1.5. Welt und Weltbild

Was unserer subjektiven Vernunft entspringt, können wir denken, wissen, verstehen oder sagen. Es bildet keine Repräsentation oder Abbildung der objektiven Wirklichkeit, sondern eine ganz spezielle Präsentation bzw. Darstellung von ihr – neben tausend anderen, die ebenfalls möglich wären. 

 

Daraus ergeben sich jedoch gewaltige Konsequenzen.

Ich lebe in der Welt; traditionell in der einen objektiven bzw. postmodern in meiner subjektiven.

Diese verandert sich aber durch mein Leben, so daß es zu einer Genese der Welt kommt. Genese bedeutet, daß zwischen dem Leben und der Welt eine Wechselbeziehung besteht, in der sich beide Seiten gegenseitig beeinflussen; ohne mein Leben gäbe es auch meine Welt nicht und umgekehrt

Bei einem Embryo existieren beide Seiten höchstens rudimentär, um sich dann gemeinsam zu entfalten; das Henne-Ei-Problem ersparen wir uns.

 

Wir leben postmodern in unserer eigenen Welt und verfügen über ein entsprechendes subjektives Weltbild, aber das Verhältnis zwischen den beiden unterscheidet sich wiederum erheblich gegenüber dem traditionellen:

Es ist – seinem Namen zum Trotz – kein Bild von der Welt, sondern deren asymptotischer Grenzfall. Es bildet genauer formuliert den Teil der Welt, der uns in Form von Wissungen bewußt geworden ist; die restliche Welt – Welt minus Weltbild also – bleibt unbewußt.

Wie weit die Welt über das Weltbild hinausgeht, wissen wir natürlich nicht,

– denn das Weltbild besteht zwar nicht in einer Menge von Wissungen,

– integriert und ermöglicht sie jedoch alle,

– so daß keine einzige Wissung aus unserem Weltbild herausfallen oder es sprengen kann.

Das müssen wir aber noch etwas besser verstehen.

 

Die Tradition geht an dieser Stelle von einer „Begriffs“-Pyramide aus. Relativ niedrig haben wir darin beispielsweise Kirschen, Pflaumen und Äpfel, die darüber als Obst zusammengefaßt werden und nochmals eine Ebene höher gemeinsam mit anderen Arten – wie Getreide, Nüssen, Gemüse – zu natürlichen Lebensmitteln.

An dieser „Begriffs“-Pyramide kommt der traditionelle Ansatz sehr deutlich zum Ausdruck:

Alles dreht sich um die – Wirklichkeit der – Seienden.

Sie sind völlig getrennt oder isoliert voneinander, so daß insbesondere keine wirklichen oder internen Relationen zwischen ihnen bestehten. Hier sind die Kirschen, Pflaumen sowie Äpfel, und in der Ebene darüber ist das Obst, das mit den einzelnen Früchten nichts zu tun hat. Wir ordnen das alles nur – von außen – in einer externen Relation so an. Daß Äpfel größer als Pflaumen und Kirschen süßer sind, wären weitere Beispiele für unwirkliche bzw. externe Relationen.  

Obst wird von der Tradition als „Oberbegriff“ bezeichnet, aber selbst damit ist schon zuviel gesagt, weil zwischen sämtlichen Begriffen – anders als zwischen den Seienden – Zusammenhänge bestehen; „Oberbezeichnung“ wäre also besser.  

 

Auch in der Postmoderne gibt es keine Begriffs-Pyramide, aber nun liegt es an beiden; sowohl an den Begriffen als auch an der Pyramide

An deren Stelle treten zwei Voraussetzungen, die für jede Wissung erfüllt sein müssen

 

Die erste von ihnen ergibt sich daraus,

– daß unsere Wissungen nicht einfach vorliegen; sie sind nicht vorhanden wie angeblich die Seienden, sondern

bleiben an das verbale Wissen, das heißt, an ihren momentanen Vollzug gebunden; werden sie nicht aktual gewußt, sind sie nicht. 

Das klingt wahrscheinlich sehr kompliziert, ist es aber keineswegs:

Wenn ich Sie bitte, sich den Sirius vorzustellen und Sie ein braver Leser sind, haben Sie die Sirius-Wissung jetzt vollzogen. Noch vor einer Minuten dachten Sie gar nicht daran – und dann gab es auch keine Wissung namens „Sirius“. Wo sollte sie denn gewesen sein?

AD: „In meinem Gedächtnis.“

Ich will Sie nicht kränken, aber Ihr Gedächtnis ist doch ebenfalls nur eine Wissung, die lediglich dann existiert, wenn Sie daran denken oder diese Wissung vollziehen. Postmodern ist absolut nichts vorhanden, und damit benötigen wir auch keinen zugehörigen Speicherplatz.

 

Die zweite Voraussetzung erkläre ich am besten gleich an einem Beispiel.

