Unsere Körper gehören zu den materiellen oder physikalischen Seienden der (objektiven) Realität.
Traditionell Denkende gehen zumeist davon aus, daß wir als Subjekte – zumindest im Kern – mit unserem Körper zusammenfallen. Aber der Satz „Ich bin mein Körper“ muß falsch sein, weil
– dieses „mein“ das Ich zum Besitzer des Körpers macht, während
– das „bin“ das gleiche Ich mit dem Körper identifiziert,
so daß der Körper sein eigener Besitzer sein müßte, was offensichtlich Unsinn darstellt. Selbstbesitz gibt es ebensowenig wie Selbstverursachung.
Die übliche „Lösung“ besteht darin, unserem Körper ein „Innen“ hinzuzufügen und dieses mit dem Ich zu identifizieren, das nun widerspruchsfrei einen Körper haben kann. Natürlich nicht wie ein Auto oder alle anderen Dinge; wir müßten also zumindest diese beiden Formen des Besitzens voneinander unterscheiden.
Damit ergibt sich eine Zweiteilung in Subjekte und Objekte. Letztere sind nur Körper, und bei uns Subjekten kommt zu diesen – den Seienden i. e. S. – jeweils noch das „Innen“ hinzu.
Wir müßten in diese Richtung aber gar nicht weiterdenken, denn das ist von vornherein ein falscher Ansatz:
Was auch immer man unserem Körper als „Innen“ hinzufügen mag – er wird dadurch nicht zum Subjekt. Wir kennen ihn als Spiegelbild, und ich lasse mir nicht einreden, ein boßes Spiegelbild zu sein. Das ist lediglich eine Wahrnehmung, aber ich bin keine Wahrnehmung, sondern derjenige, der wahrnimmt; natürlich auch vorstellt, denkt und handelt; das ist jedoch einer Wahrnehmung alles nicht möglich.
Auch eine Leiche mit „Innen“ ist eine Leiche.
AD: „Da bin ich mir nicht so sicher:
Natürlich ist mein Spiegelbild nur eine Wahrnehmung, aber Wahrnehmungen sind die Abbilder von Urbildern oder Seienden. Die Tradition behauptet nirgends, ich sei die entsprechende Wahrnehmung; das wäre ja in der Tat absurd; da gebe ich Ihnen völlig Recht.
Aber ich kann sehr wohl das zugehörige Seiende sein, und allein darum geht es. Weshalb sollen die Urbilder von Wahrnehmungen nicht wahrnehmen, vorstellen, denken oder handeln können? Wer denn sonst?“
Ich hatte das auch so verstanden und habe deshalb den Spiegel als Vertreter der Psyche eingeführt. Durchdenken wir bitte einmal folgende Situation:
Wir beide, das heißt, unsere Körper sind gemeinsam in einem Raum mit zwei Spiegeln; der eine entspricht Ihrer und der andere meiner Psyche, und darin sehen wir alles was geschieht. Wir essen, trinken und sprechen miteinander.
Von besonderem Interesse sind unsere Wahrnehmungen; wir können uns innerhalb des Raumes oder der Wirklichkeit gegenseitig berühren, hören oder beschnuppern, das Essen schmecken und den Kamin genießen – zu all dem bedarf es keiner Psyche.
Nur wenn wir uns oder unser Tun einschließlich der anderen Wahrnehmungs-Arten sehen wollen, beanspruchen wir die Psyche; wir können alles im Spiegel als Sehung verfolgen.
Warum spielt das Sehen so eine Sonderrolle?
Das Thema ist ebenso fundamental wie schwierig, treiben wir deshalb unser anschauliches Beispiel noch ein bißchen weiter:
Der Kamin befindet sich inmitten des Raumes, ist aus Eisen und heiß, so daß er sich unmöglich in unserer Psyche befinden kann; das muß der wirkliche Kamin sein.
Wir laufen unachtsam durchs Zimmer und stoßen oder verbrennen uns an ihm. Woran genau; am Ur- oder Abbild des Kamins?
