3.5.3. Die Postmodernen sind nicht überheblich

AD: „Auf der einen Seite kann ich Ihre Position, daß die objektive Wirklichkeit wegen ihrer prinzipiellen Unerreichbarkeit lediglich eine willkürlich behauptete Hinterwelt bildet, sehr gut verstehen und finde sie nahezu zwingend.

Auf der anderen Seite will ich aber nicht glauben, daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen in Antike, Mittelalter und Moderne das nicht gesehen haben soll und wir letztlich auf die Postmoderne warten mußten, um es zu erkennen. Dann wären die Postmodernen die Krone der Menschheit, und das würde – so wie ich Sie verstehe – Ihren eigenen Intentionen diametral zuwiderlaufen.“

Da gehen wir völlig d’accord, und mir ist es wichtig, jeglichen Verdacht, ich könnte unsere Vorfahren als nicht sonderlich intelligent einschätzen, weit von mir zu weisen. Hiermit gewinnt Ihr Einwand jedoch nochmals an Gewicht:

Wie ist es möglich, daß kritische Geister durch viele Jahrhunderte hindurch die offensichtliche Hinterwelt nicht als eine solche durchschauten und ablehnten, sondern als objektive Wirklichkeit glaubten?

 

Das hat zum einen nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, daß Seiende vor der Aufklärung nicht nur die Urbilder waren – von denen auch bei uns allein die Rede war –, sondern zugleich auch als universales Paradigma fungierten. Man mußte in Seienden denken, weil es gar keine Alternative dazu gab, und konnte sie also nicht

von außen bedenken,

nicht hinterfragen, woher die Seienden kommen oder wie sie entstanden sind bzw.

mit uns Subjekten zusammenhängen.

Wir sind nicht schlauer als unsere Vorfahren, aber uns stehen Denk-Werkzeuge zur Verfügung, von denen sie nicht einmal träumen konnten.

Einstein war auch nicht intelligenter als Newton; aber zum einen konnte er eine Mathematik für gekrümmte Räume nutzen, die Newton vielleicht für Teufelszeug gehalten hätte, weil er (an) einen absoluten Raum gaubte. Zu anderen setzt ein solcher Vergleich Kriterien voraus, und wer verfügt über dergleichen?

 

Zum anderen waren Antike und Mittelalter zutiefst christlich geprägt und verstanden von daher den Menschen als Ebenbild Gottes. Diese Beziehung führte bei vielen der damaligen Philosophen oder Theologen zu der Annahme, daß wir Menschen am unendlichen Geist Gottes teilhaben (können).

Einzelne Denker warnten vor problematischen Vereinfachungen; Blaise Pascal zum Beispiel legte Wert auf die Feststellung, daß es den Nous wohl geben mag, er aber nicht automatisch mit dem Gott des christlichen Glaubens gleichgesetzt werden dürfe.    

Unsere Vorfahren wußten

– nicht nur von der objektiven Wirklichkeit, sondern

– zugleich auch, daß sie diese Erkenntnis ihrem Gott verdankten und

– niemals aus eigener Kraft hätten erlangen können.

Dann

– konnte die objektive Wirklichkeit freilich auch guten Gewissens geglaubt werden,

– denn ihre Erkenntnis bedeutete keinen Widerspruch,

– so daß es sich bei ihr auch nicht um eine Hinterwelt handelte.

 

Die Aufklärung hat uns aus diesem Wissens-Paradies verstoßen. 

Konservative Traditionalisten

– halten unsere Probleme durch ein vor-aufklärerisches Denken für lösbar und

– sehen den Weg zu ihm in einer Wiedererstarkung des Glaubens.

 

Ich glaube das nicht, denn das antik-mittelalterliche Denken hätte heute nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun, sondern wäre ganz simpel Naivität

Wenn Gläubige mit Atheisten diskutieren, sollte letzteren vor Staunen der Mund offenstehen; aber nicht wegen der verschrobenen überholten Ansichten ihrer Gesprächspartner, sondern wegen derer starken Überlegungen, in denen ein Mehr-Wissen und keine Ignoranz zum Ausdruck kommt.  

 

Hierfür ist es freilich wichtig, zwei Bedeutungen von „Aufklärung“  zu unterscheiden:

Die eine ist ein historisches Ereignis, das ins 18. Jahrhundert gehört und nicht unwesentlich mit Kant verbunden ist. Das kann man persönlich ignorieren, für negativ halten, aber nicht ernstlich bestreiten – ohne unsere Sprachspiel-Gemeinschaft zu verlassen.

Die zweite Bedeutung besteht in der subjektiven Aufklärung, die sich nur als Praktik, Vollzug oder Ereignis im jeweiligen Jetzt verstehen läßt und somit auch nicht datierbar ist. Diese Aufklärung kann man nicht hinter sich haben; sie geschieht jetzt, oder eben auch nicht. Sie hat mit der Kirche gemein, daß sie nur als „semper reformanda“ möglich ist.

Wir können also nach der historischen Auflärung völlig unaufgeklärt leben; so wie es auch vor dem 18. Jahrhunter aufgeklärte Menschen wie Jesus oder Lessing gab, sofern wir die Aufklärung nicht auf ihren ratonalistischen oder Wissens-Aspekt verengen, sondern auf unser Leben beziehen.