2.3. Das traditionelle „Minisystem der Wissungen“ aus (Nicht-)Seienden und (In-)Existenz

Mein Leben gibt es natürlich sowohl traditionell als auch postmodern; aber zwischen den beiden Sichtweisen besteht eine fundamentale Diskrepanz.

 

Traditionell ist mein Leben – entgegen dem in der Öffentlichkeit häufig aufgesetztem Pathos – ausgesprochen bedeutungslos. Letztlich dreht sich alles

– um die objektive Realität des physikalischen Kosmos,

– in der wir pure Nichtse sind,

– deren Aufgabe darin besteht, das zu erkennen und

– die uns zu Sklaven des Wissens macht.

 

Die – oder zumindest unsere Postmoderne – ist dagegen eine Philosophie der Freiheit.

Wir sollen

– nichts angeblich Vorgegebenes adäquat repräsentieren, sondern

kreativ und eigenverantwortlich ein wahres Leben führen

– innerhalb eines Freiraums, der nicht unnötig durch irgendwelche Vorgaben eingeengt wird. 

 

AD: „Das kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, daß für uns keine Referenten existieren, von denen es zu wissen gelten könnte.“

Und daß insbesondere unser Leben keinen solchen Referenten darstellt.

Im krassen Gegensatz dazu setzt die Tradition voraus, daß sämtliche Wissungen solche von Seienden darstellen und diese somit die Gewußten bilden.

Wir wissen das schon lange, müssen es aber möglicherweise noch etwas besser verstehen.

 

Dazu betrachten wir ein Gespräch, in dem der Arzt seinem Patienten mitteilt „Sie leiden an Myopie“.

Myopie ist eine Wissung des Arztes und eventuell auch des Patienten. Das von oder mit dieser Wissung Gewußte besteht in dem Seienden namens „Myopie“.

 

Teilt der Patient tatsächlich das Wissen seines Arztes, könnte der Dialog beendet sein.  

 

Andernfalls versteht der Patient den Arzt nicht.

Einerseits fehlt ihm dann jegliche Diagnose und er hätte sich den Arztbesuch ersparen können.

Andererseits weiß der Patient aber natürlich trotzdem, daß er an einem Seienden namens „Myopie“ erkrankt ist; das hat der Arzt ihm doch gesagt!

Wenn der Patient

– etwas gesagt bekommt,

– es aber trotzdem nicht weiß,

– muß der Arzt ihm eine Nicht-Wissung gesagt haben, und die ist belanglos. 

 

 

  Seiendes Seiendes    
„Sie leiden an Myopie.“ „Myopie“ „Myopie“    
Wissung Gewußtes      
Wissung   Gewußtes    
       
Ende „Was ist Myopie?“    
      Seiendes Seiendes
    „Kurzsichtigkeit“ „Kurzsichtigkeit“ „Kurzsichtigkeit“
    Wissung Gewußtes  
    Wissung   Gewußtes
       
    Ende „Was ist Kurzsichtigkeit?“

Abbildung 2.3.

 

Was hilft es uns also, wenn ein Seiendes namens „Myopie“ genannt wird?

Gar nichts! 

Wenn Myopie bereits eine Wissung darstellt, bildet das „zugehörige“ Seiende eine völlig unnötige „Ergänzung“.

Wissen wir dagegen nicht, was Myopie bedeutet, dann hilft uns der Hinweis, es sei ein spezielles Seiendes, ebenfalls absolut nichts, denn das war von vornherein klar; was anders hätte es denn sein können? 

Alles gelb Hinterlegte können wir also einfach verlustlos streichen.

 

AD: „Seiende sind folglich immer nutzlos . . . Daß wir sie bzw. die Referenten unserer Wissungen streichen, wird sich natürlich in unseren Formulierungen auswirken, dürfte aber inhaltlich gar keine Rolle spielen.“ 

 

Damit wird auch einsichtig, daß niemand versteht, was Existenz bzw. Nicht-Existenz bedeuten sollen.

Die Tradition hält die Seienden für existent und die Nicht-Seienden für inexistent.

Wir können jetzt ergänzen, daß aus unserer postmodernen Sicht

sowohl die Seienden als auch die Nicht-Seienden

– weder existieren noch nicht-existieren.

 

Die beiden Begriffspaare bilden ein „Minisystem der Wissungen“, das

– natürlich – wie jedes Wissens-System – in sich geschlossen ist und dadurch

– nicht mit dem unsrigen verbunden werden kann.

Von „innen“ ist es zwingend, daß Seiende existieren und Nicht-Seiende nicht-existieren; das sagen ja die sich wechselseitig erklärenden Begriffe.

Aber von „außen“ versteht keiner, wovon dort die Rede sein soll.

 

AD: „Sie meinen also:

Aus postmoderner Sicht gibt es nur in sich geschlossene Systeme von Wissungen, aber es können mehrere solcher Systeme nebeneinander bestehen; selbst in einer Psyche. Da ihnen die Verbindungen untereinander fehlen (müssen), ist jede Verständigung oder Erklärung zwischen ihnen ausgeschlossen.“

Ja; traditionell Denkende haben ihr subjektives Wissens-System als als das eigentliche Wirklichkeits-Bild und zusätzlich das Mini-System aus (Nicht-)Seienden und (In-)Existenz. Die beiden Paare tragen sich gegenseitig und tun das logisch ganz sauber. Aber wenn wir fragen, was diese Wissungen bedeuten, müßte ein Zusammenhang mit dem „richtigen“ Wirklichkeits-Bild hergestellt werden, und den gibt es nicht.