2.7. Entweder wahr / unwahr oder richtig / falsch

In der Moderne sind die Ideen zu Begriffen geworden, und damit die ehemaligen Ideale zu bloßen Denkwerkzeugen. Diese sollten nützlich, geeignet, hilfreich, fruchtbar, denkökonomisch oder ähnliches, können aber nicht einmal richtig sein.

Wenn also kritisiert wird, die Moderne kenne keine Wahrheit mehr und damit könne es ihr nur noch um irgendeinen ziellosen Fortschritt oder ähnliches gehen, läßt sich dem schwerlich widersprechen – sofern man den traditionellen Wahrheitsbegriff beibehält.

Das tun wir nicht, denn es

– ist nicht nur keine Selbstverständlichkeit, sondern

wäre sogar widersprüchlich.

 

Die Wirklichkeit besteht für mich allein in meinem Leben, und was nicht wirklich ist, kann auch nicht wahr sein; „unwirklich“ und „wahr“ widersprechen sich. Dann stellt es einen Kategorienfehler dar, unsere Wissungen als wahr oder unwahr zu betrachten; sie können lediglich richtig bzw. falsch sein. 

AD: „Nein; weil die Wissungen zu meinem Leben gehören, müssen sie mit diesem ebenfalls wirklich – und damit wahr bzw. unwahr – sein.“

 

Ich glaube, da denken Sie falsch. 

Zu einer richtigen Aussage beispielsweise gehören Worte, die – vielleicht passend oder treffend –  jedoch niemals richtig sind, obwohl es die richtige Aussage ohne sie nicht gäbe. 

Besteht zwischen A und B – konkret: Leben und Wissen – ein entscheidender Unterschied, kommt es sehr leicht zu Mißverständnissen, wenn wir beiden die „gleiche“ Eigenschaft x (wahr) zuordnen, denn durch den Unterschied zwischen A und B ist es dann häufig nicht die gleiche. Benutzen wir jedoch x und ein anderes y, denkt die Sprache für uns mit.

 

Vor diesem Hintergrund definieren wir:

Mein Leben ist entweder wahr oder unwahr.

Die – ihm eo ipso zugehörenden – Wissungen sind richtig oder falsch. (Selbst das stimmt nicht immer; aber eine genauere Unterscheidung würde an dieser Stelle eher irreführen.)

Das ließe sich auch so formulieren:

Wichtig ist nicht,

– was wir wissen oder

– woran wir uns orientieren, sondern

– allein wie wir leben.

 

Es gibt demnach keine wahren Aussagen; weder Gesetze – des Rechts, der Mathematik, Logik oder Natur zum Beispiel – noch Dogmen der Theologie bzw. Ethik usw. Sie alle mögen sich als richtig oder falsch erweisen, und was diese Prädikate bedeuten, hängt vielleicht sogar vom Einzelfall, mit Sicherheit aber vom Anwendungsbereich ab. Es versteht sich von selbst, daß der Strafgesetzgebung ein anderer Begriff des Richtigen zugrundeliegen muß als der Mathematik, dem Sport oder Alltag.

AD: „Dann hat also alles, was wir denken oder sagen, nichts mit Wahrheit zu tun?“

Nicht unmittelbar, indirekt schon.

Mein Leben sollte wahr sein, und ist zugleich (für mich) das Einzige, was überhaupt wahr sein kann. Dazu gehört wesentlich mein Tun und speziell das Sagen

 

Ist mein Leben wahr, so spielt es zum einen überhaupt keine Rolle, was ich – an bloß Richtigem bzw. Falschem – gedacht, geglaubt oder gewußt habe. Mehr als ein gelungenes, weil wahres Leben ist gar nicht möglich und kann insbesondere nicht durch ein paar richtige Aussagen überboten bzw. von falschen desavouiert werden.

Lebe ich die Liebe, spielt es absolut keine Rolle, ob ich beispielsweise (an) Gott als den Dreifaltigen glaube; letzteres ist nicht wahr, sondern richtig oder falsch – und damit in beiden Fällen nur sekundär.

 

Zum anderen bleibt aber natürlich auch unbestritten, daß sich meine Wissungen – Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen – fundamental auf das Leben auswirken. Ihre Bedeutung

kann also einerseits kaum überschätzt werden, obwohl

– wir andererseits soeben hoffentlich einsehen konnten, daß es nicht um die Wissungen – Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen – als solche geht.

 

AD: „Das würde freilich bedeuten, daß ich niemals über die Wahrheit bzw. Unwahrheit bezüglich des Lebens einer anderen Subjektivität urteilen kann. Ich weiß doch höchstens ihre Handlungen, und das sind lediglich Wissungen.“

Ja; und dieses „anderen“ könnten wir sogar noch streichen; ich kann es auch bei mir selbst nicht.