Der Massenpunkt ist eine ziemlich ausgefallene Wissung – ein mathematischer Punkt mit endlicher Masse und folglich unendlicher Dichte –, die nur innerhalb – des Horizonts – der klassischen Mechanik existiert. Diese fungiert damit als Ermöglichung, ohne welche es die Wissung namens „Massenpunkt“ gar nicht gäbe.

 

Für die Postmoderne existiert keine Wissung ohne diese beiden Voraussetzungen

Damit entsteht eine Hierarchie von Ebenen, ähnlich der „Begriffs“-Pyramide soeben. Nach oben hin müssen die Ermöglichungen immer allgemeiner werden; die klassische Physik ermöglicht ihre Mechanik; darüber kommen die Physik, die Naturwissenschaften und . . .

Theoretisch kann jede Ermöglichung – eine Ebene höher – selbst zur Wissung werden.

Da unser Wissen endlich ist, muß das praktisch jedoch einmal aufhören; es gibt notwendigerweise eine oberste Ebene, die noch als Ermöglichung fungiert, aber – zumindest gegenwärtig – nicht mehr gewußt werden kann. 

Diese letzte Ebene des Weltbilds bildet den Horizont,

– innerhalb dessen sich alle Wissungen befinden, weil

– sie – möglicherweise über viele Zwischenschritte – von ihm ermöglicht werden, so daß

– keinerlei Wissungen außerhalb ihres Horizonts möglich sind.  

Ein gewußter Horizont ist widersprüchlich und damit gewiß kein Horizont.

 

AD: „Jetzt leuchtet mir auch ein, wie Sie oben das Weltbild als asymptotischen, weil zum Wissen gewordenen Grenzfall der Welt darstellen konnten.

Ich veranschauliche mir Ihre hierarchischen Ebenen als konzentrische Kreise, die nach „oben“ bzw. außen hin zwar dummerweise immer größer und nicht kleiner werden, mit ihrem Horizont dann aber in die restliche Welt des Nicht-Wissens übergehen.“ 

 

Richtig; und zugleich sollte an dieser Stelle auch verständlich werden, warum ich stets von der objektiven Wirklichkeit, aber von der subjektiven Welt spreche: 

Bei ersterer kann ich die Existenz einer transzendenten „Komponente“ nicht ausschließen, aber bei unseren subjektiven Wissungen definitiv. Deswegen genügt hier Welt im Sinne von Diesseits; worin sollte sich ein „gewußtes Jenseits“ davon unterscheiden?

 

AD: „Einverstanden; aber auch Ihre Begriffe, Denkungen oder Vorstellungen sind doch Bilder; Sie ignorieren also das Bilderverbot des Alten Testaments, wenn Sie mit deren Hilfe von Gott sprechen?“

Nein; ganz im Gegenteil; ich versuche, es ernstzunehmen:

Meines Erachtens geht es beim Bilderverbot darum, den „wirklichen“ oder „wahren Gott“ – ich schreibe ihn im weiteren als GOTT – nicht mit unseren subjektiven Vorstellungen oder Überzeugungen zu verwechseln.   

Jeder kann nur von – den Wissungen – seiner subjektiven Vernunft bzw. des eigenen Weltbilds sprechen.

Und darum mißachten alle das Bilderverbot, die zwar das Gleiche tun – weil anderes gar nicht möglich ist –, aber trotzdem glauben, von GOTT zu sprechen.  

 

Ich tue das prinzipiell nicht, denn – falls es ihn gibt – müßte GOTT transzendent und damit unerreichbar oder ein Geheimnis sein.

Und bezüglich des Gottes, über den allein ich nachdenken und sprechen kann, bezüglich der Wissung namens „Gott“ also, bestreite ich zum Beispiel – nahezu der gesamten christlichen Tradition zum Trotz –, daß er zugleich sowohl allmächtig wie auch allwissend ist, weil sich diese beiden Prädikate gegenseitig ausschließen:

 

Vermag er jederzeit zu tun, was er will, kann Gott nicht schon im Voraus wissen, was geschehen wird; er disponiert ja vielleicht noch um.

Weiß Gott dagegen, was kommen wird, muß er es dabei belassen, kann nichts mehr korrigieren und somit nicht allmächtig sein.

AD: „Das überzeugt mich nicht; Gott weiß doch auch schon immer, wann und wie er eingreifen wird.“

Ja; einverstanden; aber dann muß er sich eben an diese bereits von ihm selbst korrigierte Wissung halten – an seinen Gegenplan gewissermaßen – und ist folglich wiederum nicht allmächtig.

 

AD: „Ich fürchte, jetzt denken Sie zu kurz:

Ihre Schußfolgerung stimmt wahrscheinlich – aber nur auf der Grundlage unseres menschlichen Verständnisses von der Allmacht sowie Allwissenheit. Bei Gott sind das ganz andere Kategorien, und an ihnen zerbricht jede menschliche Logik.“

Ich fürchte, im letzten Satz begehen Sie einen unter Gläubigen sehr weit verbreiteten Denkfehler. Wir können Ihre Formulierung auf zweierlei Weise verstehen:

(1) Bei (dem) Gott (unseres subjektiven Weltbilds) sind das ganz andere Kategorien, und an ihnen zerbricht jede menschliche Logik.

