinne von Selbständigkeit, sondern beschränkt sich auf das Dir geschenkte Antworten-Können.“

 

Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst übereinstimmendes, das heißt – identisches Selbst möglich. Kein Gott kann das schöpfen; das können wir nur selbst schaffen – aber eben nicht autonom, aus eigener Kraft oder aus uns selbst heraus, sondern allein, weil uns die Freiheit zur Selbstbestimmung geschenkt wird.

Diese Ermöglichung der Freiheit entspricht meines Erachtens der Schöpfung, die traditionell zumeist als ein Machen oder Herstellen von Seienden – insbesondere von uns Subjekten – mißverstanden wird.

 

Beide Aussagen zusammengenommen – Kants Zitat und seine Fortsetzung durch uns – bedeuten, daß uns eine Freiheit auszeichnet, die wir einem oder einer Ganz-Anderen verdanken.

Die „Atheisten“ lehnen dieses Ganz-Andere häufig aus guten Gründen ab, weil sie eine hinterwäldlerische Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls „nein“ sagen würde.

Viele „Rechtgläubige“ wissen dagegen nicht nur genau, daß das Andere existiert, sondern kennen es auch sehr gut und können uns viel darüber erzählen; zum Beispiel, daß es „der Andere“ heißen muß.

Völlig unabhängig von derartigen konkreten Inhalten glaube ich das jedoch ebenfalls nicht; es gibt kein Wissen von der Wirklichkeit. Wir bemühen uns deshalb um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der aus dem Ziel resultiert, das Ganz-Andere zugleich

– sowohl in seiner unbedingten Notwendigkeit – als Ursprung der Freiheit –

– wie auch als absolutes Geheimnis

deutlich werden zu lassen.

 

Nichtsdestotrotz ist dieses Buch ein rein philosophisches – auch wenn Gott darin eine wesentliche Rolle zukommt. Es ist freilich nicht der traditionelle (Lückenbüßer-)Gott, mit dem wir aufgrund seiner angeblichen Allmacht und Allwissenheit sämtliche Probleme lösen und Fragen beantworten können. Mit einem Allmächtigen dieser Art läßt sich denkerisch natürlich gar nichts anfangen:

„Kann Gott einen runden Würfel herstellen?“

„Natürlich; was fragst Du überhaupt? Er kann doch alles; daß wir nicht verstehen, wie er das in seiner unendlichen Weisheit macht, liegt an unserer Endlichkeit, in der wir die großartigen Handlungen Gottes niemals erfassen werden.

Das betrifft insbesondere auch sein Dulden des Leids in der Welt, die Theodizee-Frage oder den ‚Fels des Atheismus‘ (Georg Büchner). Wir werden in der Ewigkeit einmal sehen, daß Gott alles herrlich für uns gefügt und wahrscheinlich sogar ‚die beste aller möglichen Welten‘ (Leibniz) geschaffen hat.“

 

Dazu würde ich im Rahmen des traditionellen Denkens – und postmodern stehen derartige Fragen gar nicht, da in ihnen nur von Seienden die Rede ist, – Folgendes sagen:

(1) Ein runder Würfel ist logisch widersprüchlich und damit ein Unding, das natürlich auch Gott nicht zu schaffen vermag. Damit haben wir jedoch nicht seine Allmacht widerlegt, sondern lediglich den Bereich vernünftigen Sprechens begrenzt. Es macht keinen Sinn, Gottes Position zu Sinnlosem zu erfragen.

(2) Als bedenkenswert erscheint mir dagegen beispielsweise die Frage, ob Gott, der nach christlichem Verständnis selbst die Liebe ist, auch hassen kann oder trotz seiner Allmacht lieben muß? Gilt letzteres, dürfte meines Erachtens jede Hölle praktisch ausgeschlossen sein.

(3) Und selbst wenn Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hätte, erhebt sich für mich – angesichts des unvorstellbaren Leids in der Geschichte – die Frage, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, er hätte ganz auf seine Schöpfung verzichtet, denn viele Menschen sehen das eigentliche Problem nicht in ihrem Tod, sondern in ihrer Geburt.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – wie wir meinen – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben oder blindlings unser Vertrauen einfordern, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

 

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch das „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – demzufolge andere für uns denken, glauben oder wissen – ein freies Entscheiden darstellt, für das wir selbst verantwortlich sind.

Die meisten von uns würden bei größeren Geldgeschäften keinem Fremden blind vertrauen, sondern versuchen, sich möglichst selbst kundig zu machen. Ich schließe mich dem 100%-ig an – und ergänze lediglich, daß mir grundlegende existenzielle, religiöse oder weltanschauliche Fragen mitunter wichtiger sind als finanzielle.  

 

Schlußendlich nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleibt, erweisen sich als unkontrollierbar und damit als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

 

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“, „Tod“ und „Teufel“ oder „das Böse“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht wie selbstverständlich auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich, denn was mich gar nicht interessiert, ist für mich kein Geheimnis, sondern Peanuts. Die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt, besteht jeweils im eigenen Leben, und was dazu keinen Bezug besitzt, kann also auch kein – wirkliches – Geheimnis sein.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Rätseln als auch von Geheimlehren.

Letztere bilden Märchen für Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verflüchtigen sie sich zumeist sehr schnell und wir schämen uns vielleicht der Aufmerksamkeit, die wir dem Unsinn zunächst geschenkt hatten.

Geheimnisse sind dagegen umso größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen. Sie werden niemals gelöst; das unterscheidet die Geheimisse von bloßen Rätseln und verbindet sie mit philosophischen Fragen.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch ihre Rätsel – sind wie alle Wissungen nur (von uns) konstruiert und deswegen auch unwirklich.

 

Geheimnisse gehören dagegen zur Wirklichkeit und sind keine bloßen Konstruktionen. Insbesondere das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar.

Biologie oder (Schul-)Medizin sind dagegen nur Wissen(schaften) und haben höchstens oberflächlich mit meinem Leben zu tun. Wir müssen die tatsächliche Leibhaftigkeit des Lebens mit ihren wirklichen Geheimnissen deutlich von unseren bloßen Modellen oder konstruierten Rätseln unterscheiden.

Die Hüter der Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie jene präsentieren, desto mehr werden die Hüter ihrer Aufgabe gerecht, die Geheimnisse als solche zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

Geheimnisse verteidigen sich selbst gegen ihre „Entzauberung“ (Max Weber), weil sie bei jedem ernsthaften Versuch, sie aufzudecken, tiefer werden. 

 

AD: „Selbst wenn alles, was Sie in diesem Kapitel gesagt haben, richtig wäre, fürchte ich, daß einige Leser mit Ihrer ‚Methode‘ unzufrieden sind. Es gibt doch ganz verschiedene Denkrichtungen innerhalb der Philosophie; sollten Sie Ihre – wirkliche – Methode darin nicht ein wenig einordnen?“

Ich glaube nicht; eher hätten wir auf diese gesamte Methodendiskussion verzichten sollen, denn sie übersieht, daß das Erkennen des Erkennens auch bereits Erkennen – und damit Philosophie – ist. Friedrich Nietzsche verspottete die Denker, die das ignorieren, indem er sie mit Menschen verglich, die ein Streichholz prüfen wollen, bevor sie es benutzen:

„Es ist das Streichholz, das sich selber prüfen will, ob es brennen wird.“

 

Ohne Bild gesprochen:

Wir können uns von den Begriffen – den einzigen Gegenständen der Philosophie also – nicht befreien, weil sie sich nur mittels anderer Begriffe zum Objekt einer Betrachtung machen lassen. Wenn aber das Denken über Begriffe in Begriffen erfolgen muß, fallen Inhalt und Methode zusammen.

Im Umkehrschluß ließe sich damit freilich auch das gesamte Buch als eine einzige Methodendiskussion verstehen.

 

AD: „Das leuchtet mir ein; aber darf ich bitte noch einmal zurückgreifen:

Mir ist noch nicht klar geworden, was es bedeutet, daß Ihr Buch, obwohl Gott darin eine – für mich überraschend große – Rolle spielt, wie Sie selbst einräumen, rein philosophisch sein soll.“

Weil ich auch von Gott höchstens das sage, was meiner subjektiven Vernunft und damit meinem Weltbild entspringt; Sie könnten mich also bei nahezu jedem Satz „Warum . . .?“ fragen. Ich

– will nicht über den „wirklichen Gott“ sprechen –  wer oder was auch immer das sein soll –,

– maße mir auch nicht im geringsten an, das zu können, und

– bezweifle ganz stark, daß irgendein anderer Mensch dazu fähig wäre.

 

AD: „Aber Gott hat sich uns doch nach christlichem Verständnis durch seine Menschwerdung geoffenbart. Das glauben Sie also auch nicht?“

Jein; ich möchte es glauben und versuche deshalb, es erst einmal zu verstehen. Sofern mir das gelingt, sollte der Glaube meines Erachtens zu mindestens zwei Konsequenzen führen, die beide nicht die Form von Wissungen besitzen:

1. Die Offenbarung müßte mir aufzeigen, daß Gott ein Geheimnis ist und weder eine naive Einbildung noch ein bloßes Rätsel. Wie sollte das ohne Offenbarung deutlich werden?

2. Die Menschwerdung Gottes läßt mich mein Leben in einem völlig neuen oder erstmaligen Licht sehen und schenkt mir dadurch Möglichkeiten, die es ohne die Offenbarung gar nicht gäbe.

Beides halte ich für zwingend, den andernfalls wäre die Offebarung nicht nötig gewesen. 

1.5. Kopernikanische Wende

Die Denkrichtung unserer Überlegungen können wir in einfachen Worten anhand von vier für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Max Black: „Existierte die Rückseite des Mondes, bevor wir sie gesehen haben?“

Wohl viele von uns dürften sich bei solch naiven Fragen fast beleidigt fühlen und sie natürlich alle mit einem glatten „ja“ beantworten.

Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen.

 

Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt Philosophie, dann schon – die richtige oder die Philosophie der Gegenwart.“ (Franz Rosenzweig)

 

Aber da muß ich Sie enttäuschen:

Die richtige Philosophie kann es nicht geben, weil philosophische Fragen keine endgültigen Antworten kennen – genau das macht sie zu philosophischen Fragen. Was einmal definitiv geklärt sein wird, war schon zuvor keine philosophische Frage. Wir versuchen natürlich, auch letztere zu beantworten, müssen uns dabei jedoch dessen bewußt, in einen unabschließbaren Denkprozeß einzutreten.

„Die Meinung, die sich am Ziel glaubt, blockiert das Verstehen“ (Josef Simon).

Und ob mein Denken gegenwärtig en vogue ist – der zweite Wunsch von soeben –, interessiert mich nicht. Ich möchte möglichst jeglichen Zeitgeist hinter mir lassen; freilich denjenigen, der zur Zeit des Sokrates, Jesus, Thomas oder Newton herrschte, ebenso wie den heutigen.

 

AD: „Ich fürchte, das geht in der Postmoderne gar nicht.“

Da haben Sie natürlich Recht. Vom Zeitgeist distanzieren könnten wir uns nur, wenn es – im glatten Gegensatz zum ihm – zeitlose oder „ewig“ richtige Antworten gäbe. Aber mit dem Verzicht auf Seiende und Ideen gehen unsere kurzzeitigen Richtigkeiten kontinuierlich in diejenigen über, die ein ganzes Leben tragen, so daß wir alle den Zeitgeist höchstens mehr oder weniger deutlich überwinden können.   

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein Bewußtseinswandel hin zu den negativen Antworten auf die obigen Fragen bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten vier Jahrhunderten ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer ständig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir glauben, in den exakten Wissenschaften den Königsweg – vielleicht nicht nur zur Richtigkeit, sondern sogar – zur Wahrheit gefunden zu haben.

Die exakten Wissenschaften – für mich persönlich insbesondere die Theoretische Physik und Mathematik – sind großartig und eine unglaubliche Kulturleistung sowie ein Segen für uns alle. Aber zum einen haben sie nichts mit der Wahrheit zu tun, und zum anderen gibt es sehr viele weitere, ebenso bewundernswerte kulturelle Errungenschaften.

 

Die heute weit verbreitete Annahme, deren Krönung bestände in den exakten Wissenschaften, teile ich nicht. Das bezieht sich insbesondere auf den Reduktionismus, der davon ausgeht, daß sich nahezu alles – Leben, Bewußtsein, Kunst, Sprache, Religion usw. – auf die Physik als fundamentale Naturwissenschaft zurückführen lasse.

Bevor Sie mein Buch jetzt endgültig als „unwissenschaftlich“ beiseite legen, sollten Sie vielleicht einmal in „Geist und Kosmos“ von Thomas Nagel schauen. Obwohl dieses Buch den Untertitel trägt „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“, dürfte es kaum Fachleute geben, die Nagel vorwerfen, er sei unwissenschaftlich.

Und selbst wenn sie es täten: Was spricht eigentlich gegen „unwissenschaftlich“?

 

AD: „Das sehe ich nicht ein; wenn die exakte Wissenschaft richtig ist, muß die Nicht-Wissenschaft als deren Negation falsch sein.“

Nein; zum einen verstehen wir noch gar nicht, worin die angebliche Richtigkeit der exakten Wissenschaft genau bestehen könnte, und zum anderen ist Ihre Argumentation zu simpel gestrickt. Wir werden ausführlich darauf zurückkommen, so daß ich Sie bitte vorerst mit einem Beispiel, das auf Ernst von Glasersfeld zurückgeht, abspeisen darf:

Um den vor ihm liegenden Wald zu durchqueren, tastet sich ein Blinder Schritt für Schritt mühsam vorwärts. Auf der Gegenseite angekommen hat er einen Weg gefunden, um sein Ziel zu erreichen. So, wie der Blinde gelaufen ist, geht es also – auch. Es paßte; aber nicht wie der Schlüssel zum Schloß, sondern wie einer von 1000 Dietrichen. Dieser Weg war möglich – 999 andere wären es freilich auch gewesen.

Die Tradition glaubt an den einen „wahren“ Schlüssel, während die Postmoderne bei den 1000 funktionierenden Wegen, Dietrichen oder Wahrheitspraktiken verbleibt und ihr zufolge jeder von uns vor der Aufgabe steht, daraus die richtigen für die Wahrheit seines Lebens zu finden.

 

Ihr Fehlschluß besteht also in Folgendem:

Natürlich gilt „Wenn A richtig ist, muß Nicht-A als seine Negation falsch sein“; aber das ist an dieser Stelle irrelevant:

Bei uns ist A – der Weg des Blinden – keineswegs richtig, sondern lediglich geeignet oder möglich, um B – die andere Seite des Waldes – zu erreichen.

Ein von A unabhängiges B hat jedoch gar nichts mit dem Negieren von A zu tun.

 

Verstehen Sie mein Relativieren der exakten Wissenschaften bitte nicht falsch; das ist keine Ungerechtigkeit; ich bin dankbar und froh, heute hier in Mitteleuropa leben zu dürfen, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den meisten von uns geht es zum Glück besser als vielen mittelalterlichen Fürsten. Das betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens; selbst die relative Anzahl der Menschen, die gewaltsam umkommen, nimmt angeblich stetig ab (Thomas Piketty, „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“). 

Das entspricht dem Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ bzw. “ jedoch nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle oder Tiefe; das Leben ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

Es geht nur – im Sinne von „allein“ oder „ausschließlich“ – um unser Leben, weil das unüberbietbar ist. 

 

Wir sollten Theodor Adornos Bonmot „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ durch den Hinweis ergänzen, daß aber auch das wahre Leben zwngsläufig nur im falschen beginnen kann.

Unser Leben ist weder Prüfungs- noch Bewährungsort und auch kein Jammertal, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- sowie unterscheidend Christliche. Jesus wurde bekanntlich unter anderem auch vorgeworfen, er sei ein „Säufer und Fresser“.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen“ (wollen).

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das bereits befürchtete „aber nur“ also doch noch – erst die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch sein Wozu oder Ziel, seinen Sinn.

Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – faßte seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Wozu zum Leben besitzt, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus Frankls Mund hat eine solche Überzeugung für mich Gewicht, denn er überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

 

Selbstverständlich können wir das Wozu unseres Lebens – seine mögliche Fülle also oder fromm ausgedrückt das Reich Gottes – völlig ignorieren und mit ungezügeltem Prassen, seichter Unterhaltung bzw. langweiligem Zeitvertreib oder Nicht-Denken in seinem Wie aufgehen.

Aber dieses Wie ist doch nichts anderes als der Status quo unseres Lebens – möglicherweise auf dem Weg zu seiner Erfüllung oder Fülle, seinem Wozu oder Telos. Es ist also weder sekundär noch vermeidbar, sondern – als Beginn des wahren Lebens im falschen – notwendig. Ohne das Wie müßte das Wozu fertig vom Himmel fallen.

Damit schließt sich der Kreis zu meinem „Trott“ im vorigen Kapitel. Er kann fromm, aber niemals gottgefällig sein – weil jeder Trott gegen mich selbst gerichtet ist

 

Ich bleibe also – mit der Tradition – dabei, zwischen dem Wie und Wozu des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, die beiden voneinander zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen:

Das Wie des Lebens ist – als der Status quo des letzteren – die notwendige Voraussetzung seines eigenen Wozu oder der Fülle des Lebens; ohne Wie kein Wozu; ohne Status quo kein Telos; ohne Menschen-Welt kein Gottes-Reich.

In unserem Buch geht es um beides; deswegen mein Plädoyer für Lust und Genuß. Wer das Leben will oder wem es gar – Schiller zum Trotz – als „der Güter höchstes“ gilt, kann in diesen Gedanken einen Vorschlag für unseren obigen Übergang vom Diesseits-Jenseits- zum Immanenz-Transzendenz-Denken sehen. 

 

AD: „Sie sagten, das Reich Gottes müsse ‚ohne sein Wie oder den Status quo einfach vom Himmel fallen‘. Na und? Dann fällt es eben.“

Sie haben Recht; die Fülle des Lebens könnte theoretisch bereits von Anfang an bestehen, so daß wir direkt in sie hineingeboren und der unglückliche Status quo, das unbefriedigende Wie oder das falsche Leben im falschen entfallen würden. 

Warum leben wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes?

 

Auf der einen Seite liegt hier offensichtlich ein entscheidendes Problem vor: Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die Moderne wesentlich durch den – im Nachhinein als recht naiv erkennbaren – Glauben mitbestimmt wurde, die Fülle des Lebens für alle zukünftigen Menschen innergeschichtlich zu verwirklichen; entweder als Kapitalismus oder als Kommunismus.

Auf der anderen Seite kommen aber selbst von Christen, denen diese Frage doch auf den Nägeln brennen müßte, diesbezüglich kaum konstruktive Antworten. Die allermeisten von ihnen sehen sogar in ihrer diesbezüglichen Unwissenheit nicht nur keinen Mangel, sondern geradezu einen Gradmesser demütig-ergebener Rechtgläubigkeit:

„Gottes Gedanken sind nicht meine Gedanken.“

„Wer bin ich, daß ich solche Fragen stellen – oder gar beantworten – könnte?“

 

Mit einer solchen „Logik“ kann ich absolut nichts anfangen; sie ist mir furchtbar zuwider.

Da das Denken im Suchen nach dem Richtigen besteht, über das Gott immer schon verfügt, kann er nicht denken und somit auch keinerlei Gedanken besitzen. Denn andernfalls müßte er doch nach etwas suchen, was er selbst ist oder zumindest hat. Wären Gottes Gedanken meine Gedanken, hätte ich also ebenfalls keine, bei mir wäre das aber dumm.

Mir geht es nicht um fromme Floskeln, sondern um begründbare Aussagen; Christen sollten offen Rechenschaft über ihren Glauben ablegen können und keine Angst vor kritischen Rückfragen haben müssen.

 

Abgesehen von solchen Nebenkriegsschauplätzen schlage ich deshalb vor, diese Problematik ohnehin ganz anders anzugehen:

Bei wichtigen alltäglichen oder wissenschaftlichen Fragen kommt kaum jemand auf den Gedanken, sich mit der Antwort „prinzipiell unlösbar“ abzufinden und sie vielleicht sogar noch durch ein „genau so sollte es doch auch sein“ zu adeln. Läßt sich beispielsweise die Periheldrehung des Merkur mit Newton nicht erklären, finden wir das keineswegs großartig und rechtfertigen es auch nicht damit, daß Gottes (Schöpfungs-)“Gedanken“ nicht unsere Gedanken sind.

Wir bleiben dann keinesfalls bei solch frommen Geschwafel stehen, sondern suchen nach vernünftigen Antworten; in unserem Beispiel gelang Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bekanntlich der Durchbruch.

Weshalb sollten wir in Philosophie oder Theologie anders vorgehen als in der Physik – und in jedem kritischen Weiterdenken empört einen Häresieverdacht vermuten oder eine Gotteslästerung wittern?

 

Unsere Frage, warum wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes leben, ist immer noch offen. Warum eigentlich?

Weil sie sich Im Rahmen des traditionellen Denkens meines Erachtens nicht befriedigend beantworten läßt.

Adam und Eva lebten im Paradies; das ist ein Seiendes und kann folglich als Paradies erkannt werden; so stellt sich die Tradition den Erkenntnisprozeß ja ganz allgemein vor. Die beiden wußten also auch: Wir leben im Paradies.

Wieso haben sie dann nicht glücklich und zufrieden ihre Situation genossen? Sollen die beiden tatsächlich so unfaßbar dumm gewesen sein, im Anblick einer phantastischen Welt völlig unnötigen Blödsinn anzustellen? 

 

Postmodern gibt es keine Seienden; über Begriffe verfügen wir trotzdem, aber es sind nur Denkwerkeuge. Die kann man nicht abschauen – wie vielleicht die Ideen von den Seienden –, sondern sie müssen sich im Laufe der Geschichte entwickeln.

Adam und Eva hatten noch keine Sprache, so daß sie insbesondere nicht über den Begriff des Paradieses verfügen konnten. Das bedeutet, sie

wußten nicht nur nicht, daß sie im Paradies leben, sondern

konnten ohne diesen Begriff auch gar nicht im Paradies leben.

Der „Sündenfall“ war

– also kein Sündenfall, sondern

– die glückliche Eröffnung von Möglichkeiten des Lebens, ohne welche es stumpf, eintönig und dröge geblieben wäre.

 

Mir schwebt – ganz im Sinne dieses Beispiels – eine dogmenfreie Theologie vor, die die „Dogmen“ nicht ignoriert oder gar leugnet, sondern in der sie keine – als willkürlich erscheinenden – Dogmen mehr sind, über welche (nicht allein) die „Atheisten“ nur verwundert den Kopf schütteln können.

Vielmehr müßten die „Dogmen“ als verständliche und möglichst sogar selbstverständliche Resultate aus einem eo ipso begründeten und damit nachvollziehbaren Denken hervorgehen.

Wir werden auf einige Fälle zu sprechen kommen, an denen zumindest deutlich wird,

– wie ich das genau meine und

– daß dieses Ziel nicht illusorisch sein muß.

 

Ein solches Beispiel hatten wir soeben, und ein weiteres kurz zuvor:

Daß der Glaube Berge versetzen kann, ist einfach Nonsens, solange wir an einer objektiven Realität festhalten. Sie muß gecancelt werden, wenn wir die Macht des Glaubens ernstnehmen wollen.

Die Tradition kennt nur Änderungen an ihren identischen Seienden.

Diese sind mit sich selbst identisch(S); A = A. Aus dem Seienden A kann kein B werden.

Daß A zu B wird ist jedoch nicht an sich absurd, sondern nur für Seiende

Wollen wir also Anderungen,

– bei denen sich wirklich etwas tut,

– weil sie über bloße Änderungen – an Seienden – hinausgehen,

– so daß alles anders werden kann,

müssen wir die Seienden verabschieden. 

 

AD: „Die von Ihnen angestrebte dogmenfreie Theologie scheint mir unmöglich zu sein:

Die Offenbarung kann der Vernunft zwar nicht widersprechen, jedoch auch nicht mit ihrer Hilfe abgeleitet werden; andernfalls wäre sie ja gar nicht nötig (gewesen). Wenn Sie keine offenbarten Dogmen anerkennen, ist aber genau das erforderlich; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich vernünftig ergeben.“

 

Nein; darin steckt meines Erachtens ein Denkfehler. Er resultiert daraus, daß Dogmen und Offenbarung – wie zumeist – in einen Topf geworfen werden:

Der Träger der Offenbarung ist allein Gott, denn sie besteht darin, daß er sich selbst durch seine Menschwerdung als Geheimnis offenbart.

Hinter den Dogmen stehen dagegen allein Menschen, die versuchen (müßten), diese Offenbarung so verständlich wie möglich darzustellen. Die Dogmen sind reines Menschenwerk und können somit bestenfalls vernünftig sein.

Natürlich sollten sie es auch, denn je klarer die „Dogmen“ formuliert sind,

– desto besser verstehen wir, daß Gott ein absolutes Geheimnis ist, und

– um so näher kommen wir zugleich meiner dogmenfreien Theologie.

 

Wir dürften die Geheimnishaftigkeit Gottes

– weder bloß behaupten noch

– durch verschwurbelte Dogmen „beweisen“, deren Aufgabe darin besteht, nicht verstanden werden zu können.

Unverständliche Dogmen bestätigen nicht die Geheimnishaftigkeit Gottes, sondern die Grenzen der Theologie.  

Viele Christen beschränken sich leider hierauf und wundern sich vielleicht auch noch, daß das – mit Recht – immer weniger Menschen interessiert.

Dagegen konnte Peter Knauer meines Erachtens mit Recht sagen:

„Woran ein guter Theologe nach Gott am meisten glaubt, das ist die Vernunft.“

 

Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob beispielsweise die Trinität ein Dogma ist oder nicht.

Aber für sehr interessant, spannend und auch wichtig halte ich die Frage,

was mit Trinität gemeint sein könnte und

ob mir dieses Verständnis als richtig im Sinne von lebensdienlich erscheint.

Wahr kann die Trinität als bloßes Wissen natürlich nicht sein. 

1.6. Igel und Fuchs

Von Archilolos ist das Fragment überliefert „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“.

Ich behaupte keineswegs, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das vor Ihnen liegende Buch stellt im Kern den Status quo dar, den die (nicht-physikalische) Entfaltung dieser Idee bisher angenommen hat.

 

Wer sich intensiv mit der Quantentheorie beschäftigt, wird meines Erachtens vor die Alternative gestellt, ob er weiterhin an die Existenz einer objektiven Realität glaubt oder die millionenfachen phantastischen experimentellen Bestätigungen der Quantentheorie ernstnimmt. Beides zusammen scheint nicht möglich zu sein; entweder objektive Realität oder Quantentheorie.

(Wenn Sie sich selbst ein Bild davon machen wollen, ob ich das richtig sehe, wären vielleicht die Bücher von Anton Zeilinger sehr geeignet. Insbesondere „Einsteins Spuk“ und „Einsteins Schleier“ hat er für Laien geschrieben. Zeilinger bekam immerhin 2022 den Physik-Nobelpreis; ich empfehle Ihnen also keinen Autor, den Sie leicht als „Bruder im Geiste“ abtun könnten, weil er mit mir gemeinsam spinnt.)

