2.2.3. Leibhaftigkeit und Reflexion des Lebens II

AD: „Ich habe verstanden, weswegen es kein Wissen von der Leibhaftigkeit meines Lebens geben kann:

– Weder können wir sie von mir ablösen,

– noch besteht die Leibhaftigkeit aus diskretisierten Bröckchen.

Aber bedeutet das nicht, daß wir zwangsläufig auf einen Dualismus von Reflexion und Leibhaftigkeit zusteuern? Der gilt ja weitgehend als Schreckgespenst; nicht der Cartesische . . .“

Die Gefahr eines Dualismus innerhalb unseres Lebens besteht meines Erachtens nicht: 

 

Zum einen gibt es ohne Leibhaftigkeit auch keine Reflexion.

Zu einfach wäre freilich die Annahme, wir müßten ja wissen, wahrnehmen oder uns vorstellen, um über Wissungen – Wahrnehmungen bzw. Vorstellungen – verfügen zu können.Das geht nicht, weil bei einer solchen Argumentation das Nominativ-Subjekt der Bewußtseins-Philosophie à la Descartes vorausgesetzt wrd.

„Ich“ bin jedoch kein Ich, sondern ein „mir“ oder „mich“; „ich“ muß mir erst gegeben oder geschenkt werden, um tun zu können, so daß mein Tun immer schon als ein Antworten zu verstehen ist. Die traditionelle aus uns selbst stammende Aktivität, die autark macht, gibt es wohl nicht. 

 

Wir müssen den Gedankengang von soeben also ein wenig abschwächen:

– Sowohl mir oder mich

– als auch mein Antworten

werden möglich, weil „ich“ immer schon angesprochen und damit konstituiert bin.

Deswegen gibt es ohne die Leibhaftigkeit auch keine Reflexion des Lebens. 

 

Zum anderen gilt die Umkehrung ebenfalls – wenn auch nur in etwas eingeschränkter Version:

Ohne die Reflexion wäre höchstens eine orientierungslose Leibhaftigkeit möglich.

 

AD: „Ich bin einverstanden. Aber sofern wir uns orientieren können, geschieht dies an Wissungen, die sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern lediglich auf andere Wissungen von anderen Wissungen von . . . beziehen.“

Vollkommen richtig!

Im traditionellen Denken wäre mein Vorschlag natürlich absurd; aber nicht für das postmoderne, weil die Wirklichkeit bei unserem erhofften Bewußtseinswandel „die Seiten wechselt“:

 

Traditionell besteh die Wirklichkeit in der Welt (und gegebenenfalls Überwelt), worin wir (als Körper) leben. Dann muß unser Wissen, sofern es als Orientierungsgrundlage fungiren soll, natürlich diese Wirklichkeit als Referenten besitzen.

 

Postmodern

– bildet mein Leben selbst die Wirklichkeit, und

– die Frage, worin es erfolgt, scheint kaum jemanden zu interessieren.

Worin leben Subjektivitäten? 

 

AD: „Ich hätte eine ganz verrückte Idee:

Christen würden Ihnen antworten ‚In Gott‘.

Sofern sie selbst denken, wird ihnen klar, daß damit nur in dem Maße etwas gesagt ist, wie Gott eine Wissung darstellt. Tut er das nicht, hätten wir „Gott“ auch duch „Togt“ ersetzen können, denn Togt ist ebenfalls keine Wissung und damit völlig äquivalent zu Gott.

Ich bin unbestreitbar eine Subjektivität, weiß jedoch weder, weshalb es mich gibt, noch, woher ich komme, oder was das Ganze überhaupt soll. Mich umgibt, anschaulich gesprochen, ein Meer des Nicht-Wissens und der offenen existenziellen Fragen.

 

Die Postmoderne

– akzeptiert das,

– erkennt es als unsere wirkliche Situation an und

– steht dazu oder hält diese unvermeidbare Lücke aus.

‚Was sonst soll es denn bedeuten, daß Gott ein Geheimnis ist;

– sowohl unbedingt erforderlich

– als auch absolut unerreichbar?‘

 

Traditionell-konservative Christen glauben, diese Lücke mit ihrer Antwort ‚Wir leben in Gott‘ schließen zu können, weil sie mit dem Wort ‚Gott‘ ’natürlich den wahren Gott‘ meinen.

