Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitestgehend davon aus, daß eine uns vorgegebene und damit objektive Welt existiert, deren Bestandteile per definitionem die Seienden bilden. Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es ist völlig harmlos:
Was beim Bäcker gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren Existenz, (Vorhanden-)Sein oder Wirklichkeit Sie überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .
Für das Alltagsdenken genügt diese Ebene der Seienden. Philosophisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen, denn sie können nicht das Fundament, den Gund oder Ursprung der aus ihnen bestehenden Welt bilden. Dazu müßten die Seienden sich ja selbst ermöglichen oder hervorbringen; Selbstverursachung gibt es jedoch ebensowenig wie ein Perpetuum mobile.
Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, sich erzeugen können?
Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können?
Unsere Moderne „löst“ dieses Problem mittels der Evolution. Aber das ist natürlich keine (befriedigende) Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie diese Seienden kausal aus jenen hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft: Was kam in der traditionellen Zeit vor dem Wasserstoff?
Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration in das Früher hinein und damit niemals zum Ziel; Hegel nannte das deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“. Sie „löst“ das alte Probem mit Hilfe eines neuen.
Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.
In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir unsere Frage nach dem Woher – mit der soeben angedeuteten Logik – natürlich auch auf den Schöpfer anwenden könnten bzw. müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.
Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns ebenfalls kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit überhaupt?“ –, ließe er sich auch gleich auf die Welt selbst beziehen, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre. Die Überzeugung, daß zwar Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos geplappert werden.
Die vorchristliche Antike fand ebenfalls keine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Welt, die uns heute noch befriedigen würde. Aber damals leuchtete es scheinbar (hinreichend) vielen Menschen ein, daß die Seienden weder sich gegenseitig hervorgebracht haben noch einfach so vom Himmel gefallen sein können.
Sie bilden die uns zugängliche immanente Welt, in der wir leben, und bedürfen eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder sein läßt; aus Nichts kann auch nichts werden.
Diese fundamentalere Ebene können wir prinzipiell nicht wahrnehmen, denn falls dies möglich wäre, würde es sich nicht um eine fundamentalere Ebene, sondern erneut um Seiende handeln; wir hätten nichts gewonnen und müßten unsere Suche nach dem Grund von vorn beginnen.
Der Urgrund läßt sich also nur denken; er muß rein geistig sein oder sich „hinter“ unserer Welt befinden. Skeptiker sprechen deshalb von einer Hinterwelt; neutraler formuliert handelt es sich um die Transzendenz. Ich vermag partout nicht zu sehen, wie sie sich bei einem solchen Denken vernünftig vermeiden lassen sollte. Die traditionellen Skeptiker sind meines Erachtens nicht zu skeptisch, sondern zu leichtgläubig.
Für das Christentum besteht die Transzendenz natürlich in Gott; bei Platon und anderen antiken Denkern waren die ewig identischen Ideen das Entscheidende. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.
Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Aus den objektiv-realen transzendenten Fundamenten der Welt sind in der Zwischenzeit die subjektiv-willkürlichen menschlichen (Schnaps-)Ideen geworden.
Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:
Ihm waren dazu die ewig identischen Ideen als „Bauplan“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe. Auf Grundlage beispielsweise der einen Idee des Planeten konnte der Demiurg nun beliebig viele Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein übereinstimmten.
Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die (gegebenenfalls sichtbaren) Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.
Das halten wir fest:
| objektive Wirklichkeit | |||
| Transzendenz | Immanenz | ||
| Ermöglichung der Welt | objektive Welt |
||
| Seiende | |||
| – Gott | |||
| – Ideen | = { Essenz, Wesen oder Was + | ||
| + Existenz, Sein oder Daß } | |||
| – . . . . . . | |||
| objektive Welt, die über | objektive Realität | ||
| den (physikalischen) Kosmos | (physikalischer) Kosmos | ||
| hinausgeht | Körper | ||
| zum Beispiel: | |||
| Mathematik oder Musik | |||
| nur denkbar | denk- (und wahrnehmbar) | denk- und wahrnehmbar | |
| rein geistig | geistig (und sinnlich) | materiell | |
| nicht in Raum und Zeit |
in Raum und Zeit | ||
Abbildung 1.1.
(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen.)
„Körper“ verstehen wir im weitest möglichen Sinne, so daß alle festen materiellen Dinge, die natürlichen – leblosen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – ebenso wie die künstlichen Körper dazugehören. (Daß es rein physikalisch zum Beispiel auch Felder, Flüssigkeiten und Gase gibt, spielt für unsere Überlegungen keine Rolle; wir streben keine Vollständigkeit an.)
Die Körper bilden die objektive Realität oder den (physikalischen) Kosmos.
Die Immanenz oder objektive Welt der Seienden geht jedoch weit darüber hinaus, denn Farben, Töne oder Zwecke beispielsweise sind gewiß weltlich-immanente, aber keinesfalls physikalische Kategorien. Die Physik kennt diesbezüglich lediglich Wellenlängen bzw. Frequenzen, versteht aber Reißzwecken bereits nicht mehr, da sie einen Zweck erfüllen, der keine physikalische Kategorie darstellt. Der Kosmos ist als solcher notwendigerweise zwecklos.
Erweitern wir auch die objektive Welt noch um die Transzendenz, die jene erst ermöglicht, so entsteht die gesamte oder vollständige objektive Wirklichkeit der Tradition, die uns als Ausgangspunkt für alles Weitere dient.