Letzteres scheidet sofort aus, weil wir uns an (dem Inhalt) der Psyche weder stoßen noch verbrennen können.
Bleibt nur das Urbild des Kamins, an dem sich unser Körper stößt und verbrennt.
Aber auch das ist wieder zweideutig; gilt es für das Ur- oder das Abbild unseres Körpers?
Da sich auch das Abbild des eigenen Körpers nur in unserer Psyche befinden kann, ergibt sich zwingend:
Das Urbild unseres Körpers stößt und verbrennt sich am Urbild des Kamins, so das wir erneut keine Abbilder benötigen. Es war kein Sehen dabei – und dann bedarf es auch keiner Psyche.
Wir trinken auch kein Abbild des Bieres, riechen kein Abbild des Parfüms, fahren kein Abbild des Autos und bauen kein Abbild des Hauses. Das ist auf der einen Seite alles so selbstverständlich, daß ich mir fast nicht getraue, es hier aufzuzählen.
Und trotzdem beschleicht mich auf der anderen Seite das Gefühl, es tun zu müssen, weil wir (fast) alle überzeugt sind, Abbilder der Seienden in unserer Psyche zu haben.
Wir kommen dem Grund dieses Widerspruchs näher, wenn wir die Bezeichnungen „Ur-“ bzw. „Abbilder“ wörtlich nehmen: Es sind Bilder, und die gibt es nur beim Sehen.
Damit ist unser Problem noch nicht gelöst, aber es wird zunächst einmal nachvollziehbar, daß das Sehen auf der einen Seite ganz allein sowohl dem Berühren, Hören oder Beschnuppern als auch dem Stoßen, Verbrennen, Trinken, Riechen, Fahren, Bauen usw. auf der anderen Seite gegenübersteht:
Die Unterscheidung zwischen Ur- und Abbild
– ist zwar traditionell für das Sehen erforderlich,
– bei allen anderen Tätigkeiten aber nicht nur unnötig, sondern sogar falsch.
Nun müßten wir lediglich noch klären, weshalb es sich so verhält.
Kommen wir dazu auf unseren Kamin zurück; wir sehen ihn sowohl traditionell als auch postmodern wirklich dort, und es liegt mir fern, dies zu bestreiten. Ich verstehe diese Sehung lediglich anders als die Tradition:
Sie
– macht den Herd zu einem Seienden,
– das als sekundäre Sehung von uns abgebildet wird,
– wozu die Psyche erforderlich ist.
Wir
– beginnen mit der Herd-Sehung oder betrachten diese als primär,
– mißverstehen sie folglich nicht als Sehung eines – inexistenten – Herdes, sondern
– ordnen sie als unhintergehbar oder ursprünglich ein.
Traditionell befinden sich alle physikalisch-materiellen Seienden im Raum; für uns gilt dies allein bei den Sehungen.
Deutlich wurde mir das erstmals durch einen Artikel von Heinrich Rombach, in dem er schrieb:
„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern
wir sehen dort“ – alles; zum Beispiel auch diesen Baum.
Das Dort-Sein ist also
– nicht die Eigenschaft des Baumes, sondern
– eine solche der Sehungen.
Sämtliche Sehungen gehören dadurch, daß sie Sehungen sind – aber auch nur dadurch – dem Raum an. Er trennt sie voneinander und ist kein Behälter, sondern der Zwischen-Raum, der die verschiedenen Sehungen auseinanderhält.
Interessanterweise geht dieser Gedanke zumindest bis auf Aristoteles zurück. Bereits er sah den Raum lediglich als Zwischen-Raum; natürlich nicht postmodern zwischen Sehungen, aber immerhin traditionell zwischen Seienden.
Des weiteren wird diese Idee auch von der Urknalltheorie aufgegriffen. Ihr zufolge expandiert der physikalische Kosmos – nicht innerhalb des Raumes, sondern – in das Nichts hinein und erzeugt dadurch erst den Zwischen-Raum, der die Galaxien voneinander trennt. Im Raum gibt es etwas – zum Beispiel Abstände –, aber im Nichts – nichts.
