2.1.4. Der Blick von nirgendwo und -wann

Daß die Tradition die Seienden des Kosmos, der objektiven Realität bzw. physikalischen Welt im Raum lokalisiert, hängt eng damit zusammen, daß sie sich den „Blick von nirgendwo“ (Thomas Nagel) anmaßt. Das war ursprünglich die Schau eines griechischen Gottes, eventuell des Nous, der von außerhalb den gesamten Raum betrachten und alle Seienden darin verfolgen konnte. Bei Pascal wurde daraus der „Gott der Philosophen“ und in der Moderne – als ein Gott vorübergehend auch in der Philosophie nichts mehr zu suchen hatte – die Vernunft. 

Aber diese Namen tun überhaupt nichts zur Sache:

Stets ging bzw. geht es darum, daß uns Menschen dem traditionellen Denken zufolge dieser Blick von nirgendwo – „und nirgendwann“ würde ich ergänzen wollen – möglich ist

 

Natürlich können wir uns einen Blick von außen auf die Welt vorstellen; nahezu „alles“ läßt sich ausmalen; weshalb denn gerade das nicht?

Wir können uns vorstellen, wie eine Schildkröte im Meer des Nichts schwimmt, auf der ein Elefant steht und die Erdscheibe trägt. Aber selbstverständlich glauben wir solchen Unsinn nicht.

Selbstverständlich? Warum glauben wir dann den Blick von nirgendwo auf die Welt der Seienden?

Was hat eine vollkommen willkürliche, weil durch nichts auch nur andeutungsweise kontrollierbare Vorstellung mit Wirklichkeit, Richtigkeit oder gar Wahrheit zu tun.

„Ich stelle mir vor, daß dies der Blick ist, der sich dem Nous zeigt“ könnte ich problemlos unterschreiben; nur folgt daraus leider absolut nichts.

Der Traum vom Lottogewinn macht mich auch nicht zum Millionär; so drastisch sollten wir uns vor Augen stellen, daß der Blick von nirgendwo null und nichtig ist – wie selbstverständlich auch immer er uns erscheinen mag.      

 

AD: „Ich muß Ihnen im Namen der modernen Physik widersprechen!

Mit dem antiken Nous oder Pascals Gott der Philosophen kann man sehr schön erklären, was Nagel mit seinem Blick von nirgendwo meint, und daß uns Menschen eine solche Schau bis vor wenigen Jahrzehnten verwehrt bleiben mußte.

Das hat sich jedoch im 20. Jahrhundert geändert. Wir müssen nicht länger in die Haut des Nous schlüpfen, um seine (Nicht-)Perspektive einnehmen zu können, sondern erreichen sie mittels der heutigen Physik. Auf ihrer Grundlage wird der Blick von nirgendwo für uns zu einem Rechenergebnis.“

Es tut mir leid, aber ich muß Ihnen im Namen des gesunden Menschenverstands widersprechen! 

 

Wir lesen häufig, daß die Naturgesetze unabhängig von Raum und Zeit oder in der gesamten Raum-Zeit identisch seien. Das ist richtig, aber die Formulierung und ihr Zusammenhang mit dem restlichen Text führen häufig auf eine völlig falsche Spur:

Die Wissenschaft hat nicht erkannt oder herausbekommen, daß die Naturgesetze überall und immer die gleichen sind – und das kann sie auch nicht, weil es prinzipiell unmöglich ist.

 

Wir können Narurgesetze immer nur hier und jetzt überprüfen, so daß lediglich der erdnahe Raum infrage kommt.

Ob sie im Später gelten, muß völlig offenbleiben; woher sollten wir das wissen (können)?

Vor 500 Jahren gab es noch gar keine Naturgesetze in unserem Sinne, so daß sie auch niemand kontrollieren konnte. 

Die Physiker können also höchstens begründet sagen, daß ihre Naturgesetze in dieser kleinen Region der Raum-Zeit identisch sind. Das ist erfreulich, denn andernfalls gäbe es keine Physik.