 

Albert Einstein hatte sich bekanntlich dafür entschieden, den traditionellen Glauben an die objektive Realität beizubehalten, und leider bis zu seinem Lebensende versucht, Fehler oder widersprüchliche bzw. absurde Konsequenzen der Quantentheorie aufzuspüren.

Ich habe mich als Student auf die Gegenseite geschlagen und gedacht:

Unsere Physik ist die grundlegende Naturwissenschaft, die in der Moderne mit dem Ziel antrat, die objektive Realität zu erkennen. Wenn selbst sie zu dem Ergebnis kommt, daß keinerlei Objektivität existiert, dann gibt es in den anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder sonstigen Sphären unseres Lebens wohl erst recht keine.

 

AD: „Aber wieso sind sich dann nahezu alle Menschen – mit Einstein – der objektiven Wirklichkeit außerhalb ihrer Psyche so sicher?“

Dafür gibt es gewiß recht verschiedene Gründe. Einer von ihnen, der mir als besonders wichtig erscheint und unmittelbar unser Thema berührt, dürfte der folgende sein:

Die allermeisten Menschen des Abendlands, die nicht intensiv darüber nachgedacht haben oder einfach lockere Lebenskünstler sind, 

– identifizieren sich selbst mit „ihrem“ Körper und

– betrachten diesen als ein Seiendes, so daß

– sie sich selbstverständlich neben all den anderen Seienden – Mitmenschen, Meere oder Staßenampeln –

– in deren Raum befinden.

Von diesem anschaulich-simplen Konzept geht gewiß eine große Verführungskraft aus. Selbst jetzt noch, fürchte ich, nachdem wir damit begonnen haben, seine Fehler aufzuzeigen; zweieinhalb tausend Jahre hinterlassen ihre Spuren.

 

Werden die Widersprüche des traditionellen Denkmodells tatsächlich einmal tangiert, beruhigt die Selbst-Versicherung:

„Ich bewältige meinen Alltag ganz ordentlich; da können mir diese von den Philosophen erfundenen (Schein-)Probleme ziemlich gleichgültig sein.“   

Sollten Ihnen ähnliche „Argumente“ vorschweben, muß ich Sie enttäuschen:

Erfunden sind nicht die Probleme, auf die wir hier zu sprechen kommen, sondern die Seienden mit ihrer angeblich objektiven Wirklichkeit. Und das hat sich in den letzten 200 Jahren – genauer: spätestens seit Kant – auch allmählich herumgesprochen; insbesondere bei vielen Philosophen und Künstlern. Wir arbeiten also an einer recht aktualen Thematik.

 

Damit sind wir bereits bei meiner Igel-Idee:

Was sich außerhalb meiner Psyche befindet, ist mir prinzipiell nicht zugänglich.

Damit bestehen drei Möglichkeiten, sich zu dieser Sphäre zu äußern:

1. Ich spreche nicht darüber. 

    Das wäre die radikale Lösung, die jedoch kaum konsequent gelebt werden kann.

2. Ich erzähle völlig entspannt,

    – wie ich mir das Außerhalb der Psyche vorstelle und

    – beschreibe damit mein subjektives Weltbild,

    – ohne irgendwelche Ansprüche bezüglich seiner Richtigkeit zu erheben.

3. Ich

    – beanspruche zu wissen, was sich außerhalb meiner Psyche befindet, und

    – mache diese Sphäre damit zu einer Hinterwelt.

   

AD: „Unter einer Hinterwelt verstehen Sie also alles, was

– wir zu wissen glauben, aber

– unmöglich wissen können.“

Ja; und das Entscheidende an diesem Begriff besteht darin, daß er

– ausnahmslos alle Seienden trifft und damit

– die diesseitigen ebenso wie die jenseitigen.   

Wer die Materie beispielsweise als eine objektive Realität betrachtet, muß die Physiker, die von ihr wissen, für hinterwäldlerisch halten. 

 

Auf das Außerhalb meiner Psyche kann ich mich nicht widerspruchsfrei beziehen, so daß keine sinnvollen Gedanken oder Sätze darüber möglich sind. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind willkürlich oder beliebig – weil nicht kontrollierbar –, könnten ebenso durch ihr Gegenteil ersetzt werden und entsprechen somit einem bloßen, sinnleeren Blablabla.

Mein Kerngedanke ist nicht sonderlich schlau, pfiffig, spitzfindig oder ausgefallen; mir wäre es am liebsten, Sie würden ihn als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen und sich darüber wundern, weshalb ich damit so ein Gewese mache.

 

Positiv formuliert lautet meine Grundidee also:

Alle Wahrnehmungen, Denkungen, Vorstellungen, Glaubungen, Erlebungen oder Fühlungen gehören notwendigerweise der eigenen Psyche an; andernfalls hätten wir sie nicht.

Die zugehörigen Wahrgenommenen, Gedachten, Vorgestellten oder Geglaubten

– befinden sich entweder als bloße und damit unwirkliche Projektionen meines subjektiven Weltbilds außerhalb der Psyche,

– oder werden dort als hinterwäldlerische Seiende behauptet.

 

AD: „Haben Sie die Erlebten und Gefühlten absichtlich weggelassen?“

Ja, denn ich sehe keine Möglichkeit, sinnvoll zwischen ihnen und den Erlebungen bzw. Fühlungen zu unterscheiden. Bei den anderen vier Beispielen verhält sich das ein wenig anders:

Das Wahrgenommene etwa

stimmt inhaltlich mit seiner Wahrnehmung überein,

wird aber – als einziger Unterschied zwischen beiden – im Außen der Psyche vorgestellt und

– bildet somit lediglich eine Projektion der primären Wahrnehmung .  

 

AD: „Und die Tradition stellt das alles auf den Kopf; sie

– glaubt (an) Seiende,

– hält diese für primär und

– identifiziert sie mit dem Wahrgenommenen,

so daß die Wahrnehmungen zu bloßen Abbildungen der oder Wissungen von den Seienden werden.“

 

Wer von einem Außen zu handeln meint, gibt also lediglich seine Vorstellungen davon wieder, und die müssen natürlich ebenfalls der Psyche angehören.

„Außen befindet sich die Materie“ stellt lediglich die Vorstellung oder Überzeugung eines naiven Physik-Gläubigen dar; wissen kann das natürlich niemand – selbst wenn es so wäre.

Moritz behauptet dagegen, außen lebe der grasgrüne Steinbeißer. Natürlich ist das Quatsch; deswegen hat Moritz auch weniger Fans als unser Physik-Gläubiger. Aber dessen Überzeugung ist keinen Deut intelligenter, aufgeklärter oder vernünftiger, denn wenn wir die Materie des Physik-Gläubigen gegen den grasgrünen Steinbeißer austauschen, ändert sich absolut nichts.

AD: „Das ist also nur ‚ein Unterschied, der keinen Unterschied macht‘ (Geoffrey Bateson).“

Inhaltlich haben Sie natürlich Recht; aber möglicherweise lebt Moritz durch seinen Glauben auch anders und mag zum Beispile alles Grüne.

 

Natürlich kann sich der Inhalt unserer Psyche vergrößern; aber die Annahme, daß sich dieser Zuwachs zuvor im Außen befunden haben muß,

– gehört selbst zum prinzipiell Unwißbaren und

– ist auch keineswegs logisch zwingend.

AD: „Doch; das ist sie!

Wenn ich jetzt etwas weiß, was mir gestern noch unbekannt war, muß es notwendigerweise in den letzten 24 Stunden vom Außen in meine Psyche hineingekommen sein.

Genau so funktioniert doch der wissenschaftliche Fortschritt ganz allgemein. Unsere Psyche und das Außen befinden sich anschaulich gesprochen nebeneinander, und wir verschieben die zwischen beiden bestehende Trennfläche immer weiter in das Außen hinein, wodurch unser Wissen immer größer wird.“ 

 

Nein; das glaube ich nicht.

Beethoven hatte irgendwann die großartige Intuition, die zu seiner „Ode an die Freude“ führte. Ist sie in den Tagen zuvor von außen in seine Psyche eingedrungen? Wenn „ja“ – was bedeutet dann „außen“? Wo befand sich die Ode zuvor? Im Musik-Himmel?

Newton griff eines Tages den Gedanken auf, Massen würden sich gegenseitig anziehen. Das war und bleibt eine geniale Idee, auch wenn sich heute praktisch alle Physiker einig sind, daß es keine derartige Gravitationskraft gibt, so daß Newton seinen Gedanken unmöglich der Natur abgelauscht haben kann – wie er wohl selbst glaubte. Die Massenanziehung existierte also nicht bereits außen, so daß Newton sie erkennen, das heißt, irgendwie von außen nach innen abbilden konnte. Er hat diese Idee vielmehr in seiner Psyche erzeugt, geerstmaligt, generiert, erfunden oder konstruiert.

Wie anders hätten auch die Imaginationen der Märchenfiguren, Romanhelden, Götter oder Unterwelten entstehen sollen? Wir halten sie für unwirklich; aber das bedeutet doch, daß sie sich niemals im Außen befanden – und trotzdem waren sie irgendwann innen.

Sie wurden alle in geeigneten Psychen geboren. Letztere sind kreativ; sie haben es nicht nötig, ihre Produkte einem angeblichen Außen abzuschauen. Die führenden Wissenschaftler entsprechen den großen Künstlern; beide schaffen Neues; ob das „Quantentheorie“ oder „Faust“ heißt, ändert diesbezüglich nichts.  

 

Der Unterschied wird erst in der zweiten Reihe deutlich; Wissenschaft kann man nachmachen; in ihr läßt sich alles Geerstmaligte wiederholen, so daß nach Einstein Millionen von Physikern die Relativitätstheorie erlernen können und vielleicht besser beherrschen als ihr Erfinder.

Das ist bei der Ode an die Freude offensichtlich wesentlich schwieriger.

 

Das wäre meine erste Entgegnung auf Ihren Einwand, neues Wissen könne nur durch den Übergang bzw. das Abbilden vom Außen in die Psyche entstehen; ein zweites Argument dürfte jedoch ebenso wichtig sein:

Die Psyche ist raumlos oder ein mathematischer Punkt und kann sich somit in keinem Außen befinden, hatten wir jetzt schon mehrfach gesagt. Damit wird freilich auch Ihr anschauliches Bild einer Grenzfläche zwischen Innen und Außen hinfällig, die immer weiter in das letztere hineinwandert.

 

Obwohl mir das alles als sehr zwingend erscheint, sehen es viele Menschen offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außen,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als wahr geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden.

Viele Menschen sind leider überzeugt, ihr richtiges Blablaba von jedem anderen und damit falschen unterscheiden zu können. Hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, politische, esoterische, verschwörungstheoretische oder sonstige Willkürlichkeiten handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen – 200 Jahre nach der „Aufklärung“:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Richtigkeit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig widerspruchsfrei durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, zieht vielleicht weitreichende bis verheerende Folgen nach sich, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Was wir vom Außen denken, kann zwar keinen nachweisbaren Anspruch auf seine Richtigkeit erheben, sich aber nichtsdestotrotz ganz massiv auf das Innen, das heißt, auf unser Leben auswirken.

Wer annimmt, außen befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2032 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.

 

AD: „Ja; aber ein Problem habe ich trotzdem noch:

Solange wir ernstlich miteinander diskutieren, treffen Argumente – Prämissen, Konsequenzen, Begründungen oder Widerlegungen – aufeinander. Hierfür kann es keine Rolle spielen, ob im Außerhalb angeblich eine bestimmte Wirklichkeit existiert oder nicht, denn argumentativ erreichen wir sie ja ohnehin niemals.

Tangiert diese angebliche Wirklichkeit unsere Gespräche dann überhaupt? Wie soll die willkürliche Antwort auf eine prinzipiell unentscheidbare Frage jemals in einem vernünftigen Diskurs virulent werden können?“

Das wird sie natürlich nicht; da haben Sie völlig Recht.

Aber sämtliche Diskurse können in dem Sinne, wie wir es oben mit dem „So ist es; basta!“ erklärt hatten,

ohne alle Vernunft

– von jedem beendet werden, der den Anspruch erhebt, mehr zu wissen als seine Gesprächspartner.

 

Daß meine an Holzschnitt- oder eher noch Kettensägekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann – in einem anderen Zusammenhang, aber ganz in meinem Sinne – zu verdeutlichen:

„Ich rechne damit, daß dieser Text auf ebenso energischen, teilweise empörten Widerspruch stoßen wird wie auf dankbare Zustimmung. Möglicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige flächige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bemühte Darstellung, die auch als gewalttätig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.

Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bemühen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt lähmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht vor lauter Bäumen, Ästen und Zweigen den Wald nicht mehr.

Es fehlt zumeist das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein muß.

Mein Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und ergänzungsbedürftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gründe zu benennen, warum . . .“

. . . wir uns vom traditionellen Denken mit seiner objektiven Wirklichkeit verabschieden sollten.

 

Das tun auch die verschiedenen Spielarten des (Radikalen) Konstruktivismus. Mit ihnen hat unser Ansatz aber kaum etwas gemein, und es hilft vielleicht manchem Leser, von vornherein deutlich zu sehen, weshalb wir einen anderen – wenn auch vielleicht noch schwer erkennbaren – Weg eingeschlagen haben.

Die einzige Übereinstimmung zwischen unserem Ansatz und dem Radikalen Konstruktivismus besteht im Verzicht auf die objektive Wirklichkeit. Aber daraus resultieren bei letzterem zwei Probleme, die der (Radikale) Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann, so daß wir uns von ihm deutlich distanzieren.

 

Das betrifft zum einen die Stellung oder Rolle unseres Gehirns.

Wenn die gesamte Wirklichkeit nur eine Konstruktion darstellen würde, hätten wir keinen Konstrukteur, denn dieser kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er das Gehirn zum Konstrukteur erklärt. Als Rechtfertigung dient ihm hierbei zumeist die angebliche „neurophilosophische Erkenntnis“, unser Ich sei das Gehirn.

Das ist freillich ganz großer Humbug; die unbestreitbare Aktivität bestimmter Gehirnareale beim Sehen beispielsweise lehrt uns – so gut wie gar nichts über das Sehen, sondern lediglich –, daß es höchstwahrscheinlich nicht funktioniert, wenn die entsprechenden Regionen ausfallen. Hier wird die Wirklichkeit des Sehens mit einer seiner notwendigen Voraussetzungen verwechselt.

„Viele Neurophilosophen“ kennen unsere Geistesgeschichte kaum, argumentieren treuherzig-naiv und legen zumeist nur Glaubensbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) verkommt.

 

Abgesehen von der grundlegenden Frage, woher die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus von dem prinzipiellen Unterschied zwischen dem Gehirn als Konstrukteur und der gesamten „restlichen“ Wirklichkeit als dessen Konstruktion wissen (wollen), entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es zwar sehr viele Gehirne gibt, aber jeder von uns nur sein eigenes als Konstrukteur – für alles andere – benötigt. Das bedeutet beispielsweise, daß Ihr Konstrukteur den Konstruktionen meines Konstrukteurs angehören müßte und umgekehrt; ich bezweifle sehr stark, daß sich dies sauber denken läßt, und noch mehr, daß es richtig sein könnte.

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das jeweils eigene Gehirn der Subjekte ganz traditionell als objektive Realität denkt und wohl auch denken muß, um einen Konstrukteur für alles andere zu gewinnen.

 

Wir sind zum einen radikaler; bei uns spielt das eigene Gehirn keine Sonderrolle, sondern gehört ganz normal dem Körper an.

Zum anderen distanzieren wir uns von der „Neurophilosophie“:

Ich bin nicht mein Gehirn, sondern

– eine in Freiheit antwortende Subjektivität,

– ohne die es keine Welt mit Gehirnen gäbe.

 

Meine zweite Schwierigkeit mit dem (Radikalen) Konstruktivismus besteht darin, daß er den gewaltigen Unterschied zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen nicht erklären kann, da beide konstruiert sind. Vor der Wahrnehmung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir jedoch – mit Recht –, während die entsprechende Vorstellung bestenfalls ein wohliges Gruseln hervorruft.

Im (Radikalen) Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergeblich  nach einer befriedigenden Begründung dieses Unterschieds gesucht.

 

AD: „Sie hatten soeben sinngemäß gesagt ‚ohne Subjektivität kein Gehirn‘. Das war wohl ein Versprecher und sollte ‚ohne Gehirn keine Subjektivität‘ heißen?“

Nein; meine Umkehrung war beabsichtigt und ist fundamental für unseren Ansatz.

Traditionell existiert eine objektive Wirklichkeit, und zu ihr zählt insbesondere unser Gehirn. Es gehört zu den notwendigen Voraussetzungen des Lebens, und bei einem solchen Verständnis hätten Sie natürlich Recht: Ohne Gehirn kein Leben.

Aber postmodern denke ich von meinem Leben her, und ohne dieses gibt es gar nichts; insbesondere kein Gehirn. Und auch das erst, nachdem mir der Begriff des Gehirns bekannt ist; ganz analog dazu, wie es Adam und Eva mit dem Paradies ging.   

 

Der Chirurg hat beim Operieren eine Gehirn-Wahrnehmung.

Die Tradition sagt, das wäre nicht möglich, wenn sich im Schädel seines Patienten kein Gehirn befände.

Die Postmoderne meint dagegen, daß der Chirurg

– leben und

– über den Begriff des Gehirns verfügen muß,

um eine Gehirn-Wahrnehmung haben zu können; deshalb ohne Leben kein Gehirn

 

AD: „Und die übliche Variante lehnen Sie als falsch ab?“

Nein; ich halte beide Aussagen für richtig, und sie führen auch nicht zu einem Zirkel, weil das Leben darin zwei verschiedene Bedeutungen besitzt:

In „Ohne Gehirn kein Leben“ liegen zwei Begriffe vor; der Satz gehört in die Biologie oder Medizin; er handelt von unserem Wissen und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Sie meint jedoch das Leben in „Ohne Leben kein Gehirn“, weil die Wirklichkeit die notwendige Voaussetzng alles Wissens bildet.

Genau diese Problematik hatten wir oben schon einmal als Sie sagten, beim Essen wüßten Sie auch, daß Sie essen.   

 

AD: „Komisch; mein subjektives Weltbild kann noch so exotisch sein; das stört Sie überhaupt nicht. Aber wehe mir, wenn ich annehme, es gelte objektiv oder für alle Subjekte gemeinsam – dann werden Sie munter . . .“

Nein; das stimmt nicht; Sie unterliegen einem Denkfehler; er besteht darin, nicht zwischen „objektiv“ und „vollständig intersubjektiv“ zu unterscheiden.

 

Die Physiker vereint die Intersubjektivität ihrer fachlichen Überzeugungen. Wählen wir letztere weniger speziell, wird die Anzahl der Menschen, die sich intersubjektiv einig sind, noch größer, und letztlich ist sogar die vollständige Intersubjektivität aller Menschen als ein asymptotischer Grenzfall denkbar:

Vielleicht sind sich alle Subjektivitäten beispielsweise darin einig, sterben zu müssen.   

 

Zu einer Objektivität gelangen wir auf diesem Wege jedoch nie,

– denn sie entspricht dem subjektivitäts-unabhängigem An-sich der Seienden,

– das mit dem 100%-igen Für-alle-Subjektivitäten aber auch gar nichts zu tun hat.

Nur für die Tradition existiert der Tod an sich; er ist ein Seiendes, und es läßt sich – wie bei jedem Seienden – endlos darüber spekulieren, was das wohl sein könnte.

Ich

– habe nicht nur keine Ahnung davon, sondern

– werde es auch nie erfahren, denn

  — mir begegnet kein objektiver Tod, sondern

  — ich werde als einzigartige Subjektivität sterben.

 

Nun endlich zu Ihrer Frage: 

Sie könnten also völlig problemlos von der gleichen subjektiven Wirklichkeit überzeugt sein wie alle anderen Subjektivitäten auch. Jeder glaubt zum Beispiel (an) den grasgrünen Steinbeißer; das wäre freilich ein Wunder, aber kein Widerspruch.  

Damit kämen jedoch keine objektiven Seienden vor; nur bei ihnen werde ich „munter“, weil sie widersprüchlich sind: Die Seienden

– existieren angeblich wirklich,

– befinden sich jedoch außerhalb der Psyche und

werden trotzdem erkannt.

Das ist kein Wunder, sondern der Humbug einer Hinterwelt!

1.7. Religiöser Hintergrund

Ich bin zufällig katholisch, aber das ist völlig belanglos für dieses Buch. Letzteres scheint mir dagegen sehr wichtig zu sein: Wir müssen verstehen, wieso der religiöse und auch jeder andere Glaube für das Philosophieren irrelevant zu sein hat.

Es gibt ebensowenig ein christliches oder gar katholisches Philosophieren wie ein islamisches, kapitalistisches oder nationalistisches: Wir haben nur die Alternative zwischen einem ergebnisoffenen Denken – dem Streben nach Wahrheitoder dem Vertreten einer Ideologie – dem angeblichen Besitz der Wahrheit. Jeder, der – völlig unabhängig von der Farbe – zu Beginn schon weiß, wohin sein „Denken“ führt bzw. was „wahr“ ist, versteht nicht, was es bedeutet zu denken, und ist Ideologe.

 

Mich interessiert demzufolge auch absolut nicht, wer irgendwas sagt, sondern lediglich, welche grundlegenden Antworten irgendwer vernünftig begründet. Würde die Relativitätstheorie von Adolf Hitler stammen, wäre sie keinen Deut weniger genial als die Einsteinsche.

Ich lese also keine Bücher katholischer Autoren, nur weil sie katholisch sind, sondern solche jeglicher Couleur, sofern ich hoffen kann, daß sie mir helfen, selbst zu denken und damit meiner eigenen Wahrheit näher zu kommen. Das ist diejenige meines Lebens, und die kann natürlich in keinem Buch stehen; dort gibt es bestenfalls hilfreiche Sätze.

Auch bei meinem eigenen Schreiben versuche ich stets, mir dessen bewußt zu sein. Weder will ich Ihnen etwas mitteilen, noch sollen Sie mir glauben; vielmehr möchte ich Sie anregen zum eigenen Fragen, Sich-Orientieren und Weiterdenken.

 

Hochkomplexe bzw. abstrakte Entitäten – wie Liebe, Demokratie, Freiheit oder Recht – können wir als solche nicht erfahren; das ist nur möglich, wenn sie eine konkrete Gestalt annehmen, sich verleiblichen, ausdrücken oder darstellen.

Sage ich beispielsweise zu einem Menschen „Ich liebe Dich; das haben wir damit für ein und allemal geklärt“, und er erfährt dann diesbezüglich tatsächlich nichts mehr, war es gelogen. Eine „Liebe“, die sich nicht ausdrückt oder verleiblicht, ist keine Liebe; sie bedarf notwendigerweise irgendwelcher Darstellungsformen; Zärtlichkeit, Schutz, Einsatz, Verständnis, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, Sexualität, Geborgenheit usw.

Kein Ausdruck ist die Liebe, aber ohne Ausdruck ist auch keine Liebe.

 

Das können wir nahezu wörtlich auf den Glauben übertragen. Auch er kann nicht als solcher oder rein erfahren werden, sondern nur in geeigneten Ausdrucksformen bzw. durch diese. Sie können zum Beispiel in der Kunst oder Lebensführung bestehen, in Gebet, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verkündigung, Liturgie, gesellschaftlichem Engagement und Meditation, in Geschichten oder Theologie. Ein „Glaube“ ohne alle Verleiblichungen, ist kein Glaube; er ist auch nicht rein, sondern rein gar nichts.

Auf der einen Seite darf also keine einzelne Darstellungsform mit dem Glauben identifiziert werden; Sex allein ist auch keine Liebe. Der Glaube kann also beispielsweise auch nicht mit dem Für-wahr-Halten irgendwelcher Geschichten gleichgesetzt werden – welcher auch immer –, obwohl er sich natürlich auch in ihnen ausdrücken kann; bei einem Kind beispielsweise in der Schöpfungs-, Weihnachts- oder Emmausgeschichte. 

Auf der anderen Seite ist natürlich auch niemand gezwungen, seinen Glauben auf eine ganz bestimmte Art zu leben.

 

Wer dies jedoch – aus freien Stücken – in Form der Theologie tun möchte, muß sich notwendigerweise den Maßstäben unterordnen, die auch sonst mit Recht an eine Wissenschaft gestellt werden – andernfalls ist es keine Theo-Logie. Das bedeutet insbesondere, daß der Theologe sich möglichst exakt ausdrücken sowie logisch sauber denken sollte und in seiner Argumentation nicht auf Zitate als Beweise, Prämissen oder gar Letztbegründungen zurückgreifen kann.

„Heilige“ Schriften sind dabei nicht bessergestellt als profane, weil ihre angebliche Heiligkeit – vielleicht nicht für den Glauben, gewiß aber – theologisch ebenfalls auf dem Prüfstand steht. So wenig sich ein guter Physiker auf Werner Heisenberg oder Nils Bohr berufen wird, darf dies ein passabler Theologe mit Jesus oder Paulus tun – völlig abgesehen von allen damit verbundenen exegetischen, hermeneutischen und sprachlichen Problemen.

Im Zen-Buddhismus „sind die Heiligen Schriften nichts anderes als schmutzige Papierabfälle“ (Shizuteru Ueda), in denen zum Beispiel bezogen auf das Meditieren steht: „Wenn Du den Buddha siehst, töte ihn.“

 

Theologisch sind die Aussagen des Lehramts für mich ebenfalls nur beliebige Meinungen; einen Mehrwert würden auch sie erst durch eine originelle Sichtweise, ihre integrierende Kraft oder Fruchtbarkeit, saubere Begründung, Kreativität, Zeitgemäßheit und ähnliches erhalten.

Wenn Johannes Paul II beispielsweise höchst offiziell die Meinung vertrat, Frauen könnten nicht zu Priestern geweiht werden – „Basta!“ –, dann bereitete er vielleicht einigen gutgläubigen Christen größere Probleme, aber nicht einer denkenden, das heißt, freien Theologie, denn der sollten meines Erachtens sämtliche bloßen, das heißt, schlecht oder gar nicht begründeten Meinungen gleichgültig sein.

Um sie ernstnehmen zu können, müssen Stellungnahmen so erklärt werden, daß ich ihre Rechtfertigung verstehen und dieser guten Gewissens zustimmen kann. Eine „Begründung“, die mir nicht einleuchtet, ist keine Begründung, denn im Verstanden-Werden und Nachvollziehen-Können besteht der Sinn aller Erklärungen oder Rechtfertigungen – nicht im bloßen Beteuern ihrer angeblichen Richtigkeit oder gar Wahrheit.

Bleibt es bei einem solchen Beteuern, interessiert mich die Meinung nicht.

 

Kinder können sich rechtfertigen mit „Mama hat aber gesagt“; wir dürfen das nicht; ganz gleich, für wen „Mama“ steht.

AD: „Und wenn sie für Gott steht?“

Daß er zu mir gesprochen hat, kann lediglich eine Hoffnung sein, auf die ich mich einlasse, indem ich dem folge, was mir mein Gewissen zu sagen scheint; mehr geht gar nicht.   

