1.1.2. Die Korrektur des traditionellen Denkens in der Moderne

Mit der Aufklärung nahm die Einsicht, daß das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht, immer stärker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und gerät damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unerschütterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; erstere müssen also auch ohne letztere denkbar – gemacht – werden.

 

In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als Einheit von 

Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden. 

Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst;  definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse. 

 

Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:

Das sind die Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg  die Seienden erstellt hat; sie fallen also exakt mit den Ideen zusammen:

Ideen   =   Essenzen, Wesen oder Wasse

 

Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars‘ besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee

existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und 

verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.

Unsere Sonne könnte 1000 Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen Idee des Planeten

 

Die Moderne cancelt die Ideen, weil sie nicht immanent erfahren, sondern nur als transzendent gedacht und damit geglaubt oder behauptet werden können. Sie ersetzt die göttlichen Ideen durch unsere Begriffe, um die weiterhin erwünschten Seienden zu retten. Diese bestehen nun in der rein immanenten Einheit von 

Begriff auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.

Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; die Idee bzw. der Begriff des Yetis wurde nicht umgesetzt.   

 

Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental und hat gewaltige Konsequenzen:

Aus den transzendent-vorgegebenen Ideen wurden die immanent-verfügbaren Begriffe. Jene entsprachen Idealen und ermöglichten dadurch nicht nur die Seienden, sonden zudem begründbare Urteile.

Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren. Der Begriff des Menschen dagegen ist ein bloßes Denkwerkzeug und drückt absolut nichts aus.

Ohne die transzendenten Ideen bleibt aus Sicht der Traditionalisten nur eine „Diktatur des Relativismus“.

 

AD: „Das leuchtet mir alles ein und war auch sehr hilfreich; aber darf ich bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen. Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) „alles“. 

‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiende damit ein Unbegriff. 

‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“

 

Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergrößern läßt. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:

Wieso sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Genügt die Annahme der Existenz oder der Glaube daran tatsächlich, um aus Erfindungen Realität bzw. aus Phantasiegestalten Wirklichkeitsformen werden zu lassen? Wenn Einhörner imaginär sind, weshalb sollten dann Nashörner real sein?

AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch niemand Einhörner.“

Letzteres nehmen Sie freilich nur an, und zu ersterem:

Ich bin mir sehr sicher, daß viele unserer Vorfahren die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder oder den König von Gottes Gnaden nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben

 

AD: „Wollen Sie damit sagen, daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht? Daß Leben, Liebe, Leid und Tod bloße Narrationen sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen können?“

Nein; natürlich nicht; Ihre Schlußfolgerung, daß sich derartiges bei mir ergeben müßte, wirkt zwar sehr stringent, enthält aber einen gewaltigen Denkfehler:

 

Ich bin tatsächlich überzeugt, daß es keine Seienden gibt, sondern die angeblichen „Seienden“ bloße – mehr oder weniger willkürliche – Konstruktionen darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden. Aber da mir die traditionelle Ansicht fernliegt, die Wirklichkeit bestehe in oder aus den Seienden, folgt daraus postmodern absolut nicht, daß unsere gesamte Wirklichkeit konstruiert ist.

Mit anderen Worten:

Wenn Sie die Wirklichkeit traditionell mit den Seienden identifizieren, müssen Sie sich natürlich dagegen verwahren, letztere als bloße Konstruktionen zu betrachten, weil ansonsten Ihre Wirklichkeit weg wäre.

Ich dagegen kann die Seienden problemlos als Konstruktionen auffassen, weil meine Wirklichkeit eine ganz andere ist.   

 

Noch eine zweite wichtige Korrektur ereignete sich geistesgeschichtlich in der Moderne:

Seiendes ist nicht gleich Seiendes; die Subjekte können auch als Seiende ihren Status radikal ändern, und das geschah etwa parallel zur Auflösung der Ideen.

Die vormodernen Subjekte verstanden sich im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wofür – in eine vorgegebene Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten. Der Sinn ihres Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – im Jenseits einmal dafür belohnt zu werden   

Philosophisch könnte man sagen: Das waren zwar Subjekte im Nominativ; sie wurden substanziell gedacht und besaßen „selbstverständlich“ eine Seele. Aber dennoch waren sie nicht autonom; weder standen sie auf eigenen Beinen noch spielte ihre Freiheit eine sonderliche Rolle, und als Selbstbestimmung war sie schon gar nicht zu denken.  

 

Das änderte sich in der Moderne grundlegend.

Die Subjekte

– blieben zwar weiterhin Seiende,

– wurden aber zunehmend autonomer, souveräner oder unabhängiger,

– erfuhren sich zunehmend als frei, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich und

– verstanden sich häufig als autark im Sinne von „auf den eigenen Beinend stehend“.

Auch das gehört zur „Aufklärung“, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden von der Transzendenz. Besondern wichtige Denker auf diesem Weg waren vielleicht Descartes, Kant, Hegel und Husserl.

Die daraus resutierende Philosophie wird zumeist als eine solche des Subjekts bzw. des Bewußtseins bezeichnet, und der „Tod des Subjekts“ läutete ihr Ende ein.

 

Wir können natürlich auch nicht bei einem solchen Denken stehenbleiben, weil seine Subjekte weiterhin Seiende darstellen. Um den prinzipiellen Bruch, den wir an dieser Stelle beabsichtigen, zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir bei unseren „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten

Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind die Subjektivitäten solche im Dativ oder Akkusativ:

Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“, sondern

„mir geht nahe“, „mich betrifft“ oder „berührt“.

Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, berührt oder interessiert – bin ich nicht.

 

Es gibt also weiterhin Wissungen; sowohl Wahrnehmungen als auch Vorstellungen“, aber ich

– bin nicht der Wissende, Wahrnehmende oder Vorstellende; die Wissungen

– gehen nicht von mir aus, sondern

– kommen auf mich zu.

Ich

– kann nur darauf reagieren,

– tue das vielleicht in Freiheit und

– bin darin – mit der Philosophie des Subjekts – autonem, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch 

– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht autark, sondern

– abhängig davon, daß mir gegeben wird.

Dieser Hintergrund macht verständlich, daß die „Philosophie“ und „Theologie der Gabe“ nach dem „Tod des Subjekts“ einen beachtlichen Aufschwung erfahren.