Freilich ist ihr Anwendungsbereich beschränkt, und vielen Forschern dürfte er zu klein sein:

„Mich würde der Sirius interessieren und wie es vor 1000 Jahren war.“      

 

Schade; das ist leider unmöglich; es besteht kein Weg zu Zielen, die über das physikalische Hier und Jetzt, in dem wir experimentieren, messen und überprüfen können, hinausreicht.

Natürlich ließe sich wild drauflos spekulieren; unseren Vorstellungen sind, wie oben bereits erwähnt, kaum Grenzen gesetzt, aber damit wechseln wir auch schnell und prinzipiell unkontrollierbar von der physikalischen in die Märchenwelt.

 

Zum Beispiel könnten wir – ohne erkennbaren Widerspruch – annehmen, die Naturgesetze wären in der gesamten Raum-Zeit identisch.

Nicht „im gesamten Kosmos“, denn der existiert ja noch gar nicht:

– Er ist, wie Sie ganz richtig sagten, ein Rechenergebnis.

– Das ergibt sich nur, wenn wir rechnen.

– Um dies zu können, müssen wir jedoch voraussetzen, daß die Naturgesetze im gesamten Raum und zu allen Zeiten die gleichen sind.

 

Wir

– wissen also nichts beispielsweise von dem Urknall, sondern

haben ein Rechenmodell, das

– zu ihm als einem rein mathematischen Ergebnis führt.

Wir

– können die Voraussetzungen unseres Rechenmodells nicht mit der Wirklichkeit vergleichen,

– weil uns nur die errechnete „Wirklichkeit“ gegeben ist und somit

– natürlich eine vollkommene Übereinstimmung bestehen muß.

Wer sich über diese „Erkenntnis“ freut, ist naiv oder unehrlich. 

   

Ich habe natürlich keinen Verbesserugsvorschlag und bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt einer denkbar ist. Eine totale Identität der Naturgesetze anzunehmen, ist natürlich Willkür, aber vielleicht die geringst-mögliche oder fairste.

Für diese Voraussetzung spricht

rein fachlich kein einziger Grund, sehr wohl aber

das Argument, daß wir ohne eine solche Annahme nicht weit rechnen könnten und

– die Physik somit zu einer Art von Heimatkunde würde.

 

Ich meckere auch nicht, sondern versuche nur verständlich darzustellen, was wir tun (müssen), um den „göttlichen Blick von nirgendwo“ als Rechergebnis zu erhalten.

Daß es nur um letzteres geht und wir nicht die geringste Ahnung haben, ob dieses Rechenergebnis noch einen Wirklichkeitsbezug besitzt bzw. worin dieser gegebenenfalls bestehen könnte, sollte deutich werden.

 

Bei der Urknalltheorie erkenne ich nur einen psychologischen Wirklichkeitsbezug; sie bildet, Georg Picht zufolge, den „Weltentstehungs-Mythos des Atomzeitalters“.

Es begann mit dem little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist aber auch sonst ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerungszahlen, Wissungen, Informationen, Verfügbarkeiten, Fördermengen, Ansprüche, Geschwindigkeiten, Erwartungen, Produktionsraten usw. schnellen plötzlich in die Höhe. Damit einher gehen Zerstörungen beispielsweise von Lebensgrundlagen, Traditionen, Religionen, Werten, Sprachen, Minderheiten, Tieren oder Pflanzen.

Kann es uns überraschen, daß die Menschen einer solchen Zeit glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen?

Die Urknalltheorie ist natürlich eine physikalische, aber ihre Akzeptanz wird nicht von einer angeblichen objektiven Realität her verständlich, sondern meines Erachtens allein psychologisch:

Das ist unsere Theorie, denn sie entspricht – besser vielleicht: entsprach – dem kollektiven Lebensgefühl!