1.6. Die Psyche und der Raum

Unsere Körper gehören zu den materiellen oder physikalischen Seienden der (objektiven) Realität.

Traditionell Denkende gehen zumeist davon aus, daß wir als Subjekte – zumindest im Kern – mit unserem Körper zusammenfallen. Aber der Satz „Ich bin mein Körper“ muß falsch sein, weil

– dieses „mein“ das Ich zum Besitzer des Körpers macht, während

– das „bin“ das gleiche Ich mit dem Körper identifiziert,

so daß der Körper sein eigener Besitzer sein müßte, was offensichtlich Unsinn darstellt. Selbstbesitz gibt es ebensowenig wie Selbstverursachung.

 

Die übliche „Lösung“ besteht darin, unserem Körper ein „Innen“ hinzuzufügen und die Einheit dieser beiden Seiten mit dem Subjekt zu identifizieren, das nun widerspruchsfrei einen Körper haben kann. Natürlich nicht wie ein Auto oder alle anderen Dinge; wir müßten also zumindest diese beiden Formen des Besitzens voneinander unterscheiden.

Damit ergibt sich eine Zweiteilung in Subjekte und Objekte. Letztere sind nur Körper, und bei uns Subjekten kommt zu diesen – den Seienden i. e. S. – jeweils noch das „Innen“ hinzu. 

 

Daß ich anderer Meinung bin und seinen Ansatz für falsch halte, braucht einen traditionell Denkenden natürlich überhaupt nicht zu interessieren. Aber wenn wir einen Widerspruch in seinem Modell finden, müßte er es konsequenterweise aufgeben oder korrigieren, um den Widerspruch zu beseitigen.

Das ist meines Erachtens tatsächlich der Fall; der traditionelle Subjekt-Begriff scheint mir widersprüchlich zu sein.

Eine Voraussetzung für unseren diesbezüglichen „Beweis“ besteht in der Annahme,

daß es ohne Sehen keinen Raum gibt oder

– daß unser üblicher Raum ein rein visueller bzw. Augen-Raum ist.

Diesen Gedanken halten Sie höchstwahrscheinlich – gelinde gesagt – für irre. Ich stehe zu ihm, und werde umgehend versuchen, Ihnen meine Gründe plausibel zu machen. 

 

Einer guten Übersichtlichkeit wegen nehmen wir kurz einmal an, das wäre mir bereits gelungen; dann dürfte der nachstehende Gedankengang nicht schwer sein: 

Ich bin als Subjekt der Wahrnehmende und insbesondere also der Sehende; der Einfachheit halber beschränken wir uns im Moment darauf. Wie das Auto und alle anderen Dinge kenne ich meinen Körper somit nur als Sehung, was uns zu der folgenden Kette von Schlüssen führt:

– Ohne Subjekt keine Sehung.

– Ohne Sehung kein Raum.

– Ohne Raum kein Körper.

Zusammengefaßt führt dies zu dem Ergebnis:

Ohne Subjekt kein Körper.

 

Dann stellt es natürlich einen Widerspruch dar, das Subjekt als Einheit aus seinem Körper und einem „Innen“ – welchem auch immer – zu definieren:

Man kann den Körper doch nicht als Bauteil des Subjekts benutzen, wenn es ihn erst durch oder nur für das fertige Subjekt gibt; das wäre ein logischer Zirkel. 

 

Ich denke, daß Sie mit meiner Überlegung mitgehen würden, könnten Sie mir glauben, daß es ohne Sehen keinen Raum gibt; diese bisher nur „gesponserte“ Voraussetzung soll nun verständlich werden.

Hierzu denken wir uns in einem Zimmer mit Herd. Er ist aus Eisen und heiß, so daß er unmöglich unserer Psyche angehören kann; das muß der wirkliche Herd – als ein Seiendes – sein.

Wir laufen unachtsam durchs Zimmer und stoßen oder verbrennen uns an ihm. Woran genau; am Ur- oder am Abbild des Herds? 

Letzteres scheidet sofort aus, weil wir uns an (dem Inhalt) der Psyche weder stoßen noch verbrennen können.

Bleibt nur das Urbild des Herds, an dem sich unser Körper stößt und verbrennt.

 

Aber auch das ist wieder zweideutig; gilt es für das Ur- oder das Abbild unseres Körpers? 

