Ich verstehe die geistigen Turbulenzen der Gegenwart zu einem nicht unerheblichen Teil als Symptome eines epochalen Bewußtseinswandels, der uns – sofern wir ihn bewältigen – vom traditionellen Denken zum postmodernen führen könnte.
Ersteres geht, wie soeben dargestellt, davon aus, daß eine uns vorgegebene objektive Wirklichkeit existiert, während die Postmoderne – wie wir sie im vorliegenden Buch verstehen – dieses philosophische Glaubensbekenntnis ablehnt. Ich bin aus den verschiedensten Gründen – die alle noch zu besprechen sind – fest davon überzeugt, daß sich die Tradition hier im Unrecht befindet. In Verlaufe der Moderne sind die Ideen bereits weitgehendst verschwunden, und mit der Postmoderne folgen ihnen meines Erachtens die Seienden nach.
Vielen Menschen graut vor einem solchen Bewußtseinswandel; ich sehne ihn jedoch herbei und hoffe auf sein Gelingen. Zwei Argumente für meine positive Sicht dürften jetzt schon deutlich sein:
Zunächst wird unsere Zukunft – sofern wir sie denn erleben – zutiefst pluralistisch ausfallen und damit ein hohes Maß an Toleranz erfordern, was sich jedoch kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbaren läßt.
Wer diese zu wissen glaubt, wird sehr leicht jede Gemeinschaft spalten, weil er zu unterscheiden vermag zwischen Irrenden – Ungebildeten, Bösen, Häretikern, Feinden, . . . – und seinesgleichen, den „Rechtgläubigen“ oder besser „Rechtwissenden“.
Spalten kann sogar ausschließlich derjenige, der die Wahrheit zu besitzen meint.
Wer sich „nur“ um sie bemüht, versteht nicht
– sich selbst als Ritter der Wahrheit und
– die anderen als Irrende.
Vielmehr sind auch sie Suchende wie er; natürlich auf einem anderen Weg, aber zum gleichen Ziel.
Wer sich um die Wahrheit bemüht, unterteilt nicht in richtig bzw. falsch oder wahr resp. unwahr, sondern weiß, daß er von jedem anderen lernen kann, weil alle Leben unterschiedlich und sämtliche Erfahrungen einmalig sind.
Hätte ich Ihr Leben gelebt, wäre es nicht besser verlaufen, sondern ich wäre Sie.
Viele traditionell denkende Konservative würden dies als „Relativismus der Wahrheit“ oder „Diktatur des Relativismus“ abschmettern. Das beeindruckt mich aber gar nicht, weil ihr eigener „rechtgläubiger“ Standpunkt – mit dem Anspruch, die Wahrheit zu besitzen – in meinen Augen größenwahnsinnig oder zumindest ausgesprochen überheblich ist.
Was hat die Hochachtung vor der Wahrheit – die ich 100%-ig teile – mit der Anmaßung zu tun, sie zu besitzen?
Muß ich das, was ich begehre, bereits haben, oder darf ich es nicht haben, um es begehren zu können? Können wir uns ernstlich Schokolade wünschen, während sie sich bereits im Mund befindet?
Des weiteren – mein zweites Argument für die Hoffnung auf einen Bewußtseinswandel hin zur Postmoderne – ist alles Entscheidende im Leben oder das, was uns letztlich zu Menschen macht – Wahrheit, Verantwortung, Empathie, Verständnis, Bildung, Glaube könnten wir den obigen Beispielen noch hinzufügen –, an Freiheit gebunden.
Sie würde durch die Existenz einer objektiven Wirklichkeit jedoch willkürlich und völlig unnötig begrenzt.
Dann könnte der Glaube beispielsweise keine Berge versetzen.
Wer behauptet, der Glaube könne es, obwohl er eine objektive Realität annimmt oder sie gar für selbstverständlich hält, legt kein beeindruckendes Zeugnis ab, sondern redet einfach Unsinn. Bei einem objektiv-realen Berg aus Dreck hilft kein Glauben, sondern nur Baggern.