Damit bestreite ich keineswegs, über ein unfehlbares Gewissen zu verfügen, lehne aber ganz entschieden die Selbstsicherheit ab, mit der (meines Erachtens zu) viele Zeitgenossen glauben, diese Stimme sauber von allen sonstigen „Einflüsterungen“ unterscheiden zu können

AD: „Wenn Wissungen Ihnen zufolge gar nicht wahr sein können, akzeptieren Sie also die Relativismus-Vorwürfe der traditionell denkenden Konservativen, den Postmodernen seien sämtliche Aussagen gleich-gültig?“ 

 

In keiner Weise; der Fehler liegt aber bei den traditionell denkenden Konservativen, weil sie Aussagen für wahr oder unwahr halten.

Daß Christus uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat, kann für mich jedoch prinzipiell keines von beiden sein. Das hat aber nichts mit einer „Diktatur des Relativismus“, sondern eher mit dem Bemühen, keinen Unsinn zu reden.

Zudem entspricht eine Aussage dem Gesagten und kommt somit in unserer „Trinität“  – Intention, Sagen, Verstehung – gar nicht vor. Sie ist ein Seiendes, und ich vermag nicht zu sehen, was unser Ablehnen einer Hinterwelt mit Relativismus zu tun haben könnte. 

AD: „Ja; viele Beziehungen leiden darunter, daß man sich gegenseitig vorwirft ‚Du hast XYZ gesagt‘! Das ist postmodern ausgeschlossen, weil dieses XYZ nur eine Verstehung, aber kein Gesagtes sein kann.“

Es geht „nur“ um mein Leben, und dazu gehört auch das Sagen; beide sind wahr, sofern ich meinem Gewissen folge oder vorsichtiger: . . . sofern ich versuche, meinem Gewissen zu folgen; aber „Richter ist allein Gott“

 

Der Fehler der Traditionell-Konservativen, die den obigen Vorwurf häufig erheben, besteht nicht darin, die Bedeutung von Wahrheit ernstzunehmen. Das tue ich auch, ist mehr als berechtigt und müßte eine Selbstverständlichkeit darstellen; nur Chaoten, Verführer oder Diktatoren dürften dem widersprechen (wollen).

Ihr Hauptfehler besteht vielmehr darin,

die unumstrittene Wertschätzung und  Notwendigkeit der Wahrheit

– mit der Anmaßung ihres Besitzes zu verwechseln und damit

sein zu wollen wie Gott.

Hier

– wird der Anspruch, den die Wahrhet an uns stellt,

– mit unserem Anspruch auf ihre Verfügbarkeit vertauscht.

Ich bestreite

– zum einen, daß überhaupt irgendein Mensch die Wahrheit haben kann, und 

– zum anderen, daß dies nötig wäre, um sie hochschätzen und als fundamental erachten zu können.

 

Auch Romeo und Julia glauben an die Liebe sowie die Opfer von Diktaturen an die Freiheit. Wer die Wahrheit

– angeblich verehrt oder vielleicht sogar mit Gott in Verbindung bringt und

– als endlicher Mensch trotzdem glaubt, sie zu besitzen,

widerspricht sich selbst, denn er

– muß die angeblich große Wahrheit sehr klein machen,

– um als der Wicht, der er ist, über sie verfügen zu können.

  

Die Kritiker widersprechen sich auch in einem zweiten Sinne selbst, denn sie verwechseln

– die allgemeine Wahrheit

– mit einem bestimmten und sehr speziellen Wahrheits-Verständnis.

Es ist schon sehr skurril, die Wahrheit

als ewig gültig zu behaupten und

ihr Verständnis zugleich an den speziellen Zeitgeist von Antike und Mittelalter zu binden.

Darin besteht ganz simpel ein Denkfehler, und in dessen Korrektur nicht das Ende der Wahrheit.

 

Zudem halte ich das vormoderne Wahrheits-Verständnis für „unmenschlich“:

Die Anführungsstriche sind wichtig, denn ohne die Idee des Menschen entfällt das Unmenschliche der Tradition ebenso wie ihr Menschliches. 

Ein Denkmodell ist „unmenschlich“, wenn auf seiner Grundlage ein anderer die Funktion meines Gewissens übernehmen oder an dessen Stelle treten kann.

Das heißt, wenn irgend jemand beweisen oder auch nur glaubhaft behaupten kann, die objektiv-wirkliche Idee oder das Wesen des Menschen zu kennen, und mir damit vorschreiben darf oder gar soll, wie ich angeblich als wahrer Mensch zu leben habe. 

Ich allein bin dafür verantwortlich, daß mein Leben wahr wird. Natürlich kann ich andere um ihren Rat beten. Aber meine Verantwortung endet nirgends; zu ihr gehören also auch meine Entscheidungen, wen ich frage und ob ich den erhaltenen Antworten folge.    

 

Das entspricht vollkommen der Aufgabe des Gewissens, das ohne objektive Wirklichkeit zu unserem einzigen Fixpunkt wird.

Aber mein Gewissen sagt mir selbst und nicht Frau Schulze, was ich tun sollte.

Verstehen wir es ganz „fromm“ als eine Stimme, die letztlich irgendwie von Gott kommt, so kann ich dies höchstens daran erkennen, daß er mir seine Erwartungen selbst persönlich mitteilt und nicht durch Herrn Müller mit freundlichen Grüßen überbringen läßt. Andernfalls könnte sich jeder damit aufspielen, mir den Willen Gottes mitteilen zu dürfen, können oder gar sollen.

