Wir hatten uns drei Modelle als Beispiele angeschaut; das unendlichfache Wahrnehmungsmodell sowie das zweifache Scheiben- und Kugel-Modell. Das Wort „Modell“ führt sehr schnell zu der Assoziation „Denk-Modell“, die aber hier nicht angebracht ist.
AD: „Wieso nicht? Wir denken doch innerhalb dieser Modelle und können auch gar nicht anders; es gibt kein Denken außerhalb oder unabhängig von Modellen.“
Daß wir nur in Modellen denken können, ist natürlich 100%-ig richtig. Aber das darf nicht zu dem Vorurteil führen, das Denken käme als Geistiges vor dem Erleben oder Wirklichen. Viele traditionelle „Selbstverständlichkeiten“ gehen davon aus; zum Beispiel die Unterscheidung von Theorie und Praxis oder der Form-Materie-Dualismus.
Für uns kommt das Denken nicht vor der Wirklichkeit – als wäre es unwirklich –, sondern gehört ihr an; es bildet selbst eine Schicht der Wirklichkeit, und deshalb sollten wir besser von Wirklichkeits-Modellen sprechen. Ihre Einheit oder Gesamtheit bildet unser Wirklichkeit-Bild.
Es geht aber letztlich nicht um die Worte, sondern um die Inhalte, deren Verständnis von den Bezeichnungen höchstens unterstützt werden kann und natürlich auch soll.
Entscheidend ist jedoch, daß unsere Wirklichkeits-Modelle zwei Ebenen besitzen; unten eine der Wissungen und oben eine der Wahrnehmungen. In jenen fassen wir die Denkungen und Vorstellungen zusammen; bei den Wahrnehmungen versteht es sich von selbst, daß sie die Sehungen, Hörungen, Fühlungen usw. umfassen.
Aber noch nicht selbstverständlich ist es wohl, daß wir die Wahrnehmungen – wenn Sie wollen: die Erfahrungen oder Erlebungen – mit der Wirklichkeit identifizieren müssen.
Traditionell stimmt das nicht; da ist die Wirklichkeit (im allgemeinen) stabil, und wir nehmen einmal dieses und einmal jenes wahr. Aber wenn unserer Kritik entsprechend die Wahrnehmungen keine von den Seienden bilden können, weil
– die Seienden(b) inexistent und
– die Seienden(u) unbekannt sind,
müssen wir
– die traditionelle Hintergrund-Wirklichkeit streichen und
– die Vordergrund-Wirklichlichkeit der Wahrnehmungen als einzige Wirklichkeit akzeptieren.
Sie haben lediglich von der Wissens-Ebene gesprochen; auf ihr gehen wir völlig d’accord. Aber der Zusammenhang der beiden Ebenen erweist sich als fundamental und hat weitreichende Konsequenzen.
Ich formuliere ihn der Einfachheit halber für das Scheiben- bzw. Kugel-Modell. Können Sie den Gedankengang hierfür nachvollziehen, müßte es Ihnen möglich sein, die Überlegungen auf die unendlichfachen Modelle zu übertregen. Für mich ist es jedoch schwierig, weil sehr umständlich, das in einem halbwegs vernünftigen Deutsch zu leisten.
Für die beiden zweifachen Modelle gelten die folgenden Punkte:
1. Bei den Wissungen bestehen zwei gegensätzliche oder einander widersprechende Möglichkeiten.
Wir leben entweder außer- oder innerhalb der Erd-Kugel; unsere Vorfahren glaubten möglicherweise, sich auf oder unter einer Scheibe zu befinden.
2. Ohne ein bestimmtes Wirklichkeits-Modell (zu wissen und) zu realisieren, gibt es auch dessen (Wahrnehmungen oder) Wirklichkeit nicht.
Adam und Eva konnten nicht im Paradies leben, ohne zu wissen, daß sie im Paradies leben.
Wer dem widerspricht, glaubt (an) eine objektive Wirklichkeit: „Es ist doch so, unabhängig davon, ob ich das weiß oder nicht.“
3. Um ein Wirklichkeits-Modell zu realisieren, müssen wir uns auf eine seiner beiden Möglichkeiten festlegen.
4. Die Wirklichkeit, die sich uns daraufhin zeigt, ist jedoch unabhängig von dieser Wahl.
Wir müssen uns für eine der beiden Wissungen entscheiden; die Wirklichkeit
– bestätigt uns, daß dies gechehen ist,
– enthält aber keinerlei Hinweis auf die gewählte Wissung.
5. Mit unseren Wissungen überbestimmen wir die Wirklichkeit also.
Ohne das Wirklichkeits-Modell gibt es natürlich auch dessen Wirklichkeit nicht. Aber wir nehmen an der Wirklichkeit auch die von uns gewählte Wissung des Modells wahr, die jedoch über seine Wirklichkeit hinausgeht.