 

Nur unsere eigene Vernunft kann den Glauben von jeglichem Aberglauben unterscheiden oder das Wirken Gottes von aller Zauberei.

AD: „Müssen wir das tun? Gott ist nach christlichem Verständnis in seiner Schöpfung – als Heiliger Geist – gegenwärtig; und ich dachte immer, es sei seine Aufgabe, für den wahren Glauben zu sorgen.“

Ich widerspreche dem in keiner Weise: 

Der Glaube läßt sich nicht mittels des Verstandes oder seiner Logik und nicht einmal aus der Vernunft herleiten, sondern verdankt sich nach christlichem Verständnis der Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. In dem Maße, wie sie durch das Wirken des Heiligen Geistes bei uns ankommt, sprechen wir vom – eo ipso subjektiven – Glauben.

Dieses Ankommen ist nur sprachlich möglich; es gibt das Gotteswort ausschließlich im Menschenwort. Einerseits würden wir sonst absolut nichts davon verstehen; andererseits sind hierdurch natürlich auch Nicht- und Mißverstehen möglich. 

Nun kommt der Heilige Geist ins Spiel, indem er das, was dem Verstand oder der Vernunft widerspricht, als Aberglauben aussortiert.

AD: „Er wirkt also gar nicht göttlich?“

Wieso nicht?

 

Die Ergebnisse, zu denen die Theologen gelangen, sollten ihnen helfen, ihren Glauben besser zu verstehen. Das Verstehen kommt – sofern wir uns für die Theologie als Ausdrucksweise entscheiden – natürlich stets vor dem Glauben bzw. Nicht-Glauben, denn diese bestehen darin, verstandene – und damit insbesondere auf ihre Widerspruchsfreiheit geprüfte – Inhalte anzunehmen und zu leben resp. abzulehnen und zu ignorieren. 

Was wir nicht verstanden haben, können wir theologisch weder glauben noch nicht-glauben; wir wissen doch gar nicht, worum es geht. Wer „glaubt“, ohne zu verstehen, glaubt nicht, sondern wiederholt lediglich leere Worte; entsprechend lehnt natürlich auch nur leere Worte ab, wer ohne zu verstehen „nicht-glaubt“.

Deswegen gibt es heute theologisch relativ selten nicht nur Gläubige, sondern auch Nicht-Gläubige; es wird wenig gedacht, aber viel geredet, geeifert und vor allem gefühlt. Der weltweite Aufschwung der Evangelikalen, Frei- oder Pfingstkirchen bestätigt letzteres meines Erachtens.

Damit sage ich nichts gegen deren Gläubige, sondern lediglich wertfrei, daß ihre Ausdrucksform des Glaubens nicht die theologische ist. Natürlich muß sie das auch nicht sein; aber dann werden sich kaum fruchtbare theologische Gespäche entwickeln können.

 

AD: „Vom Bauchgefühl her mißfällt mir, daß das Verstehen so eindeutig vor dem Glauben kommen soll. Tertullians ‚Ich glaube, weil es absurd ist‘ erscheint auch mir als eine sehr schwache Argumentation. Aber Anselms ‚Credo ut intelligam‘ (Ich glaube, um zu verstehen) läßt sich meines Erachtens nicht so einfach von der Hand weisen.“

Da stimme ich Ihnen vollkommen zu; um meine diesbezügliche Überzeugung trotzdem zu verstehen, müssen wir ein klein wenig vorgreifen:  

 

Der Glaube hat meines Erachtens so gut wie gar nichts mit dem Wissen zu tun; er ist kein Für-richtig-Halten, sondern eine Form des Lebens, die uns zu dessen Wahrheit führen soll bzw. will.

Nehmen Sie als Beispiel das Altarsakrament. Die Kirchen streiten zum Teil recht erbittert, ob hierbei eine Transsubstantiation erfolgt oder nicht. Das

– ist zum einen nur innerhalb des traditionellen Denkens möglich, weil Substanzen den Inbegriff der Seienden bilden, und

– setzt zum anderen voraus, daß es im Glauben um das richtige Wissen geht.

Würde letzteres stimmen, hätte Anselm eindeutig  Unrecht. Kein Glaube der ganzen Welt führt zum richtigen Wissen; dafür muß man sich anstrengen, selbst denken und mutig sein. 

 

Beim Altarsakrament geht es meines Erachtens einzig und allein darum, ob mit mir etwas geschieht. Tut es das, ist dies allein durch den Glauben möglich und wirkt wiederum bestätigend auf ihn zurück.

Hierzu gehört Anselms „Credo ut intelligam“, mit dem kein Wissen im traditionellen Sinne gemeint ist.

AD: „Das entspricht eher dem Vertrauensvorschuß, den wir für ein gelingendes Leben häufig leisten müssen. Liebe und Freundschaft, Bildung und Erziehung, Wirtschaftskontakte oder sogar Urlaubsreisen gelingen kaum ohne ihn. Um die Zuverlässigkeit von Versprechungen oder Zusagen überprüfen zu können, lassen wir uns ein Stück weit auf sie ein; ob das berechtigt war, zeigt sich immer erst im Nachhinein.“

Und der Glaube

– entspricht vielleicht dem Vertrauen,

– daß der Vertrauensvorschuß, den wir für ein wahres Leben zu leisten bereit sind,

– nicht ins Leere geht, gerechtfertigt oder unser Engagement wert ist.

Wir glauben nicht was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten, hatte ich oben schon einmal geschrieben, paßt aber auch hier ganz genau.  

 

Wer nicht selbst denkt, kann keine Überzeugung besitzen, sondern höchstens eine „Autorität“, der er blind und kindisch folgt. „Mama hat aber gesagt . . .“

Wer denkt, irrt vielleicht, aber das macht ihn niemals zum Häretiker oder Ketzer, denn dazu wird man allein durch das Häretiker- bzw. Ketzer-Sein-Wollen, aber nicht durch das Streben nach der Wahrheit.

AD: „Das bezweifle ich; wozu brauchten wir überhaupt Religionen, wenn sich jeder selbst überlegen kann, was er glauben will?“   

 

Es erscheint mir einfach als selbstverständlich, nur allein entscheiden zu können, was ich glaube, und mir diesbezüglich von niemandem Vorschriften machen zu lassen; das gilt um so mehr, je existenzieller die betreffenden Fragen sind.

Zum einen bin ich für mein gesamtes Leben und damit auch für meinen Glauben selbst verantwortlich; es gibt keine Ausreden.

Zum andere kann doch nur eine tiefe Überzeugung, die wirklich Herzenssache ist, als religiöser Glaube ernstgenommen werden. Die muß aber aus mir selbst kommen; Glauben läßt sich ebensowenig anordnen wie Lieben, Glücklich-, Spontan-, Frei- oder Dankbar-Sein.

 

AD: „Traditionell denkende Christen würden Ihnen gewiß widersprechen und als Argument vielleicht das Zitat ‚Der Glaube kommt vom Hören‘ aus dem Römerbrief bemühen.“

Ich stimme Paulus 100%-ig zu und ergänze lediglich, daß es in unserem Leben sehr viel Verschiedenes zu hören gibt und wir deshalb bereits denken müssen, um vernünftig auszuwählen, worauf wir hören wollen, das heißt, was wir gegebenenfalls glauben könnten.

Das mag bei vielen Menschen die Bibel sein, wird es aber nicht notwendigerweise. Jeder von uns muß selbst seinen Weg finden, und dazu gehört meines Erachtens ganz wesentlich, daß wir auch entscheiden müssen, was wir lesen, das heißt, wovon wir uns die stärksten Impulse für die Gestaltung unseres Lebens versprechen.

Ich bin zum Beispiel sehr sicher, daß einige zeitgenössische Theologen, die sich ein Leben lang mit der Heiligen Schrift auseinandergesetzt haben, mir ein viel tieferes Verständnis vermitteln können, als dies beim eigenen Lesen der Bibel jemals möglich wäre. Allein schon aus Zeitgründen, muß ich mich also für – meines Erachtens – gute Theologen entscheiden. 

 

Es wäre die eminent wichtige Aufgabe eines postmodernen Lehramts, durch sauberes Argumentieren – statt leeren Machtgehabes – auf eventuelle Denkfehler hinzuweisen, damit wir sie alle vermeiden können. Ein so verstandenes Lehramt würde nicht nur keinen unnötigen Stein des Anstoßes und damit kein Handicap der katholischen Kirche (mehr) darstellen, sondern eine höchst willkommene, weil wirkliche Lebenshilfe für alle Menschen; und als eine solche verstehe ich den Glauben ganz allgemein:

Er ist meines Erachtens weder eine Theorie noch ein Ge- oder Verbotssystem und damit auch keine Ethik, sondern Ermöglichung, Unterstützung, Hilfe und Ansporn, um die Fülle eines wahren freiheitlichen Lebens zu erreichen.

 

Die Postmoderne entbindet das Lehramt von der „Aufgabe“, eine traditionell verstandene (Glaubens-)Wahrheit durch die Geschichte hindurch bewahren zu müssen. Natürlich nicht, weil das Lehramt der Postmoderne folgen müßte – dann wäre sie das neue „Lehramt“ –, sondern weil die Postmoderne zeigt, daß es diese Aufgabe gar nicht geben kann.

Zum einen existiert ohne objektive Wirklichkeit keine traditionelle Wahrheit, und

zum anderen wird sie auch nicht benötigt, um Denkfehler zu erkennen; dafür genügen (möglichst) vorurteilsfreie Gespräche unter Interessierten  

 

AD: „Ich staune, wie Sie als Katholik das traditionelle Lehramt abkanzeln. Woraus resultiert Ihre diesbezügliche Sicherheit?“

Drei Punkte dürften in meiner Antwort besonders wichtig sein:

 

1. Ich glaube, daß Gott in seiner „Schöpfung“ anwesend ist; diese Präsenz wird „Heiliger Geist“ genannt.

Zum einen weht er dem Johannes-Evangelium zufolge, „wo er will“, und zum anderen bin ich überzeugt, daß Gott trotz seiner Menschwerdung, Selbstmitteilung oder Offenbarung ein Geheimnis bleibt. Dann ist es ebenso absurd wie widersprüchlich, den Heiligen Geist an das Lehramt binden zu wollen. Das läßt sich meines Erachtens weder vor der Vernunft noch aus dem Glauben rechtfertigen.

 

Ich habe, anders formuliert, keinerlei Schwierigkeiten damit, die Kirche als den Leib Christi zu verstehen. Da wir jedoch, wie noch deutlich werden wird, nicht einmal unseren eigenen Leib wissen können – sondern nur den Körper –, scheint mir der Anspruch, beim Leib Christi einteilen zu wollen, daß beispielsweise Kardinal M. ihm angehöre, der Religionskritiker N. aber nicht, eine unglaubliche Hybris zu sein.

Die Kirche läßt sich nur als Leib Christi verstehen, wenn sie wie Christus selbst unsichtbar ist. Nicht letzterer, sondern sein Körper namens „Jesus“ wanderte vor 2000 Jahren durch Galiläa, und nicht einmal der gehörte zum Leib Christi.

(Das ist ein besonders markantes Beispiel für die Unsinnigkeit von Fragen, die sich uns zwangsläufig aufdrängen, solange wir die Subjekte gut traditionell, aber trotzdem fälschlicherweise mit ihrem Körper identifizieren.) 

 

2. Ich halte es für unmöglich, Sinn, Bedeutungen, Inhalte, Werte, Ge- oder Verbote konstant durch eine Geschichte hindurchtragen oder bewahren zu wollen, in der sich alles andere ändert.

Meine Begründung ist denkbar einfach:

Unsere – eo ipso subjektiven – Begriffe bilden eine integrale Einheit, in der sie alle im Weltbild verbunden sind. Darin kann es prinzipiell keinen Teilbereich etwa der „Glaubens-Begriffe“ geben, der konstant bleibt, während sich alle sonstigen im Verlaufe der Geschichte ändern.

 

Der traditionelle Versuch, die gewünschte Konstanz durch das Wiederholen der alten Worte zu garantieren, dürfte angesichts der Situation unserer Kirchen schon lange als gescheitert gelten. Daß beispielsweise Jesus sich in seinen Gleichnissen häufig auf die Landwirtschaft bezog, ergibt sich allein daraus, daß er von ihr etwas verstand, und hat keine „tiefere“ Bedeutung.

Christus war

– (auch) ein wahrer Mensch und als solcher kann er – wie auch jeder von uns –

– nur ein Kind seiner Zeit gewesen sein.

Wer das bestreitet, leugnet die Menschwerdung.

 

3. Wir hätten uns den zweiten Punkt sogar sparen können, denn

– weder ist der Glaube eine Lehre,

– noch geht es darum, das, was sich vor 2000 Jahren in Galiläa ereignete – insbesondere die Worte, die Jesus vielleicht gesprochen hat, – möglichst genau wiederzugeben. Auch das tollste Wissen über den historischen Jesus führt nicht zum Glauben, wie die Leben-Jesu-Forschung zeigt, und hat höchstens am Rande mit dem Gauben zu tun.

Er bedeutet meines Erachtens vielmehr, „das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die uns die Selbstoffenbarung Gottes zur Verfügung stellt; hierdurch wird das gleiche Leben ein ganz anderes“ (Hans-Joachim Höhn).

 

Damit meine ich ausführlicher Folgendes:

Das Leben eines „Atheisten“ besteht in der Einheit { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . }

Konvertiert er zum Glauben, kommt letzterer nicht noch zu dieser Einheit hinzu

– { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken, Glauben . . . } –, 

sondern der Glaube entspricht einem Vorzeichen, das die gesamte Klammer betrifft,

– † { Essen, Arbeiten, Spielen, Leiden, Feiern, Denken . . . } –;

„das gleiche Leben wird ein ganz anderes“.

 

Mit den nachfolgenden drei Zitaten von Höhn kann ich mich voll identifizieren:

„Wer Theologie studiert, muß lernen, daß Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen, vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

„Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit nicht verdient, ‚Gott‘ genannt zu werden, und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen sollte.“

„Die Theologie ist nicht dazu da, ihre Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, daß man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und daß man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“ 

 

Die philosophisch denkenden Theologen, denen ich am meisten zu verdanken habe, sind vielleicht Kurt Appel, Eugen Biser, Dietrich Bonhoeffer, John D. Caputo, Ingolf U. Dalferth, Eugen Drewermann, Georg Essen, Klaus Hemmerle, Hans-Joachim Höhn, Gregor Maria Hoff, Eberhard Jüngel, Gordon D. Kaufman, Peter Knauer, Jörg Lauster, Jean-Luc Marion, Meister Eckhart, Dietmar Mieth, Dewi Z. Phillips, Willibald Sandler, Hartmut von Sass, Thomas Schärtl, Raymund Schwager, Magnus Striet und Jürgen Werbick.

Würden Sie mir die Pistole auf die Brust setzen „Nur einer!“, wäre dies wohl Hartmut von Sass.

 

Auf die Frage, ob Menschen, denen mein Verständnis des Glaubens, zu komplex ist, auf „die liebe alte Art weiterglauben“ dürften, antworte ich mit Stefan Schütze:

„Sehr gerne; ich habe doch nicht die Absicht, jemandem seinen Glauben wegzunehmen“, mit dem er glücklich und in Frieden leben kann. „Das wäre furchtbar überheblich und absolutistisch. Nur erwarte ich von diesen Gläubigen, daß sie ebenfalls andere Einstellungen akzeptieren und auch ihre Glaubensweise nicht fanatisch, unhinterfragbar oder gar gewalttätig vertreten.“     

 

Ich schreibe dieses Buch nicht für die fraglos Glücklichen, um ihnen völlig unnötige Probleme einzureden, sondern für diejenigen, die Schwierigkeiten mit ihrem Glauben bzw. subjektiven Weltbild haben und nach intellektuell redlichen Antworten suchen.

Vielleicht ist es hoffnungslos naiv von mir anzunehmen, das gegenwärtige Verdunsten des christlichen Glaubens in Mitteleuropa hätte etwas mit der Form unserer Verkündigung zu tun. Noch gehe ich aber davon aus und suche folglich nach einer Sprache, die Außenstehende bei ihren Lebensproblemen voller Spannung und Neugierde fragen lassen könnte:

„Welche konstruktiven Ideen würden wohl gläubigen Christen in meiner Situation einfallen? Sie müßten theoretisch mehr sehen können als ich, denn, der Glaube besteht nach Höhn angeblich darin, ‚das eigene Leben im Licht der Möglichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verfügung stellt‘.

Über diese Möglichkeiten verfüge ich leider nicht; lohnt es, sich darum zu bemühen?“

 

Der Gott des Lebens muß Freiheit wollen, weil nur mit ihr ein erfülltes Leben möglich ist. Dann existieren jedoch notwendigerweise so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt, und wir sollten einander helfen, daß möglichst jeder von uns den seinen findet.

AD: „Besteht hier nicht ein Widerspruch? Können Sie sich zum Christentum bekennen und gleichzeitig zugestehen, es gäbe so viele Wege zu Gott wie Menschen?“

Ich bin überzeugt, daß sich diese beiden Seiten ergänzen:

Der Glaube ist eine Hilfe, um die Wahrheit des eigenen Lebens zu finden und muß damit ebenso subjektiv sein wie das Leben. Aber dieser Glaube, haben wir am Anfang des Kapitels gesagt, wird nur wirklich, indem er sich ausdrückt oder verleiblicht. Dafür bilden die Religionen mit ihren Konfessionen viele Angebote oder „Optionen“ (Hans Joas).

Wer sie nutzt, lebt seinen subjektiven Glauben mit Hilfe des von ihm gewählten intersubjektiven Rahmens. Wer nicht fündig wird, hat es schwerer, denn er muß sich seinen Weg selbst bahnen.

 

Ich veranschauliche mir dieses Zusammenspiel, Miroslav Volf folgend, an der musikalischen Improvisation; etwa beim Jazz:

Jeder Musiker spielt zwar frei seine persönliche Musik, aber letztlich macht keiner hemmungslos, was er will, sondern die Einzelinstrumente fügen sich wie von selbst zu einer Harmonie.

 

Und schließlich bildet der christliche Rahmen kein Gefängnis; ich muß nicht Christ bleiben, sondern soll meinem Gewissen folgen – auch wenn es mir beispielsweise rät, mich (in verschiedenen Hinsichten) zum Atheismus oder Buddhismus zu bekennen.

Religionen und ihre Konfessionen sind nur sekundär; mir geht es nicht um ein nachweisbares Christ- oder gar Katholisch-Sein, sondern um die verborgene Wahrheit meines Lebens.

1.8. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte.

Gilles Deleuze schrieb ganz in meinem Sinne: „Ich gehöre zu einer Generation, einer der letzten Generationen, die man mehr oder weniger mit der Philosophiegeschichte umgebracht hat. Die Philosophiegeschichte übt in der Philosophie eine ganz offenkundig repressive Funktion aus.“

Das entspricht zudem meiner festen Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur ein (eigenständiges) Philosophieren im Sinne von Selbst-Denken.

 

Meine gelegentlichen Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen bzw. auch einfach nur andeuten, daß wir beide nicht allein sind, wenn Sie inhaltlich mitgehen.

Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge. Derartige „Hinweise“ deuten einen Unterschied zwischen uns an, auf den ich gerne verzichten möchte, weil er uns nicht weiterbringt.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Das versuche ich zu beherzigen und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende; weder für Ignoranten noch für Halbgebildete bzw. Alles- und Besserwisser.

Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“

Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Meine wichtigsten Gewährsleute bei den Philosophen sind Georg Bertram, Ernst Cassirer, Isolde Charim, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Hans-Georg Gadamer, Gotthard Günther, Michael Hampe, Martin Heidegger, Michel Henry, Hans Joas, François Jullien, Carl Gustav Jung, Matthias Jung, Immanuel Kant, Julia Kristeva, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Dieter Mersch, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Friedrich Nietzsche, Corine Pelluchon, Charles Sanders Peirce, Georg Picht, Paul Ricœur, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Franz Rosenzweig, Wilhelm Schapp, Josef Simon, George Spencer-Brown, Gianni Vattimo, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizsäcker und Ludwig Wittgenstein.

Hätte ich mich wieder zu beschränken, müßte ich wohl eine Erschießung inkauf nehmen; Jacques Derrida, Emmanuel Levinas, George Spencer-Brown, Ludwig Wttgenstein und nach wie vor Michel Henry sind mir besonders wichtig.

 

Ich entschuldige mich nicht, daß sich unter all meinen „Kronzeugen“ mit Isolde Charim, Julia Kristeva sowie Corine Pelluchon nur drei Frauen befinden; es hat sich ganz einfach so ergeben. Hanna Arendt, Judith Butler oder Natalie Depraz beispielsweise sind für mich phantastische Denker, die ich auch sehr gerne lese, es aber eben nicht in meine Top-50 geschafft haben.

Ich gendere nicht; keineswegs weil ich das dieser Thematik zugrundeliegende Problem und Ziel ignoriere oder gar ablehne, sondern weil mein Text auch in seiner maskulinen Version bereits schwierig zu verstehen ist und ich alles tun möchte, um Ihnen diesbezüglich zu helfen.

 

Vor 17 Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ die Hinführung zu einem etwas avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ ernstnehmen zu können.

Die ersten 100 Seiten davon würde ich Ihnen heute noch guten Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme.

Auf der anderen Seite können wir jedoch trotzdem nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen – für bloßes Nachplappern ist kein Denken erforderlich und genügt unter Umständen ein Papagei –, sich jedoch als ihre zeitgemäße Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür wohl nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen kommen konnte

Ich nenne bereitwillig Namen, um mich nicht mit fremden Federn zu schmücken, „erhebe aber überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das, was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat“ (Ludwig Wittgenstein). 

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht.

Bei letzteren denke ich freilich an einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff), wie wir ihn etwa von Albert Camus, Gilles Deleuze, Jürgen Habermas, Martin Heidegger, François Jullien, Bruno Latour, Richard Rorty, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk, Martin Walser oder Slavoj Zizek kennen.

Aber unser subjektives Weltbild wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.

 

Daß wir inmitten eines fundamentalen Bewußtseinswandels leben, dürften die Wenigsten von uns bestreiten wollen; weder seine Protagonisten noch die Skeptiker. Möglich ist ein solcher wohl nur in Zeiten einer Krise, und zu letzterer gehört auch immer, daß nicht klar ist, 

– ob sie bestanden wird und schon gar nicht,

– wohin die Krise im positiven Falle führt. 

Die Chancen auf ein gutes Ende vergrößern sich vielleicht mit der Anzahl der Menschen, die sich um ein solches bemühen. Ich glaube das jedenfalls, und mein diesbezüglicher Beitrag liegt vor Ihnen.

Als Namen für diesen Versuch zu einer Philosophie der Freiheit schwebt mir „Wirklichkeit als transzendentales Sich-Zeitigen“ vor.

 

„Transzendental“ hat nichts mit Transzendenz zu tun, sondern meint (seit Kant) die Frage nach den notwendigen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit empirische Erkenntnisse – unsere Wahrnehmungen also – möglich werden.

Deren notwendige Voraussetzungen können einerseits nicht wieder in Wahrnehmungen bestehen. Andererseits müssen sie aber trotzdem mit der Empirie verbunden bleiben, weil es um deren Voraussetzungen geht; deswegen nicht „transzendent“, sondern „transzendental“.

 

Ebenso zwingend erscheint es mir, die Wirklichkeit als ein Sich-Zeitigen zu verstehen, weil ich keine weitere vernünftige Alternative zur Existenz der Seienden sehe. 

Den entscheidenden Unterschied, um den es in diesem Paradigmenwechsel geht, hatten wir schon mehrfach angedeutet:

 

„Schon immer“, also „seit Adam und Eva“ leben Menschen der Tradition zufolge als Seiende mit bzw. unter Seienden. Natürlich kannten die Menschen früher diesen Begriff noch nicht, aber unabhängig davon hatten die Seienden bereits damals die Eigenschaften, die sie – heute noch – besitzen; insbesondere waren bzw. sind die Seienden erkennbar.

Adam und Eva

– lebten im Paradies,

– konnten das also wahrnehmen und

– somit auch wissen oder

– formulieren.

Unsere Babys

– leben (zumeist) in ihrem Elternhaus,

– können das also wahrnehmen und

– somit auch wissen, aber

– nicht formulieren, weil ihnen noch die Sprache fehtl.  

 

AD: „So ganz wohl fühle ich mich bei Ihren Zusammenstellungen nicht . . .

Glauben Sie ernstlich, daß Babys schon über Wissen verfügen, es in Ermangelung einer Sprache nur noch nicht ausdrücken können?“

Natürlich nicht; und mir ist auch recht, daß diese Annahme Sie irritiert. Ich habe nur das Denken der Tradition ernstgenommen: 

Ihm zufolge kommen das Wahrnehmen, Denken und Wissen vor der Sprache und erfolgen unabhängig von ihr. Sie tritt dann lediglich noch additiv hinzu und eröffnet uns die Möglichkeit, alles, was sich schon länger in unserer Psyche befindet, nun auch kommunizieren zu können.

Ich halte diesen Ansatz nicht nur für abenteuerlich, sondern sogar für widersprüchlich:

Dann müßten die Babys doch schon ahnen, die Sprache welcher Kultur sie einmal erlernen werden, um zuvor schon die kulturspezifischen Wahrnehmungen, Denkungen und Wissungen entwickeln zu können, die dann nur noch richtig bezeichnet werden.

 

Wir wechseln postmodern die Wirklichkeit von den Seienden zum Sich-Zeigen und hoffen, damit unter anderem auch diesen Widerspruch beseitigen zu können.

1.9. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte des Inhalts zusammenfassend wiederholt, damit die Studenten sich das neue Wissen möglichst fest einprägen.

Bei uns geht es jedoch nicht um das Lernen von Sachverhalten, sondern um das Korrigieren von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Reflexionsniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen:

Wo befinden wir uns, und weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen?

Was erweist sich aus dieser neuen Perspektive als falsch an dem alten Weg?

Welche überraschenden Möglichkeiten eröffnet der neue?

 

AD: „Ja; das würde mich auch interessieren . . .

Ich habe ernsthaft versucht, Ihnen zu folgen; das war jedoch ein ziemliches Auf und Ab; gegenwärtig erscheint mir Ihre Idee, die objektive Wirklichkeit canceln zu wollen, wieder einmal als absurd:

Wir würden nach der Arbeit die Wohnung nicht finden, könnten keine Freunde wiedererkennen oder wären unfähig, ein bestimmtes Buch im Regal zu suchen.

All das funktioniert doch nur, weil

– die objektive Wirklichkeit der Seienden nicht nur existiert, sondern

– auch hinreichend stabil ist, so daß

– wir sie in der Psyche repräsentieren können,

– um uns an diesen Vorstellungen zu orientieren.

‚Die Wohnung befindet sich dort hinten, das ist Moritz, und mein Buch hatte ich gestern hier abgelegt, so daß es noch da sein müßte.'“    

 

Was hat es mit mir zu tun, daß Sie Ihre Wohnung finden, Freunde wiedererkennen oder ein Buch suchen?       

AD: „Mit Ihnen gar nichts; warum fragen Sie das?“

Wenn Ihre subjektiven Intentionen von mir unabhängig sind, verstehe ich nicht, weshalb wir deretwegen eine objektive Welt benötigen sollen.

