Die Überschrift dieses Abschnitts ist für uns evident; ohne Seiende wird natürlich auch deren Abbilden hinfällig.
Aber für traditionell Denkende ist eine solche Kritik irrelevant, weil sie von außen kommt und damit an Voraussetzungen – eines anderen Weltbilds – gebunden ist, die sie nicht teilen. Wir können jedoch auch innerhalb des traditionellen Modells zeigen, daß es kein Abbilden gibt.
Damit bestreiten wir natürlich nicht unsere Wahrnehmungen, sondern lediglich, daß sie als Abbilder verstanden werden können.
Für jene bestehen theoretisch zwei Möglichkeiten; sie könnten sowohl den Urbildern als auch deren Abbildern entsprechen.
Wären uns die Urbilder selbst in Form der Wahrnehmungen gegeben, bestände diese ganze Thematik überhaupt nicht, denn wir benötigten weder ein Abbilden noch Abbilder oder eine Psyche dafür.
Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, so läge das Abbilden bereits hinter ihnen und uns. Weder wissen wir etwas davon, noch haben wir abgebildet, denn die Wahrnehmungen sind das Erste, das uns begegnet, oder das Ursprüngliche.
Dann war mein Satz „Beständen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, . . .“ natürlich etwas vorlaut: Woran erkennen wir das? Was unterscheidet urbildliche von abbildlichen Wahrnehmungen? Daß die Wahrnehmungen den Abbildern entsprechen, kann natürlich stets gesagt werden, aber immer ist es eine pure Behauptung.
Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal entfällt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern.
Das paßt genau; eine Bild-Sorte fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.
AD: „Ich habe Ihnen nichts entgegenzusetzen; Ihre Argumentation erscheint auch mir als sehr stringent. Aber trotzdem kann ich nicht einfach ‚ja‘ sagen, weil meine Begründung ähnlich stark sein dürfte:
Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe und sie ganz schnell öffne, um ihn auszutricksen, gelingt mir das einfach nicht; ich sehe ihn immer. Da der Eiffelturm gewiß nicht durch mein Öffnen der Augen entsteht, scheint nur eine Erklärung möglich zu sein:
1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Eiffelturm und schaue aus meiner Psyche heraus auf ihn.
2. Ob meine Augen offen oder geschlossen sind, merkt er nicht.
3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Sehungen ein Abbild des Eiffelturms sein müssen.
Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, was hieran falsch sein soll.“
Stellen Sie sich bitte vor, der Eiffelturm sei ein riesiger Harzer Käse. Sie stehen davor und halten sich die Nase zu. Beim Entfernen der Hand kommt Ihnen ein starker Geruch entgegen; würden Sie dann folgendermaßen argumentieren?
1. Ich stehe mit meinem Körper vor dem Käse-Eiffelturm und rieche aus meiner Psyche heraus auf ihn.
2. Ob meine Nase offen oder verschlossen ist, merkt er nicht.
3. Damit ergibt sich wohl zwingend, daß meine Riechungen ein Abbild des Käse-Eiffelturms sein müssen.
Ich glaube das nicht; Riechungen lasen sich kaum als Abbilder verstehen; diese kommen nur bei Sehungen vor und stören sonst eher, wie wir oben bereits fstgestellt hatten.
Ihr Denkfehler besteht meines Erachtens darin, daß Sie innerhalb des traditionellen Modells argumentieren; „Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe . . .“ Natürlich müssen Sie dann auch abbilden; aber das sollte uns nicht sonderlich überraschen.
Postmodern können Sie nicht vor dem Eiffelturm stehen, weil es in diesem Modell weder ihn gibt noch Sie Ihr Körper sind.
AD: „Einverstanden; wenn ich von den Voraussetzungen der Tradition ausgehe, stellen sich natürlich auch deren Konsequenzen ein, unsere Vorfahren waren ja nicht dümmer als wir.
Jetzt müßten Sie mir nur noch verraten, was ich korrigieren soll. Postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?“
Die Tradition unterscheidet den Eiffelturm von seinen Sehungen; allgemein zwischen Seienden und Sehungen.
Postmodern tritt an die Stelle dieser Differenz die Unterscheidung zwischen potentiellen und aktualen Sehungen; damit wird alles anders:
Die potentielle Sehung namens „Eiffelturm“ liegt immer vor und wird durch das Öffnen der Augen aktualisiert oder realisiert.
Bei geschlossenen Lidern verfehlen wir also nicht den Eiffelturm, den es postmodern ja gar nicht gibt, sondern die potentiellen Eiffelturm-Sehungen. Damit ist das Öffnen der Augen weder ein Abbilden noch ein Erzeugen, sondern lediglich ein Verwirklichen des immer schon Möglichen.
Bei uns existiert demzufolge . . .
. . . kein Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.
. . . keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.
. . . keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.
. . . keine Materie, ohne daß wir sie messen.
. . . keine Seele, ohne daß wir sie fühlen.
. . . kein Geist, ohne daß wir ihn erfahren.
. . . keine Offenbarung, ohne daß wir sie glauben.
Es gibt nichts ohne uns, denn das wäre ein Seiendes.
Nun konkret zu Ihrer Frage; postmodern steht nicht mein Körper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?
Aus dem Eiffelturm werden potentielle Wahrnehmungen; aber es gibt noch viele weitere; das gesamte Marsfeld beispielsweise, die Wolken und der Himmel. Ich bin also umgeben von einem Meer potentieller Wahrnehmungen.
Das dürfte unproblematisch sein; aber wer ist „Ich“?
Begnügen wir uns vorerst mit einer provisorischen Antwort:
Ich bin die Schaltstelle an der entschieden wird, welche der potentiellen Wahrnehmungen realisiert werden sollen. Ich kann die Augen schließen oder bestimmen, in welche Richtung ich schaue bzw, worauf mein Blick gerichtet ist.