Sie hatten richtigerweise vermutet, daß wir unsere Unterscheidung zwischen meinem Leben und meiner Biographie noch in einen größeren Zusammenhang einordnen werden; das soll jetzt geschehen.
Mein Leben stellt die einzige Wirklichkeit dar, die es (für mich) gibt; deswegen bildet es auch den einzig-möglichen Ort der Wahrheit. Wieviele Komponenten zu meinem Leben beitragen, hängt immer vom benutzten Differenzierungsgrad ab; vorerst beschränken wir uns auf seine vier wichtigsten Bestandteile.
Das beginnt mit der Unterscheidung zwischen der Leibhaftigkeit und der Reflexion meines Lebens; neben denen keine dritte Möglichkeit besteht.
Die Leibhaftigkeit des Lebens
– entspricht der Perspektive der ersten Person Singular und
– bildet das Bewußte.
Diese zweite Chrarakterisierung ist unüblich und damit erklärungsbedürftig:
Meine Leibhaftigkeit besteht in dem,
– was allein ich selbst sagen kann, wobei
– „sagen“ jedoch nicht nennen, sondern beschreiben bedeutet, denn
– die Leibhaftigkeit des Lebens enthält keinerlei Wiss(ung)en.
– Sie ist deswegen nur be-, und nicht gewußt, so daß
– „bewußt“ zugleich für nicht-diskretisiert und damit „stetig“ oder „kontinuierlich“ steht.
(Daß dieses „nur“ nicht abwertend verstanden werden darf, versteht sich wohl von selbst; ohne den „Heiligen Nous“ ist das Bewußte anders als das Gewußte, steht aber nicht unter ihm.)
Hermann Schmitz spricht an dieser Stelle von „subjektiven Tatsachen“. Ich distanziere mich ganz bewußt (!) davon, weil mir Tatsachen ohne Wissungen als problematisch erscheinen.
Da ich als Reflektierender nicht der Reflexion meines Lebens angehören kann, zähle ich selbst zu seiner Leibhaftigkeit. Um den radikalen Wandel weg von den traditionellen Subjekten Ausdruck zu verleihen, sprechen wir von uns weiterhin als Subjektivitäten.
Ich als Subjektivität bilde somit das Zentrum der Leibhaftigkeit meines Lebens.
Des weiteren gehören zu letzterer zwei Bewegungen, die wir als (verbales) Leiben zusammenfassen.
Auf der einen Seite stehen die Phänomene oder Widerfahrnisse, die „passiv“ auf mich als Subjektivität einwirken; das wäre das Auf-mich-Zukommende.
Ihnen steht auf der anderen Seite mein „aktives“ Tun bzw. Agieren gegenüber. Das ist das Praktizieren meiner Fähigkeiten, wozu natürlich auch das verbale Wissen – ohne alle Wissungen – zählt; das Von-mir-Ausgehende.
Damit können wir die Leibhaftigkeit meines Lebens recht anschaulich darstellen:
Sie besteht darin, daß ich als Subjektivität leibe; die Phänomene gehen mir nahe, betreffen oder berühren mich und werden durch mich – sowie gegebenenfalls meine Freiheit – in das eigene Tun bzw. Agieren umgewandelt.
Ich lebe natürlich auch als Subjektivität; aber das Leben geht um seine Reflexion über das Leiben hinaus.
Zwischen der Leibhaftigkeit und der Reflexion des Lebens besteht ein fundamentaler Unterschied:
Erstere geschieht spontan oder aktual aus sich selbst heraus. Natürlich muß ich beispielsweise das Fahrrad Fahren gelernt haben, damit es spontan oder aktual aus mir selbst heraus erfolgen kann; aber das meine ich nicht.
Die Reflexion ist – im Gegensatz der Leibhaftigkeit – anschaulich gesprochen nur auf zwei parallelen Ebenen möglich.
Die obere entspricht den spontan oder aktual – nicht aus sich selbst, sondern – aus dem Hintergrund, Horizont oder Fundament herauskommenden Wissungen; jene ermöglichen diese erst. Wir werden das noch viel genauer bedenken, aber vorerst muß uns folgender Hinweis genügen:
Woher kommt das Wissen?
Vielleicht würden Sie einen Erklärungsversuch damit beginnen, daß Babys noch keinerlei Wissen besitzen, aber in eine „Wissens-Gesellschaft“ hineingeboren werden und deren Schatz Schritt für Schritt übernehmen.