AD: „Entschuldigung; aber das war mir auch klar!

Wir brauchen diese Wirklichkeit ganz einfach, weil

unser Leben ohne eine hinreichende Stabilität gar nicht denkbar wäre und

– nur eine uns allen vorgegebe objektive Welt stabil sein kann.“

 

Vorsicht! Daß wir ohne  genügend Stabilität gar nicht leben könnten, versteht sich von selbst; aber ich kann nicht sehen, wie Sie als Konsequenz daraus die Existenz einer objektiven Welt herleiten wollen.

Das ist lediglich die traditionelle Variante; die postmoderne geht von subjekten Welten aus; zu jeder Subjektivität gehört ihre Welt. Das Ziel unserer Zusammenfassung besteht nicht zuletzt darin, diesen Übergang von der einen objektiven Welt zu den vielen subjektiven Welten als eine weitere Denkmöglichkeit zu verstehen.

AD: „Meinen Sie damit die Viele-Welten-Interpretation der Quantentheorie durch Hugh Everett?“

Nein; unsere Überlegungen haben damit absolut nichts zu tun; Everetts Welten sind alle objektiv.   

1.9.1. Objektive Stabilität durch willkürliche Erfindungen

Was bedeutet Stabilität überhaupt?

Für unsere weiteren Überlegungen sollten wir sie in zwei „Komponenten“ zerlegen:

– Theoretisch geht es um Kontinuität; etwas Stabiles existiert „immer“; aber eben auch nur theoretisch, denn Kontinuität ist nicht überprüfbar. Niemand schaut zum Beispiel auf unser Haus, während wir zur Arbeit sind.

– Praktisch besteht die Stabilität in der Wiederholbarkeit; immer wenn ich heimkomme steht unser Haus wie erwartet an seiner Stelle. 

 

Die Situation ist zwar stets ein wenig anders; es kann schneien, der Schornsteinfeger erfüllt gerade seine Pflicht oder was auch sonst sich an kleinen Veränderungen getan haben mag. Aber immer wenn ich die Wiesenstraße entlanggehe, wiederholt sich stabil der Anblick unseres Hauses.

Um das noch etwas besser zu verstehen, unterscheiden wir

– meine Haus-Wahrnehmungen von der Wiesenstraße aus und

– die Haus-Überbrückungen in den Zwischenzeiten

Erstere bilden einen integralen Teil meines Lebens, sind wirklich, näherungsweise stabil und real oder materiell.

Das verhält sich bei den Haus-Überbrückungen ganz anders; sie stellen

– lediglich Vorstellungen dar,

– die man glauben, aber partout nicht überprüfen kann und

– somit in den verschiedensten Formen möglich wären:

Das Haus könnte traurig sein, wenn es verlassen zurückbleibt; vor Gram schrumpfen oder wegen „unnötig“ auch ganz verschwinden.

 

AD: „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber jetzt wird das Ganze ein bißchen kindisch . . .“

Nein; das würde es erst dann, wenn ich tatsächlich irgendeine dieser skurrilen Denkmöglichkeiten ernstlich in Erwägung ziehen wollte . . .

. . . wie dies die Tradition tut.

Und allein um sie geht es mir; ich möchte an den kindischen Beispielen verdeutlichen, daß der traditionelle Glaube an Seiende auch nur eine dieser skurrilen Denkmöglichkeiten darstellt. Er besagt ganz einfach, daß das Haus nicht traurig ist und weder schrumpft noch verschwindet, sondern unverändert immer dort steht, wo es eben steht.

Ich sehe hier keinen Unterschied, der einen Unterschied macht, weil alles nur Vorstellungen zur Haus-Überbrückung sind, die keinerlei Wirklichkeitsbezug besitzen und damit prinzipiell nicht überprüft werden können.

 

Die meisten Menschen sehen das freilich anders, und deswegen hat sich aufgrund dieses Mehrheitsbeschlusses die traditionelle Denkmöglichkeit durchgesetz, das Haus würde in der Spanne zwischen den Haus-Wahrnehmungen existieren und nichts tun. Das ist jedoch ebenso hinterwäldlerisch wie das Trauern, Schrumpfen oder Verschwinden.   

AD: „Nein; . . . selbstverständlich!“ 

Woher wissen Sie das? Hat schon jemand nachgeprüft, ob es überhaupt stimmt? Was meinen Sie damit, daß prinzipiell Unkontrollierbares „selbstverständlich“ sei?

 

AD: „Das irritiert mich jetzt; ich verstehe ja nicht einmal, was wir damit meinen, daß das Haus existieren oder vorhanden sein soll – um dann auch noch nichts-tun zu können.“

Damit stehen Sie keineswegs allein; niemand weiß das; aber ein bißchen können wir sogar verstehen, daß „Wirklichkeit“ ein leeres Wort sein muß.   

Ich habe ganz bewußt „leer“ und nicht „sinnlos“ geschrieben; wäre letzteres richtig, sollten wir das Wort im ganzen Buch streichen.

 

Die Antwort auf die Fage nach der Wirklichkeit

dürfte einerseits natürlich nicht von uns abhängen.

– Sie muß andererseits aber von uns abhängen,

  da wir für alle Antworten nur unsere subjektiven Begriffe nutzen können.

Wer also beansprucht, die oder von der Wirklichkeit zu wissen, möge uns bitte erklären, wie er zu seinen – dafür notwendigerweise – objektiven Begriffen gelangt ist.   

Solange das aussteht, ist die Wirklichkeit ein sinnvoller Platzhalter für das, was

sich unbestreitbar zeigt, aber

prinzipiell nicht gewußt werden kann.

 

AD: „Ich sehe jetzt sogar noch ein weiteres Problem bei diesem traditionellen Denken, denn sobald Sie die Wiesenstraße entlangkommen, liegen zwei Häuser vor.

Die Haus-Überbrückung bestand die ganz Zeit schon, als Sie nicht hier waren, und nun kommt noch Ihre Haus-Wahrnehmung hinzu. Die Annahme, daß erstere dadurch verschwinden würde, wäre schon sehr eigenwillig.“

Das ist richtig. Die Tradition geht davon aus, daß mit dem Haus in der Zwischenzeit nichts geschieht. Dann wäre die Vorstellung, es würde sich durch mein Kommen im Nichts auflösen, in der Tat mehr als skurril.   

 

Damit erreichen wir en passant ein sehr anschauliches Verständnis der Seienden; auf unser Beispiel bezogen:

Das Haus-Seiende

– ist die stabile Haus-Überbrückung, die jedoch

– kontinuierlich fortgesetzt wird,

– auch wenn die Haus-Wahrnehmung hinzukommt, und

– somit „immer“ besteht.

 

AD: „Und wer das Ganze glaubt, kann letztlich kaum anders, als das rein geistige Seiende,

– das ursprünglich als Lückenbüßer für die fehlenden Wahrnehmungen eingeführt wurde,

– zum Urbild zu erklären,

– von dem die sich wiederholenden Wahrnehmungen dann Abbilder sein müssen,

– so daß die ehemals frei gewählte und letzlich willkürliche Vorstellung zur Wirklichkeit wird.“

 

 

Postmoderne      Tradition
           
Haus-Wahrnehmung = Wahrnehmung Abbild  
vorgegebene Wahrnehmung          
           
Haus-Überbrückung = Seiendes = Urbild  
frei gewählte Vorstellung                 Wirklichkeit

Abbildung 1.9.1.-1

 

Die Postmoderne

– glaubt es nicht nur nicht, sondern

– nimmt ernst, daß das gesamte Modell unstimmig sein muß,

weil die Haus-Überbrückung

– nur erfunden, konstruiert, vorgestellt oder gedacht wird und

– somit etwas rein Geistiges darstellt,

unmöglich als Urbild einer materiellen Haus-Wahrnehmung dienen kann.  

 

 

Haus-Seiendes oder Urbild  
rein geistig oder unwirklich  
 
Haus-Wahrnehmung Haus-Überbrückung Haus-Wahrnehmung  
wirklich oder materiell rein geistig oder unwirklich wirklich oder materiell  
Abbild?   Abbild?  
  sinnvoll, aber willkürlich    
  als unveränderlich gewählt    
     
Haus-Wahrnehmung →                                         ← Haus-Wahrnehmung  
wirklich oder materiell   wirklich oder materiell  
Ausgangspunkt   Ausgangspunkt  

Abbildung 1.9.1.-2

 

AD: „Am Anfang stehen die materiellen, uns vorgegebenen Haus-Wahrnehmungen, und sie bilden unseren einzigen wirklichen Ausgangspunkt.

Die Tradition will die unbestreitbar vorhandene und für unser Leben notwendige Stabilität erklären, indem sie diese diskontinuierlichen Haus-Wahrnehmungen durch Haus-Überbrückungen verbindet. Letztere sind jedoch nur (mehr oder weniger) willkürlich ausgedacht und damit rein geistig oder unwirklich.

Auch wenn diese Haus-Überbrückungen zeitlich verlängert werden – was zu Verdopplungen führt –, ist es aburd, sie als Urbilder auszugeben.“  

 

Es geht also überhaupt nicht darum, welche Eigenschaften die Haus-Überbrückungen besitzen, denn das sind alles nur Hinterwelten. Die Tradition weiß angeblich etwas – nicht nur das Verhalten des Hauses in den Zwischenzeiten, sondern auch seine dafür erforderliche Existenz –, was prinzipiell niemand wissen kann und somit lediglich erfunden und projiziert wurde.

Wir müssen die Stabilität, die für unser Leben unbestreitbar notwendig ist, also irgendwie anders erklären. 

1.9.2. Das Ende des traditionellen Außen-Innen-Dualismus

Der Versuch, die für unser Zusammenleben erforderliche Stabilität mittels einer objektiven Welt zu erklären, ist meines Erachtens gescheitert. Der Grund sollte im letzten Abschnitt deutlich geworden sein:

Die rein geistigen Lückenfüller, welche die ausstehenden Wahrnehmungen überbrücken, werden zu Seienden, so daß

unser Ausgangpunkt – die wirkliche Wahrnehmung – zum unwirklichen Abbild und

eine bloße Erfindung – der unwirkliche Lückenfüller – zum wirklichen Urbild wird.  

 

Wir müssen die traditionelle Hoffnung aufgeben, die unbestreitbare Stabilität meiner subjektiven Welt durch eine objektive erklären zu wollen. Damit andert sich unser gesamtes Denken!

Es dreht sich nicht mehr alles um das klassische Erkennen. Seit der Moderne galt Forschen!, Forschen! und nochmal Forschen! Dann wissen wir immer mehr – je nach Oprimismus vielleicht einmal (nahezu) alles – und verfügen hierdurch über die Möglichkeit, sämtliche Probleme zu lösen.

Stattdessen tritt meine persönliche Frage in den Vordergrund, welche subjektive Welt mir ein erfülltes Leben ermöglicht. Unser Weltbild kann dann nicht richtig, sollte aber lebensdienlich sein.

Irgendwann werden die Menschen nicht mehr verstehen was es angeblich bedeutet, daß „auf dem Mond wirklich Krater existieren“ oder „der Pluto tatsächlich fünf Monde besitzt“.

„Was hat das mit mir zu tun?“

 

Subjektive Weltbilder lassen sich – im Gegensatz zu allen objektiven – natürlich nur kritisieren, sofern sie widersprüchlich sind. (Das stimmt natürlich nur für ontologische Fragestellungen; ethische Einwände mögen häufig noch viel wichtiger sein, gehören aber nicht zu unserem Thema.)  

Fremde subjektive Erfahrungen sind mir jedoch prinzipiell nicht zugänglich. Ich würde also niemals verächtlich mit dem Kopf schütteln, wenn Sie mir erzählten, dem Teufel begegnet zu sein. Ich rechne für mich persönlich nicht ernstlich mit einem solchen Erlebnis; aber es enthält keinen Widerspruch.

AD: „Daß es gar keinen Teufel gibt, ist postmodern auch kein Gegenargument (mehr), denn

– auch die Erde beispielswiese existiert ebensowenig wie der Teufel und

– zudem wissen wir gar nicht, was ‚existiert‘ überhaupt bedeutet.“ 

 

Betrachten wir insbesondere noch die Psyche.

Traditionell ist sie zwingend erforderlich, weil darin die Seienden erkannt oder abgebildet werden, aber wir müssen die Psyche nicht mit ihnen streichen.   

Ich persönlich tue es; zu meinem subjektiven Weltbild gehört absolut kein Innen. 

AD: „Das geht doch nicht! Alle Menschen und viele Tiere besitzen ein Innen. Wo sollten sich denn sonst beispielsweise unsere Schmerzen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste befinden?“

Ich halte das für falsch, und auf eine erste Begründung waren wir schon mehrfach gestoßen:

– Ein räumliches Innen müßte im Körper zu finden sein, und

– ein unräumliches läßt sich nicht lokalisieren. 

 

Ich habe noch ein zweites Argument:

Unsere wirklichen Erfahrungen bilden ein Kontinuum, das von „rein subjektiv“ bis zu „vollständig intersubjektiv“ reicht, wobei wir letzteres vielleicht am besten als asymptotischen Grenzfall verstehen.

Ein Kontinuum kann jedoch nicht adäquat in einen Dualismus umgewandelt werden. Wie sollen wir sinnvoll eine Grenze definieren, die das Außen vom Innen trennt? Jede diesbezügliche Festlegung wäre meines Erachtens willkürlich und ihre Begründung an den Haaren herbeigezogen. 

 

Außerdem vermag ich nicht zu sehen, welchen Denk-Vorteil oder sonstigen Nutzen mir die Annahme eines Innen bescheren würde; wir hätten dann nur einen unnötigen Begriff mehr. Das Fußballspiel gestern haben wir gemeinsam genossen, aber die Kopfschmerzen heute habe nur ich – ganz ohne Innen und trotzdem völlig problemlos.

Des weiteren würde die Einführung eines solchen Innen ein zugehöriges Außen als sein Pendant erforderlich machen und uns damit völlig unnötig weitere Probleme bereiten:

Wo beginnt im partiell Intersubjektiven das Außen? Was wird an dieser Grenze plötzlich anders? 

 

AD: „Ich konnte Ihnen jetzt ganz gut folgen, aber eine Formulierung hat mich aufhorchen lassen; Sie sagten:

‚. . . zu meinem subjektiven Weltbild gehört absolut kein Innen.‘

Kann sich denn das Innen im Weltbild befinden? Ich dachte immer, es sei umgekehrt?“

Schön daß Sie das gemerkt haben; es ist wichtig, diese diffizile Stelle zu durchschauen.

 

Traditionell gedacht hätten Sie natürlich Recht:

Zu uns Subjekten als Körpern im Kosmos gehört jeweils ein Innen, und alles Nicht-Materielle, das es für uns gibt, muß sich darin befinden; insbesondere also auch das Weltbild.  

 

Postmodern sind wir Subjektivitäten, die

– ohne ein Sich-angesprochen-Fühlen gar nicht existieren würden und

– durch ihr Antworten sich zu einem Selbst bestimmen.

Beides setzt voraus, daß uns etwas gegeben ist; alles, was dazugehört, bildet per definitionem unser Bewußtsein.

Es umfaßt also insbesondere das gesamte oben angedeutete Kontinuum von „rein subjektiv“ bis zu „vollkommen intersubjektiv“. Dazu zählen meine Wahrnehmungen, Vorstellungen, Schmerzen, Wissungen, Gefühle, Hoffnungen usw., aber natürlich auch mein Weltbild – einerlei ob nun mit oder ohne Innen.

 

Das Weltbild befindet sich nicht im Innen, sondern besitzt möglicherweise ein(ige) Innen; beispielsweise wenn traditionell Denkende sich in ihrem Bewußtsein vorstellen, Moritz habe eine Psyche. 

AD: „Wenn Sie sagen, daß traditionell Denkende sich in ihrem Bewußtsein etwas vorstellen, setzen Sie also voraus, daß

auch diese ein Bewußtsein besitzen, obwohl

sie selbst glauben, eine Psyche zu haben.“ 

 

Ich bin mir relativ sicher, daß

– es sich tatsächlich so verhält und

– das postmoderne Modell an dieser Stelle das traditionelle korrigiert:

 

Wir

– haben alle ein subjektives Weltbild in unserem Bewußtsein und

– projizieren Teile davon als Welt aus dem Bewußtsein heraus ins Nichts.

Unser Weltbild darf nicht widersprüchlich sein, aber weitere Einschränkunen sind kaum denkbar, so daß die verrücktesten Weltbilder nicht nur möglich sind, sondern in der Geschichte tatsächlich auch vorkamen bzw. noch -kommen (werden).

 

Die Tradition zeichnet sich nicht duch ein spezielles Weltbild aus, sondern dadurch, daß sie dem soeben Gesagten widerspricht:

 – Was ich „Nichts“ genannt habe, gerinnt ihr zur objektiven Welt der Seienden, und

– mein Projizieren kehrt die Tradition in ein Abbilden um, so daß

– für sie Welt und Weltbild ihre Prioritäten vertauschen.

 

Mit anderen Worten: Was

– ín der Psyche als Abbild von der Welt behauptet wird,

– ist in Wirklichkeit – und das heißt: im Bewußtsein – das zur Welt hin Projizierte.

Psyche und Bewußtsein besitzen somit

– exakt den gleichen Umfang oder Inhalt, aber

– ganz unterschiedliche Bedeutungen.

Wir müssen der postmodernen Sichtweise den Vorzug geben, weil Abbilden nie, Projizieren aber immer möglich ist.       

 

Daß uns alles unzugänglich bleibt, was sich nicht im eigenen Bewußtsein befindet, bedeutet

keineswegs, daß für uns kein Außerhalb unseres Bewußtseins existieren kann, sondern

– lediglich, daß wir von den dort befindlichen Sphären nur dasjenige wissen können,

– was sich

  — im eigenen Bewußtsein befindet und

  — von uns selbst nach außen projiziert wurde.

Das Unbewußte kann weiterhin als gutes Beispiel dienen, und die fremden Psychen müssen wir postmodern lediglich durch die fremden Bewußtseine ersetzen. 

 

AD: „Woher wissen Sie so genau, daß es ein Unbewußtes und fremde Bewußtseine gibt?“

Ich weiß gar nichts im traditionellen Sinne.

Zum einen setzen wir postmodern die Wirklichkeit zwar als sinnvollen Platzhalter voraus, können sie aber prinzipiell nicht erkennen.

Zum anderen konnten mir das Unbewußte und die fremden Bewußtseine soeben nur als Beispiele dienen, weil sie meinem Weltbild angehören, das ich doch insgesamt als meine subjektive Welt nach außen projiziere.

Für Sie existiert möglicherweise kein Unbewußtes, so wie es für Solipsisten keine Mitmenschen gibt.

1.9.3. Seiende oder Aktanten

Natürlich bleibt es dennoch Ihnen überlassen, das rein Subjektive (weiterhin) als Ihr Innen zu verstehen.

Jeder von uns entwickelt seine Begriffe (teilweise) selbst, und je mehr Arbeit wir in einen Begriff investieren, um so fruchtbarer kann er als subjektives Denkwerkzeug für uns werden.

Das entspricht dem traditionellen Verum-ipsum-factum-Prinzip (Das Wahre und das Gemachte sind eins) von Giambattista Vico, das bei Kant oder Carl Friedrich von Weizsäcker die Form „Wir können … nur das wirklich verstehen …, was wir selbst gemacht haben“ annimmt. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen:

Wir können nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben.  

 

AD: „Und in dem Maße, wie mir das gelingt, sind meine Gedanken richtig?“

Nein; so einfach ist es wohl nicht.

Mir ging es jetzt allein um das Referenzproblem, das heißt darum, ob unser Denken überhaupt in einem Bezug zur Wirklichkeit stehen kann. Das ist doch nicht selbstverständlich; machen wir uns beispielsweise Gedanken über den grasgrünen Steinbeißer, fehlt mit ziemlicher Sicherheit jegliche Anknüpfung an die Wirklichkeit

AD: „Weil er gar nicht existiert.“

 

Nein; das wäre die übliche Antwort, die uns jedoch nicht (mehr) befriedigt, weil die Tradition das Referenzproblem mißachtet:

(1)   Was hat der Name „grasgrüner Steinbeißer“ mit dem grasgrünen Steinbeißer zu tun?

(2)   Wer ist das überhaupt?

(2a) Das weiß ich nicht.

(2b) Das weiß ich.

(3)   Gibt es den grasgrünen Steinbeißerüberhaupt?

 

ad (1): Absolut nichts. 

Namen können willkürlich gewählt werden. Der Preis, den wir für diese „Freiheit“ zahlen, besteht natürlich darin, daß Namen uns partout nichts sagen. Wen oder was CR7 benennt, verrät der Name nicht.

 

ad (2a): Verfügen wir nur über den Namen, bleibt uns völlig verschlossen, wer das sein soll.

 

ad (2b): Um wissen zu können, wovon die Rede ist, muß ‚grasgrüner Steinbeißer‘ ein Begriff in meinem Weltbild sein.

Aus diesem allein und

– völlig unabhängig von dem eventuell „wirklichen“ grasgrünen Steinbeißer, den wir in (2a) benannt haben,

ergibt sich, wer der grasgrüne Steinbeißer ist.

Dann stellt „grasgrüner Steinbeißer“ jedoch keinen Namen mehr dar, sondern (das gleiche Wort) wird zu einer Bezeichnung. Wir müssen den Begriff A mit „A“ bezeichnen – Sonne beispielsweise mit „Sonne“ –, sonst funktioniert unsere Sprache nicht. 

 

ad (3a): Wissen wir nicht, wer der grasgrüne Steinbeißer ist, wird die Frage nach seiner Existenz natürlich hinfällig, weil unverständlich.

 

ad(3b): Unser Weltbild bestimmt, wer der grasgrüne Steinbeißer ist, und wir entscheiden,

– ob wir ihn in unserer Welt haben und deshalb in das Außerhalb des Bewußtseins projizieren wollen,

– oder ob wir auf ihn verzichten. 

 

AD: „Es gibt also zwei verschiedene grasgrüne Steinbeißer:

 

Der erste

– ist ein Seiendes und

– besitzt den Namen ‚grasgrüner Steinbeißer‘.

Da uns dieser nichts sagt,

– wissen wir nicht, wer das sein soll, und

– können folglich nicht einmal nach seiner Existenz fragen.

 

Der zweite grasgrüne Steinbeißer

– ist (per definitionem) ein Aktant und

– besitzt die Bezeichnung ‚grasgrüner Steinbeißer‘.   

Diese sagt uns etwas,

– weil ‚grasgrüner Steinbeißer‘ ein Begriff in unserem Weltbild ist, und

– über seine Existenz in unserer subjektiven Welt bestimmen wir selbst.“

 

Vielleicht sollten wir noch anmerken, daß der Begriff des Aktanten auf Bruno Latour zurückgeht und er ihn sehr ähnlich verstand wie wir.

Sie haben sehr schön aufgezeigt, daß kein Weg von einem Namen zu einem Seienden führt. Wie könnte er auch? Zu welchem?

 

Das ist exakt die Stelle, welche die (meisten der) traditionell Denkenden nicht verstehen:

Sie glauben bei einem bestimmten Seienden beginnen zu können. Aber wie soll man das machen? Wir können Seiende nicht wahrnehmen; sie sind unsichtbar.

AD: „Aber ich sehe doch dort die Sonne!“

Nein; Sie haben eine Sonnen-Wahrnehmung oder –Sehung; ihnen ist also – wenn überhaupt – höchstens ein Abbild der Sonne gegeben. 

Wer bei letzterer beginnen möchte, muß die Sonne also wissen.

 

Um bei Seienden starten zu können, müßten sie also bereits einem Begriff in unserem Weltbild entsprechen. Das bedeutet jedoch,

– daß wir nicht bei ihnen starten, sondern bei einem Begriff und

– daß wir es demzufolge mit Aktanten und nicht mit Seienden zu tun haben.

 

Gott und der Teufel stellen Paradebeispiele dar, um das gut zu verstehen:

Beide sind offensichtlich unsichtbar; es ist also nichts zu sehen, dem wir die Namen „Gott“ bzw. „Teufel“ geben könnten.

Gott und der Teufel müssen also bereits Begriffe sein, um ihnen Namen geben sie bezeichnen zu können. Und je nachdem, um welche Begriffe es sich dabei handelt, projizieren wir sie als Aktanten in unsere subjektive Welt oder eben auch nicht.

 

Ich weiß, daß diese Stelle schwierig ist und erkläre den springenden Punkt deshalb nochmals mit anderen Worten: 

Wir machen uns ernsthafte Gedanken über das Böse; können weder seine Existenz bestreiten noch annehmen, es gäbe keinen Grund für das Böse. Dieser bildet also einen Begriff, der vielleicht relativ fest in unserem Weltbild verankert ist.

Ein Freund sagt, der Grund für das Böse sei der Teufel.

Wenn letzterer jedoch nicht zum subjektiven Weltbild gehört, kann

– der Teufel für uns kein Begriff sein, so daß

– auch keinerlei Denken vom Grund des Bösen zum Teufel führt und wir ihn folglich

  — entweder als Seiendes bzw.

  — als Nicht-Seiendes

glauben müssen.

 

Die einzige Möglichkeit, nicht eines von beiden glauben zu müssen, besteht darin,

– den Teufel aus seinem Status des Seienden bzw. Nicht-Seienden zu befreien und

– ihn in einen Aktanten resp. Nicht-Aktanten umzuwandeln. 

 

Begriffe lassen sich denken und nur denken. 

Bei Aktanten bzw. Nicht-Aktanten entscheiden wir selbst, ob wir das Gedachte glauben.

Bei Seienden resp. Nicht-Seienden gibt es nur ein blindes Glauben, weil das Denken sie nicht erreicht.

AD: „Traditionalisten müßten theoretisch also gar nicht verstanden haben, was Denken überhaupt bedeutet. Sie akzeptieren die Seienden, lehnen die Nicht-Seienden ab und nennen das vielleicht ‚denken‘; so wie sie auch die Richtigkeit irrtümlich als ‚Wahrheit‘ bezeichnen.“

 

 

Seiende Aktanten    
stabil    
       
in der objektiven Welt in der subjektiven Welt    
objektiv subjektiv    
erkannt erfunden    
abgebildet projiziert    
transformierbar veranderlich    

Abbildung 1.9.3.

 

Die Aktanten sind ausnahmslos Vorstellungen.

Da sie sich nicht wahrnehmen lassen, kann es keine Wahrnehmungen von Aktanten geben.

Vorstellungen von Aktanten“ sind Vorstellungen von Vorstellungen und damit auch nur Vorstellungen.

 

Damit haben wir zunächst einmal die Schulden beglichen, die vom letzten Abschnitt noch übriggeblieben waren:

Eine subjektive Welt kann stabil sein, denn die Aktanten, aus denen sie besteht,

– bilden zwar nur Projektionen, aber es

– sind unsere Projektionen,

– so daß wir auch bestimmen, wie lange sie beibehalten werden:

Bis wir glauben, die Grundlage unserer Orientierung korrigieren zu müssen.  

 

In der Diachronie oder vergehenden Zet werden diese Seienden in jene transformiert; beispielsweise evolutiv Nukleononen zu Kernen, Kerne zu Atomen, Atome zu . . .

