2. Hinführung zum Thema

Warum noch eine Hinführung nach der Einführung?

Philosophische Begriffe lassen sich nicht (sauber) definieren wie in der Mathematik oder Physik, und entsprechend verwaschen sind sie eben auch zumeist. Ein Buch auf dieser Grundlage wollte ich nicht schreiben; davon gibt es bereits genug, und sie gefallen mir alle nicht.

Unsere Begrifflichkeit sollte so klar sein, daß die Überlegungen weitestgehend von der Logik bestimmt werden können und nicht Gefühle, Assoziationen, Stimmungen, Metaphern oder ähnliches die führende Rolle übernehmen müssen.

Um einen entsprechenden Rahmen geht es mir in diesem zweiten Teil; erst wenn er vorliegt, können wir hoffentlich

– sowohl das traditionelle Denken sauber kritisieren

– als auch dem entstandenen Knochengerüst das geeignete Fleisch hinzufügen.

 

Im Widerstreit zwischen Verständlichkeit und Exaktheit schlage ich mich also vorerst auf die Seite der letzteren.

Der vierte Teil soll beide Ziele wieder vereinen, nachdem wir im dritten Teil versuchen, Ihre letzten Zweifel daran zu beseitigen, daß das traditionelle Denken überwunden werden muß, weil es nur ein gewaltiges philosophisches – und damit notwendigerweise auch theologisches –Glaubensbekenntnis darstellt.    

 

Natürlich wurde unseren Vorfahren das traditionelle Denken seit zweieinhalb tausend Jahren von Kindesbeinen an indoktriniert. Aber ich glaube nicht, daß seine Überzeugungskraft, die ja schon an „Selbstverständlichkeit“ oder „Evidenz“ grenzt, allein damit erklärt werden kann. Dieses Denken ist zugleich verführerisch einfach und anschaulich, um nicht zu sagen „kindlich“:

„Wir haben das Ganze doch längst verstanden und müssen nicht mehr darüber nachdenken; es kann alles beim Alten bleiben.“

Solange es das tut, werden wir lediglich an sekundären Symptomen herumbasteln, aber unsere wirklichen Probleme nicht einmal sehen, geschweige denn lösen können.  

 

Wir waren bis zur Korrektur in der Moderne gelangt. Entscheidend ist hierbei, daß der Glaube an die Seienden zwar weiherhin fröhliche Urständ feiert, seine transzendente Ermöglichung durch die antik-mittelalterlichen Ideen aber weggebrochen ist.

Sie werden in der Moderne von den Begriffen abgelöst.

 

Zum einen ist das jedoch kein adäquater Ersatz, weil letztere lediglich Denkwerkzeuge darstellen, die wir selbst konstruieren, so daß die Begriffe die Existenz der Seienden natürlich nicht erklären können, worin freilich die Hauptaufgabe der Ideen bestand.

Zum anderen stellt unsere Freiheit in der Begriffswahl eine große Gefahr dar:

Differente Begriffe führen zu anderen Wirklichkeits-Bildern; diese bilden jedoch den Rahmen, innerhalb dessen allein wir wahrnehmen und denken können sowie entscheiden müssen. Die Begriffe bzw. das ihnen entsprechende Wirklichkeits-Bild

– sind also nicht nur überaus wichtig, sondern grundlegend oder fundamental für unser Leben,

– können es aber als dessen einzige Orientierungsmöglichkeit auch in eine völlig falsche Richtung leiten.

 

AD: „Hier zeigt sich überdeutlich, der Vorteil des Glaubens. Die Christen beispielsweise besitzen durch die Offenbarungen ihres Gottes nicht nur noch eine zweite, sondern sogar eine absolut sichere Grundlage zur Orientierung.“

Viele traditionell Gläubige würden Ihnen wohl beipflichten, aber Sie gehen wieder von der oben bereits kritisierten Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz aus:

Sofern Gott überhaupt zu uns spricht, muß er dies zwangsläufig im Menschenwort tun; andernfalls könnten wir ihn nicht verstehen. Ohne eine abgetrennte Sprache gibt es jedoch auch keine zweite Orientierungsmöglichkeit.

 

Deswegen habe ich von Anfang an das Welt- durch ein Wirklichkeits-Bild ersetzt. Es ist zwar – seiner Bezeichnung zum Trotz – kein Bild von der Wirklichkeit, aber immer vollständig. Das bedeutet keineswegs, daß nichts fehlt, sondern daß nichts fehlen kann, weil es kein Bild eines davon unabhängigen Wovons darstellt.

Wir haben ein übergreifendes Wirklichkeits-Bild, das von unseren sichersten und tiefsten Überzeugungen bis zur totalen Fraglichkeit reicht. Daran orientieren wir uns, denn es ist alternativlos.