Unser Ansatz ließe sich somit recht treffend als ein „Versuch zur Philosophie der Freiheit“ verstehen. Ich möchte ernstnehmen, daß der Glaube Berge versetzen kann, und sehe in der postmodernen Philosophie eine Möglichkeit, dies sauber denken zu können und keine leeren Phrasen dreschen zu müssen.
Für die Seienden können wir nicht verantwortlich sein, denn sie sind unverfügbar vorgegeben; bestenfalls liegt der Umgang mit ihnen in unserer Hand.
Entfallen die Seienden, verschwindet diese Grenze; wir können uns weder dahinter verstecken noch damit entschuldigen:
„Du hast nicht getötet; aber in diesem Fall wäre das deine Aufgabe gewesen, um größeres Unheil zu verhindern!“
Wir sind für unser gesamtes Leben verantwortlich; es gibt postmodern keine Entschuldigungen (mehr). Das macht das Leben nicht unbedingt leichter, verhindert aber ein selbstgenügsames Einrichten zum Beispiel im angeblich „gottgefälligen Trott“.
Vielleicht gehört es sogar zu den wichtigsten Inhalten des christlichen Glaubens, daß auch der frömmste Trott niemals gottgefällig sein kann, weil es um die Zukunft geht, in der alles neu werden soll.
AD: „Schauen wir bitte noch einmal kurz zurück; ich vermag nicht einzusehen, wieso die Toleranz kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbar sein soll.“
Wer ihn teilt, muß wahre oder richtige Aussagen prinzipiell für möglich halten, nämlich diejenigen, welche die objektive Wirklichkeit der Seienden adäquat wiedergeben.
Wird der Glaube an deren Existenz weitgehend geteilt, kann somit jeder – Philosoph, Verschwörungstheoretiker, Naturwissenschaftler, Theologe, Stammtischler, Politiker, Esoteriker . . . – wiederspruchsfrei behaupten, über wahre oder richtige Beschreibungen zu verfügen. Begründungen sind völlig unnötig, denn mit dem Totschlag-„Argument“ „So ist es – basta“ wird jedes konstruktive Gespräch jäh abgebrochen.
Irgendwie muß es einem solchen Denken zufolge ja sein, und der Sprecher beansprucht lediglich, von den Seienden ein genaueres Wissen als wir zu besitzen. Hut ab!
Es gibt kein zwingendes Argument gegen die Richtigkeit der Behauptung „So ist es – basta“, denn
– die vorausgesetzte objektive Wirklichkeit schließt nicht aus, daß es tatsächlich gerade so ist, und
– da der Sprecher bei seinen Aussagen über die Seienden notwendigerweise auf sämtliche vernünftigen Begründungen verzichten muß, existiert auch nichts, was man widerlegen könnte.
Natürlich sind dann tausend verschiedene und sogar gegensätzliche „So ist es“ möglich; der Redner behauptet einfach nur eines von ihnen.
Ist er stur, sind wir mit unserem Latein am Ende; wir glauben ihm zwar nicht – können aber trotzdem nach Hause gehen. Das wird daran am deutlichsten, daß sein „Argument“ bei jedem „so“ erfolgreich vorgebracht werden kann.
In der Postmoderne kann es dagegen nicht speziell „so“ sein, weil es gar nicht irgendwie ist.
Aus dem traditionellen „So ist es – basta“ wird postmodern ein „Ich bin der Überzeugung, daß es sich folgendermaßen verhält“. Dafür kann man geradestehen und insbesondere nach einer Begründung gefragt werden.
Bei jener Behauptung dagegen ist man nur der Schlaumeier, der nichts zu verantworten hat und vielleicht ob seines Wissens bestaunt werden will.
AD: „Dagegen kann ich nicht viel vorbringen . . .
Angenommen Sie hätten Recht, und es gäbe keine Seienden. Wie erklären Sie sich dann unsere felsenfeste Überzeugung, überall welche – also Seiende(u) – zu sehen?“
Wir kennen nur eine einzige Theorie des Sehens. Ihr zufolge existieren Seiende; eines von ihnen bin ich, und ein anderes sehe ich gerade. Gemäß der geläufigen Wahrnehmungs-Theorie treffen einige der von diesem Seienden ausgehenden Lichtstrahlen auf meine Pupille, und so wird das Sehen möglich.
