3.6. Philosophisches und alltägliches „Abbilden“

AD: „Ich fürchte, die meisten Menschen lehnen Ihre Überlegungen ab, wei sie – vielleicht recht stringent, aber dadurch auch – sehr kompliziert sind und wir mit dem traditionellen Abbilden ein herrlich einfaches Erklärungsmodell besitzen, so daß sich die notwendige Anstrengung nicht zu lohnen scheint. Das Abbilden ist etwas Alltägliches; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“

Das stimmt; aber wer so denkt, übersieht, daß wir es hier mit zwei völlig verschiedenen Formen des „Abbildens“ zu tun haben. Das philosophische Abbilden(p), um das es uns geht, hat mit dem von Ihnen gemeinten alltäglichen Abbilden(a) (nahezu) gar nichts gemein.

 

Wir stehen – traditionell gedacht – vor dem objektiv-realen Eiffelturm, bilden ihn in unserer Psyche ab und schießen ein Erinnerungsphoto, so daß sich zwei verschiedene Arten von „Abbildern“ ergeben.

Die Anführungsstriche soeben sind wichtig, denn es wäre mehr als verwegen, hierbei Abbilder als gemeinssamen Oberbegriff zu benutzen: 

 

Natürlich ist ein Photo vom Eiffelturm nicht der Eiffelturm, sondern lediglich ein Abbild(a) von ihm. Aber das Photo, das wir in der Hand halten oder auf dem Handy sehen, ist traditionell ebenso real, wie der Eiffelturm selbst. Wenn er ein Urbild sein soll, muß dies für sein Photo also ebenfalls gelten.

In Paris befinden sich folglich an der frischen Luft zwei Urbilder – der Eiffelturm sowie sein Photo – und in unserer Psyche die beiden zugehörigen Abbilder(p).

Wir könnten noch ein Photo vom Photo vom Photo vom . . . machen, aber an deren Abbilder(p) kommen wir natürlich nicht heran.

 

 

Seiende oder Urbilder Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
  ——— Abbilden(a) ——
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  Abbilden(p) Abbilden(p) Abbilden(p)
 
Abbilder(p) vom . . .
Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
in der eigenen Psyche
     

Abbildung 3.6.-1

 

Beim Abbilden(a) sind uns sowohl Ur- als auch Abbild(a) gegeben; beim Photographieren können wir beispielsweise die aufgenommene Landschaft unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt; das Original und sein Photo. Dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, von dem er ein Porträt malt; wir orientieren uns in der Natur mittels einer Wanderkarte usw.

 

Mit Ur- bzw. Abbild(p) im traditionell-philosophischen Sinne haben diese Beispiele nicht viel zu tun, denn beim Abbilden(p) ist uns immer nur ein Exemplar gegeben.

Die Tradition behauptet es als Abbild(p) eines zugehörigen Urbilds.

Wir halten diesen „Schluß“ für einen Zirkel und glauben die Urbilder nicht, so daß die traditionellen „Abbilder(p)“ nun auch keine Abbilder(p) mehr sind, sondern ganz simpel unsere Wahrnehmungen, wodurch sich die Darstellung von soeben aus unserer Sicht massiv vereinfacht.

 

 

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„Abbilder(p)“ oder Eiffelturm Photo vom Eiffelturm Photo vom Photo vom . . .
Wahrnehmungen
——— Abbilden(a) ——
in der eigenen Psyche
      

Abbildung 3.6.-2

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; einverstanden. Das Urbild Mond ist natürlich unsichtbar, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz:

Wir könnten keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“

Ihr letzter Satz ist zumindest zweideutig.

Er könnte eine Tautologie darstellen: Gäbe es dort nicht den Mond als Sehung, würden wir auch keinen sehen; dem vermag niemand zu widersprechen.

Aber zur Verteidigung der Tradition müßten wir Ihren Satz so verstehen, daß zwei Monde zu unterscheiden sind: 

Die Mond-Sehung X in unserer Psyche wäre unmöglich, wenn sich der Ur-Mond Y nicht dort im Weltraum befände.

Ich fürchte, wir haben tatsächlich nur die Wahl zwischen Tautologie und Zirkelschluß.

 

AD: „Ja; aber ich bin noch nicht bereit aufzugeben und versuche es einmal etwas konkreter.

Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes von der Sraße entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral oder sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv. Es werden also, einfacher formuliert, nicht hier Bildchen und da Tönchen übertragen, sondern stets einheitliche Weder-Bildchen-noch-Tönchen.

Wir verstehen bisher kaum, wie ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – oder auch Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden können. Hier besteht zwar noch eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht tangiert.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

Das war wohl Ihre Intention. Aber dabei übersehen Sie, daß Abbild nicht gleich Abbild ist. Was Sie im Physikunterricht gelernt haben,

– war völlig in Ordnung,

– bezieht sich aber nur auf das alltägliche Abbild(a) und

– hat demzufolge mit dem angeblichen philosophischen Abbild(p) gar nichts zu tun.

Um dem widersprechen zu können, müßten Sie glauben, daß der Optiker uns nicht in die Augen, sondern in die Psyche schaut; bestenfalls hier wäre das Abbild(p) zu finden.

 

Ich korrigiere also in unserem postmodernen Sinne:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut abgebildet(a) wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihr Abbild(a), eine weitere Sehung – wie oben das Foto vom Eiffelturm –, nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Damit sollte deutlich werden, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbildproblem nicht nur weder löst noch beseitigt, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern und deren Abbildern(p) ist in der Physik gar nicht die Rede; sie kennt lediglich zwei Arten von Sehungen; die jeweils ursprünglichen – Eiffelturm oder Baum am Straßenrand zum Beispiel – und deren Photo bzw. Abbild(a).

Genau dadurch, daß Ihre Beschreibung eine rein physikalische ist und mit unserem philosophischen Abbild-Scheinproblem nichts zu tun hat, wird diese Beschreibung nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder abgebildet(p) werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum tranportiert und damit in andere Sehungen transformiert(a) werden können.

 

AD: „Jein; es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie zum Sehen sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); folgt daraus nicht, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie –, sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendig“.

Wir sehen natürlich nicht, wenn unsere Augen geschlossen sind; aber daraus folgt doch absolut nicht, daß wir sehen, weil sie offen sind. Eine Puppe kann ihre Augen noch so weit aufreißen; sie bleibt blind.

Offene Augen sind für das Sehen notwendig; aber das Hinreichende besteht nicht in ihnen, sondern in unserem Leben.

 

AD: „Aber einen Joker habe ich doch noch, nämlich die vielen Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise den urbildlichen geraden Stab, wenn er schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern ebenfalls bereits eine Sehung – wie der obige Baum am Straßenrand. Wir sehen ihn doch schon, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden. Für die Physiker gibt es nur Abbilder(a); ob sie traditionell oder postmodern denken, spielt überhaupt keine Rolle.

Der „Widerspruch“ gebrochener contra gerader Stab besteht also zwischen zwei Sehungen – Stab im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit wieder ein rein physikalisches Problem dar; das ist kein falsches Abbild(p), sondern ein vielleicht unerwartetes Abbild(a).

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern (angeblich) außerhalb der Psyche; deswegen sind sie unerreichbar – und damit verzichtbar.