Da wir unsere Begriffe weitgehendst frei bestimmen können, entfallen derartige Einschränkungen, so daß alle denkbaren Anderungen möglich werden.  

 

AD: „Welche Rolle spielt die Logik in beiden Fällen?“

Bei der objektiven Welt überhaupt keine; und das aus zwei Gründen.

 

(1) Was nutzt die schärfste Schlußfolgerung, wenn sie mit einem (philosophischen) Glaubensbekenntnis beginnt? Sie kann dann bestenfalls die Form haben:

„Wenn

– es Seiende gäbe und

– diese die von Ihnen vorausetzten Bedingungen erfüllen würden,

dann ergäbe sich . . .“

 

(2) Außerdem hat die Logik absolut nichts mit dem Sinn oder Inhalt unserer Aussagen zu tun.

Ihr „falsch“ bezieht sich

– nicht darauf, sondern

– einzig und allein auf den logischen Schluß.

 

Unter einer Implikation A → B versteht man zum Beispiel den Zusammenhang „wenn A richtig ist, muß auch B richtig sein“ oder kürzer „aus A folgt B“ – vollkommen unabhängig von der Bedeutung. Somit gibt es in diesem (recht häufig vorkommenden) Fall nur die Warnung „Vorsicht Widerspruch!“, falls A richtig und B trotzdem falsch ist.

Positiv formuliert bedeutet das aber doch:

Die Alternative A → B ist immer richtig, wenn wir

für A etwas Falsches – „Der Mond besteht aus Käse“ zum Beispiel – oder

für B etwas Richtiges – „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ – einsetzen.

2. Kritik des traditionellen Denkens der Moderne

Der Vollständigkeit und Systematik wegen haben wir bisher sowohl die immanenten nicht-materiellen als auch die transzendenten Seienden mit berücksichtigt; beispielsweise Gerechtigkeit und Schönheit in der Welt oder Gott und den Teufel in der Überwelt. Bei diesem dritten Teil beschränken wir uns jedoch auf die materiellen Seienden des physikalischen Kosmos.

Zum einen kann ich mich dann häufig unkomplizierter, aber trotzdem verständlicher ausdrücken, indem wir beispielsweise einfach von der Materie sprechen, und zum anderen will ich Sie überzeugen, daß keinerlei Seiende existieren. Wenn mir das bei Sonne, Mond und Sternen gelingt, glauben Sie mir vielleicht ohnehin, daß es auch keine ideellen Seienden gibt.

 

Sämtliche Seienden befinden sich außerhalb der Psyche und können dadurch prinzipiell nicht gewußt werden.

Die Tradition ignoriert letzteres; für sie sind die Seienden wißbar oder bilden das potentiell Gewußte. Zum aktual oder wirklich Gewußten werden sie dadurch, daß wir sie wahrnehmen, das heißt, als sinnliche Abbilder in unserer Psyche darstellen.

Wegen dieses Widerspruchs sprechen wir von einer Hinterwelt: Die Tradition weiß angeblich, was sie ihren eigenen Voraussetzungen zufolge unmöglich wissen kann.

Die Postmoderne löst diesen Widerspruch oder ist nicht mehr hinterwäldlerisch, indem sie ausnahmslos alle Seienden streicht

Ganz deutlich formuliert, damit tatsächlich sämtliche Mißverständnisse ausgeschlossen sein sollten, heißt das:

– Aus unserer postmodernen Sicht existiert kein seiender Gott,

– aber ebenso natürlich auch kein seiender Kosmos.   

Meine Aversionen beziehen sich nicht auf die Transzendenz, sondern auf die Hinterwelt

 

Entsprechen die Abbilder ihren Urbildern, müssen sie in den verschiedenen Psychen auch untereinander übereinstimmen und damit intersubjektiv sein.

Die inadäquaten „Abbilder“ sind zwar keine Ab-, sondern lediglich Trugbilder, gehören aber dennoch unserer Psyche an.

Das führt wieder zu meinem Igel-Problem:

Wie sollen wir die Ab- von den Trugbildern unterscheiden, wenn sich die Seienden außerhalb der Psyche befinden und uns dadurch prinzipiell nicht zugänglich sind?

 

Natürlich existieren ungezählte „Sonder-Bilder“, denn nicht hinter allen Wahrnehmungen stehen Seiende, so daß sie weder Ab- noch Trugbilder darstellen können. Die wenigsten Menschen werden Lichtreflexe, Regenbögen, Schatten, Strömungen, Strudel oder ähnliches in diesem Sinne verstehen.

Aber behaupten läßt sich die Existenz von Seienden natürlich immer; weshalb sollte gerade jene Spiegelung dort keine Abbildung darstellen?

AD: „Weil sie im nächsten Augenblick schon wieder weg ist.“

Also sind Blitze, Explosionen, Meereswellen oder Wirbelstürme auch keine Seienden?

 

Diese Gedanken nehmen wir konstruktiv in unsere Kritik auf:

Die Existenz von Urbildern als Basis unserer Wahrnehmungen

läßt sich nicht nur stets behaupten – auch wenn sie nicht vorliegt –, sondern

wird immer lediglich behauptet – und liegt nie vor.

Es gibt keinerlei Seiende; hinter Baum-Wahrnehmungen ebensowenig wie hinter den zugehörigen Schatten-Wahrnehmungen.

Wir bestreiten natürlich weder die einen noch die anderen Wahrnehmungen; ansonsten könnten Sie mein Buch mit Recht als „Unsinn“ zur Seite legen. Aber ganz so einfach mache ich Ihnen einen gerechtfertigten Aussstieg doch nicht. Ich leugne nur die Existenz der Hinterwelten, die Sie ebensowenig erleben wie ich (aber möglicherweise noch glauben).

Daß wir damit (im vierten Teil) vor der Aufgabe stehen, sowohl die Baum- als auch seine Schatten-Wahrnehmungen ohne urbildliche Bäume bzw. Schatten erklären zu müssen, versteht sich von selbst. 

 

AD: „Beim Schatten muß ich ihnen widersprechen.

Die Tradition benutzt den Ur-Baum natürlich primär, um unsere Baum-Wahrnehmungen zu erklären. Aber zugleich lassen sich doch mit ihm durch seine Unterbrechung der Ur-Lichtstrahlen auch die Baumschatten-Wahrnehmungen verstehen.“

Nein; das wäre meines Erachtens ein, freilich sehr weit verbreiteter, Denkfehler:

 

Wir erklären kausal, daß der Baum einen Schatten wirft; das ist Naturwissenschaft.

Auf dieser Ebene läßt sich freilich auch der Baum selbst verstehen; er wurde einmal gepflanzt, ist tüchtig gewachsen und dominiert jetzt den Garten.

 

Das interessiert die Philosophie beides nicht; sie will nicht kausal, sondern prinzipiell erklären; sie sucht hinreichende Gründe, aber keine notwendigen Ursachen.

Werden diese beiden Ebenen vermischt, indem wir vom Ur-Baum zum Baum philosophisch denken und von diesem zu seinem Schatten physikalisch, entsteht ein einziges Tohuwabohu, das mit Denken nicht mehr viel zu tun hat.     

Den entsprechenden theologischen Kagorienfehler begehen traditionell eingestellte Gläubige, wenn sie beispielsweise Krankheiten oder Kriege als Strafe Gottes ausgeben und diesen dadurch auf der Ebene eines Virus bzw. Machthabers verorten.

 

Da die Tradition an den physikalischen Kosmos als eine (erfundene) Hinterwelt glaubt, steht sie vor dem gewaltigen Problem, daß wir Subjekte

– gemessen an diesem Kosmos einerseits pure Nichtse sind,

– andererseits aber in unserem Leben einen Sinn suchen (müssen).   

Ich bezweifle ernstlich, daß sich dieser Widerspruch „Sinn tragender Nichtse“ auflösen läßt. Er resultiert einfach daraus, daß von der Tradition

auch das großartigste Innen als unwirklich erachtet und damit

dem zwar toten, aber dennoch als wirklich geltenden Kosmos untergeordnet wird.

 

Mir sind hingegen meine Wünsche, Sorgen, Hoffnungen oder Freuden wesentlich wichtiger als alle Schwarzen Löcher, Roten Riesen, Weißen Zwerge und farbigen Quarks zusammen.    

Meine Bauchschmerzen sind zwar „nur“ subjektiv, aber trotzdem wirklich, weil sie mir nahegehen oder mich betreffen.

Daß der Pluto fünf Monde besitzt, ist (möglicherweise) richtig, hat aber mit meinem Leben auch nicht das Geringste zu tun. Was wäre daran anders, wenn er nur vier hätte? Bekäme ich dann Bauchschmerzen?

 

Die Seienden sind zwar widersprüchlich, aber wir können sehr wohl nachvollziehen, wie die Tradition trotzdem auf die Idee ihrer Existenz kommen konnte:

Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung läßt sich gewiß am einfachsten erklären, wenn wir sie als Abbild einer Ur-Sonne verstehen.

Das überzeugt mich aber gar nicht, denn mit dem gleichen Recht könnten wir auch argumentieren:

Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung wäre ausgeschlossen, wenn ich nicht leben würde; mit dieser Logik müßten wir sie an mein Leben binden.    

AD: „Ich verstehe; für Sie sind die Wahrnehmungen grund-legend wichtig, weil bei ihnen noch offen ist, nach welcher Seite sich das Wirklichkeits-Bild entwickelt; etweder zur objektiven Welt hin oder zu meinem subjektiven Leben.“

 

Die Tradition will ersteres; sie möchte wissen, wie es „wirklich“ oder für den Nous ist; dann sind wir natürlich pure Nichtse im Kosmos. Das führt zu einer entsprechenden Philosophie, die sich maßgeblich in der modernen Physik fortsetzt.

 

Postmodern bestreiten wir den Kosmos nicht, sondern sagen lediglich, daß er ohne uns nicht möglich wäre; aus den Seienden an sich werden Aktanten für uns.

Damit ändern wir die Form oder Struktur des Kosmos nicht im geringsten; ich habe doch keinerlei Schwierigkeiten mit der modernen Physik oder deren Gesetzen. Natürlich mit ihrer traditionellen Interpretation, derzufolge unsere Physik von einer bloßen Hinterwelt handeln müßte.

Das tut sie natürlich nicht; in ihr kommen nur Wissungen vor, die – wie immer bei uns – keinerlei Referenten besitzen und damit insbsondere auch keine – als Seiende – in der Hinterwelt.

 

Wir haben bisher immer nur den einen Widerspruch der Tradition betrachtet, daß ihre Seienden

sich außerhalb der Psyche befinden und 

– trotzdem erfahren, wahrgenommen, erkannt oder gewußt werden können.

Es gibt jedoch noch einen zweiten, ebenso eklatanten Widerspruch:

 

Die Tradition betrachtet die Seienden – all unserem Handeln zum Trotz – im Kern als vorgeben und damit als unverfügbar.

Würde das stimmen,

könnten wir absolut nichts tun, denn wir handeln ja der Tradition zufolge notwendigerweise an Seienden, und damit

wäre Freiheit ausgeschlossen.

Ich kann mir dieses hanebüchene Vorurteil nur so erklären, daß ursprünglich die Himmelskörper als Paradebeispiele der Seienden galten; fremde Galaxien sind uns ja heute noch unverfügbar vorgegeben. Beim Mond stimmt dies jedoch bereits nicht mehr; wir haben ihm zum Beispiel schon Bodenproben entnommen.

 

Die Grenze zwischen Verfügbar- und Unverfügbarkeit der Seienden verschiebt sich also zugunsten der ersteren.

Die Bodenproben stammen selbstverständlich vom Ur-Mond, und im Fernsehen konnten wir Abbilder ihrer Entnahme verfolgen.

Sind die Seienden nicht mehr „ewig“ oder unverfügbar, erhebt sich natürlich die Frage, was sie – außer ihrer unselig-hinderlichen Verdopplung in Ur- und Abbild – überhaupt noch von Aktanten unterscheidet.  

2.1. Von der objektiven Welt der Seienden zur subjektiven Welt der Aktanten

Der Übergang vom Mittelalter zur Moderne hat das traditionelle Denken kaum berührt. Die Erde beispielsweise blieb objektiv-real, und es wurde lediglich aus der wirklichen Scheibe eine wirkliche Kugel.

Nun dürfen wir uns freilich nicht vorstellen, die Physiker der beginnenden Moderne hätten das alte Trugbild der Erdscheibe mit der objektiv-realen Erde verglichen, den bisherigen Fehler erkannt und daraufhin das falsche Scheiben-Bild durch das richtige Kugel-Bild ersetzt. 

Das ist ausgeschlossen, weil es keine objektiv-reale Erdkugel gibt. Schon zu Beginn des ersten Teils hatten wir gesehen, daß sich die Dreckkugel, auf der wir möglicherweise leben, prinzipiell nicht von einer Hohlkugel, in der wir ebenfalls leben könnten, unterscheiden läßt. Was soll dann die objektiv-reale Erde sein? 

 

Ich stelle mir das damalige Geschehen vielmehr folgendermaßen vor:

Galileo Galilei und seine Kollegen sind bei ihren Naturbeobachtungen auf eine wachsende Zahl von Schwierigkeiten gestoßen, wenn sie sich die Erde als eine Scheibe dachten. Es existierten gewiß mehrere Wege, um die sich ergebenden Probleme zu lösen; einer von ihnen bestand darin, das alte Erd-Modell zu korrigieren und es statt der Scheibe mit einer Kugel zu versuchen.

Bei einem solchen Umdenken kam der Unterschied zwischen Tradition und Postmoderne noch gar nicht vor.

 

Traditionell

– handelt es sich stets um unwirkliche  Modelle

von der objektiv-realen Erde als einem wirklich Seienden. 

– Die Modelle gehören – nicht der objektiven Welt, sondern – nur dem subjektiven Weltbild an,

– sollen sich im Verlaufe der Forschung immer stärker an die wirkkliche Erde annähern und

– werden im asymptotischen Grenzfall als deren adäquate Repräsentation ebenfalls „objektiv“.

 

Postmodern

sind unsere Modelle dagegen wirklich, denn

– sie besitzen kein Wovon bzw. keinen Referenten.

– Die Modelle können sich also weder auf etwas beziehen noch an etwas annähern; vielmehr

– bilden sie selbst die subjektive Welt und

– können somit gar nicht objektiv, sondern nur mehr oder weniger und damit partiell intersubjektiv sein.

 

An der soeben bereits wiederholten Stelle des ersten Teils hatten wir uns Bahnkurven von Himmelskörpern angeschaut und (hoffentlich) eingesehen, daß diese keine Seienden darstellen können.  

Verfolgen wir jedoch an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht. Ich bestreite also nicht ihn, sondern lediglich daß es sich dabei um ein Seiendes handeln soll, denn

– Seiende(b) existieren ohne den Nous gar nicht,

– Seiende(u) sind prinzipiell unerkennbar, und zudem

– weiß niemand, worin ihre Existenz bestehen sollte.

 

Sämtliche vernünftigen Gründe sprechen also dafür, alle Seienden zu streichen

Aber nichtsdestotrotz bewegt sich dort auf einer – sogar schon im Voraus unglaublich genau berechenbaren – Bahnkurve der Mond. Er ist kein Seiendes, sondern per definitionem (im Anschluß an Bruno Latour) ein Aktant.

 

AD: „Vielleicht sollten Sie nochmals ganz allgemein definieren, was wir darunter verstehen.“

Ja, gerne; Aktanten sind Wissungen oder Modelle; diese beiden Begriffe betrachten wir als synonym.

Als solche

– sind die Aktanten das Resultat unseres bisherigen Lebens und somit

– subjektiv bzw. partiell intersubjektiv, so daß sie sich

– (nur) zu einer subjektiven Welt formen können.

 

AD: „Ich glaube, so einfach geht das nicht.

Wissen bzw. Modelle sind rein geistig; traditionell stehen ihnen die wirklichen Seienden gegenüber. Es mag ja sein, daß zwischen beiden Seite stets etwas gemauschelt und nicht sauber genug unterschieden wurde.

Aber das ändert nichts daran, daß Geistiges

nicht unmittelbar, sondern

nur indirekt über uns wirken kann.

Wenn sich beispielsweise Seiende namens ‚Billardkugeln‘ stoßen und Sie machen aus ihnen Aktanten, müssen wir das Stoßen streichen, denn Wissen tut soetwas nicht.“

 

Ich bin überzeugt, daß es so einfach geht.

Betrachten wir als Beispiel den Alpha Centauri; das ist Wissen, ein Modell oder Aktant. Durch das Teleskop, wird erkenntlich, daß es sich bei ihm um ein Doppelsternsystem handelt. Wir können diesen Alpha Centauri also aus vier einzelnen Aktanten zusammensetzen;

– Sonne(1),

– Sonne(2),

– Wirken von Sonne(1) auf Sonne(2) und

– Wirken von Sonne(2) auf Sonne(1).

 

Nun wird vielleicht schon deutlich, wo ich hin will: 

– Wissen wirkt zwar nicht aufeinander, haben Sie gesagt,

aber daß das Wirken ein Wissen sein kann, werden Sie doh kaum bestreiten.

 

AD: „Wenn das Wirken ein Wissen ist,

muß dieses Wissen also im Umkehrschluß ein Wirken sein . . .

Warum war ich mir trotzdem so sicher, daß Wissen nicht wirken kann?“

Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir beachten, daß sich der Wissens-Begriff beim Übergang von der Tradition zur Postmoderne radikal wandelt:

Das Wissen(t) ist Wissen von Referenten; dann ist klar, daß nicht das Wissen, sondern seine Referenten wirken.

Das Wissen(p) ist dagegen Wissen ohne Referenten; dann ist gar niemand anders mehr da, der wirken könnte, als das jeweilige Wissen selbst.

 

Ich hätte also deutlicher  schreiben müssen:

Wissen(t) wirkt natürlich nicht aufeinander,

aber wenn das Wirken kein Wissen(p) wäre, wüßten wir gar nichts davon.

 

 

Seiende Aktanten    
       
stabil stabil    
objektiv subjektiv    
an sich
für mich    
sind / existieren ich weiß    
können gewußt werden sind Wissen    
Referenten ————-    
wirken aufeinander wirken aufeinander    
+    
wirken auf mich wirken auf mich    

Abbildung 3.1.-1

 

AD: „Jetzt verstehe ich auch, was Sie oben zu Wittgensteins Sprachspielen sagten:

‚Wer nicht glaubt, daß der Eiffeltum in Paris steht,

– leugnet also keine objektive Realität, sondern

– verläßt unsere Sprachspiel-Gemeinschaft.‘

Bestimmte zusammengehörige (Gruppen von) Aktanten entsprechen der Intersubjektivität, auf die sich eine Sprachspiel-Gemeinschaft geeinigt hat.

Die Tradition begeht seltsamerweise immer wieder den Fehler, solche relativen, weil mentalitäts-, zeit- und ortsbedingten kontingenten Übereinstimmungen zu objektiven An-sich-‚Wahrheiten‘ zu verabsolutieren.“

 

AD: „Jetzt steht der Eiffelturm eben in Paris, aber theoretisch hätte sich die Sprachspiel-Gemeinschaft auch auf Rom verständigen können.“

Nein, das wäre ein grobes Mißverständnis! Absprachen im Sinne von bewußten Übereinkünften oder Beschlußfassungen sind, wenn überhaupt, bestenfalls als extreme Grenzfälle denkbar. Die Sprachspiele stehen der Wirklichkeit nicht als das andere gegenüber – wie dies traditionell die Sprache tut –, sondern bilden einen integralen Teil der einen und einzigen Wirklichkeit, die sich einheitlich entwickelt.   

Genau deswegen hat Wittgenstein die Sprachspiele eingeführt; er wollte damit die angebliche Unwirklichkeit der traditionellen Sprache korrigieren. Sprachspiele können nicht als deren Anwendungen verstanden, weil sie der Wirklichkeit angehören und ihr nicht gegenüberstehen. 

 

AD: „Ich glaube, Sie zu verstehen, erkenne aber noch nicht, wieso dieser prinzipielle Unterschied zwischen Aktanten und Seienden daraus resultieren soll, daß letztere als objektiv vorgegeben betrachtet werden, während die Aktanten nur subjektives Wissen sind.“  

Stellen wir uns vor, Sie frühstücken im Garten und sehen, wie der böse Hund des Nachbarn Ihre liebe Katze jagt.

 

H   →   K

 

Im Sinne der Tradition mit ihrem Glauben an Seiende ist diese Symbolik jedoch falsch.

Wir Menschen verfügen über ganz bestimmte, artspezifische Sinnesorgane und nur mit ihnen können wir wahrnehmen. Im Vergleich zu Fledermäusen, Bienen oder Maulwürfen wird sehr deutlich, daß all unsere Wahrnehmungen den Stempel „menschlich“ tragen. Wir sehen also niemals – neutrale Abbilder der – Urbilder, sondern immer nur „menschlich“ verfremdete und hätten deshalb besser schreiben sollen:

 

H(M)   →   K(M)

 

H(M) und K(M) bedeuten die Abbilder, die wir Menschen von Hunden H bzw. Katzen K sehen. Damit berücksichtigen wir den möglichen eigenen Beitrag zu all unseren Wahrnehmungen, von dem im ersten Teil bereits die Rede war. 

AD: „Das ist irre! Wir identifizieren die menschliche Wahrnehmung H(M) eines Hundes H mit dem Hund H und erklären jene damit zu einem Seienden. Warum eigentlich gerade die menschliche Wahrnehmung?“

Ja; wir schauen in den Spiegel und betrachten diese Wahrnehmung als ein adäquates Abild von uns. Das hatten wir bereits unter naivem Realismus eingeordnet. 

 

Die rechte Seite ist immer noch falsch, denn unsere Hundewahrnehmung H(M) rennt nicht unserer, sondern ihrer Katzenwahrnehmung nach, das heißt, demjenigen, was der Hund dort sieht, wo sich unsere Katzenwahrnehmung befindet.

 

H(M)   →   [K(M)](H)

 

Rechts geht es schwerlich weiter; Hundewahrnehmungen sind uns nicht zugänglich. 

Aber um die linke Seite ist es kaum besser bestellt: 

Dort steht, wie Hunde von Menschen wahrgenommen werden; das ist kein Problem und zeigt sich beim Spazierengehen.

Aber an die beiden Protagonisten dieser WahrnehmungenM und H – kommen wir nicht heran; selbst jedes M müßten wir doch durch M(M) {bzw. besser M(M) ?} ersetzen, weil wir auch uns selbst nur „menschlich“ wahrnehmen können.

Was ist ein Mensch M? Wo kommt überhaupt vor? 

 

Wir könnten diese Tiergeschichte weitertreiben; es wird immer komplizierter, je genauer wir nachdenken. 

Wie kann es zu diesem Chaos kommen?

Wir haben nur drei traditionelle Voraussetzungen ernstgenommen:

1. Es gibt Seiende, die sich aus Objekten und uns Subjekten zusammensetzen. 

2. Wir erkennen die Seienden teilweise in den Wahrnehmungen.

3. Diese bilden jedoch nicht neutral ab, sondern sind nachweisbar artspezifisch.

 

Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, welche dieser drei Prämissen aufgegeben werden könnte,

– um das angedeutete Chaos zu vermeiden und

– trotzdem noch innerhalb des traditionellen Denkmodells zu verbleiben.

 

Wir sind deshalb radikal und korrigieren postmodern:

1. Es gibt keine Seienden.

2. Dann muß und kann auch nichts erkannt werden.

3. Die Wahrnehmungen sind subjektiv und eröffnen jedem von uns seine eigene Welt.

 

AD: „Allmählich komme ich dahinter. Dann war Ihre obige Erklärung der Aktanten aber ein bißchen umständlich; wahrscheinlich, weil Sie uns wieder beim bisherigen Denken abholen wollten . . . Versuchen Sie es bitte noch einmal ohne diese Rücksichtnahme.“  

 

Dann würde ich vielleicht mit dem gleichen Satz beginnen:

Verfolgen wir an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, so läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht.

Damit sind meines Erachtens recht zwingend zwei Einsichten verbunden:

 

1. Der Mond ist ein Aktant.

Aktanten sind – wie Seiende – stabil und das bedeutet, daß sie unabhängig davon bestehen, ob wir aktual oder jetzt gerade an sie denken, sie wahrnehmen oder uns vorstellen.

Die letzte Zeile klingt vielleicht kompliziert ist es aber gar nicht.

 

Es gibt zwei Arten des Wissens; Wissungen und Begriffe. Das war natürlich ein weiterer Grund für unsere Einführung der Wissungen.

An ihnen können wir unter anderem Vorstellungen, Denkungen und Verstehungen unterscheiden. Was sie vereint oder gemeinsam zu Wissungen macht, ist ihre Eigenschaft, nur aktual oder im Jetzt möglich zu sein; wir wissen – im emgeren Sinne – Wissungen jetzt oder gar nicht.

Aber daß Madrid die Hauptstadt Spaniens ist, wissen wir – im weiteren Sinne – auch, ohne aktuell daran zu denken und damit über das Jetzt hinaus.

Diese Form des Wissens entspricht den unbewußten Begriffen; sie

– können in den Wissungen realisiert, aktualisiert oder bewußt werden,

– fungieren somit als potentielle Wissungen,

– sind für eine bestimmte Dauer über das Jetzt hinaus näherungsweise konstant,

– bilden einen Pool der Wissungen, der sich stets unbewußt im Hintergrund befindet und

– in dieser Form während der gesamten Dauer – bei unserem Beispiel in einem Alter von 8 bis 80 Jahren – gewußt wird.  

 

 

Vermögen  
Praktiken Präreflexionen Wissen  
    Wissungen Begriffe  
    – Vorstellungen – Aktanten  
    – Denkungen – Nicht-Aktanten  
    – Verstehungen    
  jetzt   dauernd  

Abbildung 3.1.-2

 

2. Die Mond-Wahrnehmung ist keine (verdoppelnde) Abbildung des Mond-Aktanten – auch beim Sehen nicht –, sondern dessen (einspurige) aktuale Bestätigung.

Wegen ihrer Stabilität müssen die Aktanten Begriffe sein; aber das ist keine Gleichsetzung:

Es gibt Begriffe, die wir glauben, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist; Krokodile und Drachen beispielsweise. Wenn Sie mich fragen, ob ich an den Klapperstorch glaube, aktualisieren Sie diesen Begriff bei mir; auch nicht-glauben kann ich also nur, was ich weiß.

 

Begriffe zu glauben, bedeutet, daß wir

nicht nur „ja“ zu ihnen sagen, sondern daß wir

– sie an der von uns vorgesehenen Stelle unserer subjektiven Welt einordnen.

Die Aktanten-Wahrnehmung ist damit – im Gegensatz zur Aktanten-Wissung – der nachweisbar aktualisierte Aktant.

 

Der Aktant namens „Sonne“ beipielsweise

– entspricht einem geglaubten Modell oder Begriff,

– besteht aus Materie – vorwiegend Wasserstoff und Helium –,

– ist sehr heiß, zieht die Erde an und kann zu Hautkrebs führen.

