2.4. Vermögen – Praktiken, Präreflexionen und Wissen

Wir müssen nichts von dem, was ich bisher zum Wissen gesagt habe, zurücknehmen, es aber noch in einen größeren Zusammenhang einordnen. Unsere Fähigkeiten sind doch auch eine Form von „Wissen“; zum Beispiel können wir Fahrrad fahren, uns in der Öffentlichkeit benehmen, Kaffee kochen, Reden halten oder Bücher lesen. 

Wenn postmodern unser eigenes Leben die einzige Wirklichkeit bildet, gehören die Fähigkeiten dazu. Wir benötigen sie jedoch nicht alle; daß Moritz auf den Händen laufen kann, ist lustig, aber nicht unbedingt lebensentscheidend. Ob wir die Bockwurst mit Senf essen und regelmäßig Sport treiben, mag für unsere Gesundheit wichtig sein, ist philosophisch jedoch trotzdem eher sekundär.

 

Fundamental sind für uns die Praktiken.

Wir verstehen darunter nicht jegliches Tun, sondern nur (relativ) intersubjektive wiederholbare Lebens- oder Verhaltensweisen. Sie sind als Gemeinschaftserlebnis möglich; etwa wenn Feste gefeiert, Riten vollzogen, Spiele gespielt, gemeinsam musiziert oder Liturgien begangen werden. Aber diese Synchronie muß nicht sein; auch das (Halten von) Versprechen, das Schwören vor Gericht oder das logische Denken sind Praktiken, die man bejahen bzw. ablehnen kann.   

 

Säuglinge haben Reflexe oder dergleichen, aber bei ihen werden wir kaum von Praktiken sprechen; diese stellen kulturelle Leistungen dar und müssen im Laufe useres Lebens erst erlernt werden. Praktiken sind unbewußte „Wissungen“, die – und das ist fundamental für unsere weiteren Überlegungen – kontinuierlich in die (bewußten) Wissungen übergehen.

Als Oberbegriff für das gesamte Spektrum führen wir die Vermögen ein, so daß Praktiken und Wissen zu deren asymptotischen Genzbegriffen werden.

 

Die Praktiken entsprechen den gelebten Formen; Gehen, Grüßen, Blickkontakt Halten, Fragen Beantworten oder Gebote Erfüllen zum Beispiel. All das kann praktisch unbewußt erfolgen.  

Das andere Extrem bildet das Wissen; es ist begrifflich, sprachlich bzw. reflektiert und besteht in Theorien, Modellen, Dogmen, Erkenntnissen, Gesetzen usw.

Dazwischen befinden sich die Präreflexionen; hierbei sind wir uns der Praktiken, die wir ausführen, zwar bewußt, gehen aber so vollkommen in ihnen auf oder sind so sehr bei der Sache, daß weder die Praktiken reflektiert werden noch wir selbst in Erscheinung treten. Beim Lesen eines Buches zum Beispiel fesselt uns der Inhalt so stark, daß „Ich“, „lesen“ und „Buch“ keine Rolle spielen; wir sind ganz beim Thema.

Jean-Paul Sartre sah in diesem „Bewußtsein für sich“ die Grundlage unseres Lebens. Dem folgen wir jedoch nicht, weil – wie soeben schon angemerkt – nicht jedes Tun einer Praktik entspricht. Das gilt nicht nur für Babys, sondern auch für uns. Praktisch ununterbrochen tun wir irgendetwas, das sich nicht einmal benennen läßt.

Kochen wir beispielsweise Kaffee, so mag das zwar eine Praktik sein; sie ist jedoch mit ganz vielem Unter-Tun verbunden, von dem wir keine Ahnung haben. 

 

AD: „Ich verstehe Ihre Zusammenfassung zu den Vermögen noch nicht; und worin soll die Kontinuität bestehen, die angeblich von den Praktiken zum Wissen führt?“

Praktiken können, müssen jedoch nicht beschrieben werden.

Alle anderen Vermögen(svarianten) sind beschriebene Praktiken.

Diese Beschreibungen können sehr weich erfolgen; damit meine ich das phänomenologische „Zu den Sachen selbst“. Hierbei besteht das Ziel darin, der Praktik gerecht zu werden und ihr möglichst wenig fremde Elemente beizumischen. Solche Beschreibungen sind sowohl sehr großzügig oder locker, aber auch höchst exakt möglich.

 

Das ist jedoch nicht der springende Punkt. Dieser besteht vielmehr darin, daß wir zum Beschreiben unabdingbar Begriffe benötigen; ansonsten sagen wir nichts und beschreiben damit auch nicht. Diese Begriffe liegen nicht fest; wir können so oder so beschreiben. Je bestimmter und festlegender das geschieht oder je mehr Selbstsicherheit wir dabei an den Tag legen und eine scheinbar exakte Eindeutigkeit vorgaukeln, desto näher ist uns das Wissen.

