Potentielle Wahrnehmungen sind keine Wahrnehmungen, sondern höchstens ihre Ermöglichung. Sie bleiben irgenwo versteckt und warten möglicherweise darauf, verwirklicht oder eben wahrgenommen zu werden. Aber wo warten sie, das heißt, wie können wir sie entdecken und „einschalten“?
Ludwig Wittgenstein veranschaulichte das Problem anhand der Kippbilder. Wir haben beispielsweise den Hasen vor uns und können – in diesem Fall meistens relativ leicht – zur Ente wechseln und umgekehrt.
Das funktioniert praktisch auf Knopfdruck. Als wesentlich schwieriger, aber nicht prinzipiell anders müssen wir uns den Wechsel beispielsweise vom naiven Realismus zum Radikalen Konstruktivismus vorstellen:
Wir
– haben in beiden Fällen exakt die gleichen Wahrnehmungen,
– bei nahezu gegensätzliche Theorien.
Und weil die Wahrnehmungen trotz der unterschiedlichen Theorien übereinstimmen,
läßt sich innerhalb der letzteren auch keine richtige Theorie herausfinden;
– das ist keine Unfähigkeit unsererseits, sondern
– es gibt keine richtigen bzw. falschen Theorien.
AD: „Natürlich gibt es falsche Theorien!“
Entschuldigung; das war zu forsch; ich korrigiere mich:
Die Tradition hat eine Theorie entwickelt, um unsere Wahrnehmungen zu erklären. Sie funktioniert, und damit ist diese Theorie richtig. Möglicherweise existieren einige Theorien,die
– das gleiche Ziel verfolgt,
– es aber nicht erreicht haben.
Sie sind falsch, und damit wird zugleich verständlich, daß wir sie nicht kennen.
Innerhalb dieser richtigen traditionellen Wahrnehmungstheorie
– bleiben aber Fragen offen oder
– können wir einigen notwendigen Parametern keinen bestimmten Wert zuordnen, weil
– die Theorie mit ganz verschiedenen Werten gleich gut funktioniert.
An dieser Stelle oder in dem Zusammenhang gibt es keine falsche Theorie; sie ist mit jedem der zugelassenen Parameter „richtig“.
AD: „Das war hilfreich; danke!
Ich habe des öfteren schon – auch in anspruchsvollen Büchern – gelesen, die Menschen hätten früher andere Wahrnehmungen besessen. Wenn ich Sie recht verstehe, stimmt das nicht; die Menschen haben ihre – gleichen – Wahrnehmungen lediglich anders interpretiert oder mit anderen zugelassenen Parametern versehen.“
Davon bin ich überzeugt
Mein schönstes Beispiel, um es zu verdeutlichen, bildet die Hohlwelttheorie.
Unter diesem Titel wird sehr viel Unsinn verbreitet; nicht zuletzt im Internet. Für eine sachliche Information würde ich Ihnen Roman Sexl empfehlen, der bis zu seinem frühen Tod als Professor für Theoretische Physik an der Universität seiner Heimatstadt Wien arbeitete.
Der Kerngedanke der Hohlwelttheorie besteht in der Spiegelung oder Inversion an der Kugel. Dabei wird jedem Punkt in ihrem Inneren eineindeutig ein solcher im Äußeren zugeordnet; auf folgende Weise:
1. Man zeichnet einen Strahl vom Mittelpunkt der Kugel bis ins Unendliche.
2. Die beiden Punkte eines Paares liegen jeweils auf dem gleichen Strahl.
3. Ihre Abstände vom Mittelpunkt seien r(i) bzw. r(a) und der Kugelradius betrage R.
4. Es gilt die Beziehung r(i) x r(a) = R².
Nähert sich r(a) also von außen der Kugel, tut dies r(i) von innen; entfernt sich r(a) ins Unendliche, erreicht r(i) den Kugelmittelpunkt.
Diese Abbildung zählt zu den konformen Transformationen und besitzt bemerkenswert einfache Eigenschaften. So bleiben etwa sämtliche Winkel erhalten, und eine Gerade im Außenraum wird im Inneren zum Kreis; die Tangente beispielsweise zu einem Kreis mit dem Radius ½R durch den Kugelmittelpunkt.
Am meisten überrascht Sie wahrscheinlich, daß dieser Abbildung zufolge jede noch so kleine endliche Kugel ebenso viele Punkte enthalten muß, wie ihr unendliches Außen. Wenn beide Bereiche sich punktweise aufeinander abbilden lasen, dabei kein innerer Punkt mehrfach benutzt und kein äußerer ausgelassen wird . . .
Identifizieren wir die mathematische Kugel mit der Erde, so geht deren Oberfläche in sich selbst über; bei r(i) = R muß dies auch für r(a) gelten.
Wir stehen auf der konvexen, von uns weggebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Spiegeln wir nun die Erd-Kugel, so muß an dem letzten Satz praktisch nur ein Wort geändert werden:
Wir stehen auf der konkaven, auf uns zugebogenen Seite dieser Oberfläche; unter uns liegt der Dreck und über uns befinden sich die Vögel, Wolken, Flugzeuge oder Sterne.
Empirisch ändert sich absolut nichts. Es gibt kein Experiment, mit dessen Hilfe entschieden werden könnte, auf welcher Seite der Erdoberfläche wir uns befinden.
Demzufolge habe ich soeben auch einen Fehler begangen in der Hoffnung, Sie würden mich durch ihn erst einmal besser verstehen:
Es war natürlich falsch zu schreiben „Wir stehen auf der konvexen . . . Seite dieser Oberfläche“. Das entzieht sich keineswegs nur unserem Wissen, sondern stimmt auch nicht.
„Überzeugte“ Hohlwelttheoretiker gehen von der gegenteiligen Annahme aus, wir würden innerhalb der Erd-Kugel leben; aber „das eine“ ist so falsch wie „das andere“ – denn es gibt nur eines.
Wo keine Entscheidung möglich ist, macht der „Unterschied“ keinen Unterschied, und so existiert auch keiner.
Die Hohlwelt ist das Paradebeispiel für ein Kippbild; uns fehlt lediglich der Schalter, so daß wir immer nur die Dreckkugel-Version erleben.
In der gekippten Hohlwelt-Version hätten wir exakt die gleichen Wahrnehmungen, wären aber überzeugt, uns innen zu befinden; lediglich die Theorien, unsere Denkungen oder Vorstellungen also, wären anders.
(Versuchen Sie bitte die Analogie zur Wahrnehmungstheorie von soeben zu erkennen; sie ist natürlich der springende Punkt unserer drei Beispiele.)
Wir sagen so schnell dahin, die Menschen glaubten früher, auf einer Scheibe zu leben. Auch das geht wieder zu weit; weil sich das Auf-der-Scheibe nicht vom Unter-der Scheibe unterscheiden läßt; die zugehörige Abbildung ist zu simpel, um sie zu beschreiben.
AD: „Aber es fällt doch alles nach unten!“
Jein; es fällt alles, und darin besteht die identische Wahrnehmung – vor und nach der Spiegelung.
Aber das Unten gehört bereits zur Theorie, die keinen Einfluß auf die Wahrnehmungen besitzt.
Es gibt nur
– ein Kugel- bzw. Scheibenmodell mit jeweils
– einer Wirklichkeit, aber zwei
– gegensätzlichen Theorien, Wissungen, Vorstellungen oder Denkungen, die
— scheinbar alles auf den Kopf stellen,
— tatsächlich jedoch keinen Einfluß auf die Wirklichkeit (der Wahrnehmungen) besitzen.