1.10.1. Objektive Stabilität durch willkürliche Erfindungen?

Was bedeutet Stabilität überhaupt?

Für unsere weiteren Überlegungen sollten wir eine theoretische und eine praktische Stabilität unterscheiden:

– Erstere entspricht der Kontinuität; etwas Stabiles existiert „immer“. Aber das ist tatsächlich nur Theorie, denn Kontinuität läßt sich nicht kontrollieren. Im allgemeinen schaut zum Beispiel niemand auf unser Haus, während wir zur Arbeit sind.

– Praktisch besteht die Stabilität jedoch nur in der Wiederholbarkeit:

Immer wenn überprüft wird, scheint eine kontinuierliche Stabilität zu bestehen. 

 

Die Situation ist zwar stets ein wenig anders; es kann schneien, der Schornsteinfeger erfüllt gerade seine Pflicht oder was auch sonst sich an kleinen Veränderungen getan haben mag. Aber immer wenn ich die Wiesenstraße entlanggehe, wiederholt sich stabil der Anblick unseres Hauses.

Um das noch etwas besser zu verstehen, unterscheiden wir

– meine Haus-Wahrnehmungen von der Wiesenstraße aus und

– die Haus-Überbrückungen in den Zwischenzeiten. 

Erstere bilden einen integralen Teil meines Lebens, sind wirklich, hinreichend wiederholbar und real oder materiell.

Das verhält sich bei den Haus-Überbrückungen ganz anders; sie bilden

– lediglich Vorstellungen,

– die man glauben, aber partout nicht überprüfen kann – weil „kontrollierte Haus-Überbrückungen“ Wahrnehmungen wären – und

– somit in den verschiedensten Formen möglich sind:

Das Haus könnte traurig sein, wenn es verlassen zurückbleibt; vor Gram schrumpfen oder als fünftes Rad am Wagen auch ganz verschwinden.

 

AD: „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber jetzt wird das Ganze ein bißchen kindisch . . .“

Nein; das würde es erst dann, wenn ich tatsächlich irgendeine dieser skurrilen Denkmöglichkeiten ernstlich in Erwägung ziehen wollte. Das ist jedoch nicht der Fall, denn genau darin unterscheidet sich die Postmoderne von der Tradition.

Letztere tut es, indem sie davon ausgeht, daß das Haus nicht traurig ist und weder schrumpft noch verschwindet, sondern unverändert immer dort steht, wo es eben steht. Ich sehe hier keinen Unterschied, der einen Unterschied macht, weil alles nur Vorstellungen zur Haus-Überbrückung sind, die keinerlei Wirklichkeitsbezug besitzen und damit prinzipiell nicht überprüft werden können.

Das ist doch das Schöne am prinzipiell Unkontrollierbaren; Sie können sich alles Widerspruchsfreie vorstellen. 

 

Die meisten Menschen sehen das freilich anders, und deswegen hat sich aufgrund dieses Mehrheitsbeschlusses die traditionelle Denkmöglichkeit durchgesetz, das Haus würde in der Spanne zwischen den Haus-Wahrnehmungen fest an seinem Platz stehen und nichts tun.

Das ist jedoch ebenso hinterwäldlerisch wie das Trauern, Schrumpfen oder Verschwinden.   

AD: „Es spielt überhaupt keine Rolle, was das Haus tut oder nicht–tut; in jedem Falle muß es existieren bzw. vorhanden sein, und ich verstehe nicht einmal, was das bedeuen soll.“

Damit stehen Sie keineswegs allein; ich glaube ziemlich fest, daß dies niemand weiß.

„Wirklichkeit“ ist kein sinnloses, aber ein sinnleeres Wort; das soll Folgendes besagen:

 

Die Wirklichkeit hängt nicht von uns ab; wir können sie weder wissen noch über sie verfügen. Die Wirklichkeit entspricht einem großen Fragezeichen, das adventisch auf uns zukommt.

Wissen, denken, vorstellen oder sagen läßt sich nur, was unserem subjektiven Weltbild angehört. 

Dadurch wird postmodern eine Konstellation möglich, die der gesamten Tradition widerspricht:

Es könnte sein, daß keinerlei Wissungen unseres gesamten Weltbilds auch nur andeutungsweise die davon unabhängige Wirklichkeit tangieren.

AD: „Das ist traditionell in der Tat absurd, weil

– Welt und Weltbild notwendigerweise eng korreliert sind und

– die Tradition die Welt mit der Wirklichkeit identifiziert.

Sie trennen diese beiden voneinander, so daß keinerlei Beziehungen mehr zwischen Weltbild und Wirklichkeit bestehen müssen.“

 

Sehr schön; und ich gehe davon aus, daß heute tatsächlich eine gewaltige Differenz vorliegt. Die meisten Menschen sehen das wohl so; lediglich die Ansichten über die Gründe und die entsprechenden Therapiemöglichkeiten gehen stark auseinander.   

Das Wort „Wirklichkeit“ ist sinnleer, denn es bezeichnet nichts. Diese Formulierung erscheint mir wesentlich deutlicher und ehrlicher als zu sagen: „Wirklichkeit“ meint die Wirklichkeit, die wir aber (noch) nicht wissen. Wenn wir nicht wissen, was „Wirklichkeit“ bedeutet, dann bedeutet das Wort eben auch nichts.