 

AD: „Also befinden sich die Aktanten auch nicht wie die traditionellen Wissungen in der Psyche?“

Natürlich nicht; ohne die Seienden gibt es kein Abbilden mehr und damit entfällt die Psyche ebenfalls, die ja als das zugehörige Organ erfunden worden war. 

 

Die traditionelle Wissung namens „Sonne“

wird nicht gewußt, sondern

weiß die oder von der Sonne und

kann nicht heiß sein.

 

Die postmoderne Wissung namens „Sonne“

wird gewußt, denn sie

weiß weder die noch von der Sonne und

ist heiß.

 

AD: „Es wird allmählich besser . . .; aber eine Frage hätte ich doch noch:

Sie sagten oben, daß wir nur aktual oder jetzt wissen – im Sinne von vorstellen, denken oder verstehen – könnten. Aber ich erinnere mich auch sehr genau daran, was ich gedacht hatte, als ich meine Frau zum ersten Mal sah; und das liegt schon lange zurück.“   

Das ist wieder die gleiche Problematik, die wir soeben schon hatten.

Auch Wissungen von Früher kann es nicht geben, da die Wissungen keinerlei Referenten besitzen.

Sie erinnern sich also nicht – im „jetzigen Jetzt“ – an ein „früheres Jetzt“, sondern verwirklichen jetzt eine Wissung als (ein Teil des) Früher, innerhalb dessen es natürlich kein Jetzt geben kann

2.2. Naiver Realismus der Moderne

„Naiver Realist“ ist keine Beleidigung; dieser Schublade gehören wahrscheinlich die allermeisten unserer Zeitgenossen an. Sie 

– glauben eine objektive Wirklichkeit,

beschränken diese zumeist auf die materielle Realität oder den Kosmos der Physik und 

– ignorieren, daß wir Subjekte vielleicht einen Beitrag zur Wahrnehmung der Seienden leisten:

„Dort ist die – an sich – seiende objektiv-reale Sonne; schau einfach hin, dann siehst Du sie.“

Dieser Satz klingt  wie selbst-, ist aber absolut unverständlich und voller Widersprüche.

 

Damit läßt sich unsere Gegenwart als Übergang nicht nur von der Tradition, sondern auch von der Moderne mit ihrem Naiven Realismus zur Postmoderne verstehen. Das ist ein Paradigmenwechsel sowohl im Alltag als auch in Philosophie und Theologie, dessen Konsequenzen wir wohl noch nicht einmal erahnen können.

AD: „Haben Sie bewußt nur von Philosophie und Theologie gesprochen oder lediglich die anderen Wissenschaften nicht erwähnt?“

Das war Absicht!

 

Philosophie und Theologie sind die beiden einzigen Wissenschaften, deren Gegenstand in der Wirklichkeit besteht – bzw. zumindest bestehen sollte.

Da kein Wissen Referenten besitzt, kann es jedoch insbesondere auch keine Wissenschaft von der Wirklichkeit geben.

AD: „Hatten Sie nicht gerade das Gegenteil behauptet?“

Nein; zumindest wollte ich das nicht. Beim Zusammenhang zwischen Wissen und Wirklichkeit geht es um Nuancen, so daß wir sehr genau achtgeben müssen.

 

Die Tradition beansprucht, über Wissen von der Wirklichkeit zu verfügen, und sieht darin (überraschenderweise) auch kein ernstliches Problem:

Sie bildet die Wirklichkeit angeblich ab, so daß das richtige Wissen eine Wiederspiegelung oder Repräsentation der Wirklichkeit darstellt, bei der diese als Referent fungiert.

 

Postmodern gibt es keine Referenten und damit natürlich auch kein Wissen von der Wirklichkeit.

Wir bilden die Wirklichkeit nicht ab, so daß kein richtiges Wissen existieren kann. Das Wissen ist vielmehr eine Darstellung oder Präsentation der Wirklichkeit in dem Sinne, daß es die Wirklichkeit expliziert, sichtbar macht oder zur Erscheinung bringt.

Das Wissen erzeugt die Wirklichkeit natürlich nicht (wie vielleicht im Konstruktivismus); aber sie wird durch das Wissen bewußt, verständlich und sagbar.

Wer nichts weiß, könnten wir vereinfacht formulieren, nimmt auch nichts wahr.

 

Das ist unsere Interpretaion eines Zitats von Hans-Georg Gadamer:

„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

Aus dem Sein wird die Wirklichkeit, und wir übersetzen:

„Wirklichkeit, die verstanden werden kann, ist Wissen.“

 

Den anderen oder Einzelwissenschaften geht es nicht um die Wirklichkeit.

Sie arbeiten an ihren Modellen, wollen diese ständig verbessern und damit zu immer neuen Modellen bzw. Wissungen gelangen; das meint Forschung. Wie weit sie von der Wirklichkeit separiert ist, zeigt sich zum Beispiel daran, daß die Einzelwissenscaften selbst die größten Umwälzungen im Wirklichkeitsverständnis, das heißt, in Philosophie oder Theologie „verschlafen“ bzw. unversehrt überstehen können.

„Philosophische“ oder „theologische Forschung“ sind Unbegriffe, denn Forschung

– zielt auf Verfügbarkeit,

– ist damit an bloße Modelle oder Wissungen gebunden und

– schert sich nicht um die Wirklichkeit.

   

Auch das komplizierteste oder schönste Modell besitzt keinen Wirklichkeitsbezug. Der Apfel fällt nicht vom Baum, weil die Erde ihn anzieht, wie es uns wahrscheinlich allen in der Schule gelehrt wurde. Vielmehr haben wir mit Newtons Gravitationskraft ein physikalisches Modell erfunden, mit dessen Hilfe sich die Bewegung des Apfels phantastisch genau darstellen und damit auch vorhersagen läßt; mehr kann und soll die Physik nicht. 

 

Die Frage, ob Einsteins Raum-Zeit-Krümmung die Wirklichkeit besser beschreibt als Newtons Gravitationskraft, ist völlig unverständlich.

Wir erreichen mit unseren Modellen

– eine partielle Verfügbarkeit innerhalb

– der prinzipiell unverfügbaren Wirklichkeit.

Weder kommen Modelle letzterer nahe, noch sind sie von ihr entfernt. Die beiden gehören zwei unterschiedlichen Sphären an, die wir uns jedoch nicht als räumlich getrennt voneinander vorstellen dürfen; es geht doch um eine partielle Verfügbarkeit innerhalb des prinzipiell Unverfügbaren.

 

Deswegen war unsere diffizile Unterscheidung soeben ganz wichtig:

Das Wissen

– greift nicht im Sinne der Tradition auf die Wirklichkeit zu und macht sie durch die Forschung immer verfügbarer, sondern es

– lockt in Abhängigkeit vom Wissen die unterschiedlichsten Facetten der Wirklichkeit hervor.

Wir zwingen die Natur nicht, „wie vor dem Richterstuhl“ (Kant) zu antworten; vielmehr respektieren wir postmodern ihre Unverfügbarkeit und pressen die Natur nicht in ein von uns vorgefertigtes Prokrustesbett.   

 

In der Philosophie wurde der Naive Realismus bereits von Kant sowie dessen unmittelbaren Nachfolgern – Fichte, Schelling, Hegel – kritisch infragegestellt; viele Sachkundige würden wahrscheinlich konkretisieren: „widerlegt“. Später betrachteten nicht zuletzt Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein oder Alfred North Whitehead ein solches Denken immer skeptischer. Diese Diskussion, der sich insbesondere zahlreiche Künstler angeschlossen haben, ist wohl noch lange nicht beendet.

Außerhalb von Philosophie und Kunst – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften, der Theologie sowie im Glaubensleben und Alltagsdenken – ist das freilich ganz anders. Dort wird der physikalische Kosmos als – scheinbar – offen-sichtliche und selbst-verständliche objektive Realität kaum hinterfragt, da man ja angeblich nur hinschauen muß, um die Seienden sehen zu können:

Dort befindet sich zum Beispiel das Urbild namens „Sonne“; es ist abbildbar, und durch das Hinschauen erhalten wir ein Abbild von ihm in unserer Psyche.

 

Wer so, naiv-realistisch denkt, braucht natürlich keine Philosophie und staunt nur, wie man sich mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen kann, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist“:

„Was wollen diese Philosophen eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt. Wirkliche Schwierigkeiten bereiten die ‚harten Fakten‘ des Alltags sowie der Wissenschaft und Technik. Wozu überhaupt noch Geisteswissenschaften? Die lösen keine Probleme, sondern erzeugen sie nur unnötig.“

Es ist schon ein wenig grotesk, daß sich die meisten Naiven Realisten selbst zur Avantgarde der Aufklärung zählen, obwohl beispielsweise Kant zu einem großen Aufklärer wurde, indem er gerade die Schwächen des Naiven Realismus aufgezeigt hat.

 

Der soeben angedeuteten Stammtisch-Philosophie würde ich im Sinne Wittgensteins etwa Folgendes entgegenhalten:

1. Die Philosophen konstruieren keine Schein-Probleme, sondern versuchen, wirkliche Probleme auf-scheinen zu lassen, indem sie angebliche Selbstverständlichkeiten der Wissenschaft, des Alltags oder Glaubens infrage stellen.

2. Daß die Philosophen keine Probleme lösen, sieht der Naive Realist freilig richtig; darin besteht die Aufgabe der Wissenschaft.

3. Die Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern eine Therapie, die  „die Probleme wie eine Krankheit behandeln“, das heißt, nicht lösen, sodern zum Verschwinden bringen soll.

„Die ‚Lösung‘ der Probleme des Lebens merkt man am Verschwinden dieser Probleme.“

„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.“

4. Das setzt allerdings ein möglichst offenes und sauberes Denken voraus, aber „die Wissenschaft denkt nicht“ (Martin Heidegger).

5. Diese „Verleumdung“ läßt sich recht gut verstehen:

Um die Probleme oder „Rätsel der normalen Wissenschaft“ (Thomas S. Kuhn) zu lösen, stehen Denkwerkzeuge – Begriffe, Paradigmen, Theorien, Modelle und Techniken – zur Verfügung, die nur angewandt werden müssen. Das erfordert mehr Routine durch Üben oder Lernen als Denken und ist ein geistiges Handwerk.

Das pflegen die „normalen“ Wissenschaftler, die mit den bereits bestehenden Denkwerkzeugen operieren.

6. Zur „wissenschaftlichen Revolution“ als einem „Paradigmenwechsel“ (Kuhn) gehört dagegen grund-legendes Denken.

7. Das ist aber auch schon der Bereich der Philosophie, weil dadurch die Probleme des alten Paradigmas – nicht wissenschaftlich gelöst werden, sondern – durch das Erfinden oder Schaffen neuer Denkwerkzeuge therapeutisch verschwinden.

8. Diese Probleme bestanden also nicht an sich, sondern wurden lediglich durch unser unzureichendes Denkwerkzeug – das alte Paradigma mit seinen unfruchtbar gewordenen Begriffen – hervorgerufen.

9. Als Therapie kann und soll die Philosophie uns helfen zu leben, aber sie hat nicht – wie die Tradition häufig meint – die Aufgabe, ewig wahre Antworten auf die letzten, größten oder allgemeinsten Fragen der Menschheit zu finden und endlich zu klären, worin Sein oder Sinn, das Eine, Wahre, Gute und Schöne  bzw. Gott nun wirklich bestehen.

10. Das sind für die Postmoderne keine besonders tiefen, sondern überholte, weil heute falsch gestellte Fragen.

11. Die philosophische Tradition sucht ewig-wahre Antworten; die Postmoderne erkennt, daß nicht einmal unsere Fragen diese Eigenschaft besitzen.

12. Ihr geht es um „das Andere der Vernunft“ – das Irrationale, Irreale, Unschickliche oder Alogische; den Leib, das Begehren, die Phantasie, Triebe und Gefühle –, das die Tradition unter den Tisch fallen läßt, weil sie es nicht denken kann.

13. Wir versuchen es trotzdem und verstehen das Andere der Vernunft als unser eigenes Lebens.

14. Es spielt jenseits der Logik und ist damit alogisch, kann aber niemals unlogisch im Sinne von widersprüchlich oder inhaltsleer sein.

2.3. Physikalischer Kosmos – objektive Welt – mein subjektives Leben

Möglicherweise wundern Sie sich die ganze Zeit schon, weshalb ich zumeist zwischen der objektiven Welt und dem physikalischen Kosmos unterscheide. An Ihrem Erstaunen würde sich gegebenenfalls zeigen, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben.

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos als einem Universum leben, sondern in einem Multiversum – in Kosmen gewissermaßen. Das geschieht teilweise auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau, etwa im Zusammenhang mit Hugh Everetts „Quantentheorie der vielen Welten“.

Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil, denn alles wilde Spekulieren liegt mir fern.

 

Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der (irdischen) Welt dar.

Überlegen Sie bitte einmal, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach nur gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Welt, dem Kosmos, auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich vollständig mittels der Physik beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, dieser aber keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, daß der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck – und damit auch eine Reißzwecke – sein soll.

Es verbleiben ihm somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

AD: „Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Entschuldigung; mein „nicht“ war falsch; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die die Physik zuständig zeichnet, und hierdurch gehören diese Gegenstände natürlich dem Kosmos an – pardon.

Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos und reichen in andere Dimensionen der Welt hinein.

Ich korrigiere mich also; sämtliche Dinge, die physikalische Aspekte besitzen, gehören auch dem Kosmos an, gehen aber zumeist weit über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.

Unbestreitbar bedeutet das Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das sein soll, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

 

Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihre Welt auf die physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrer Arbeit, aber die erfolgt nicht im Kosmos, sondern handelt nur von ihm.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es; wir tun es ja weitestgehend, indem wir die (moralisch-)praktische Wahrheit unseres Lebens durch die (erkenntnis-)theoretische Richtigkeit des Weltbilds ersetzen.

 

AD: „Die nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie andeuten, spielen aber doch wirklich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir uns in der Moderne einreden lassen haben, allein die physikalische Partial-Welt sei entscheidend. Überlegen Sie bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Guten, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.

Bei dem Wort „Krieg“ beispielsweise assoziieren die meisten Menschen heute physikalisch-elektronische Waffen(-Systeme) und deren Abwehr. Aber müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen – Menschen, Tiere und vielleicht sogar Pflanzen – in den Sinn kommen?

 

Nun sollte verständlich sein:

Die Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der physikalischen Raum-Zeit, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder mannigfaltig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er räumlich sowie zeitlich praktisch keine Grenzen besitzt, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt, die ihn umgreift, nahezu vernachlässigbar.  

Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik den Nabel oder die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß die physikalische Weltformel als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird.

 

Wir setzen diese Horizonterweiterung vom Kosmos zur Welt fort und gehen mit der Postmoderne zum eigenen Leben über:

objektiver Kosmos   →   objektive Welt   →   mein subjektives Leben

 

AD: „Wieso ist es eine Horizonterweiterung, wenn Sie von der ‚großen‘ Welt zu Ihrem ‚kleinen‘ Leben wechseln?“

Für die Tradition wäre es

– das natürlich nicht und

– zudem auch noch widersprüchlich, weil wir ihr zufolge in der objektiven Welt leben. 

Aber postmodern

– gibt es „nur“ eine subjektive Welt, und

– die besteht aus meinen Aktanten oder geglaubten Wissungen bzw. Modellen. 

 

Und um eine Horizonterweiterung handelt es sich tatsächlich, weil

– in der objektiven Welt der Tradition möglicherweise viel vom „Leben“ die Rede ist,

dieses aber als so objektiv gilt wie die gesamte restliche Welt und

– folglich mit der Wirklichkeit meines subjektiven Lebens aber auch gar nichts zu tun hat.

Die gesamte Biologie und 99% der Medizin bestehen aus Modellen des „Lebens“; Darstellungen oder Präsentationen meines subjektiven Lebens können in einer eo ipso intersubjektiven Wissenschaft natürlich nicht vorkommen.

 

AD: „Und die sich massiv aufdrängende Frage, wo wir als Subjektivitäten dann leben, hatten Sie oben bereits als falsch gestellt abgewiesen:

Nicht alles muß sich irgendwo befinden; und da der Raum erst durch unser Sehen entsteht, können wir ihm natürlich nicht angehören. Ich vemag nichts dagegen zu sagen; das scheint mir logisch zwingend zu sein, befriedigt mich aber trotzdem nicht sonderlich . . .“

Ich gebe Ihrem Bauchgefühl Recht; es gibt aber keine bessere Antwort, weil wir uns selbst die Fragestellung noch von der Tradition diktieren lassen:

Wir leben nicht irgendwo, sondern irgendwann; wir leben im Jetzt der Zeit (und versuchen im vierten Teil möglichst gut zu verstehen, wie das möglich ist und was es bedeutet.)

2.4. Schwierigkeiten mit den Seienden

Dieses Kapitels brauchte es eigentlich gar nicht, denn wir können keine Schwierigkeiten mit etwas haben, was unseres Erachtens gar nicht existiert.

Die meisten Menschen sehen das jedoch ganz anders, und wissen komischerweise nicht nur, daß es Seiende gibt, sondern auch noch recht genau, worin diese angeblich bestehen (müssen); allein daraus resultieren unsere uneigentlichen Schwierigkeiten mit den Seienden.

 

Ich biete Ihnen darin noch ein paar Argumente an, die Sie in der Einsicht bestärken sollen, daß unser Übergang von der Tradition zur Postmoderne

– recht zwingend und

– vielleicht für unsere Zukuftsfähigkeit,

– mit Sicherheit aber für ein aufgeklärtes Denken

notwendig ist.

 

Aus Ihrer Perspektive entspricht dieses Kapitel „Wittgensteins Leiter“ in seinem „Tractatus“:

„Natürlich muß es Seiende geben; sonst wäre ja gar nichts. Wie ist es nur denkbar, daß JS deren Existenz ernsthaft bestreitet?“

Sie benutzen eine Leiter – dieses Kapitel 3.4. –, um die Seienden auf deren Ebene und damit aus nächster Nähe betrachten zu können. Dadurch erkennen Sie (hoffentlich), daß es tatsächlich keine Seienden gibt. Ohne die Leiter wäre das nicht deutlich geworden; aber nun dürfen wir sie wegwerfen;

– nicht weil Sie den Höhenunterschied überwunden haben und nun oben sind, sondern

– weil es gar keinen gibt, so daß Sie ebenerdig weitergehen können.  

 

Die Leiter wird überflüssig, wenn Sie verinnerlicht haben, daß Materie Wissen ist; denn wäre es anders, könnten wir sie nicht wissen.

Sie bildet ein Modell des physikalischen Kosmos oder den Stoff, aus dem dieser besteht.

Wir könnten sogar sagen, es sei Wissen vom Kosmos, daß er aus Materie bestehe; müssen dabei jedoch beachten,

– daß der Kosmos keinen Referenten darstellt, weil

– auch er „nur“ eine Wissung – und kein Seiendes – ist.

2.4.1. Seiende statt Wissen so far und Wissen from now on

Ein Schulanfänger kann nach fünf Wochen sagen, er wüßte jetzt, daß 2 x 3 gleich 6 ist.

Josef Mitterer nennt dies „Wissen so far“ und meint damit ganz allgemein das Wissen, das wir als Resultat unseres bisherigen Lebens bereits besitzen. Wir freuen uns mit dem Erstklässler über seine Fortschritte, haben aber zugleich im Hinterkopf, daß es in diesem Zusammenhang noch sehr viel mehr zu wissen gibt, was dem Knirps wahrscheinlich nicht so klar ist.

Er wird weiter lernen, und damit kommt zu seinem Wissen so far das Wissen from now on hinzu. Diese Entwicklung ist nahezu selbstverständlich und setzt sich im allgemeinen in den ersten Jahrzehnten unseres Lebens kontinuierlich fort.

Wahrscheinlich käme kein Mathematiker auf die absurde Idee, das Wissen from now on durch einen Referenten zu ersetzen, auf den sich das Wissen so far angeblich bezieht.  

 

Dieser Gedanke ist absurd, weil widersprüchlich:

Das Wissen from now on wissen wir noch nicht; es wird einmal zum Wissen so far werden, aber noch weiß niemand, worin es bestehen könnte.

Ein solches Nicht-Wissen ersetzt die Tradition durch Seiende, von denen wir – so far – wissen, und auf die sich auch weiteres Wissen – from now on – beziehen kann.

 

Nochmals in anderen Worten, weil der Gedanke vielleicht schwierig ist:

Die Unterscheidung zwischen Wissen so far und Wissen from now on bildet eine vollständige Alternative, so daß das Seiende, welches die Tradition einführt, einer der beiden Seiten angehören muß, um verständlich sein zu können.

Würde es zum Wissen so far zählen, ließe es sich nicht einführen, denn dann wäre es notwendigerweise bereits vorhanden.   

Läge das Seiende im Wissen from now on, wüßten wir nicht, worin es besteht, denn das Wissen from now on ist ja noch nicht.

 

Seiende

– werden also erfunden und lediglich

– als etwas Bestimmtes behauptet.

Damit wird der Forschung eine bestimmte Richtung vorgegeben; hätten wir uns differente Seiende ausgedacht, würden sich ganz andere Fragen ergeben, die wir beantworten „müßten“.   

 

Corona beispielsweise ist uns seit 2019 bekannt; postmodern wurde es zu dieser Zeit er- und traditionell gefunden. Letzteres meint natürlich, daß schon vor 2019 Menschen an Corona erkrankt gewesen sein könnten, was lediglich niemand wußte.

Für uns gibt es dagegen keine – „schon immer“ existierenden – Seienden, sondern an deren Stelle treten Aktanten, die irgendwann einmal erfunden wurden. Das ist ganz sauber gedacht, denn die „Seienden“ bzw. Aktanten gehören für uns dem postmodernen Kosmos an, und der ist kein Referent von Wissungen, sondern besteht aus ihnen.

Dann war natürlich vor 2019 niemand an Corona erkrankt. Wir erfinden diese Viren ebenso wie Fake-News, Higgs-Teilchen oder das Internet mit dem dazu passenden Laptop.  

 

Daß 2 x 3 gleich 6 ist, gehört zur Arithmetik, stellt aber kein Wissen von ihr – oder von wem auch immer – dar. 

Lichtstrahlen oder die Bahnkurven der Himmelskörper sind mitunter gekrümmt; es müssen also Kräfte auf sie einwirken, auch wenn wir deren Ursache nicht finden. Anders als die Mathematiker fällt den Physikern in solchen Situationen stets etwas ein:

Hier müssen Seiende existieren; in diesem speziellen Fall nennen wir sie „Schwarze Löcher“.

Die gekrümmten Bahnen mutieren damit vom Wissen so far zu Eigenschaften oder Wirkungen der Schwarzen Löcher, und beim Wissen from now on müssen wir einmal schauen, was sich davon gutwillig als Wissen von ihnen bzw. einer anderen Erfindung verstehen läßt.

 

Die Tradition erfindet Schwarze Löcher, um die gekrümmten Bahnen verschiedener kosmischer Objekte zu erklären.

Und nicht selten werden drei Seiten später diese gekrümmten Bahnen als „Beweis“ für die (Existenz der) Schwarzen Löcher benutzt. „Wir müssen also alles daransetzen, um sie immer besser zu verstehen.“     

2.4.2. Das Konzept der philosophischen Seienden widerspricht unserem Leben

Der physikalische Kosmos besteht aus diskreten Seienden; sie sind also getrennt oder unabhängig voneinander. (Felder und ähnliches vernachlässigen wir der Einfachheit halber, damit das entscheidende Ergebnis möglichst deutlich hervortritt.)

Als Subjekte gehören wir selbst diesen Seienden an, was Probleme mit sich bringt, die jedoch – für mich unverständlicherweise – weitestgehend übersehen werden.

 

Um sie zu verstehen, führen wir den Begriff der Relation oder Beziehung ein und unterscheiden zwischen realen sowie konstruierten Relationen.

Das „real“ soll anzeigen, daß die ersteren Beziehungen tatsächlich existieren; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.

Ihr Größenverhältnis gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt den beiden Körpern nicht wirklich zu und berührt sie gar nicht, sondern wird lediglich von außen an sie herangetragen.

Daß Seiende diskret oder unabhängig voneinander sind, bedeutet, daß zwischen ihnen beliebig viele konstruierte Relationen bestehen können, aber keine realen; dann wären sie ja nicht mehr getrennt voneinander. 

 

Nach diesen begrifflichen Klarstellungen kommen wir endlich zur Sache:

Erde und Mond sind

physikalische Seiende, aber

keine philosophischen.

Die Massenanziehung verhindert, daß die beiden unabhängig voneinander und damit philosophische Seiende sind. 

Wegen der Wechselwirkung zwischen Erde und Mond haben wir philosophisch nicht zwei oder drei Seiende vorliegen, sondern genau ein Seiendes, nämlich die Einheit von allem  – { Erde + Wechselwirkung + Mond }.

 

Das hat sehr viel mit uns als den traditionellen Subjekten zu tun, weil es – physikalisch – keine Sinneswahrnehmung ohne Wechselwirkung gibt; wir müssen uns also entscheiden:

Die Tradition versteht uns als philosophische Seiende; dann muß sie alle Wechselwirkungen und damit auch Wahrnehmungen streichen, und wir wären blind, taub, gehör- sowie tastlos.

Insbesondere hätten wir also auch keinen Zugang zu unseren Mit-Subjekten – und würden ganz allein oder perfekt isoliert leben. „Leben“ ist gut; wir könnten weder essen noch trinken oder uns setzen . . . 

Zwischen

– dieser Isolation von meinen Mit-Subjekten und

– deren Nicht-Existenz

besteht natürlich kein Unterschied, der einen Unterschied macht.

 

Theoretisch macht die Tradition uns also zu Solipsisten, was sie jedoch praktisch dann gleich wieder vergißt.

„Solipsismus“ kommt von „solus“, „allein“ und bezeichnet eine philosophische Richtung, in der ich mich als einziges Subjekt überhaupt verstehe; wäre ich Solipsist, würde ich also auch Ihre Existenz bestreiten. Nein; ich könnte sie nicht einmal bestreiten; was es logischerweise gar nicht geben kann, läßt sich auch nicht bestreiten.

Das erscheint Ihnen gewiß als absurd; soweit ich weiß, gibt es jedoch bisher innerhalb des traditionellen Denkens kein überzeugendes Argument gegen den Solipsismus.

 

Die großen traditionellen Denker in Antike und Mittelalter haben dieses Problem ihrer Philosophie natürlich ebenfalls erkannt. Um es zu lösen, erfanden sie den Nous. Er ist kein Seiendes und folglich auch nicht wie wir mit Blindheit geschlagen; da der Nous also nicht zur Welt gehört, kann er sie von außen schauen, so daß alles rund und stimmig wird.

 

Wir haben in diesem Abschnitt zwei Arten von Seienden unterschieden; die philosophischen und die physikalischen.

Analog dazu hatten wir im ersten Teil bereits von bestimmten bzw. unbestimmten Seienden gesprochen.

Versuchen Sie sich bitte zu verdeutlichen, daß diese beiden Einteilungen übereinstimmen; die philosophischen sind die bestimmten, und die physikalischen die unbestimmten Seienden.