So ist es auch kein Zufall, daß Kant den Raum speziell als Anschauungs– und nicht allgemein als Wahrnehmungsform verstanden hat. Dem Sehen kommt unter all unseren Wahrnehmungen sowohl traditionell als auch postmodern eine Sonderrolle zu:
Traditionell leben die Subjekte als Körper im Raum und benötigen für das Sehen – aber eben auch nur für das Sehen – den Nicht-Raum der Psyche, um ihre Abbilder darin unterzubringen.
Postmodern bilden wir keine Seienden ab, sondern beginnen mit unseren Wahrnehmungen. Jede Art hat ihre typischen Eigenschaften, und bei den Sehungen gehört – nicht ganz überraschend dazu –, daß sie voneinander getrennt sein müssen; hier befindet sich die Sonnen- und dort die Mond-Sehung. Für diesen Abstand ist der Raum zuständig, den wir nicht als Behälter, sondern als Zwischen-Raum zu verstehen haben.
Damit wird der traditionelle Ausweg, eine Psyche allein für die Sehungen einzuführen, – natürlich nicht richtig, aber immerhin – nachvollziehbar:
Die Abbilder können sich nicht in der gleichen Sphäre wie die Urbilder befinden, denn dort sind sie unnötig; man müßte nur ein bißchen vielleicht zur Seite schauen, und schon wären die Originale selbst zu sehen. Da der Raum jedoch bereits für die Seienden benötigt wird, erfand die Tradition die Psyche.
Bei uns ist der Raum dagegen noch frei – für die Sehungen.
AD: „Vielleicht haben Sie Recht, aber ein bißchen wundert es mich schon, daß dem Sehen so eine Sonderrolle zukommen soll.“
Der Raum spielt vielleicht gar keine Sonderrolle, sondern ist nur besonders spektakulär, und wir hatten ihn bisher mißverstanden. Natürlich lassen sich Richtungen beispielsweise auch erriechen oder ertasten, aber ich glaube, wir ordnen sie damit nur in den Raum der Sehungen ein. Daß dies überhaupt geht, ist für blinde Menschen natürlich ganz fundamental.
Alle Wahrnehmungs-Formen besitzen ihre Charakteristika. Nur für das Hören gibt es „laut“ oder „leise“, nur für das Berühren „hart“ bzw. „weich“ und allein für das Sehen „hell“ und „dunkel“ sowie den notwendigen Raum zwischen zwei Sehungen. Ohne ihn wären es nicht zwei, so wie ein doppelter Kognak auch bloß einer ist.
Die Tradition geht – meines Erachtens fälschlicherweise – den Leichen-Weg, indem sie dem toten Körper ein „Innen“ hinzufügt. Das besteht aus zwei Komponenten, der Psyche und dem „Innen des Lebens“.
Zu letzterem gehören insbesondere Gefühle, Triebe, Absichten, Vorstellungskraft, der Wille oder gegebenenfalls auch die Freiheit sowie das Gewissen. Den Begriff „Innen des Lebens“ habe ich bewußt unüblich gewählt; insbesondere Seele wäre natürlich eine wesentlich geläufigere Alternative gewesen. Aber mir geht es stets darum,
– möglichst treffende Bezeichnungen zu finden,die
– kaum unerwünschte Assoziationen begünstigen, was
– bei der Seele geradezu konterkariert wird.
Das zugehörige Außen des Lebens besteht im Verhalten unseres Körpers, der sich mit allen anderen physikalischen Seienden im Raum bzw. Kosmos befindet und dem das gesamte „Innen“ zugeordnet ist.
Die Psyche bildet den zweiten Teil dieses „Innen“. Dort befindet sich – auch bei geschlossenen Augen – der Eiffelturm; öffnen wir sie, entsteht ein Abbild von ihm in unserer Psyche.