Es ist jedoch keineswegs sinnlos, denn „Wirklichkeit“ fungiert als Platzhalter für eine Leerstelle, die sich nicht streichen läßt, weil damit alles weg wäre. 

 

Mit anderen Worten:

1. Es geht nicht ohne die Wirlichkeit, weil dann gar nichts existieren würde.

2. Wir dürfen den „Begriff“ aber nicht verwenden, weil er kein Begriff ist.

3. Wer die Wirklichkeit bedenkt, denkt, und wer über sie spricht, sagt nichts Richtiges, weil sie sich nicht innerhalb des Weltbilds befindet.

4. Das Wort „Wirklichkeit“ wird dafür jedoch um so wichtiger; es steht für die Leerstelle, welche die unbekannte Wirklichkeit in unserem Weltbild hinterläßt.    

 

AD: „Ich sehe jetzt sogar noch ein weiteres Problem des traditionellen Denkens: 

Sobald Sie die Wiesenstraße entlangkommen, liegen plötzlich zwei Häuser vor.

Die Haus-Überbrückung bestand die ganz Zeit schon, als Sie nicht hier waren, und nun kommt noch Ihre Haus-Wahrnehmung hinzu. Die Annahme, daß erstere dadurch verschwinden würde, wäre schon sehr eigenwillig.“

Das ist richtig. Die Tradition geht davon aus, daß mit dem Haus in der Zwischenzeit nichts geschieht. Dann wäre die Vorstellung, es würde sich durch mein Kommen im Nichts auflösen, tatsächlich mehr als skurril.   

 

Damit erreichen wir en passant ein sehr anschauliches Verständnis der Seienden; auf unser Beispiel bezogen:

Das Haus-Seiende

– ist die stabile Haus-Überbrückung, die sich jedoch

– kontinuierlich fortsetzt, wenn die Haus-Wahrnehmung hinzukommt, und

– somit „immer“ besteht.

 

AD: „Und wer das Ganze glaubt, kann letztlich kaum anders, als das rein geistige Seiende,

– das ursprünglich als Lückenbüßer für die fehlenden Wahrnehmungen eingeführt wurde,

– zum Urbild zu erklären,

– von dem die sich wiederholenden Wahrnehmungen dann Abbilder sein müssen,

– so daß die ehemals frei gewählte und letzlich willkürliche Vorstellung zur Wirklichkeit wird.“

 

 

Postmoderne      Tradition
           
Haus-Wahrnehmung = Wahrnehmung → Abbild  
vorgegebene Wahrnehmung          
           
Haus-Überbrückung = Seiendes = Urbild  
frei gewählte Vorstellung                 Wirklichkeit

Abbildung 1.10.1.-1

 

Die Postmoderne

– glaubt es nicht nur nicht, sondern

– nimmt ernst, daß das gesamte Modell unstimmig sein muß,

weil die Haus-Überbrückung

– nur erfunden, konstruiert, vorgestellt oder gedacht wird und

– somit etwas rein Geistiges darstellt,

das unmöglich als Urbild einer materiellen Haus-Wahrnehmung dienen kann.  

 

 

Haus-Seiendes oder Urbild  
rein geistig oder unwirklich  
↓ ↑ ↓  
Haus-Wahrnehmung Haus-Überbrückung Haus-Wahrnehmung  
wirklich oder materiell rein geistig oder unwirklich wirklich oder materiell  
Abbild?   Abbild?  
  sinnvoll, aber willkürlich    
  als unveränderlich gewählt    
  ↑    
Haus-Wahrnehmung →                                         ← Haus-Wahrnehmung  
wirklich oder materiell   wirklich oder materiell  
Ausgangspunkt   Ausgangspunkt  

Abbildung 1.10.1.-2

 

AD: „Am Anfang stehen die materiellen, uns vorgegebenen Haus-Wahrnehmungen, und sie bilden unseren einzigen wirklichen Ausgangspunkt.

Die Tradition will die unbestreitbar vorhandene und für unser Leben notwendige Stabilität erklären, indem sie diese diskontinuierlichen Haus-Wahrnehmungen durch Haus-Überbrückungen kontinuierlich verbindet. Letztere sind jedoch nur (mehr oder weniger) willkürlich ausgedacht und damit rein geistig oder unwirklich.

Auch wenn diese Haus-Überbrückungen zeitlich verlängert werden – was zu Verdopplungen führt –, ist es aburd, sie als Urbilder auszugeben.“  

 

Es geht also überhaupt nicht darum, welche Eigenschaften die Haus-Überbrückungen besitzen, denn das sind alles nur Hinterwelten. Die Tradition weiß angeblich etwas – nicht nur das Verhalten des Hauses in den Zwischenzeiten, sondern auch seine dafür erforderliche Existenz –, was prinzipiell niemand wissen kann und somit lediglich erfunden und projiziert wurde.

Wir müssen die Stabilität, die für unser Leben unbestreitbar notwendig ist, also irgendwie anders erklären.