Da sich auch das Abbild des eigenen Körpers nur in unserer Psyche befinden kann, ergibt sich zwingend:

Das Urbild unseres Körpers stößt und verbrennt sich am Urbild des Herds, so das wir erneut keine Abbilder benötigen; Seiende prallen unmittelbar aufeinander. 

 

Wir trinken auch kein Abbild des Bieres, riechen kein Abbild des Parfüms, fahren kein Abbild des Autos und bauen kein Abbild des Hauses. Das ist auf der einen Seite alles so selbstverständlich, daß ich mir fast nicht getraue, es hier aufzuzählen.

Und trotzdem beschleicht mich auf der anderen Seite das Gefühl, es tun zu müssen, weil wir (fast) alle überzeugt sind, Abbilder der Seienden in unserer Psyche zu haben

 

Wir kommen dem Grund dieses Widerspruchs näher, wenn wir die Bezeichnungen „Ur-“ bzw. „Abbilder“ wörtlich nehmen: Es sind Bilder, und die gibt es nur beim Sehen.

Damit ist unser Problem noch nicht gelöst, aber es wird zunächst einmal nachvollziehbar, daß das Sehen auf der einen Seite ganz allein sowohl dem Berühren, Hören oder Beschnuppern als auch dem Stoßen, Verbrennen, Trinken, Riechen, Fahren, Bauen usw. auf der anderen Seite gegenübersteht:

Die Unterscheidung zwischen Ur- und Abbild 

– ist zwar traditionell für das Sehen erforderlich,

– bei allen anderen Tätigkeiten aber nicht nur unnötig, sondern sogar falsch.  

Nun müßten wir lediglich noch klären, weshalb es sich so verhält.

 

Kommen wir dazu auf unseren Herd zurück; wir sehen ihn sowohl traditionell als auch postmodern wirklich dort, und es liegt mir fern, dies zu leugnen. Die Sehung ist unbestreitbar; wir verstehen sie lediglich anders als die Tradition:

 

Letztere

– macht den Herd zu einem Seienden,

– das als sekundäre Sehung von uns abgebildet wird,

– was innerhalb der Psyche geschieht,

– während sich sämtliche physikalischen Seienden im Raum befinden.

 

Wir

beginnen dagegen mit der Herd-Sehung oder erkennen diese als primär an,

– mißverstehen sie folglich nicht als Sehung eines – inexistenten – Herdes, sondern 

– betrachten sie

  — als unhintergehbar oder ursprünglich und

  — im Raum befindlich.

 

Deutlich wurde mir dies erstmals durch einen Artikel von Heinrich Rombach, in dem er schrieb:

„Wir sehen nicht den Baum dort, sondern

wir sehen dort“ – alles; zum Beispiel auch diesen Baum.

Das Dort-Sein ist also

nicht die Eigenschaft des Baumes, sondern

– eine solche der Sehungen.

Sämtliche Sehungen gehören dadurch, daß sie Sehungen sind – aber auch nur dadurch – dem Raum an. Er trennt sie voneinander und ist kein Behälter, sondern der Zwischen-Raum, der die verschiedenen Sehungen auseinanderhält.  

 

Interessanterweise geht dieser Gedanke zumindest bis auf Aristoteles zurück. Bereits er sah den Raum lediglich als Zwischen-Raum; natürlich nicht postmodern zwischen Sehungen, aber immerhin traditionell zwischen Seienden.

Des weiteren wird diese Idee auch von der Urknalltheorie aufgegriffen. Ihr zufolge expandiert der physikalische Kosmos – nicht innerhalb eines angeblich bereits bestehenden Raumes, sondern – in das Nichts hinein und erzeugt dadurch erst den Raum als Zwischen-Raum, der die Galaxien voneinander trennt.

Der leere Raum ist keineswegs das Nichts. In jenem gibt es etwas – vielleicht eine bestimmte Geometrie mit Abständen, Winkeln und Zusammenhangsverhältnissen beispielsweise –; im Nichts ist nichts.

 

Es ist darum für mich auch kein Zufall, daß Kant den Raum speziell als Anschauungs– und nicht allgemein als Wahrnehmungsform verstanden hat. Dem Sehen kommt unter all unseren Wahrnehmungen sowohl traditionell als auch postmodern eine Sonderrolle zu:

 

Traditionell sind die Subjekte Seiende i. e. S.

Aus unserer postmodernen Sicht gibt es gar keine Seienden; sie wurden von der Tradition erfunden.

