2.2.1. Das traditionelle „Minisystem der Wissungen“ aus (Nicht-)Seienden und (In-)Existenz

Mein Leben gibt es natürlich sowohl traditionell als auch postmodern; aber zwischen den beiden Sichtweisen besteht eine fundamentale Diskrepanz.

 

Traditionell ist mein Leben – entgegen dem in der Öffentlichkeit häufig aufgsetztem Pathos – ausgesprochen bedeutungslos. Letztlich dreht sich alles

– um die objektive Realität des physikalischen Kosmos,

– in der wir pure Nichtse sind,

– deren Aufgabe darin besteht, das zu erkennen und

– die uns zu Sklaven des Wissens macht.

 

Die – oder zumindest unsere Postmoderne – ist dagegen eine Philosophie der Freiheit.

Wir sollen

– nichts angeblich Vorgegebenes adäquat repräsentieren, sondern

kreativ und eigenverantwortlich ein wahres Leben führen

– innerhalb eines Freiraums, der nicht durch irgendwelche Vorgaben unnötig eingeengt wird. 

 

AD: „Wenn die Wirklichkeit von der objektiven Welt (und Überwelt) zum eigenen Leben wechselt, lassen wir das traditionelle Erkennen – wovon auch immer – völlig hinter uns, so daß der ‚Heilige Nous‘ nicht länger unser großes Idol bildet.“

Ja; und Ihr „wovon auch immer“ läßt sich recht gut konkretisieren, was auch hilfreich sein dürfte:

 

1. Wir hatten oben gesehen, daß der Bereich der Wissungen bei uns in sich (ab)geschlossen ist

Daß alle Wissungen solche vom Gewußten sind, versteht sich von selbst; aber aus der postmodernen Einheit des Wissens-Systems ergeben sich zwei grundlegende Konsequenzen:

Zum einen müssen alle Gewußten wiederum Wissungen und können niemals Nicht-Wissungen sein.   

Zum anderen gilt dann notwendigerweise auch die Umkehrung; sämtliche Wissungen sind Gewußte (von anderen Wissungen), so daß die beiden Begriffe Wissungen und Gewußte identisch werden.

 

 

. . . . . vom  Gewußten          
    =          
    Wissung vom Gewußten      
        =      
        Wissung vom . . . . .  

Abbildung 2.2.1.-1

 

2. Das bedeutet keineswegs, daß postmodern nur Wissungen / Gewußte existieren.

Neben ihnen besteht ja noch – scheinbar dualistisch – die Wirklichkeit unseres Lebens, von der dann selbstverständlich prinzipiell keine Wissungen möglich sind.

 

3. Im krassen Gegensatz dazu setzt die Tradition voraus, daß sämtliche Wissungen solche von Seienden darstellen und diese somit die Gewußten bilden.

Wir wissen das schon lange, müssen es aber möglicherweise noch etwas besser verstehen.

Dazu betrachten wir ein Gespräch, in dem der Arzt seinem Patienten mitteilt „Sie leiden an Myopie“.

Myopie ist eine Wissung des Arztes und eventuell auch des Patienten. Das von oder mit dieser Wissung Gewußte besteht in dem Seienden namens „Myopie“.

 

Teilt der Patient tatsächlich das Wissen seines Arztes, könnte der Dialog beendet sein.  

 

Andernfalls versteht der Patient den Arzt nicht.

Einerseits fehlt ihm dann jegliche Diagnose und er hätte sich den Arztbesuch ersparen können.

Andererseits weiß der Patient aber natürlich trotzdem, daß er an einem Seienden namens „Myopie“ erkrankt ist; das hat der Arzt ihm doch gesagt! 

 

 

  Seiendes Seiendes    
„Sie leiden an Myopie.“ „Myopie“ „Myopie“    
Wissung Gewußtes      
Wissung   Gewußtes    
       
  Ende „Was ist Myopie?“    
      Seiendes Seiendes
    „Kurzsichtigkeit“ „Kurzsichtigkeit“ „Kurzsichtigkeit“
    Wissung Gewußtes  
    Wissung   Gewußtes
       
      Ende „Was ist Kurzsichtigkeit?“

Abbildung 2.2.1.-2

 

Was wissen wir also, wenn uns ein Seiendes welchen Namens auch immer genannt wird?

Nichts! 

Soll das anders werden, darf das „Seiende“ kein Seiendes, sondern muß ein – von unserem Wissen – Gewußtes darstellen.

 

AD: „Das hatte ich nicht erwartet; damit geht der traditionelle Ansatz diesbezüglich in den postmodernen über.

Seiende sind lediglich willkürliche Unterbrechungen oder erfundene „Fixpunkte“ in unserem grenzen- und fixpunktlosen System der Wissungen / Gewußten.“ 

 

Damit wird auch einsichtig, daß niemand versteht, was Existenz bzw. Nicht-Existenz bedeuten sollen.

Die Tradition hält die Seienden für existent und die Nicht-Seienden für inexistent.

Wir können jetzt korrigieren, daß aus unserer Sicht

– weder Seiende noch Nicht-Seiende

– weder existieren noch nicht-existieren,weil

– hiermit zwei Wortpaare vorliegen,

– die nicht anschlußfähig an unser System der Wissungen oder mit ihm inkompatibel sind und

– sich als traditionelles „Minisystem der Wissungen“ nur wechselseitig definieren.

 

AD: „Ich verstehe: Aus postmoderner Sicht gibt es nur in sich geschlossene Systeme von Wissungen / Gewußten.

Aber es können mehrere solcher Systeme nebeneinander bestehen. Da ihnen jedoch die Verbindungen untereinander fehlen (müssen), ist jede Verständigung oder Erklärung zwischen ihnen ausgeschlossen.“

 

Innerhalb des traditionellen „Minisystems der Wissungen“ zum Beispiel ist es logisch absolut zwingend, daß die Seienden sind und die Nicht-Seienden nicht. Aber aus unserem normalen Wissens-System heraus sind das alles nur leere Worte.