Aber das ist traditionell gedacht und damit aus unserer Sicht überholt:
Sowohl das Baby als auch seine Eltern und alle anderen Subjekte werden als Körper betrachtet. Postmodern sind das aber lediglich Wissungen, so daß die Erwachsenen exakt so viel wissen wie das Baby – nämlich gar nichts.
Unser Körper ist dumm – und wir wissen das.
Die Träger der Wissungen können nicht wiederum Wissungen sein – wie beispielsweise Körper –, weil das zu einer unendlichen Rekursion führen würde. Die Generationenfolge scheidet also aus; wir benötigen etwas anderes, und haben dies provisorisch mit der Ermöglichung, dem Hintergrund, Horizont oder Fundament der Wissungen angedeutet.
Die gesamte Leibhaftigkeit oder das Bewußte sind also so aktual wie das Gewußte der Reflexion, und deswegen fassen wir die beiden zum Bewußtsein zusammen. Es ist das uns unmittelbar Gegebene, das als solches beschrieben werden kann.
Damit können wir einen zweiten Grund für die untere Ebene der Reflexion verständlich formulieren:
Das gesamte Bewußtsein ist an die Aktualität gebunden, und die Leibhaftigkeit des Lebens geht auch darin auf – aber die Wissungen nicht.
Ich denke aktual daran, tanken zu müssen. In fünf Minuten gehen mir ganz andere Wissungen duch den Kopf; tanken muß ich aber immer noch.
Wissungen müssen für eine bestimmte Dauer noch möglich oder aktualisierbar sein, und dafür sorgt das näherungsweise konstante Wirklichkeitsbild.
Nur wenn es hinreichend konstant ist, können die aktualen „Wissungen“ tatsächlich Wissungen sein. Darin besteht der postmoderne Nachklang des immer noch anzutreffenden traditionellen Glaubens an ewige Wahrheiten.
Wäre das Wirklichkeitsbild jedoch exakt konstant, hätte es gar nicht entstehen können, sondern fertig vom Himmel fallen müssen.
So bleibt nur der Kompromiß eines näherungsweise konstanten Wirklichkeitsbilds, das sich zugleich
– hinreichend langsam ändert, um Wissungen zuzulassen und
– schnell genug, um seine eigene Genese nicht zu verunöglichen.
Diese untere Ebene der Reflexion
– kann der Leibhaftigkeit des Lebens natürlich nicht fehlen,
– weil aus nichts auch nichts wird – und schon gar nicht das Leben –, aber
– die untere Ebene scheint der Leibhaftigkeit zu fehlen; sie
– läßt sich nicht dingfest machen.
AD: „Wenn das Leben tatsächlich ein Geheimnis wäre, wie Sie in der Einführung angedeutet hatten, brauchten wir uns ob dieses Fehlens eigentlich nicht zu wundern . . .
Erfinden läßt sich immer etwas, aber Finden dürften wir dann nichts.“
| mein eigenes Leben | ||
| Reflexion des Lebens | ||
| Bewußtsein |
||
| beschreibbar | ||
| Leibhaftigkeit des Lebens | – Wiss(ung)en | obere Ebene |
| Bewußtes |
Gewußtes | |
| = | ∋ | |
| – mein Tun oder Agieren | Handeln meines Körpers | |
| – ich als Subjektivität | mein Körper | |
| – Phänomene oder Einwirken auf mich | Situation meines Körpers | |
| ? | – Hintergrund, Horizont, Fundament | untere Ebene |
Abbildung 2.2.2.-1
Wir hatten bei unserer Besprechung der traditionellen Philosophie Begriffe eingeführt, die
– möglichst sauber und verständlich definiert sind,
– damit aber das widersprüchliche Denkmodell etwas überstrapaziert.
Schon in der Abbildung 2.2. sollte ersichtlich werden, wie diese Begriffe in unseren Ansatz zu übersetzen sind; wir wiederholen das hier nochmals etwas übersichtlicher.
| Tradition | Postmoderne | |||
| obere Ebene | untere Ebene | |||
| „Innen“ | → | Bewußtsein | ||
| Reflexion des Lebens | ||||
| – Psyche | → | – Gewußtes | Hintergrund, Horizont | |
| Wiss(ung)en | Fundament | |||
| – „Innen des Lebens“ | → | – Bewußtes | ? | |
| Leibhaftigkeit des Lebens | ||||
Abbildung 2.2.2.-2