1.1.3. Der traditionelle Außen-Innen-Dualismus

Unsere Körper gehören zu den materiellen oder physikalischen Seienden der objektiven Realität.

Traditionell Denkende gehen zumeist davon aus, daß wir als Subjekte – zumindest im Kern – mit unserem Körper zusammenfallen. Aber der Satz „Ich bin mein Körper“ muß falsch sein, weil

– dieses „mein“ das Ich zum Besitzer des Körpers macht, während

– das „bin“ das gleiche Ich mit dem Körper selbst identifiziert,

so daß der Körper sein eigener Besitzer sein müßte, was offensichtlich Unsinn darstellt. Selbstbesitz läßt sich ebensowenig denken wie Selbstverursachung.

 

Die übliche „Lösung“ besteht darin, unserem Körper eine Psyche hinzuzufügen und die Einheit dieser beiden Seiten mit dem Subjekt zu identifizieren, das nun – als Psyche – widerspruchsfrei einen Körper haben kann. Natürlich nicht wie ein Auto oder alle anderen Dinge; wir müßten also zumindest diese beiden Formen des Besitzens voneinander unterscheiden.

Damit ergibt sich eine Zweiteilung der Seienden in Subjekte und Objekte. Letztere sind nur Körper, und bei uns Subjekten kommt zu diesem – dem Seienden i. e. S. – jeweils noch die Psyche hinzu. 

Daß ein solcher Dualismus von Außen und Innen zu zahlreichen Problemen führt, muß uns nicht interessieren; wir glauben (an) keinerlei Seiende. Wegen unserer Beschränkung auf die physikalische Realität besteht das Außen im Kosmos, während die Psyche als Innen für das Abbilden der Welt benötigt wird.

 

AD: „Aber geht unser Innen nicht notwendigerweise unermeßlich weit über dieses Repräsentieren des Außen hinaus? Muß es nicht unter anderem auch unsere Gefühle, Triebe, Absichten, den Willen, die Freiheit oder das Gewissen umfassen?“

Sie haben 100%-ig Recht, aber das

– wird von der Tradition nicht nur zumeist überspielt, sondern

– kann wohl auch gar nicht sauber angegangen werden,

weil alle diese inneren Entitäten eng mit dem ungelösten – und wie ich fest glaube: prinzipiell unlösbaren – Problem verknüpft sind, wie ein räumliches Außen und ein unräumliches Innen überhaupt miteinander wechselwirken sollen.

Zum Glück können wir alle derartigen Fragen auf sich beruhen lassen und benötigen vom traditionellen Denken nur den Gedanken des Abbildens als Negativfolie, um unsere eigenen Überlegungen zu veranschaulichen. 

 

Und dieser Gedanke ist recht einfach:

Wir stehen vor dem Eiffelturm, und unsere Augen sind entweder offen oder geschlossen. Im ersteren Fall können Wahrnehmungen, und in beiden Fällen Vorstellungen des Eiffelturms in unserer Psyche entstehen; beide sind unwirkliche Abbilder des wirklichen Eiffelturms.

Die Psyche ist freilich kein Gefäß; das „in“ soeben war aber trotzdem richtig, weil bei ihr wie bei den Zahlen „Inhalt“ und „Gefäß“ zusammenfallen. Die 3 befindet sich als „Inhalt“ in der Menge der natürlichen Zahlen; dem „Gefäß“.

Falsche Wahrnehmungen sind rein subjektiv; werden sie jedoch immer adäquater oder richtiger, müssen sich die Wahrnehmungen der verschiedenen Subjekte auch einander annähern und damit partiell intersubjektiv werden. Die exakt richtige Wahrnehmung kann als asymptotischer Grenzfall vollständiger Intersubjektivität verstanden werden.  

 

Der objektiv-wirklichen Realität der Seienden im Außen des Kosmos stehen traditionell die subjektiv-unwirklichen Psychen oder Innen der Subjekte gegenüber. 

Diese Innen müßten wir freilich alle mit Anführungsstrichen versehen, denn sie stellen keine wirklichen Innen dar:

Unser Körper befindet sich im Raum; deswegen können wir ihn sehen; das zugehörige Innen sieht jedoch auch kein Chirurg.

Der Kern befindet sich in der Kirsche, der Käfer in der Schachtel oder das Gehirn im Kopf. Beide Bestandteile eines wirklichen Ineinanders müssen im Raum sein; das Innen ist natürlich kleiner, aber nicht raum-, ausdehnungs- oder dimensionslos – wie die Psyche.

 

Sie entspricht einem Punkt; Punkte gehören in die Mathematik, befinden sich aber nicht im Kosmos, denn dort kann ihre Existenz überall behauptet, und das heißt, nirgends widerlegt werden

Wir sprechen wie selbstverständlich von unserem Innen, verstehen aber nicht, was wir sagen. Damit wird natürlich auch das Außen hinfällig, weil es ohne ein zugehöriges Innen keinen Sinn besitzt.

Nochmals anders formuliert:

Für das tradtionelle Denken ist die Unterscheidung zwischen Innen und Außen so selbstverständlich und notwendig wie unproblematisch. Ich halte sie dagegen für grundfalsch, weil das „Innen“ keine Innen sein kann und damit auch das Außen als solches hinfällig wird.

Ob sich in dem Apfel ein Wurm befindet, läßt sich feststellen.

Daß in dem Körper eine Psyche sei, behauptet der eine und bestreitet der andere mindestens seit Demokrit und Epikur. Nach zweieinhalb Jahrtausenden hitziger Streitgespräche sollten wir endlich den Gedanken in Erwägung ziehen, daß es sich hierbei lediglich um ein Scheinproblem handelt.