(2) Bei GOTT sind das ganz andere Kategorien, und an ihnen zerbricht jede menschliche Logik.

Kombinationen dieser beiden Sichtweisen lösen das Problem nicht, sondern machen es nur undurchsichtiger.

 

ad (1):

So verstanden ist der Satz ganz einfach falsch; für den einzigen Gott, über den wir sprechen können gelten exakt die gleichen Kategorien wie für alle anderen Wissungen – und allein dadurch können wir über ihn sprechen.

 

ad (2):

Diese zweite Interpretation ist meines Erachtens ebenso unrichtig. Das liegt aber nicht an diesen oder jenen Kateggorien, sondern ganz einfach daran, daß GOTT transzendent und damit prinzipiell unerreichbar ist.

 

Wenn Sie mit Allmacht bzw. Allwissenheit nicht das meinen, was wir unter diesen Begriffen verstehen, ist mir unklar,

– was Sie mit der Allmacht resp. Allwissenheit Gottes überhaupt sagen möchten und

– weshalb Sie gerade diese Worte benutzen, obwohl Sie deren „normale“ Bedeutung ablehnen.

Welche „besondere“ steht Ihnen zur Verfügung? Können Sie diese Frage nicht beantworten, sind Ihre Worte völlig leer oder nichtssagend. 

Das liegt nicht an Ihnen; sorry! Diese Form des Denkens geht auf Thomas von Aquin zurück, ist typisch katholisch und wird „Analogia entis“ („Analogie des Seins“) oder „analoges Denken“ genannt. Analog mag das sein; mit Denken hat es nach meinem Dafürhalten nicht viel zu tun.

 

Niemand kann über GOTT, aber jeder über den Gott bzw. die Gott-Wissung seines Weltbilds sprechen, so daß es zum Beispiel einen traditionellen und einen postmodernen Gott gibt.

AD: „Nein; die existieren beide nicht; Gott hängt nicht von unserem Weltbild ab!“

Doch; er ist nur eine Wissung; und deswegen können wir über ihn – in den verschiedensten Weltbildern – sprechen.

AD: „Aber die Tradition spricht über GOTT und tut dies ohne Weltbild.“

Nein; das ist ausgeschlossen, weil

– wir alle nur über Wissungen sprechen können und

– keine von ihnen einen Referenten besitzt.

Die Tradition

glaubt von GOTT zu sprechen,

– betrachtet ihn aber als ein Seiendes, das heißt, als einen seienden Gott und

reiht ihn damit in ihr Weltbild ein

 

Alle Menschen sind bei sämtlichen Überlegungen an ihr Weltbild gebunden. Die postmodernen wissen und akzeptieren das; traditionell Denkende ahnen es vielleicht ncht einmal, weil sie glauben, von der unmittelbaren Wirklichkeit der Seienden – und insbesondere also auch GOTTES – sprechen zu können. 

Sie sind also dem traditionellen Weltbild ausgeliefert ohne das für möglich zu halten, und glauben somit ganz fest, von der Wirklichkeit zu sprechen, während sie lediglich ihr Weltbild verteidigen.

 

Daraus ergibt sich ein wichtiger Unterschied zwischen traditionellen und postmodernen Christen; er besteht im Grad ihrer Demut bzw. umgekehrt im Maße ihres Sein-Wollens-wie-Gott:

Beide sagen, wie sie sich Gott aufgrund ihres gegenwärtigen Wissens denken; das ist alternativlos, denn niemand kann etwas anderes als sein subjektives Wissen vorbringen; das gilt selbst beim Lügen noch.

Die traditionell Denkenden ergänzen ihre Schilderung dann lediglich – vielleicht nicht ex-, mit Sicherheit aber implizit – durch den unbescheiden-wahnwitzigen Zusatz, mit ihren Ausführungen GOTT zu treffen, . . .

. . . und den postmodern Denkenden bleibt vor Staunen der Mund offen:

„Woher wissen die das?

Wir“, ergänzen sie vielleicht kleinlaut, „sprechen nur von – der Gott-Wissung in – unserem Weltbild.

 

Unser Wissen entfaltet sich im Verlaufe des Lebens; als Baby wußten wir noch gar nichts, und bis heute haben wir irgendeinen Status quo erreicht. Sollte er auch noch so umfangreich und beeindruckend sein – es handelt sich lediglich um den Status quo einer Genese, die spätestens mit unseren Tod endet, bevor wir „die Wahrheit“ erreicht haben.

Das gilt ganz allgemein, und die postmodernen Christen akzeptieren es deshalb insbesondere auch bei Gott:    

Wollen wir tatsächlich etwas Vernünftiges sagen und nicht nur fromm klingende Floskeln produzieren, muß das Wort „Gott“ den Status quo unseres diesbezüglichen Wissens bezeichnen.

Das sagte selbst Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie GOTT darüber lacht und sich auf die Schenkel klopft: „Das“ – dieser Gott – „soll ich sein?“