Aber sie übersehen dabei freilich, daß niemand etwas meinen kann, was er nicht weiß

Weiß er es jedoch, dann ist Gott notwendigerweise eine bloße Wissung, damit lediglich ein Element unseres Wirklichkeitsbilds und nicht ’natürlich der wahre Gott‘

Ich behaupte damit keineswegs, die Annahme, wir lebten in Gott, sei falsch; denn auch um das sagen zu können, müßte ich sie verstehen. 

 

Für Nicht-Christen bzw. Nicht-Gläubige existiert keine Lücke. Sie beantworten unsere oben angedeuteten existenziellen Fragen heute zumeist mittels Evolution, Geschichte, Generationenfolge, Sprachgemeinschaft usw.  

Das setzt freilich voraus, alle diese ‚Lückenbüßer‘ als Seiende zu verstehen und damit weiterhin traditionell zu denken, so daß wir diese Themen für uns abhaken können und höchstens noch als Negativbeispiele für Erklärungen nutzen werden.“

 

Das war keine verrückte Idee!

Die – oder zumindest: unsere – Postmoderne

– erkennt die Transzendenz an,

– macht sie aber ebensowenig zu einer Hinterwelt wie die Immanenz, sondern

– versteht sie als Geheimnis.

 

Das ergibt sich nahezu automatisch, wenn wir uns konsequent an Folgendes halten:

Nur das aktual Gegebene, das heißt, unser Bewußtsein bzw. sein Inhalt ist sagbar.

– Das Gewußte können wir bezeichnen, und

– das Bewußte beschreiben.

 

AD: „Babys und Tiere besitzen kein (begriffliches) Wissen und können sich folglich auch nicht in unserem Sinne orientieren. Erstere bedürfen deshalb ausreichender Fürsorge, aber Tiere kommen häufig erstaunlich gut ‚orientierungslos‘ zurecht.

Wie erklären Sie sich das?“ 

Die traditionelle Antwort lautet, sie hätten nur eine Umwelt und keine Welt. Das ist gewiß richtig, erklärt aber nicht den Unterschied uns gegenüber, weil auch wir Subjektivitäten in der Postmoderne keine Welt mehr kennen.

Wir müssen also etwas weiter ausholen.

 

Ich bin eine Subjektivität,

– auf die Phänomene „passiv“ einwirken und

– von der ein Tun oder Agieren „aktiv“ ausgeht.

Alles zusammen bildet das Bewußte.

 

Ähnliches gilt auch für meinen Körper; er

– befindet sich immer in einer bestimmten Situation und

– handelt oder verhält sich ihr gemäß.

Das muß nicht, aber kann dem Gewußten angehören.

 

Da letzteres niemals Referenten außerhalb des Wissens besitzt, kann es insbsondere kein Gewußtes vom Bewußten geben. 

Das biblische „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ stimmt also ausnahmslos – immer, für uns alle und wiederum ganz undogmatisch.

 

AD: „Nein; ich weiß sehr wohl, was ich aktual tue:

Ich lese Ihr Buch und ärgere mich an dieser Stelle sehr darüber.“

Ärgern Sie sich bitte nicht; ich glaube, wir können das klären.

 

Ihr Lesen meines Buches stellt eine Handlung dar. Sie sitzen vielleicht vor ihrem Schreibtisch, auf dem ein Laptop steht und tippen unregelmäßig auf dessen Tasten. Details sind geschenkt; summa summarum gilt:

Handlungen

– sind Wissungen,

– insbesondere Sehungen, die

in Raum und Zeit spielen, somit

– zur Reflexon des Lebens gehören und folglich

aber auch gar nichts mit dem Tun als einer Facette seiner Leibhaftigkeit gemein haben

Sie können nicht wissen, was Sie bei der Handlung, die Sie als „Lesen meines Buches“ bezeichnen, tun.

 

AD: „Das war nichts Neues, sondern nur eine Wiederholung; aber:

Wenn meine gegenwärtige Handlung darin besteht, Ihr Buch zu lesen, dann lese ich gerade Ihr Buch; alles andere wäre widersprüchlich.“

Ich werde versuchen, Sie vom Gegenteil zu überzeugen.