Das heißt, wir behaupten einerseits mehr Interpretations-Theorie für unsere Wirklichkeit, als sie tatsächlich enthält bzw. benötigt.
6. Andererseits ist das Wirklichkeits-Modell notwendig für seine Wirklichkeit.
Die Wahrnehmungen sind somit nicht fundamental, kommen aber auch nicht nach der Theorie, sondern entstehen zugleich mit ihr oder durch sie.
Das bedeutet dummerweise, daß uns die Wirklichkeit, wie sie sich in ihrer Allgemeinheit aus dem Wirklichkeits-Modell ergibt, gar nicht bekannt ist. Wir müssen stets überbestimmen, indem notwendigerweise die eine oder andere Wissung hinzugefügt wird, obwohl sie nicht stimmt und ebensogut durch die gegenteilige ersetzt werden könnte.
Die Wirklichkeit reicht, mit anderen Worten, über die Wissungen hinaus oder ist integraler als sie; die Wissungen engen die Wirklichkeit ein, stabilisieren sie dadurch aber natürlich auch; wir wissen die Wirklichkeit zu genau.
Dieses Problem würde sich von selbst auflösen, wenn die Wirklichkeits-Modelle eine hierarchische Struktur besäßen, in der die Wirklichkeit eines Wirklichkeits-Modells zugleich die Wissung des darüber befindlichen integraleren Wirklichkeits-Modells wäre.
Erst jetzt können Sie verstehen weshalb ich in diesem Zusammenhang von „oben“ und „unten“ gesprochen habe. Es geht hierbei weder um eine geistige Überordnung noch um eine zeitliche Priorität, sondern einzig und allein um das Zueinander der Wirklichkeits-Ebenen, und wir könnten jetzt „oben“ durch „integraler“ sowie „unten“ durch „diskretisierter“ ersetzen.
| Wissungen(1) |
||||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n+1) | ||||
| Wirklichkeits-Ebene(n+1) | Wirklichkeits-Modell(n+1) | |||
| Wissungen(1) | Wissungen(2) | |||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n) | ||||
| Wirklichkeits-Ebene(n) | Wirklichkeits-Modell(n) | |||
| Wissungen(1) | Wissungen(2) | |||
| = | ||||
| Wirklichkeit(n-1) |
||||
Abbildung 1.2.3.
AD: „Darf ich bitte in meinen Worten zusammenfassen:
Ohne das Wirklichkeits-Modell(n) und seine Wissungen gibt es auch keine Wirklichkeit(n).
Während das Modell jedoch eröffnend wirkt und neue Wirklichkeiten bzw. ein Erstmaligen ermöglicht, engen die Wissungen die Wirklichkeiten ein oder fungieren als Bremse.
Erst die Wissungen des integraleren Wirklichkeits-Modells(n+1) lassen uns die Wirklichkeit(n) uneingeschränkt oder in ihrer Fülle und Gesamtheit sehen.“
AD: „Wir befinden uns immer irgendwo in Ihrer Hierarchie, das heißt, in einer Höhe, die niemand angeben kann, und stets geht es weiter nach oben sowie unten.
Gibt es theoretisch zwei letzte Ebenen?“
Nein nur eine; nämlich die unterste. Sie besteht in den Ur-Alternativen der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers. Das sind die Nachfolger der traditionellen Atome; aus deren Substanz wurden Wissungen, und dadurch hat sich die Frage nach den nicht weiter teilbaren „Bausteinen“ von selbst beantwortet: Das sind die Bits; noch diskretisierter geht es nicht.
Eine oberste Ebene kann es dagegen prinzipiell nicht geben, denn damit hätten wir wieder Seiende(u), das heißt, eine Wirklichkeit, die wir nicht wissen könnten – ohne zur nächst-höheren Ebene wechseln zu müssen.
AD: „Schade; ich hatte gehofft, daß die Ebenen-Hierarchie oben – vielleicht asymptotisch – ins Reich Gottes übergeht.“
Nein; das halte ich für ausgeschlossen, weil das Reich Gottes kein Ort, oder Zustand ist; weder eine zukünftige Welt noch eine höchste Seinsebene.
Trotzdem trügt Sie Ihr Gefühl meines Erachtens nicht. Für mich besteht das Reich Gottes in der absoluten Offenheit unserer Hierarchie, und die ist tatsächlich „mitten unter uns“. Wir können sie nicht besitzen, herstellen oder verdienen, sondern nur bereit sein, in diese Offenheit einzutreten, das heißt, sich der eigenen Verfügungsmacht entziehen zu lassen.