Dann mußte auch geklärt werden, wo sie sich angeblich befinden; deswegen wurde der Raum als

– das Wo der Seienden und

– ein weiteres Seiendes

notwendigerweise miterfunden.

 

Ohne Seiende benötigen wir jedoch auch deren Raum nicht.

Einen – anderen – Raum gibt es aber trotzdem; es ist der Raum (lediglich) der Sehungen.

Er übernimmt folglich die Rolle der traditionellen Psyche; sie beinhaltet die Sehungen, die sich postmodern im Raum befinden.

 

Postmodern beginnen wir, mit anderen Worten, bei unseren Wahrnehmungen.

Jede Art hat ihre typischen Eigenschaften, und bei den Sehungen gehört – nicht ganz überraschend dazu –, daß sie voneinander getrennt sein müssen; hier befindet sich die Sonnen- und dort die Mond-Sehung. Für diesen Abstand ist der Raum zuständig, den wir nicht als Behälter, sondern als Zwischen-Raum zu verstehen haben.

 

AD: „Auch bei uns oder postmodern befinden sich alle Körper im Raum, und trotzdem benötigen wir keine Psyche . . .?“

Natürlich sind alle Körper im Raum; das geht ja gar nicht anders, da sie ausgedehnt sind.

Aber es handelt sich um ganz unterschiedliche Körper und auch Räume:

– Traditionell sind es Seiende in einem seienden Behälter-Raum und

– postmodern Sehungen im visuellen Abstands-Raum, der höchstens für Subjektivitäten existiert.

Ich weiß nicht, was ein Körper als Seiendes sein soll, und kann das auch nicht wissen, weil in meinem Weltbild keine Seienden vorkommen; es legt mich auf seine Inhalte fest und versperrt mir alles andere.

Ein Körper als Sehung stellt dagegen überhaupt kein Problem dar; er kann tausend weitere Eigenschaften besitzen, aber ausgedehnt ist er mit Sicherheit

 

Alle Wissungen befinden sich im Weltbild als ihrem Horizont. Ihm gehört auch der Raum an, der von den Sehungen konstituiert wird. Zu den Orten im Weltbild können also beispielsweise Stellen im Farben-Raum ebenso gehören wie solche im Orts-Raum.

Aber eine Subjektivität kann nicht darin sein, weil zwar ihr Körper eine Wissung darstellt, aber sie selbst nicht; Subjektivitäten sind die Träger der Weltbilder.

 

AD: „Vielleicht haben Sie Recht, aber ein bißchen wundert es mich schon, daß dem Sehen so eine Sonderrolle zukommen soll.“

Der Raum spielt vielleicht gar keine Sonderrolle, sondern ist nur besonders spektakulär, und wir hatten ihn bisher mißverstanden. Natürlich lassen sich Richtungen beispielsweise auch erriechen oder ertasten, aber ich glaube, wir ordnen sie damit nur in den Raum der Sehungen ein. Daß dies überhaupt geht, ist für blinde Menschen natürlich ganz fundamental.

Alle Wissens-Formen besitzen ihre Charakteristika. Nur für das Hören gibt es „laut“ oder „leise“, nur für das Berühren „hart“ bzw. „weich“ und allein für das Sehen farbig, „hell“ oder „dunkel“ sowie den notwendigen Raum zwischen zwei Sehungen. Ohne ihn wären es nicht zwei, so wie ein doppelter Kognak auch bloß einer ist

 

Kommen wir bitte nochmals auf das widersprüchliche Konzept der Tradition zurück.

Ihr „Innen“ besteht aus zwei Komponenten, der Psyche und dem „Innen des Lebens“.

Zu letzterem gehören insbesondere Gefühle, Triebe, Absichten, Vorstellungskraft, der Wille oder gegebenenfalls auch die Freiheit sowie das Gewissen. Den Begriff „Innen des Lebens“ habe ich bewußt unüblich gewählt; insbesondere Seele wäre natürlich eine wesentlich geläufigere Alternative gewesen. Aber mir geht es stets darum,

– möglichst treffende Bezeichnungen zu finden,die

– kaum unerwünschte Assoziationen begünstigen, was

– mit der Seele geradezu konterkariert würde. 

Das zugehörige Außen des Lebens besteht im Verhalten unseres Körpers, der sich mit allen anderen physikalischen Seienden im Raum bzw. Kosmos befindet und dem das gesamte „Innen“ zugeordnet ist.