Hier liegt, meiner festen Überzeung nach, ein sehr schlimmer Fehler des katholischen Kirchenverständnisses. Das akzeptiert – zum Glück – kein denkender Mensch mehr, sondern ist ein Überbleibsel feudalistischer Gesellschaftsstrukturen. 

 

AD: „Worin das ‚Menschliche‘ bzw. ‚Unmenschliche‘ in einer konkreten Situation besteht, stimmt also in den beiden Modellen möglicherweise sogar überein; mit Sicherheit differieren sie jedoch in ihren Begründungen.“ 

Das ist richtig; wir sollten die eigene Verantwortung für unser Leben anerkennen und endlich aufhören, 

– uns hinter einer angeblichen Idee des Menschen zu verstecken oder 

– einer solchen Schablone anzupassen und damit

– falschen Idealen nachzujagen, 

– nur um unsere Verantwortung auf das – anhand der Idee bzw. Schablone – Kontrollier-,  Überschau- und Machbare begrenzen zu können. 

 

Sie sind Sie, und ich bin ich; uns verbindet keine gemeinsame Idee, sondern wir stellen zwei – nicht nur Einzelne, sondern sogar – Einzige dar. Der Eiffelturm ist ein Einzelner; Sie und ich sind Einzige.

Jedes Subjekt hat die Aufgabe, ganz es selbst zu werden, seine Talente zu entfalten, damit die eigene Einzigkeit auszudrücken und so seine Wahrheit zu finden; eine andere gibt es meines Erachtens nicht.

Jean Paul Sartre faßte dies in die Worte, daß „die Existenz vor der Essenz kommt“.

Nach allem bisher Gesagten gefällt mir seine Formulierung natürlich nicht besonders; aber mit Sartres‘ Intention kann ich mich identifizieren:

Ich lebe und bestimme mich in meiner Freiheit zu einem einzig(artig)en Selbst. So sollte ich nicht sein – von wem auch auch? –, aber damit bin ich identisch, weil ich selbst mich dazu bestimme. Und ich kann nur mit dem identisch sein, wozu ich mich selbst bestimme; ein „fremdbestimmtes Selbst“ ist ein Oxymoron oder logischer Widerspruch.   

Gott könnte völlig problemlos Seiende schaffen – aber kein Selbst; würde er es schaffen und nicht ich selbst, wäre es ein Seiendes, aber kein Selbst

 

Für die Einzigkeit der Subjektiität bietet weder die moderne noch die vormoderne Tradition Raum.

Unter der Überschrift „Person“ fand dieser Gedanke durch das Christentum Einlaß in die Geschichte:

– „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ und

– sage nicht „Hallo, Menschen“ ließe sich passend ergänzen.

Aber das Konzept der Person konnte sich bisher nicht gegen die starke Tradition der Seienden bzw. des Nous durchsetzen. Wenn sie in der Postmoderne wegfällt, erhält die persönliche Freiheit als eigenverantwortliche Sebstbestimmung hoffentlich eine neue Chance.

 

Emmanuel Levinas sieht unsere diesbezüglichen Schwierigkeiten vor allem darin begründet, daß der traditionelle Ansatz totalitär ist. Eines seiner beiden Hauptwerke trägt dementsprechend den Titel „Totalität und Unendlichkeit“, wobei der zweite „Begriff“ für den Anderen bzw. die andere Subjektivität steht.

Die Totalität des traditionellen Denkens entspricht der Schau des Nous; sie ist grenzenlos oder vereinnahmt alles, so daß der „Andere“ kein Anderer sein kann, sondern exakt so geschaut wird wie ich.

Nicht „Ich ist ein anderer“ (Arthur Rimbaud), sondern der Andere ist auch nur ein Ich, und wir sind beide jeweils unser Körper.  

Das traditionelle Denken

– objektiviert den Anderen ebenso wie mich, das heißt, reduziert uns beide auf bloße Objekte,

– die vielleicht marktschreierisch „Subjekte“ genannt werden, aber

– in Wirklichkeit von der Totalität in ihrer Einzigkeit getötet wurden. 

 

Der „Tod des Subjekts“ ist Levinas zufolge also das Resultat des traditionellen Denkens. Damit steht er zumindest diesbezüglich in der Nachfolge von Heidegger, für den die abendländische Metaphysik mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts möglicherweise ihren „Höhepunkt“ und damit ihr Ende erreicht hat.

 Aber wenn Levinas das richtig sieht, ist das geflügelte Wort vom „Tod des Subjekts“ natürlich nicht ganz passend:

Was niemals gelebt hat, kann auch nicht sterben.

 

Die Tradition kennt kein Leben, sondern benutzt nur pathetisch-hochtönend große Worte, wenn sie behauptet, ihre Subjekte besäßen ein „Innen“ und würden leben. 

Ich hoffe, daß die Postmoderne versucht, nach dem „Tod des Subjekts“ das Leben von Subjektivitäten zu denken.