Das heißt,
– wir verfügen unbestreitbar über Sehungen.
– Da wir diese jedoch nur mittels der Seienden(u) erklären können,
– sind wir überzeugt, in den Sehungen oder durch sie Seiende zu erfahren.
„Wie sollen meine Sehungen denn anders zustande gekommen sein? Na bitte!“
Bräuchten wir für unsere Erklärung Musen oder Halbgötter, würden die Sehungen eben deren Existenz „beweisen“.
Das „zwingende Argument“ ist also gar kein Argument, sondern pure Alternativlosigkeit – und resultiert damit aus mangelnder Phantasie, Denkfaulheit, Desinteresse oder ähnlichem.
Bei einem Argument verfügen wir über
– mehrere Denkmöglichkeiten und
– möglichst starke Gründe, deretwegen wir uns für eine von ihnen entscheiden „müssen“. Jürgen Habermas nannte das „den zwanglosen Zwang des besseren Arguments“.
Ob das dann der richtige Grund ist, bleibt dabei völlig offen, denn
– zum einen braucht es einen solchen gar nicht zu geben, und
– zum anderen muß der richtige Grund auch im Falle seiner Existenz nicht den Denkmöglichkeiten unseres Wirklichkeits-Bilds angehören.
Immer wenn wir sagen „Das weiß doch jeder . . .“, „Das ist unmöglich . . .“ oder „absurd . . .“, kann doch vernünftigerweise nur gemeint sein „. . . im Rahmen meines Wirklichkeits-Bilds„. Wer das verinnerlicht hat, urteilt vorsichtiger und vielleicht sogar seltener. Aus dem traditionellen „so ist es“ wird postmodern ein „so sehe ich es“.
AD: „Ich kann partout nicht nachvollziehen, wieso sich unser Denken nur auf das Wirklichkeits-Bild und nicht auf die Wirklichkeit selbst beziehen soll:
Mit dem Wort ‚Löwe‘ beispielsweise bezeichne ich doch keine Vorstellung in meinem Wirklichkeits-Bild oder meiner Psyche, sondern ein Tier in der Savanne.“
Jetzt sagen Sie das Gegenteil von dem, was Sie im letzten Abschnitt schon einmal eingesehen hatten – dachte ich zumindest:
Sie können keinen seienden Löwen in der seienden Savanne meinen, denn
– Löwe(b) und Savanne(b) sind inexistent und
– von Löwe(u) sowie Savanne(u) wissen Sie nichts.
Ich hatte oben en passant die Wissungen eingeführt.
Erschrecken Sie nicht wegen dieses unüblichen Wortes; es steht für das ganz normale Wissen. Wir brauchen es jedoch zusätzlich, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.
Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ usw. besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich unter anderem um das Paar „Wissungen – Gewußte“ erweitern.
Der zweite wichtige Grund ist ein grammatischer:
Wissung gestattet nicht nur die Pluralbildung „Wissungen“, sondern verweist auch – anders als das Wissen – eindeutig auf seine substantivische oder nicht-verbale Bedeutung:
Wir wissen Wissungen.
Ihrem Selbstverständnis zufolge weiß die Tradition nicht nur Wissungen, sondern solche
– von den Seienden, so daß diese
– das Gewußte bilden müßten.
Im letzten Abschnitt haben wir dem jedoch widersprochen:
– Seiende(b) gibt es gar nicht, und
– von den Seienden(u) können wir nichts wissen, so daß auch für die Tradition nur verbleibt:
Wir wissen Wissungen.
AD: „Ich übersetze: ‚Wir wissen, aber wir wissen (von) nichts.‘ Ich fürchte, hier steigen Ihre letzten gutwilligen Leser aus . . .“
Das wäre sogar ein bißchen nachvollziehbar . . .
Ich löse deshalb jetzt mein Versprechen ein, die besonders schwierigen Teile unserer letzten Überlegungen anhand von drei Beispielen noch einmal etwas konkreter zu wiederholen.