2.4.3. Es gibt kein Abbilden

Die Überschrift dieses Abschnitts ist für uns evident; ohne Seiende wird natürlich auch deren Abbilden hinfällig.

Aber für traditionell Denkende ist eine solche Kritik irrelevant, weil sie von außen kommt und damit an Voraussetzungen – eines anderen Weltbilds – gebunden ist, die sie nicht teilen. Wir können jedoch auch innerhalb des traditionellen Modells zeigen, daß es kein Abbilden gibt

Damit bestreiten wir natürlich nicht unsere Wahrnehmungen, sondern lediglich, daß sie als Abbilder verstanden werden können.

 

Für jene bestehen theoretisch zwei Möglichkeiten; sie könnten sowohl den Urbildern als auch deren Abbildern entsprechen. 

Wären uns die Urbilder selbst in Form der Wahrnehmungen gegeben, bestände diese ganze Thematik überhaupt nicht, denn wir benötigten weder ein Abbilden noch Abbilder oder eine Psyche dafür.

Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, so läge das Abbilden bereits hinter ihnen und uns. Weder wissen wir etwas davon, noch haben wir abgebildet, denn die Wahrnehmungen sind das Erste, das uns begegnet, oder das Ursprüngliche.

Dann war mein Satz „Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, . . .“ natürlich etwas vorlaut: Woran erkennen wir das? Was unterscheidet urbildliche von abbildlichen Wahrnehmungen? Daß die Wahrnehmungen den Abbildern entsprechen, kann natürlich stets gesagt werden, aber immer ist es eine pure Behauptung.

 

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal entfällt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern.

Das paßt genau; eine Bild-Sorte fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.

 

AD: „Ich habe Ihnen nichts entgegenzusetzen; Ihre Argumentation erscheint auch mir als sehr stringent. Aber trotzdem kann ich nicht einfach ‚ja‘ sagen, weil meine Begründung ähnlich stark sein dürfte:

Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe und sie ganz schnell öffne, um ihn auszutricksen, gelingt mir das einfach nicht; ich sehe ihn immer. Da der Eiffelturm gewiß nicht durch mein Öffnen der Augen entsteht, scheint nur eine Erklärung möglich zu sein:

1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Eiffelturm und schaue aus meiner Psyche heraus auf ihn.

2. Ob meine Augen offen oder geschlossen sind, merkt er nicht.

3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Sehungen ein Abbild des Eiffelturms sein müssen.

Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, was hieran falsch sein soll.“ 

 

Stellen Sie sich bitte vor, der Eiffelturm sei ein riesiger Harzer Käse. Sie stehen davor und halten sich die Nase zu. Beim Entfernen der Hand kommt Ihnen ein starker Geruch entgegen; würden Sie dann folgendermaßen argumentieren?

1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Käse-Eiffelturm und rieche aus meiner Psyche heraus auf ihn.

2. Ob meine Nase offen oder verschlossen ist, merkt er nicht.

3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Riechungen ein Abbild des Käse-Eiffelturms sein müssen.

Ich glaube das nicht; Riechungen lasen sich kaum als Abbilder verstehen; diese kommen nur bei Sehungen vor und stören sonst eher, wie wir oben bereits fstgestellt hatten.

 

Ihr Denkfehler besteht meines Erachtens darin, daß Sie innerhalb des traditionellen Modells argumentieren; „Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe . . .“ Natürlich müssen Sie dann auch abbilden; aber das sollte uns nicht sonderlich überraschen.

Postmodern können Sie nicht vor dem Eiffelturm stehen, weil es in diesem Modell weder ihn gibt noch Sie Ihr Körper sind.

   

AD: „Einverstanden; wenn ich von den Voraussetzungen der Tradition ausgehe, stellen sich natürlich auch deren Konsequenzen ein, unsere Vorfahren waren ja nicht dümmer als wir.

Jetzt müßten Sie mir nur noch verraten, was  ich korrigieren soll. Postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?“ 

 

Die Tradition unterscheidet den Eiffelturm von seinen Sehungen; allgemein zwischen Seienden und Sehungen.

Postmodern tritt an die Stelle dieser Differenz die Unterscheidung zwischen potentiellen und aktualen Sehungen; damit wird alles anders:

Die potentielle Sehung namens „Eiffelturm“ liegt immer vor und wird durch das Öffnen der Augen aktualisiert oder realisiert.

Bei geschlossenen Lidern verfehlen wir also nicht den Eiffelturm, den es postmodern ja gar nicht gibt, sondern die potentiellen Eiffelturm-Sehungen. Damit ist das Öffnen der Augen weder ein Abbilden noch ein Erzeugen, sondern lediglich ein Verwirklichen des immer schon Möglichen. 

 

Bei uns existiert demzufolge . . .

. . . kein Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.

. . . keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.

. . . keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.

. . . keine Materie, ohne daß wir sie messen.

. . . keine Seele, ohne daß wir sie fühlen.

. . . kein Geist, ohne daß wir ihn erfahren.

. . . keine Offenbarung, ohne daß wir sie glauben.

Es gibt nichts ohne uns, denn das wäre ein Seiendes.

 

Nun konkret zu Ihrer Frage; postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?

Aus dem Eiffelturm werden potentielle Wahrnehmungen; aber es gibt noch viele weitere; das gesamte Marsfeld beispielsweise, die Wolken und der Himmel. Ich bin also umgeben von einem Meer potentieller Wahrnehmungen.

Das dürfte unproblematisch sein; aber wer ist „Ich“?

Begnügen wir uns vorerst mit einer provisorischen Antwort:

Ich bin die Schaltstelle an der entschieden wird, welche der potentiellen Wahrnehmungen realisiert werden sollen. Ich kann die Augen schließen oder bestimmen, in welche Richtung ich schaue bzw, worauf mein Blick gerichtet ist.

2.4.4. Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel

Die Tradition erfindet einen unsichtbaren Ur-Mond Y im Außerhalb der Psyche, um Ihre Mond-Sehung X innerhalb von ihr erklären zu können. Ich bezweifle jedoch sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung, das heißt, um etwas Akzeptables handelt:

1. Gegeben ist die Mond-Sehung X.

2. Deren Zustandekommen will die Tradition erklären.

3. Dazu erfindet sie einen unsichtbaren Ur-Mond Y.

4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung X.

5. Die Tradition interpretiert letztere als Abbild des erfundenen Ur-Monds Y.

 

Damit

– leitet sie aus der Mond-Sehung X den Ur-Mond Y – als eine mögliche Erklärung – ab und

– schließt zugleich aus der Existenz der Mond-Sehung X auf die Richtigkeit dieser Erklärung.

 

Kann ein logischer Zirkel perfekter sein?

Die Mond-Sehung X wird mittels des Ur-Monds Y erklärt, von dem wir nur durch die Mond-Sehung X wissen:

Von den Urbildern wissen wir allein durch ihre Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meiner tiefsten Überzeugung zufolge pure Erfindungen, mit denen wir uns selbst belügen, solange wir glauben, etwas erklärt zu haben.

Es handelt sich bei diesen zwei Beispielen um einen (relativ weit verbreiteten) logischen Fehlschluß, den wir rein formal folgendermaßen darstellen können:

 

Prämisse 1 p → q Regnet es, wird die Straße naß. Das Urbild erklärt das Abbild.
Pränisse 2 q Die Straße ist naß. Das Abbild liegt vor.
falsche Konklusion → p Also hat es geregnet. Also existiert das Urbild.

Die erste Schlußfolgerung – „Also hat es geregnet“ – ist offensichtlich nicht zwingend, weil zum Beispiel auch Schnee geschmolzen, ein Wasserrohr geplatzt oder der Sprengwagen gefahren sein könnte. Die Prämisse lautete nicht „Wenn es regnet, aber auch  nur dann, wird die Straße naß“.  

Da die Logik nicht vom Inhalt abhängt, kann die zweite Konklusion – „Also existiert das Urbild“ – ebenfalls nicht zwingend sein. Natürlich wäre das eine mögliche Lösung dieses traditionellen Problems; aber daß wir uns gegenwärtig gar keine andere vorstellen können, beweist nicht ihre Richtigkeit.

Sowohl Donar als auch die Urbilder stellen Versuche dar, etwas zu erklären; sie mögen vielleicht ihre Zeit und ihr Recht gehabt haben; das muß uns nicht interessieren. Aber wenn wir ihre Schwachstellen kennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten

 

AD: „Also hatte Feuerbach mit seinen Projektionen doch Recht?“

Natürlich; man kann zwar alles Widerspruchsfreie – als „Urbild“ – aus der Psyche in ihr Außen projizieren, aber nichts von dort in ihr Innen abbilden; die „Abbilder“ können folglich keine Abbilder, sondern müssen das Zu-Projizierende sein.  

 

Da es Feuerbach jedoch im wesentlichen um seine Religionskritik ging, war er allein auf Gott fixiert, obwohl seine logisch saubere Argumentation auch nicht das Geringste speziell mit Gott zu tun hat und sich damit wortwörtlich auf sämtliche Seienden überträgt.

Wieso soll die Materie keine Projektion sein, wenn Gott eine sein muß?

Wer davon ausgeht, ein Seiendes namens „Gott“ zu wissen, glaubt lediglich seine diesbezüglichen Projektionen.

Wer davon ausgeht, ein Seiendes  namens „Materie“ zu wissen, glaubt lediglich seine diesbezüglichen Projektionen.

 

Feuerbach wollte mit seinen Überlegungen plausibel machen, wie die Traditionell-Gläubigen auf einen Gott kommen, der zwar als „transzendent“ bezeichnet, aber völlig immanent gedacht wird. Diese naiv-realistische Position in Bezug auf Gott nennt man „Theismus“; sie entspricht „einem Gott, den es gibt“, und von dem Dietrich Bonhoeffer sagte, daß „es ihn nicht gibt“; er wäre lediglich ein Gott nach unserem Bilde.

Mir geht es, anders als Feuerbach, nicht um eine Kritik der Religion, sondern um eine solche des traditionell-philosophischen Aberglaubens, und deswegen wende ich mich zwangsläufig auch gegen den Theismus; das ist traditionell-philosophischer Aberglaube bezüglich der Transzendenz.  

Überzeugte Christen können nicht nur „a-theistisch“ oder „nicht-theistisch glauben“ (Hartmut von Sass), sondern müßten es sogar, um intellektuell redlich zu sein und nicht schon von Feuerbach mit Recht belächelt zu werden.

2.5. Die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt

Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, weil traditionell Denkende mit ihr etwas zu wissen behaupten, was – da außerhalb der Psyche befindlich – prinzipiell niemand wissen kann und sich damit in einen Widerspruch verwickeln.

AD: „Wenn wir nichts außerhalb unserer Psyche wissen können, entfällt postmodern auch das Unbewußte.“

Ihr Anfang war richtig; wir können tatsächlich nichts wissen, was sich außerhalb der Psyche befindet; aber das bedeutet doch keineswegs, daß es nicht existiert. Das Unbewußte beispielsweise wirkt auf uns und das spüren wir natürlich innerhalb unserer Psyche. Der Umgang mit ihm kann sich jedoch als sehr schwierig erweisen, weil wir nicht wissen, was hier wirkt.

Es ist sogar zwingend, daß ein Unbewußtes existiert, denn anderfalls könnte und immer nur das beeinflussen, was wir gerade wissen. Das wäre absurd; psychische Verletzungen wirken auch, wenn wir nicht daran denken. 

Das „Unbewußte“ ist lediglich ein leeres Wort; wäre das Unbewußte mehr – nämlich eine Wissung –, würde es ebenfalls der Hinterwelt angehören.

 

AD: „Die Vertreter der Postmoderne setzen sich überall für Toleranz, Vielfalt, Harmonie, Pluralismus, Gesprächsbereitschaft und dergleichen ein. Das geht soweit, daß ihnen von traditionell-konservativer Seite ein ‚Abschied von der Wahrheit‘ oder eine ‚Diktatur des Relativismus‘ vorgeworfen werden.

Da überrascht mich Ihre Überschrift trotz der Klärung soeben doch ein bißchen: Wenn Sie die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt betrachten, bedeutet dies doch, daß der postmoderne Spaß spätestens hier endet. Wer daran glaubt, darf nicht länger mitspielen.“  

 

Nein; das wäre ein völliges Mißverständnis:

Die Toleranz der Postmoderne allen – (natürlich) menschlichen, freiheitlichen, demokratischen, friedlichen . . . – Wirklichkeitsbildern gegenüber, ist nur möglich, wenn wir auf sämtliche – Behauptungen von – Hinterwelten verzichten. Was Sie als leidige Grenze der postmodernen Offenheit geschildert haben, bildet also in Wirklichkeit ihre notwendige Voraussetzung und ermöglicht erst die Freiheit als Verantwortung, die nach meinem Dafürhalten im Zentrum der Postmoderne steht.

Meine Begründung erweist sich als denkbar einfach:

Wenn es eine objektive Wirklichkeit gäbe, sollten sich unsere Wirklichkeitsbilder auf diese beziehen, so daß letztere mehr oder weniger richtig und sogar völlig falsch sein könnten. Wer sich im Besitz eines adäquaten Abbilds wähnt, wird kaum sonderlich tolerant sein und die ihm vielleicht unverständliche Selbstbestimmung seiner anders – und somit eo ipso falsch – abbildenden Mitmenschen achten (können). Die Andersgläubigen müssen ja entweder naiv bzw. dumm oder böse sein.

Toleranz bedeutet dann nicht, sie mit ihren Überzeugungen als gleichwertige Subjekte anzuerkennen, sondern ihnen auf Teufel komm raus zur richtgen Einsicht zu verhelfen.

 

Das Fehlen einer objektiven Wirklichkeit beendet also nicht den postmodernen Spaß, um Ihre Formulierung aufzugreifen, sondern ermöglicht ihn erst.

Er endet dort, wo irgendwelche Menschen der postmodernen Offenheit widersprechen und hinterwäldlerisch beanspruchen, über richtiges Wissen von einer angeblichen objektiven Wirklichkeit zu verfügen, dem sich alle anderen unterzuordnen haben.

Beweist die Geschichte nicht hinreichend deutlich, daß ein solcher angemaßter Besitz der „Wahrheit“ immer wieder die schlimmsten Verbrechen – in der Politik, Wirtschaft, Religion, im Alltag oder wo auch immer – zu rechtfertigen scheint?

 

Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, und das völlig unabhängig von ihrer konkreten Gestaltung.

In Antike und Mittelalter bestand sie in der Einheit von Immanenz und Transzendenz.

Während der Moderne setzte sich immer stärker der Gedanke durch, daß letztere eine bloße Hinterwelt sei und wir uns auf die naturwissenschaftliche Seite der Immanenz konzentrieren sollten, die (dadurch) immer mehr zum physikalischen Kosmos degenerierte.

Das nannte sich wohl „Aufklärung“, brachte aber sehr viel Polemik ins Spiel. Der antik-mittelalterliche Absolutheitsanspruch der Religion wurde – zu Recht – beseitigt, aber – zu Unrecht – durch den der exakten Wissenschaften ersetzt.

 

In der Postmoderne entsteht möglicherweise wieder eine fruchtbare Balance, weil nun die gesamte objektive Wirklichkeit als Hinterwelt durchschaut wird; die diesseitige ebenso wie die jenseitige.

Ich erhoffe mir hiervon eine wirkliche Aufklärung, das heißt, eine Aufklärung über die „Aufklärung“, die durch die Einsicht, daß wir uns keinerlei – weder religiöser noch wissenschaftlicher – Fremdbestimmung zu unterwerfen haben, zur eigenen Selbstbestimmung befreit.

 

Hinterwäldlerisch sind also niemals die jeweiligen konkreten Vorstellungen oder Überzeugungen, sondern hinterwäldlerisch ist allein die Annahme, von einer objektiven Wirklichkeit zu wissen; von welcher auch immer. Wer deren Materie im Auge hat, ist folglich keinen Deut aufgeklärter als derjenige, der vom objektiv-wirklichen Teufel spricht.

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde auf diese Weise hinterwäldlerisch und mich damit von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würde ich dergleichen – Absurditäten – behaupten!

Ob wir etwas und gegebenenfalls was wir subjektiv mit 100%-iger Sicherheit glauben, spielt überhaupt keine Rolle. Wir könnten uns beispielsweise todsicher sein, daß es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt oder Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren. Es wird kaum etwas Widerspruchsfreies geben, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

 

Die Begründung für unseren möglicherweise tiefen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets etwa folgendermaßen lauten:

„Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich für mich zwingend, daß es sich so verhalten muß; ich kann gar nicht anders denken, will ich mir nicht selbst widersprechen, unvernünftig sein, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen.

Aber hier geht es nur um meine subjektiven Überzeugungen. Ich will wahrhaftig sein – und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr ist gar nicht möglich und vermag niemand. Wir können uns gegenseitig um Wahrhaftigkeit bitten, aber von niemandem die Wahrheit erwarten.

Ich beanspruche für meine Überzeugung also weder Richtigkeit noch Wahrheit und erwarte somit auch nicht, daß Ihr Euch mir anschließt.

Das Lutherische ‚Hier stehe ich und kann nicht anders‘ trifft meine Situation recht gut.“

 

Ohne den Glauben an eine objektive Wirklichkeit können wir völlig problemlos die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger mit ihren jeweiligen subjektiven Wirklichkeiten leben, zwischen denen wohl häufig keinerlei Berührungspunkte bestehen.

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“; damit natürlich auch jede unwahre. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der subjektiven Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wirklichkeit oder Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern oder den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, spielt dabei keine Rolle, weil die Geschichte irreversibel ist, so daß ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktaturen usw. die eindimensionale – Naivität der – Tradition (zum Glück) nicht wiederkehren wird.

Ein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück kann sich ohnehin niemand wünschen, dem die (subjektive) Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde sowie ein erfülltes Leben wichtig sind.

 

Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich sage die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben. Denn wer die Wahrheit sucht, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . .

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer eigenen Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – lobhudelnde – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und hoffe, daß das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotz aller Suche noch umwerfen wird.

Es würde mich furchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht unendlich viel mehr und absolut Besseres eingefallen als mir.

 

Daß wußte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausführlich:

„Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten würde und ich wählen müßte, ich würde das letztere wählen, und des Apostels Aufforderung lautet: Prüfet alles! Ohne Prüfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Prüfung wird sie allmählich unser Eigentum.

Darum fühlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Prüfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdrängen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, daß er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.

Denn die Wahrheit kann durch Prüfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der bestandenen Prüfung, die Lüge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Prüfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.

Kein Mensch auf Erden hat daher Ansprüche auf sogenannte Untrüglichkeit. Wer als unbedingte Autorität gelten will, wird daher verworfen.“

 

Sie sagten zu Beginn dieses Kapitels: „Wer an eine objektive Wirklichkeit glaubt, darf nicht länger mitspielen.“ Das ist zu einschränkend; Sie dürfen sogar an eine objektive Wirklichkeit glauben.

Nehmen wir als Beispiel das heute herrschende evolutive Weltbild mit Urknall und reinem Physikalismus. Es könnte Ihnen so überzeugend erscheinen, daß Sie sagen: „Das ist es! Ich glaube ganz fest, daß dieses Weltbild die objektive Realität adäquat wiedergibt, und danke den Physikern für ihre großartige Umsicht. Daß JS die Existenz dieser objektiven Realität bestreitet, ist mir doch gleichgültig; dann täuscht er sich eben.“ 

Denken Sie so, kann ich 100%-ig mitgehen: Sie stellen sich eine bestimmte Art von objektiver Wirklichkeit vor und glauben daran. Das ist völlig unproblematisch, denn wir können uns (nahezu) alles Widerspruchsfreie vorstellen und natürlich auch die eigenen Vorstellungen glauben. 

Das gilt selbstverständlich auch für die objektive Wirklichkeit; bei ihr kommt sogar noch hinzu, daß wir den Zusammenhang in diesem Fall auch umkehren können:

Sie ist das, was sich nur vorstellen und glauben läßt.

 

Und damit sind wir wieder bei dem einzigen „Verbot“, dessen Übertretung uns in die Hinterwelt führt:

Sie dürfen nicht behaupten, die objektive Wirklichkeit erkannt bzw. abgebildet zu haben und dadurch von ihr zu wissen; erst durch diese widersprüchliche Zusatzannahme würde sie zu einer Hinterwelt.

Nun also endgültig:

Der postmoderne Spaß endet nicht, wenn Sie (an) eine objektive Wirklichkeit glauben, sondern erst, falls Sie

– diese als adäquat abgebildet,

– somit als erkennbar und

– folglich auch intersubjektiv verbindlich

behaupten.

 

Damit muß ich auch meine bisherige Ausdrucksweise nachträglich ein wenig relativieren, behalte sie aber der Deutlichkeit halber bei:

Wenn wir keinerlei Zugang zum Außerhalb unserer Psyche besitzen, kann ich natürlich auch nicht erkennen, daß keine objektive Wirklichkeit existiert

AD: „Also steht es zwischen Ihnen und den modernen Traditionalisten 1 : 1; letztere glauben (an) die objektive Wirklichkeit und Sie nicht.“

Möglicherweise „ja“; das ging aber jetzt etwas zu schnell, denn wir müssen zwei Fälle unterscheiden.

 

Wenn die modernen Traditionalisten nur sagen, es gäbe eine objektive Wirklichkeit ohne deren Form zu konkretisieren, haben Sie mit Ihrem 1 : 1 vielleicht theoretisch Recht.

Praktisch erhebt sich in diesem Fall jedoch die Frage, worin der Unterschied zwischen der Existenz bzw. Nicht-Existenz einer vollkommen unbekannten objektiven Wirklichkeit bestehen soll. Ist das tatsächlich ein Unterschied, der einen Unterschied macht?

 

Legen sich die traditionell Denkenden jedoch auf eine spezielle Realität fest, stimmt das 1 : 1 nicht mehr, weil ihr Glaube möglicherweise zu spezifischen Konsequenzen für unser Leben führt. Beispielsweise könnten Kühe heilig, der Koran wörtlich inspiriert und unser Leben durch die Naturgesetze oder den Willen Gottes determiniert sein. 

Wer etwas Spezielles oder Konkretes behauptet, steht in der Beweispflicht; nicht der staunende Gesprächspartner.

Daß gerade Kühe heilig sein sollen, müßte von den Gläubigen begründet und braucht nicht von uns Ungläubigen widerlegt zu werden. Es beweist (meines Erachtens) auch niemand, weshalb Flöhe – angeblich – nicht heilig sind.

 

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven genießbar zu machen; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, sagen die Mythen, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.

Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erklärung für richtig hält, dem kommt eine Begründungspflicht zu.

Mit dem bloßen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung, sondern distanzieren uns lediglich von dem Mythos. Weder bedarf das einer Rechtfertigung, noch bedeutet es, sich um eine andere Erklärung bemühen zu müssen; die Athene-Geschichte interessiert uns doch vielleicht gar nicht.

 

Solange es, anders formuliert, um unsere subjektive Wahrhaftigkeit und nicht um eine angebliche objektive Richtigkeit geht, sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen.

Dann sagen wir jedoch auch nicht „so ist es“; diese traditionelle Anmaßung entspricht dem Hinterwäldlerischen.

 

AD:  „Und sie entspricht dem Sein-Wollen-wie-Gott?“

Ich glaube „ja“. Ohne das traditionelle Denken ist ein objektiver Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch gar nicht möglich; es bildet eine notwendige Voraussetzung dafür, muß aber nicht zu ihm führen. Menschen können traditionell denken und sich dennoch ganz bescheiden weit entfernt von jeder Richtigkeit wähnen.

Wer jedoch den Anspruch erhebt, die objektive Wirklichkeit zu kennen,

– will sein wie Gott,

– ist aber hinterwäldlerisch.

2.5.1. Wissenschaft und Hinterwelt

AD: „Warum ver(sch)wenden Sie so viel Zeit und Mühe darauf, uns die objektive Wirklichkeit oder Hinterwelt wegzunehmen, die wir ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden?“

Weil dieser traditionelle Glaube zu weitreichenden Konsequenzen führt

Das gilt nicht zuletzt für die empirischen Wissenschaften. Obwohl in ihnen nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Seiende begegnet sind, glauben sehr viele ihrer Vertreter, von deren objektiver Realität zu sprechen.

Warum eigentlich?

 

Können Wissenschaftler plausibel machen, das Ziel ihrer Forschung bestehe in der neutralen Abbildung der objektiven Wirklichkeit – unabhängig davon, ob sie das nun selbst glauben oder nicht –, läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos sowie wertfrei sein muß und Wissen stets besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer oder Scharlatane müssen Angst vor der Wirklichkeit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt und immer gut.

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich die objektive Wirklichkeit wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es ganz neutral ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns bitte dankbar“.

Nun können wir wieder den ersten rot hervorgehobenen Absatz anschließen.  

 

Eine objektive Realität zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Seienden nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem richtigen Wege, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Seienden – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich im traditionellen Denken einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme.

Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken kaum an – weil gar nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder berechnend, aber gewiß verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – „es hat nicht geknallt“ – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – „die Seienden werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen“.

 

So geht unser „Fortschritt“ immer weiter; aber ohne angebbares Ziel können wir nicht sinnvoll von Fortschritt sprechen, denn er wird zu einem bloßen Nur-schnell-weg von diesem Hier und Jetzt.

Natürlich bliebe es ein lohnenswertes praktisches Ziel, allen Menschen ein Leben in  Freiheit und Würde zu ermöglichen; aber ich bezweifle ernsthaft, daß diese Intention in der abendländischen Moderne sonderlich stark ausgeprägt war.

Ihr Ziel ist eher ein theoretisches und bestand ursprünglich darin, die objektive Welt zu erkennen. Wenn sich in der Postmoderne der Gedanke durchsetzt, daß es diese  gar nicht gibt und wir jahrhundertelang ein Pseudoziel verfolgt haben, besteht vielleicht wieder die Chance, uns den wirklich brennenden Problemen zuzuwenden. 

 

AD: „Wenn die Realität nicht objektiv ist, können die rxakten Wissenschaften es auch nicht sein.“

Stimmt; der Glaube an eine erkenntnis-theoretische Objektivität ist hinterwäldlerisch; davon können wir uns schnell überzeugen:

Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft – ganz einfach, weil aus nichts auch nichts folgt. Setzen wir keine – mehr oder weniger willkürlichen – Prämissen, fehlen also auch sämtliche Konklusionen; das voraussetzungsfreie Fachbuch bleibt völig leer. 

Mit anderen Worten heißt dies, daß die exakten oder Modell-Wissenschaften als Resultate nur die Konseqenzen ihrer eigenen Voraussetzungen enthalten können. Weder die Logik noch das Experiment sind kreativ; sie steuern nichts bei, sondern die Ergebnisse dieser Wissenschaften bestehen lediglich in den – freilich explizierten, ausgefalteten oder entwickelten und dadurch möglicherweise auch sehr überraschenden – Konsequenzen ihrer eigenen Modelle.

Es kann nur das herauskommen, was wir selbst hineingesteckt haben.  

 

Ist die Wissenschaft – durch die Notwendigkeit von Prämissen – jedoch nicht voraussetzungslos, kann sie auch nicht wertfrei sein, denn mit den unabdingbaren Voraussetzungen, ohne die es gar keine Wissenschaft gibt, setzen wir zugleich ganz spezielle Werte.