Aus den Praktiken namens „Gebote erfüllen“, „Versprechen halten“ oder „Gottesdienst feiern“ wird dann beispielsweise die „Einlaßbedingung für das Reich Gottes“. Aber darum ging es überhaupt nicht; entscheidend sind allein die Praktiken.

 

AD: „Ich hatte jetzt kurz abgechaltet, weil das nicht stimmen kann:

Sie predigen uns die ganze Zeit, daß es in der Postmoderne keine Referenten des Wissens gibt – und nun wissen wir auf einmal von den Praktiken!“

Nein; das tun wir natürlich nicht.

Das Wissen ist keines von den Praktiken, sondern eine spezielle Weise, die Praktiken zu explizieren oder zu artikulieren. Je weiter wir uns dabei auf das Wissen als die zweite Grenze der Vermögen zubewegen, um so größer wird die Anzahl weiterer Darstellungsmöglichkeiten.

Sämtlichee Praktiken lassen sich also immer auch ganz anders beschreiben; das ist nicht widersprüchlich, wäre es aber, wenn wir das Wissen als ein solches von den Praktiken verstehen würden. 

 

Denken Sie zur Veranschaulichung an einen Wanderweg, der für die Praktik steht, und seine Wissens-Markierungen. Es geht allein um den Weg; seine Beschreibungen

– sind lediglich Hilfen, um ihn finden und

– wiederholen zu können,

– stabilisieren den Wanderweg somit,

– wären jedoch auch ganz anders möglich und

– lassen sich folglich austauschen.

 

AD: „Wenn ich Sie recht verstanden habe, geht es allein um den Vollzug oder das Prozedere der Praktik. Das Beschreiben führt notwendigerweise zu einem bestimmten Wissen; das ist bestimmt nicht willkürlich, aber dennoch auf vielfache Weise möglich. Somit besteht immer die Gefahr,

– aus den Augen zu verlieren, daß es um das Beschreiben einer Praktik geht, jedoch

nicht um das Wissen und

– schon gar nicht um das spezielle Wissen, das – mehr oder weniger zufällig – zum Beschreiben benutzt wurde, so daß   

– fälschlicherweise die Wahrheit der Lebens-Praktik durch die angebliche Richtigkeit des Wissens ersetzt werden kann.

Aber dieser Gefahr kann man doch ganz einfach begegnen, indem wir die Praktiken nicht mehr beschreiben und deutlich sagen, daß es bei ihnen nur um den Vollzug bzw. das aktuale Prozedere geht.“

 

Das geht nicht, weil eine unbeschriebene „Praktik“ keine Praktik ist. 

Stellen Sie sich vor, irgendetwas zu tun, ohne es beschreiben zu können.

Wie wollen Sie das morgen wiederholen und wissen, daß es sich wirklich um eine Wiederholung handelt? (Das wäre Wittgensteins „Privat-Tun-Argument“.)

Wie wollen Sie das anderen vermitteln, damit Ihr Tun zu einer intersubjektiven Praktik wird?

Jede Praktik bedarf (der Präreflexionen und) des Wissens, um eine Praktik sein zu können.

Ich wiederhole mich absichtlich:

  

Es geht allein um die Praktik; ihre Beschreibungen

– sind lediglich Hilfen, um sie finden und

– wiederholen zu können,

– stabilisieren die Praktik somit,

– wären jedoch auch ganz anders möglich und

– lassen sich folglich austauschen.

 

Beschreibungen oder Wissungen können nicht wahr sein.

Wer sie glaubt

verwechselt die mögliche Wahrheit der Praktik mit bloßen Narrativen oder Erzählungen und

glaubt nicht einmal etwas Richtiges, sondern

eine bloße Variante der Beschreibungsmöglichkeiten:

 

„So beschreiben manche, worum es tatsächlich geht; und das sind die Ereignisse, in denen sich die Wahrheit vollzieht; das heißt, in den Praktiken, die nur im Vollzug bzw. als Prozedere auftreten.“

Wenn Sie mich verstanden haben, wird vielleicht zum ersten Mal deutlich, welch gewaltige Bedeutung postmodern (einer Philosophie) der Zeit zukommt.

Der traditionelle, seiende Gott ist ewig identisch. Für uns gibt es dergleichen nicht; wir können nur sagen, daß Wissungen für eine bestimmte Dauer (näherungsweise) konstant sein müssen, denn andernfalls sind es keine Wissungen. Was in fünf Minuten nicht mehr richtig oder falsch ist, war keine Wissung, sondern ein Geistesblitz, den wir nicht stabilisieren konnten.  

 

„Konstante Praktiken“ sind keine Praktiken; in letzteren geschieht etwas, sie ereignen sich, müssen folglich zeitlich sein und können damit prinzipiell nicht gewußt werden.

Wissungen sind keine Vorstellungen von, sondern der Praktiken; sie stellen uns diese vor bzw. dar oder präsentieren – nicht: repräsentieren – sie und können das auf die vielfältigsten Arten tun.