 

Das Bewußte besitzt kein dauerndes Fundament, kann deshalb nur aktual sein und muß folglich der Gegenwart angehören.

Das ist bei den Wahrnehmungen ganz anders; wir können nur wahrnehmen, was es bereits gibt.

 

Das ist der Tradition auch klar; deshalb

– hat sie die Seienden erfunden und

unser Wahrnehmen mit deren Abbilden erklärt.

Die Tradition geht also davon aus,

– „ewige“ Seiende

– in ihrem jetzigen Zustand wahrzunehmen.  

 

Wir sagen dagegen, daß

sich nur die Vergangenheit wahrnehmen läßt und

uns keine bloßen Kopien, sondern die Originale selbst gegeben sind.

Die Postmoderne glaubt somit,

– das, was in der Vergangenheit geworden ist,

– in der Gegenwart, und das heißt, in der Sphäre des Bewußten wahrzunehmen. 

 

AD: „Wenn die Gegenwart in der Leibaftigkeit besteht und sich in den Wahrnehmungen die Vergangenheit zeigt, muß letztere in dem Fundament, Hintergund oder Horizont der Reflexion bestehen. Wir hatten diese Worte provisorisch eingeführt und sehen jetzt, daß sie das Wirklichkeitsbild wiedergeben, so daß sich zusammenfassen läßt:

In meinen Wahrnehmungen zeigt sich mir

– die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit oder

– die kontinuierliche Leibhaftigkeit durch das diskretisierte Gerüst meines Wirklichkeitsbilds.  

 

Das ist unsere Interpretation eines Zitats von Hans-Georg Gadamer:

„Wirklichkeit, die verstanden werden kann, ist Sprache.“

Er meint

natürlich nicht, daß die Wirklichkeit Sprache sei, sondern (wie ich glaube)

– daß die Wirklichkeit in meinem Leben besteht, aber

in dieser Unmittelbarkeit oder Direktheit unverständlich bleibt und

– die Sprache das Medium bildet,

– das die Wirklichkeit vermittelt oder indirekt verständlich macht.  

 

Nun kann ich endlich Ihre Frage beantworten, wie es möglich ist, daß Tiere ohne Orientierung in unserem Sinne so gut zurechtkommen.

Fehlt das Wirklichkeitsbild und damit die Reflexion des Lebens,

– werden wir uns trotzdem gegeben und sind ein „mir“ oder „mich“;

– sind wir nicht blind, sondern es zeigt sich uns

– die Gegenwart – lediglich ohne das Licht der Vergangenheit – oder

– die Leibhaftigkeit des Lebens – ohne das Gerüst unseres Wirklichkeitsbilds.

 

Gregory Bateson wurde von seiner Tochter einmal gefragt, was Instinkt sei, und seine Antwort lautete:

„’Instinkt‘ ist ein Wort, das wir benutzen, um Verhalten zu erklären, das wir nicht verstehen. In diesem Sinne zieht die Sonne instinktiv die Erde an.“

Dann war unsere Erklärung von Instinkt soeben gar nicht so schlecht . . .

 

AD: „Nicht zuletzt in Büchern zu Fragen der Ökologie oder des Friedens wird häufig darauf hingewiesen, daß wir deutlich zwischen

– den von uns beabsichtigten Wirkungen und

ihren tatsächlichen Auswirkungen

unterscheiden müßten. Ist es das, was auch Sie meinen?“ 

Nein; wenn unser Resultat richtig ist, dürften seine Konsequenzen viel fundamentaler sein.

 

Ihre Unterscheidung zwischen Wirkungen und Auswirkungen meint doch letztlich nur, daß wir häufig zu kurz greifen und dadurch viele Kollateralschäden verursachen – dies aber auf der Grundlage eines integraleren Denkens vermeiden könnten.  

Unser Resultat bedeutet dagegen, daß auch das tollste Wissen nur zur vergangenen Reflexion gehört und wir somit auch in diesem Fall nicht wüßten, was wir in der gegenwärtigen Leibhaftigkeit unseres Lebens tun.