3.4.1. Seiende statt Wissen so far und Wissen from now on

Ein Schulanfänger kann nach fünf Wochen sagen, er wüßte jetzt, daß 2 x 3 gleich 6 ist.

Josef Mitterer nennt dies „Wissen so far“ und meint damit ganz allgemein das Wissen, das wir als Resultat unseres bisherigen Lebens bereits besitzen. Wir freuen uns mit dem Erstklässler über seine Fortschritte, haben aber zugleich im Hinterkopf, daß es in diesem Zusammenhang noch sehr viel mehr zu wissen gibt, was dem Knirps wahrscheinlich nicht so klar ist.

Er wird weiter lernen, und damit kommt zu seinem Wissen so far das Wissen from now on hinzu. Diese Entwicklung ist nahezu selbstverständlich und setzt sich im allgemeinen in den ersten Jahrzehnten unseres Lebens kontinuierlich fort.

Wahrscheinlich käme kein Mathematiker auf die absurde Idee, das Wissen from now on durch einen Referenten zu ersetzen, auf den sich das Wissen so far angeblich bezieht.  

 

Dieser Gedanke ist absurd, weil widersprüchlich:

Das Wissen from now on wissen wir noch nicht; es wird einmal zum Wissen so far werden, aber noch weiß niemand, worin es bestehen könnte.

Ein solches Nicht-Wissen ersetzt die Tradition durch Seiende, von denen wir – so far – wissen, und auf die sich auch weiteres Wissen – from now on – beziehen kann.

 

Nochmals in anderen Worten, weil der Gedanke vielleicht schwierig ist:

Die Unterscheidung zwischen Wissen so far und Wissen from now on bildet eine vollständige Alternative, so daß das Seiende, welches die Tradition einführt, einer der beiden Seiten angehören muß, um verständlich sein zu können.

Würde es zum Wissen so far zählen, ließe es sich nicht einführen, denn dann wäre es notwendigerweise bereits vorhanden.   

Läge das Seiende im Wissen from now on, wüßten wir nicht, worin es besteht, denn das Wissen from now on ist ja noch nicht.

 

Seiende

– werden also erfunden und lediglich

– als etwas Bestimmtes behauptet.

Damit wird der Forschung eine bestimmte Richtung vorgegeben; hätten wir uns differente Seiende ausgedacht, würden sich ganz andere Fragen ergeben, die wir beantworten „müßten“.   

 

Corona beispielsweise ist uns seit 2019 bekannt; postmodern wurde es zu dieser Zeit er- und traditionell gefunden. Letzteres meint natürlich, daß schon vor 2019 Menschen an Corona erkrankt gewesen sein könnten, was lediglich niemand wußte.

Für uns gibt es dagegen keine – „schon immer“ existierenden – Seienden, sondern an deren Stelle treten Aktanten, die irgendwann einmal erfunden wurden. Das ist ganz sauber gedacht, denn die „Seienden“ bzw. Aktanten gehören für uns dem postmodernen Kosmos an, und der ist kein Referent von Wissungen, sondern besteht aus ihnen.

Dann war natürlich vor 2019 niemand an Corona erkrankt. Wir erfinden diese Viren ebenso wie Fake-News, Higgs-Teilchen oder das Internet mit dem dazu passenden Laptop.  

 

Daß 2 x 3 gleich 6 ist, gehört zur Arithmetik, stellt aber kein Wissen von ihr – oder von wem auch immer – dar. 

Lichtstrahlen oder die Bahnkurven der Himmelskörper sind mitunter gekrümmt; es müssen also Kräfte auf sie einwirken, auch wenn wir deren Ursache nicht finden. Anders als die Mathematiker fällt den Physikern in solchen Situationen stets etwas ein:

Hier müssen Seiende existieren; in diesem speziellen Fall nennen wir sie „Schwarze Löcher“.

Die gekrümmten Bahnen mutieren damit vom Wissen so far zu Eigenschaften oder Wirkungen der Schwarzen Löcher, und beim Wissen from now on müssen wir einmal schauen, was sich davon gutwillig als Wissen von ihnen bzw. einer anderen Erfindung verstehen läßt.

 

Die Tradition erfindet Schwarze Löcher, um die gekrümmten Bahnen verschiedener kosmischer Objekte zu erklären.

Und nicht selten werden drei Seiten später diese gekrümmten Bahnen als „Beweis“ für die (Existenz der) Schwarzen Löcher benutzt. „Wir müssen also alles daransetzen, um sie immer besser zu verstehen.“