 

Die Psyche bildet den zweiten Teil dieses „Innen“. Außen befindet sich – auch bei geschlossenen Augen – der Eiffelturm; öffnen wir sie, entsteht ein Abbild von ihm in unserer Psyche. 

Auch sie ist freilich kein Gefäß, sondern die Gesamtheit der Sehungen. Das „in“ soeben war aber trotzdem richtig, weil „Inhalt“ und „Gefäß“ wie bei den Zahlen zusammenfallen. Die 3 befindet sich als „Inhalt“ in der Menge der natürlichen Zahlen; dem „Gefäß“.

Falsche Wissungen sind rein subjektiv; werden sie jedoch immer adäquater oder richtiger, müssen sich die Wissungen der verschiedenen Subjekten einander annähern und damit partiell intersubjektiv werden.  

 

Damit gelangen wir nach dem Dualismus von Subjekt und Objekt unmittelbar zu einem zweiten:

Der objektiv-wirklichen Realität der Seienden im Außen des Kosmos stehen traditionell

die subjektiv-unwirklichen „Innen“ der Subjekte gegenüber. 

Aber diese „Innen“ stellen natürlich keine Innen dar, wie wir im ersten Teil schon gesehen hatten; deswegen die Anführungsstriche:

Unser Körper befindet sich im Raum; deswegen können wir ihn sehen; das zugehörige „Innen“ sieht jedoch auch kein Chirurg, weil es ohne Ausdehnung ist. Was keine Ausdehnung besitzt, ist jedoch raumlos oder nicht im Raum und kann somit auch nicht innen sein.

 

AD: „Ich gebe Ihnen Recht; es gibt verschiedene Wahrnehmungs-Arten, aber nur für die Sehungen wird die Psyche benötigt. Allein sie werden traditionell als Abbilder verstanden; es gibt kein Abhören, Abtasten oder Abschmecken im philosophischen Sinne, und Politik, Sicherheit oder Kochkunst sind nicht unsere Themen.   

In der Postmoderne fällt, wenn ich Ihre bisherigen Andeutungen richtig verstanden habe, auch das Abbilden noch weg.

Aber die Psyche werden wir dennoch nicht los, denn wir brauchen sie noch für unsere Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw.“   

 

Was Sie sagen klingt sehr logisch.

Ich kann Ihnen an dieser Stelle nur unser Endergebnis mitteilen. Auf seine Begründung kommen wir im vierten Teil zurück; dort soll im Anschluß an den späten Wittgenstein deutlich werden, daß nicht nur die Psyche entfällt, sondern wir gar kein „Innnen“ mehr benötigen; dessen Unterscheidung von einem angeblichen Außen ist postmodern hinfällig.

Damit können wir drei Positionen unterscheiden:

 

1. Die Tradition in ihrem Selbstverständnis   

Sie geht davon aus, daß sich

sämtliche Wahrnehmungen sowie

– alle Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. in der Psyche befinden.

 

2. Die Tradition aus postmoderner Sicht 

Wir haben gesehen, daß

– nur bei den Sehungen tatsächlich abgebildet wird und

– eine entsprechende Annahme bei den anderen Wahrnehmungs-Arten

  — nicht nur unnötig ist, sondern

  — sogar auf Widersprüche führt.

Die Psyche wird folglich für die Sehungen sowie Vorstellungen, Denkungen, Verstehungen usw. benötigt. 

 

3. Die Postmoderne

Die

– nur scheinbar selbstverständliche, aber

– in der gesamten abendländischen Geistesgeschichte problematische

Unterscheidung zwischen „Innen“ und Außen entfällt vollständig.

Natürlich sind „innere“ Vorstellungen etwas anderes als „äußere“ Wahrnehmungen, aber nicht weil sie sich in differenten Sphären befinden, sondern ganz einfach, weil sie verschiedene Eigenschaften besitzen

 

AD: „Hätten Sie nicht fairerweise einen vierten Punkt „Die Postmoderne aus traditioneller Sicht“ hinzufügen müssen?“ 

Nein; der wäre widersprüchlich, weil das traditionelle Denken, wie sich bald zeigen wird, einen Spezialfall des postmodernen darstellt und somit gar nicht auf dieses blicken kann.     

Das wäre so, als wollten Sie aus Sicht der natürlichen Zahlen über die reellen sprechen.