Auch sie ist freilich kein Gefäß, sondern die Gesamtheit der Sehungen. Das „in“ soeben war aber trotzdem richtig, weil „Inhalt“ und „Gefäß“ wie bei den Zahlen zusammenfallen. Die 3 befindet sich als „Inhalt“ in der Menge der natürlichen Zahlen; dem „Gefäß“.
Falsche Abbilder sind rein subjektiv; werden sie jedoch immer adäquater oder richtiger, müssen sich die Sehungen der verschiedenen Subjekten einander annähern und damit partiell intersubjektiv werden.
Damit gelangen wir nach dem Dualismus von Subjekt und Objekt unmittelbar zu einem zweiten:
Der objektiv-wirklichen Realität der Seienden im Außen des Kosmos stehen traditionell
die subjektiv-unwirklichen „Innen“ der Subjekte gegenüber.
Aber diese „Innen“ stellen natürlich keine Innen dar; deswegen die Anführungsstriche:
Unser Körper befindet sich im Raum; deswegen können wir ihn zum Beispiel sehen; das zugehörige „Innen“ sieht jedoch auch kein Chirurg, weil es ohne Ausdehnung ist. Was keine Ausdehnung besitzt, ist jedoch raumlos oder nicht im Raum und kann somit auch nicht innen sein.
Der Kern befindet sich in der Kirsche, der Käfer in der Schachtel oder das Gehirn im Kopf. Beide Bestandteile eines wirklichen Ineinanders müssen sich im Raum befinden; das Innen ist natürlich kleiner – aber nicht raumlos.
Da unser „Innen“ keine Ausdehnung besitzt oder nicht im Raum lokalisiert ist, kann es auch kein Innen und der Körper nicht relativ dazu außen sein. Wir sprechen wie selbstverständlich von unserem „Innen“, denken aber kaum darüber nach; das „Innen“ ist keineswegs ein Innen.
Etwas Raumloses befindet sich in keinem Worin, weil es in jedem widerspruchsfrei behauptet werden kann.
AD: „Ich gebe Ihnen Recht; es gibt verschiedene Wahrnehmungs-Arten, aber nur für die Sehungen wird die Psyche benötigt. Allein sie werden traditionell als Abbilder verstanden; es gibt kein Abhören, Abtasten oder Abschmecken im philosophischen Sinne, und Politik, Sicherheit oder Kochkunst sind nicht unsere Themen.
Wir brauchen die Psyche jedoch auch für unsere Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw.; das haben Sie scheinbar übersehen. Mit Ihrem Übergang zur Postmoderne fällt zwar das Abbilden weg, aber wir werden die traditionelle Psyche trotzdem nicht los.“
Ich kann Ihnen an dieser Stelle nur unser Endergebnis sagen. Auf seine Begründung kommen wir im Kapitel 2.2. zurück; dort soll im Anschluß an den späten Wittgenstein deutlich werden, daß es keinerlei Innnen gibt; dessen Unterscheidung von einem angeblichen Außen ist postmodern hinfällig. Damit können wir drei Positionen unterscheiden:
1. Die Tradition in ihrem Selbstverständnis
Sie geht davon aus, daß sich
– sämtliche Wahrnehmungen sowie
– alle Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. in der Psyche befinden.
2. Die Tradition aus unserer Sicht
Wir haben gesehen, daß
– nur bei den Sehungen tatsächlich abgebildet werden muß und
– eine entsprechende Annahme bei den anderen Wahrnehmungs-Arten sogar auf Widersprüche führt.
Die Psyche wird folglich für die Sehungen sowie Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. benötigt.
3. Die Postmoderne
Die
– nur scheinbar selbstverständliche, aber
– in der gesamten abendländischen Geistegeschichte problematische
Unterscheidung zwischen Innen und Außen entfällt vollständig.
Natürlich sind Vorstellungen etwas anderes als Wahrnehmungen, aber nicht weil sie sich in differenten Sphären befinden, sondern ganz einfach, weil sie verschiedene Eigenschaften besitzen.