2.2. Das System des Wissens ist in sich geschlossen

Wir wissen bereits, daß Wissungen postmodern keine Referenten besitzen, werden darin durch unser letztes Ergebnis aber nochmals bestätigt:

Was sollten das für Referenten sein, von denen wir nicht einmal sinnvoll sagen können, daß sie existieren?

AD: „Ich kann es immer noch nicht glauben; Sie wollen ernstlich bestreiten, von tausend Dingen zu wissen?“ 

Wir wissen beide von Afrika; ich bestreite das natürlich nicht, sondern ergänze lediglich:

Möglich ist das nur, weil Afrika selbst Wissen darstellt.

Ihre „Referenten“ oder „Wovons“ müssen, mit anderen Worten, selbst Wissungen sein.

 

Damit haben wir „einfache“ Wissungen und Wissungen von Wissungen. Wir wissen beispielsweise die Zahl 4 und von dieser Wissung, daß sie gleich 2 x 2 ist

Meines Erachtens besteht hier kein Unterschied, der einen Unterschied macht, so daß letztlich alle Wissungen „einfach“ – Wissungen – sind und wir endgültig zusammenfassen können:

Postmodern lassen sich die „Referenten“ der Wissungen nur als weitere Wissungen und niemals als Nicht-Wissungen verstehen. Da jedoch Wissungen von Wissungen auch nur Wissungen sind, können wir der Deutlichkeit halber dabei bleiben:

Postmodern besitzen Wissungen keine Referenten.

 

Sie bilden somit ein in sich (ab)geschlossenes System, aus dem nichts herausführt.

AD: „Und auch nichts hinein?“

Doch, denn sonst hätte unser Wissens-System ja gar nicht entstehen können. Es verweist zwar auf nichts, entspringt aber keineswegs dem Nichts, sondern muß von unseren Vorfahren generiert worden sein.

 

Traditionell wissen wir von der Materie und dem Menschen, von der Evolution oder Geschichte sowie von Gott, Tod und Teufel.

Aber postmodern ist Materie nicht das Material, aus dem der Kosmos besteht, die Evolution nicht dessen Entstehung, und die Geschichte umfaßt nicht das Leben unserer Vorfahren; vielmehr sind das alles nur Wissungen – ohne irgendein „. . . von Nicht-Wissungen“.

Wir sprechen also niemals über Dinge, Seiende, Tatsachen, Fakten oder dergleichen, sondern ausschließlich von unsererm gegenwärtigen Wirklichkeits-Bild, von den eigenen Vorstellungen, Überzeugungen, Gewißheiten oder dergleichen.

 

Ich weiß nicht wer Spartakus „wirklich“ war, sondern für mich ist Spartakus . . .; ich weiß nicht, was Jesus „wirklich“ sagte, sondern meines Erachtens wollte er . . .; ich weiß nicht, ob Buddha „wirklich“ lebte, glaube es aber fest.

Dieses „wirklich“ hat keine Bedeutung, und deswegen ist unser Wirklichkeits-Bild kein Bild von der Wirklichkeit; wir orientieren uns lediglich an ihm.

Daß wir uns bestimmter Teile davon absolut sicher sind, bedeutet

– nicht, daß wir es in diesen Fällen offensichtlich mit Tatsachen zu tun haben, sondern

– daß wir uns immer im Sinne dieser Teile orientieren, wenn sie eine Rolle spielen.      

 

AD: „Das war jetzt in Ihrem Sinne oder postmodern gedacht.

Die Tradition glaubt (an) eine objektive Wirklichkeit und versteht das adäquate Wirklichkeits-Bild dementsprechend als ein exaktes Abbild von ihr.“

Womit sie das Ganze natürlich auf den Kopf stellt:

Es kann kein Abbid geben ohne Urbild.   

Der traditionelle Denkweg führt unseres Erachtens

– nicht von der Wirklichkeit zum Bild, sondern

vom woher auch immer stammenden Bild zur geglaubten oder projizierten „Wirklichkeit“,

– so daß die beiden natürlich stets übereinstimmen müssen

Indem die traditionell Denkenden sich auf ein Wirklichkeitsbild einigen, machen sie somit ihre „Wirklichkeit“ ganz demokratisch zum Mehrheitsbeschluß.

 

Ohne Referenten gibt es nur Rundwege innerhalb des Wissens-Systems, aber keine Grenzüberschreitungen.

Aus dem Wissen von der Materie beispielsweise wird das Wissen namens „Materie“ oder das Materie-Wissen, mit dem sich ganze Bibliotheken füllen lassen und mit dessen Hilfe man zum Mond fliegen kann.

Dieser ist eine andere Wissung, die nicht aus Materie besteht, weil Wissungen nicht aus Wissungen bestehen, sondern höchstens Wissungen von Wissungen sein können

 

Die biblische Erzählung, daß Adam den Tieren Namen gegeben haben soll, könnte traditionell stimmen, postmodern jedoch nicht.

Stellen wir uns vor, er habe eines der Tiere benannt und sich den Namen vorsichtshalber notiert. Ihn weiß er also morgen noch ganz gewiß, aber sein Wovon, „eines der Tiere“ also, nicht. „Wem hatte ich bloß diesen Namen gegeben?“ Das läßt sich auch nicht notieren. (Meine Argumentation entspricht derjenigen Wittgensteins gegen die Möglichkeit von Privatsprachen .) 

Um auch die benannte Seite notieren zu können, muß sie eine Wissung darstellen; Adam hätte also beispielweise alle Löwen „Leu“ nennen können, weil Löwe eine Wissung darstellt, die bereits vor der Namensgebung existierte.

 

Nun sollte verständlich werden,

daß Wissungen bzw. deren Bezeichnungen aber auch gar nichts mit Wovons resp. deren Namen zu tun haben,

weshalb sie nur innerhalb eines in sich geschlossenen Systems auftreten können und als Wissungen

  — sowohl bezeichenbar

  — wie auch benennbar sind. 

 

AD: „Dieser prinzipielle Unterschied zwischen beiden wird daran besonders deutlich, daß die Wissung A immer mit ‚A‘ bezeichnet wird; die Sonne mit ‚Sonne‘ oder das Wasser mit ‚Wasser‘. Namen sind dagegen willkürlich; wir können die Sonne zum Beispiel ‚Frau Luna‘ nennen und das Wasser ‚Lebenselexier‘ – wenn die Wissungen Sonne sowie Wasser vorliegen.“