Das daraus resultierende Ergebnis besteht also nicht in der, sondern in einer Wissenschaft.

So wie es beliebig viele Mathematiken gibt, wären auch die verschiedensten Physiken möglich. Wir haben uns für eine entschieden, mit deren Hilfe sich „phantastisch(e)“ Waffen bauen lassen, und können uns eine andere Physik gar nicht vorstellen. Es bleibt also insbesondere offen, ob die negativen Möglichkeiten unserer Physik zwangsläufig auch jeder anderen angehören würden.    

 

Es gibt natürlich auch eine ethisch-praktische Objektivität der Wissenschaften. Ihr zufolge sollen alle Ergebnisse ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein. Subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; „schade“!

Eine solche Objektivität wird hoffentlich stets das Ziel der Forschung bleiben, hängt jedoch mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.

 

AD: „Wenn die objektive Wirklichkeit eine Hinterwelt darstellt, können unsere diesbezüglichen Vorstellungen weder richtig noch falsch sein. Warum – und worum – streiten wir dann im Alltag, vor Gericht, in der Industrie oder Wissenschaft eigentlich häufig so erbittert?“ 

Das ist ganz einfach: Weil es dort niemals um die hinterwäldlerischen Seienden geht – andenfalls dauerte der Streit doch endlos an. Der Meteorologe sagt im Wetterbericht beispielsweise nicht voraus, daß die Ur-Sonne morgen Abend 20:16 Uhr untergeht, sondern welche „Sonnen“-Wahrnehmungen wir um diese Zeit erleben können.

Alltag, Gericht, Industrie und Wissenschaft haben absolut nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun, sondern hier werden Vorstellungen mit Wahrnehmungen verglichen und damit auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie besteht gegebebenfalls darin, daß jene mit diesen übereinstimmen.

2.5.2. Das moderne Weltbild als Mythos

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer objektiv-wirklichen Realität zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder i. e. S. verfügen. Das sind Vorstellungen, die höchstens irrtümlich als Abbilder geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern partout nicht die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitestgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls seine Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ kategorisiert werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die natürlich – wie könnte es auch anders sein – direkt zu uns als der Krone der Schöpfung Evolution führt und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Ich bin – gegen den Zeitgeist – fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und lediglich über (inter-)subjektive Wirklichkeits-Bilder i. e. S. verfügen, wie alle anderen Kulturen auch. Sämtliche Varianten haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befinden sich richtige Wirklichkeits.Bilder darunter

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Das stellt fast eine Tautologie dar; alle gehen so vor und müssen so vorgehen. Das ist alternativlos; und ob es tatsächlich richtig war, wird bestenfalls die Zukunft zeigen.

Das gilt also auch für die traditionell Denkenden; sie erzählen ebenfalls nur, was zu glauben sie für richtig halten, und sind dabei überzeugt, uns die objektive Wirklichkeit zu schildern.

 

Das traditionell verstandene Wirklichkeits-Bild verstellt den Blick auf die Wirklichkeit des Lebens, indem es uns eine objektive Realität vorgaukelt,

– die ursprünglich oder primär sein soll und

– der wir unser Leben als sekundär unterzuordnen haben,

– weil wir angeblich in und von dieser Realität leben.

Mit einem solchen Denken belügen wir uns selbst; wir könnten es wissen, wollen das aber gar nicht, und dafür bestehen mindestens fünf Gründe:

 

1. Zunächst interessiert uns sehr, „wie es wirklich ist“; postmodern läßt sich diese Sehnsucht jedoch nicht erfüllen.

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und die scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet zu sein, daß wir auf die uns als wichtig erscheinenden Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir nicht nur bei politischen oder sportlichen Großveranstaltungen, sondern auch im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien mitunter ungeschminkt erleben können.

 

3. Wir suchen nach wärmender Gemeinschaft und möchten gerne in ihrem Strom mitschwimmen.

Die Mehrheit denkt aber nicht, und zahlreiche Umfragen zeigen, daß sie das auch gar nicht möchte. Selbst in Freiheit zu denken, vermag nur der Einzelne – wenn er denn will und den dafür notwendigen Mut aufbringt.

 

4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit hätte etwas mit Richtigkeit zu tun, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser Wirklichkeits-Bild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zumindest implizit zum Wirklichkeitsbild gehört und somit aus ihm hergeleitet werden kann, ist uns zugänglich.

Sämtliche Schlüsse, Begründungen oder Widerlegungen, derer wir fähig sind, tragen also den heimlichen Vermerk „im Rahmen meines Wirklichkeits-Blds“, denn sie setzen dieses als unhintergehbares Nonplusultra voraus. Das eigene Wirklichkeits-Bild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was – für uns – 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist.

„A kann nicht und B muß sein – in meinem Wirklichkeitsbild.“

Letzteres und keine angebliche objektive Wirklichkeit, liefert die einzige Begründung; eine Hinterwelt kann weder etwas rechtfertigen noch anfechten.

 

5. In unserer Technik werden die exakten Wissenschaften angewandt, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die objektive Realität adäquat wiedergeben.

Dem würde ich entgegenhalten, daß andere Kulturen mit ihren – dann natürlich – „falschen“ Wirklichkeits-Bildern teilweise sehr lange bestanden; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ modernes Wirklichkeits-Bild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

AD: „Das mag theoretisch stimmen, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

 

Vielleicht wollte es auch keiner!

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man denken und wollen kann, hängt doch vom Wirklichkeits-Bild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht. Wir können ihn nicht einmal wollen, weil das unserem Wirklichkeits-Bild zufolge Nonsens wäre.

Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, mußte ihnen der Gedanke hinzufliegen, einfach als absurd erschienen sein – sofern er überhaupt möglich war. Kennen Sie einen Gläubigen, der ernstlich in die Transzendenz fliegen möchte? Wo müßte er dann eigentlich starten und in welche Richtung?

 

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

Vielleicht ließe sich auch so denken:

Keiner wollte das, was wir können; aber was unsere Vorfahren wollten und vielleicht auch konnten, können wir nicht einmal mehr wollen

 

Damit verlängern wir die Liste der allgemein bekannten Kränkungen des Menschen duch die moderne Wissenschaft über Galilei, Darwin, Freud, Turing, Gödel usw. hinaus:

1. Die angebliche objektive Wirklichkeit ist nur eine Hinterwelt.

2. Sämtliche Wissungen sind durch das eigene subektive Wirklichkeits-Bild begrenzt, so daß sie mit diesem auch völlig danebenliegen könnten.

3. Was „danebenliegen“ bedeutet, verstehen wir jedoch bereits nicht mehr, weil es sich eo ipso nur „neben“ unserem Wirklichkeits-Bild befinden und ihm nicht mehr angehören kann.

4. Dort spielt auch die Wirklichkeit des Lebens, so daß die Helle des Verstandes sie nicht erreicht.

2.5.3. Die Postmodernen sind nicht überheblich

AD: „Auf der einen Seite kann ich Ihre Position, daß die objektive Wirklichkeit wegen ihrer prinzipiellen Unerreichbarkeit lediglich eine willkürlich behauptete Hinterwelt bildet, sehr gut verstehen und finde sie nahezu zwingend.

Auf der anderen Seite will ich aber nicht glauben, daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen in Antike, Mittelalter und Moderne das nicht gesehen haben soll und wir letztlich auf die Postmoderne warten mußten, um es zu erkennen. Dann wären die Postmodernen die Krone der Menschheit, und das würde – so wie ich Sie verstehe – Ihren eigenen Intentionen diametral zuwiderlaufen.“

Da gehen wir völlig d’accord, und mir ist es wichtig, jeglichen Verdacht, ich könnte unsere Vorfahren als nicht sonderlich intelligent einschätzen, weit von mir zu weisen. Hiermit gewinnt Ihr Einwand jedoch nochmals an Gewicht:

Wie ist es möglich, daß kritische Geister durch viele Jahrhunderte hindurch die offensichtliche Hinterwelt nicht als eine solche durchschauten und ablehnten, sondern als objektive Wirklichkeit glaubten?

 

Das hat zum einen nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, daß Seiende vor der Aufklärung nicht nur die Urbilder waren – von denen auch bei uns allein die Rede war –, sondern zugleich auch als universales Paradigma fungierten. Man mußte in Seienden denken, weil es gar keine Alternative dazu gab, und konnte sie also nicht

von außen bedenken,

nicht hinterfragen, woher die Seienden kommen oder wie sie entstanden sind bzw.

mit uns Subjekten zusammenhängen.

Wir sind nicht schlauer als unsere Vorfahren, aber uns stehen Denk-Werkzeuge zur Verfügung, von denen sie nicht einmal träumen konnten.

Einstein war auch nicht intelligenter als Newton; aber zum einen konnte er eine Mathematik für gekrümmte Räume nutzen, die Newton vielleicht für Teufelszeug gehalten hätte, weil er (an) einen absoluten Raum gaubte. Zu anderen setzt ein solcher Vergleich Kriterien voraus, und wer verfügt über dergleichen?

 

Zum anderen waren Antike und Mittelalter zutiefst christlich geprägt und verstanden von daher den Menschen als Ebenbild Gottes. Diese Beziehung führte bei vielen der damaligen Philosophen oder Theologen zu der Annahme, daß wir Menschen am unendlichen Geist Gottes teilhaben (können).

Einzelne Denker warnten vor problematischen Vereinfachungen; Blaise Pascal zum Beispiel legte Wert auf die Feststellung, daß es den Nous wohl geben mag, er aber nicht automatisch mit dem Gott des christlichen Glaubens gleichgesetzt werden dürfe.    

Unsere Vorfahren wußten

– nicht nur von der objektiven Wirklichkeit, sondern

– zugleich auch, daß sie diese Erkenntnis ihrem Gott verdankten und

– niemals aus eigener Kraft hätten erlangen können.

Dann

– konnte die objektive Wirklichkeit freilich auch guten Gewissens geglaubt werden,

– denn ihre Erkenntnis bedeutete keinen Widerspruch,

– so daß es sich bei ihr auch nicht um eine Hinterwelt handelte.

 

Die Aufklärung hat uns aus diesem Wissens-Paradies verstoßen. 

Konservative Traditionalisten

– halten unsere Probleme durch ein vor-aufklärerisches Denken für lösbar und

– sehen den Weg zu ihm in einer Wiedererstarkung des Glaubens.

 

Ich glaube das nicht, denn das antik-mittelalterliche Denken hätte heute nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun, sondern wäre ganz simpel Naivität

Wenn Gläubige mit Atheisten diskutieren, sollte letzteren vor Staunen der Mund offenstehen; aber nicht wegen der verschrobenen überholten Ansichten ihrer Gesprächspartner, sondern wegen derer starken Überlegungen, in denen ein Mehr-Wissen und keine Ignoranz zum Ausdruck kommt.  

 

Hierfür ist es freilich wichtig, zwei Bedeutungen von „Aufklärung“  zu unterscheiden:

Die eine ist ein historisches Ereignis, das ins 18. Jahrhundert gehört und nicht unwesentlich mit Kant verbunden ist. Das kann man persönlich ignorieren, für negativ halten, aber nicht ernstlich bestreiten – ohne unsere Sprachspiel-Gemeinschaft zu verlassen.

Die zweite Bedeutung besteht in der subjektiven Aufklärung, die sich nur als Praktik, Vollzug oder Ereignis im jeweiligen Jetzt verstehen läßt und somit auch nicht datierbar ist. Diese Aufklärung kann man nicht hinter sich haben; sie geschieht jetzt, oder eben auch nicht. Sie hat mit der Kirche gemein, daß sie nur als „semper reformanda“ möglich ist.

Wir können also nach der historischen Auflärung völlig unaufgeklärt leben; so wie es auch vor dem 18. Jahrhunter aufgeklärte Menschen wie Jesus oder Lessing gab, sofern wir die Aufklärung nicht auf ihren ratonalistischen oder Wissens-Aspekt verengen, sondern auf unser Leben beziehen.

2.6. Philosophisches und alltägliches "Abbilden"

AD: „Ich fürchte, die meisten Menschen lehnen Ihre Überlegungen ab, wei sie – vielleicht recht stringent, aber dadurch auch – sehr kompliziert sind und wir mit dem traditionellen Abbilden ein herrlich einfaches Erklärungsmodell besitzen, so daß sich die notwendige Anstrengung nicht zu lohnen scheint. Das Abbilden ist etwas Alltägliches; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“

Das stimmt; aber wer so denkt, übersieht, daß wir es hier mit zwei völlig verschiedenen Formen des „Abbildens“ zu tun haben. Das philosophische Abbilden(p), um das es uns geht, hat mit dem von Ihnen gemeinten alltäglichen Abbilden(a) (nahezu) gar nichts gemein.

 

Wir stehen – traditionell gedacht – vor dem objektiv-realen Eiffelturm, bilden ihn in unserer Psyche ab und schießen ein Erinnerungsphoto, so daß sich zwei verschiedene Arten von „Abbildern“ ergeben.

Die Anführungsstriche soeben sind wichtig, denn es wäre mehr als verwegen, hierbei Abbilder als gemeinssamen Oberbegriff zu benutzen: 

 

Natürlich ist ein Photo vom Eiffelturm nicht der Eiffelturm, sondern lediglich ein Abbild(a) von ihm. Aber das Photo, das wir in der Hand halten oder auf dem Handy sehen, ist traditionell ebenso real, wie der Eiffelturm selbst. Wenn er ein Urbild sein soll, muß dies für sein Photo also ebenfalls gelten.

In Paris befinden sich folglich an der frischen Luft zwei Urbilder – der Eiffelturm sowie sein Photo – und in unserer Psyche die beiden zugehörigen Abbilder(p).

Wir könnten noch ein Photo vom Photo vom Photo vom . . . machen, aber an deren Abbilder(p) kommen wir natürlich nicht heran.

 

 

Seiende oder Urbilder Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
  ——— Abbilden(a) ——
  | | |
  Abbilden(p) Abbilden(p) Abbilden(p)
 
Abbilder(p) vom . . .
Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
in der eigenen Psyche
     

Abbildung 3.6.-1

 

Beim Abbilden(a) sind uns sowohl Ur- als auch Abbild(a) gegeben; beim Photographieren können wir beispielsweise die aufgenommene Landschaft unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt; das Original und sein Photo. Dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, von dem er ein Porträt malt; wir orientieren uns in der Natur mittels einer Wanderkarte usw.

 

Mit Ur- bzw. Abbild(p) im traditionell-philosophischen Sinne haben diese Beispiele nicht viel zu tun, denn beim Abbilden(p) ist uns immer nur ein Exemplar gegeben.

Die Tradition behauptet es als Abbild(p) eines zugehörigen Urbilds.

Wir halten diesen „Schluß“ für einen Zirkel und glauben die Urbilder nicht, so daß die traditionellen „Abbilder(p)“ nun auch keine Abbilder(p) mehr sind, sondern ganz simpel unsere Wahrnehmungen, wodurch sich die Darstellung von soeben aus unserer Sicht massiv vereinfacht.

 

 

————– ————– ————– ————–
    ————–  
  ————– ————– ————–
  ————– ————– ————–
  ————– ————– ————–
„Abbilder(p)“ oder Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
Wahrnehmungen
——— Abbilden(a) ——
in der eigenen Psyche
      

Abbildung 3.6.-2

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; einverstanden. Das Urbild Mond ist natürlich unsichtbar, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz:

Wir könnten keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“

Ihr letzter Satz ist zumindest zweideutig.

Er könnte eine Tautologie darstellen: Gäbe es dort nicht den Mond als Sehung, würden wir auch keinen sehen; dem vermag niemand zu widersprechen.

Aber zur Verteidigung der Tradition müßten wir Ihren Satz so verstehen, daß zwei Monde zu unterscheiden sind: 

Die Mond-Sehung X in unserer Psyche wäre unmöglich, wenn sich der Ur-Mond Y nicht dort im Weltraum befände.

Ich fürchte, wir haben tatsächlich nur die Wahl zwischen Tautologie und Zirkelschluß.

 

AD: „Ja; aber ich bin noch nicht bereit aufzugeben und versuche es einmal etwas konkreter.

Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes von der Sraße entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral oder sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv. Es werden also, einfacher formuliert, nicht hier Bildchen und da Tönchen übertragen, sondern stets einheitliche Weder-Bildchen-noch-Tönchen.

Wir verstehen bisher kaum, wie ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – oder auch Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden können. Hier besteht zwar noch eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht tangiert.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

Das war wohl Ihre Intention. Aber dabei übersehen Sie, daß Abbild nicht gleich Abbild ist. Was Sie im Physikunterricht gelernt haben,

– war völlig in Ordnung,

– bezieht sich aber nur auf das alltägliche Abbild(a) und

– hat demzufolge mit dem angeblichen philosophischen Abbild(p) gar nichts zu tun.

Um dem widersprechen zu können, müßten Sie glauben, daß der Optiker uns nicht in die Augen, sondern in die Psyche schaut; bestenfalls hier wäre das Abbild(p) zu finden.

 

Ich korrigiere also in unserem postmodernen Sinne:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut abgebildet(a) wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihr Abbild(a), eine weitere Sehung – wie oben das Foto vom Eiffelturm –, nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Damit sollte deutlich werden, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbildproblem nicht nur weder löst noch beseitigt, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern und deren Abbildern(p) ist in der Physik gar nicht die Rede; sie kennt lediglich zwei Arten von Sehungen; die jeweils ursprünglichen – Eiffelturm oder Baum am Straßenrand zum Beispiel – und deren Photo bzw. Abbild(a).

Genau dadurch, daß Ihre Beschreibung eine rein physikalische ist und mit unserem philosophischen Abbild-Scheinproblem nichts zu tun hat, wird diese Beschreibung nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder abgebildet(p) werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum tranportiert und damit in andere Sehungen transformiert(a) werden können.

 

AD: „Jein; es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie zum Sehen sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); folgt daraus nicht, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie –, sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendig“.

Wir sehen natürlich nicht, wenn unsere Augen geschlossen sind; aber daraus folgt doch absolut nicht, daß wir sehen, weil sie offen sind. Eine Puppe kann ihre Augen noch so weit aufreißen; sie bleibt blind.

Offene Augen sind für das Sehen notwendig; aber das Hinreichende besteht nicht in ihnen, sondern in unserem Leben.

 

AD: „Aber einen Joker habe ich doch noch, nämlich die vielen Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise den urbildlichen geraden Stab, wenn er schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern ebenfalls bereits eine Sehung – wie der obige Baum am Straßenrand. Wir sehen ihn doch schon, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden. Für die Physiker gibt es nur Abbilder(a); ob sie traditionell oder postmodern denken, spielt überhaupt keine Rolle.

Der „Widerspruch“ gebrochener contra gerader Stab besteht also zwischen zwei Sehungen – Stab im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit wieder ein rein physikalisches Problem dar; das ist kein falsches Abbild(p), sondern ein vielleicht unerwartetes Abbild(a).

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern (angeblich) außerhalb der Psyche; deswegen sind sie unerreichbar – und damit verzichtbar.

2.7. Exkurs II: Markus Gabriel als Naiver Realist

Dieses Kapitel enthält einen (leicht abgeänderten) Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung von Bruno Latours Denken durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin möglicherweise beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung; auch Gabriels Mißgriff würde dies nicht rechtfertigen.

Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dient, und zum anderen um diesen dritten Teil mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.

 

Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:

„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:

Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“

 

An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat 100%-ig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, der den fundamentalen Unterschied zwschen zwei Arten von Wirklichkeit – nämlich „ewigen“ Seienden und erfundenen Aktanten – nicht sehen kann oder will.

Ich werde versuchen, meine Argumentation und Verteidigung Latours – obwohl sie nur rein philosophisch ausfallen kann – ohne Fach-Chinesisch hinzubekommen.

 

Wir haben alle irgendein spezielles subjektives Weltbild. Rein assoziativ beziehen wir das zumeist allein auf die Immanenz; um diese unnötige Vernachlässigung der Transzendenz zu vermeiden, sprechen wir im weiteren besser von unserem Wirklichkeits-Bild.

Die meisten Menschen sind überzeugt, daß das ihrige wahr oder zumindest richtig ist. Das postmoderne Denken geht hingegen davon aus, daß diese Annahme

– nicht nur nicht überprüfbar, sondern

– völlig sinnleer ist, wei es keine objektive Wirklichkeit und damit auch

– weder ein wahres bzw. unwahres noch ein richtiges resp. falsches Bild von ihr geben kann.

 

Aber selbst diese Aussage, die Sie gewiß als eine ziemliche Zumutung erfahren, können wir vollkommen auf sich beruhen lassen. Als Prämisse für unsere Überlegungen genügt,

– daß wir subjektiv über ein bestimmtes Wirklichkeits-Bild verfügen,

– uns an ihm orientieren und

– orientieren müssen, weil die Alternative dazu nur in einem anderen Wirklichkeits-Bild bestände.

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen, die meines Erachtens ebenso weitreichend wie zwingend sind:

 

Zum einen können wir alles wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben beispielsweise –, was uns im Rahmen des eigenen Wirklichkeits-Bilds möglich ist. Hexen oder Schamanen etwa, die dem ihrigen zufolge fliegen können, werden das wahrscheinlich auch versuchen.

Die Wirklichkeit selbst bestimmt dann darüber, ob das Wollen zum Erfolg führt – aber das muß uns, wie bereits gesagt, schon nicht mehr interessieren.

 

Zum anderen können wir nichts wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben –, was in unserem Wirklichkeits-Bild gar nicht enthalten ist;  tolen zum Beispiel.

„Ich weiß doch gar nicht, was das sein soll“, möchten Sie vielleicht einwenden. Aber genau das meine ich ja: Das Wort „Tolen“

– besitzt keine Bedeutung, und

– deswegen wissen wir alle nicht, was das sein soll,

weil es in unserem Wirklichkeits-Bild nicht vorkommt

Bei dieser zweiten Konsequenz spielt die Wirklichkeit gar keine Rolle. Was wir nicht wissen, können wir auch nicht wollen.

 

Nach dieser Theorie zurück zum Thema.

Wir betrachten einen Patienten aus dem Jahre 2018, der sich miserabel fühlt, zum Arzt geht, von diesem untersucht wird und möglichst geholfen bekommen möchte. Noch kommt in keinem Wirklichkeits-Bild Covid vor, so daß eine entsprechende Diagnose unmöglich ist.

 

Der Patient könnte jedoch trotzdem Covid haben, denken Sie möglicherweise gemeinsam mit Gabriel; Latour und ich bezeifeln das.

Um dies nachvollziehen zu können, unterscheiden wir zwei prinzipiell verschiedene Arten von Wirklichkeit.

 

Die eine hängt mit unserem Leben zusammen, kann also auch bei Babys oder Tieren vorkommen und hat nichts mit irgendwelchen Theorien zu tun; nennen wir sie deswegen „Leibhaftigkeit des Lebens“.

Damit meine ich, daß es unserem Patienten schlecht geht, Freude und Leid unser Leben prägen, Geburt und Tod fundamental sind, Menschen einander lieben oder hassen und an Götter glauben können – aber all das nicht so, wie es unsere Theorien repräsentieren, sondern so, wie wir es erfahren und insbesondere die Kunst darstellt oder beschreibt.   

Die Leibhaftigkeit des Lebens ist ungeschichtlich und war schon zu Zeiten von Ramses II die gleiche wie heute.

 

Die zweite Wirklichkeit oder Reflexion des Lebens wird von – wissenschaftlichen oder unwisenschaftlichen – Theorien konstruiert, existiert somit erst nach deren Erfindung, und wir projizieren sie aus unserem Bewußtsein heraus in die – oder besser: als – Welt.

Hierzu gehört Latour zufolge insbesondere die gesamte Naturwissenschaft mit dem Mycobacterium und Covid 19.

 

Ohne die Leibhaftigkeit des Lebens wäre seine Reflexion nicht möglich; aber diese bildet weder eine Beschreibung noch Wissen von jener, wie die uns fremden Kulturen mit ihren anderen Reflexionen beweisen.

Schmerzen und Orgasmen existieren seit Menschengedenken, denn sie gehören zur Leibhaftigkeit unseres Lebens; zehndimensionale Spinor-Räume müssen dagegen erst von Menschen erdacht werden, um vorhanden sein zu können.

 

Das waren eindeutige Beispiele; zumeist ist die Zuordnung schwieriger:

Die Gallenkolik gehört zum Medizin-Studium und damit zur Reflexion.

Interessieren wir uns nicht für diese Theorie und haben nur die leibhaftigen Schmerzen vor uns, gibt es „Gallenkoliken“ schon immer, aber es waren natürlich keine Gallenkoliken.

Die weibliche Eizelle wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckt; zuvor ging der Embryo vollständig aus dem Vater hervor, und die Mutter stellte lediglich den geschützten Raum für seine Entwicklung zur Verfügung. Deswegen stand auch Jesus‘ natürliche Geburt seiner Gottessohnschaft absolut nicht im Wege.

Die Reflexionen ändern sich; die Leibhaftigkeit ist immer die gleiche – läßt sich aber ohne Reflexion nicht greifen. Hans-Georg Gadamer abwandelnd könnten wir sagen:

„Wirklichkeit, die verstanden wird, ist Reflexion.“ 

 

Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten – im Rahmen seines eigenen Wirklichkeits-Bilds – vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun hat.

Das war im Mittelalter eben noch ganz anders. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich für viele Menschen als hinreichend einleuchtend, stimmig und widerspruchsfrei. Deswegen glaubten fast alle die dämonische Besessenheit, so daß sie doch „objektiv richtig“ war.

Daraus wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen.

Was es wirklich ist – die Gabriel-Frage nach der objektiven Wirklichkeit –, stellt ein Scheinproblem dar, weil die Leibhaftigkeit als solche nicht verstanden, gedacht oder gesagt werden kann.

Dazu benötigen wir erst eine Reflexion, und die ist stets auf 1000 Arten möglich.

Aufgrund unseres historischen Wissens wäre Besessenheit heute zwar möglich, aber für die meisten Menschen sehr unglaubwürdig.

Im Mittelalter war Corona noch nicht einmal möglich, weil es – im Gegensatz zur Besessenheit – noch keiner erfunden hatte.

 

Das  Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht aus mindestens zwei Gründen nicht:

Zum einen hat man die dämonische Besessenheit im Mittelalter bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Daß andere Menschen anders denken muß gar nichts mit ihrer Intelligenz zu tun haben. Besteht überhaupt ein Zusammenhang, ist völlig offen, welche Form er besitzt. 

Zum anderen hätte man die Viren damals – auch mit Mikroskop – keinesfalls sehen können, weil sie dem Wirklichkeits-Bild nicht angehörten.

 

AD: „Aber wir können doch auch etwas sehen, was wir noch nicht wußten; einen neuen Planeten unseres Sonnensystems beispielsweise.“

Dann kannten wir diesen speziellen Planeten noch nicht, aber „Planeten“ war bereits ein alter Begriff; das ist dann eine Entdeckung.

Sie wurde jedoch nur dadurch möglich, das der Begriff des Planeten zuvor bereits erfunden worden war; keine Entdeckung ohne Erfindung