1.9.2. Das Ende des traditionellen Außen-Innen-Dualismus

Der Versuch, die für unser Zusammenleben erforderliche Stabilität mittels einer seienden Welt zu erklären, ist gescheitert. Der Grund, der dazu geführt hat, sollte im letzten Abschnitt deutlich geworden sein:

Die Tradition wollte die Stabilität mit einer Kontinuität der Seienden verbinden, mußte damit festlegen, was diese tun, wenn sie unbeobachtet sind, und hat sich – zwar willkürlich, aber gewiß naheliegend – für das simple Weiterbestehen der Seienden entschieden.

Da wir sie nur gelegentlich wahrnehmen, bleibt dann gar keine andere Möglichkeit, als die Seienden zu Urbildern zu erklären und ihre Wahrnehmungen als deren Abbilder; umgekehrt geht es nicht. Aber das hat die fatale Konsequenz, daß unser Ausgangpunkt – die wirkliche Wahrnehmung – zum unwirklichen Abbild und eine bloße Erfindung – der vorgestellte Lückenfüller – zur seienden Wirklichkeit oder zum wirklichen Seienden wird.  

Damit bestätigt sich meines Erachtens nochmals sehr schön, daß die subjektive Welt in der Projektion, das heißt, in der gedachten bzw. vorgestellten Realisierung unseres Weltbilds besteht, das aus der bisherigen Lebenserfahrung resultiert.

 

Wir müssen den Gedanken der Kontinuität also aufzugeben.

Es ist nur ein Scheinproblem, wenn wir glauben, klären zu müssen, was die Seienden ohne unsere Kontrolle tun.

Die Stabilität unserer Welt erfordert

nicht Kontinuität auf der objektiven Seite der Wahrnehmungen,

sondern Wiederholbarkeit auf ihrer subjektiven Seite.

Ohne sie wäre unser Leben ausgeschlossen. Mit dem Übergang von der Tradition zur Postmoderne verschiebt sich also die Funktion der Stabilität:

– Geht es jener darum, die objektive Welt adäquat zu erkennen,

– so suchen wir nach Möglichkeiten des Zusammenlebens,

und die alte Fragestellung kann von unseren Urenkeln vielleicht schon gar nicht mehr verstanden werden:

„Was soll es bedeuten, daß auf dem Mond wirklich Krater existieren oder der Pluto fünf Monde besitzt? Und was hat das mit mir zu tun?“

 

Da Ihr subjektives Weltbild ein Resultat Ihres bisherigen Lebens darstellt, kann ich es nur insoweit kritisieren, wie Teile von ihm widersprüchlich oder nichtssagend sind; Ihre persönlichen Erfahrungen sind mir ja nicht zugänglich. Ich würde also niemals lächelnd mit dem Kopf schütteln, wenn Sie mir erzählten, dem Teufel begegnet zu sein. Ich rechne für mich persönlich nicht ernstlich mit einer solchen Erfahrung; aber sie ist weder widersprüchlich noch sinnleer.

Für falsch und kritiserbar halte ich dagen den Glauben an die Psyche.

Traditionell ist letztere zwingend, weil darin die Seienden erkannt oder abgebildet werden; mit ihnen entfällt jedoch auch die Psyche.    

 

AD: „Aber gibt es vielleicht noch ein anderes, ’nicht-psychisches‘ Innnen?“

Nach zweieinhalb Jahrtausenden des traditionellen Denkens bin ich mir recht sicher, daß die allermeisten von uns mit einem überzeugenden „Ja“ antworten würden:

„Natürlich besitzen alle Menschen und viele Tiere ein Innen! Wo sollten sich denn sonst beispielsweise unsere Schmerzen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste befinden?“

Meines Erachtens stimmt das jedoch nicht; unser fester Glaube an einen Außen-Innen-Dualismus resultiert aus dem traditionellen Abbild-Denken. Das wäre ohne ihn tatsächlich nicht möglich; aber da es für uns entfällt, sollten wir neu über den Außen-Innen-Dualismus nachdenken.

 

Seiende und Psyche gibt es postmodern nicht (mehr), und wir ersetzen sie gemeinsam durch ein Kontinuum, das von rein subjektiv bis zu einer „vollständigen“ Intersubjektivität führt, die natürlich bestenfalls als asymptotischer Grenzfall gedacht werden kann.

Wie wollen wir in einem solchen Kontinuum sinnvoll eine Grenze definieren, die das Außen vom Innen trennt? Jede diesbezügliche Festlegung wäre meines Erachtens willkürlich und ihre Begründung an den Haaren herbeigezogen. 

 

Natürlich bleibt es Ihnen überlassen, das rein Subjektive (weiterhin) als Ihr Innen zu verstehen.

Jeder von uns entwickelt seine Begriffe (teilweise) selbst, und je mehr Arbeit wir in einen Begriff investieren, um so fruchtbarer kann er als subjektives Denkwerkzeug werden.

Das entspricht dem Verum-ipsum-factum-Prinzip (Das Wahre und das Gemachte sind eines) von Giambattista Vico, das bei Kant oder Carl Friedrich von Weizsäcker die Form „Wir können … nur das wirklich verstehen …, was wir selbst gemacht haben“ annimmt:

Wir können nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben.  

 

In diesem Sinne habe ich entschieden, daß es für mich persönlich

kein Innen und damit

– auch kein Außen gibt.

Meine Begründung, die natürlich nichts mit Erkenntnis im traditionellen Sinne zu tun hat,  lautet etwa folgendermaßen:

 

Zu meinem Leben gehört rein Subjektives.

Natürlich könnte ich sagen, daß sich dieses in der Sphäre meines „nicht-psychischen Innen“ befindet.

Aber ich vermag zum einen nicht zu sehen, welchen Denk-Vorteil oder sonstigen Nutzen mir die Annahme dieses Bereichs bescheren würde; wir hätten dann nur einen unnötigen Begriff mehr. Das Fußballspiel gestern haben wir gemeinsam genossen, aber die Kopfschmerzen heute habe nur ich – ganz ohne Innen und Schwierigkeiten.

Zum anderen würde die Einführung eines solchen Innen ein zugehöriges Außen als sein Pendant erforderlich machen und uns damit völlig unnötig weitere Probleme bereiten. Wo beginnt im teilweise Intersubjektiven das Außen?

 

Ich persönlich lasse diesen Dualismus also hinter mir, so daß nur das Kontinuum bleibt, in das sowohl das Außen als auch das Innen gemeinsam übergehen. Und dieses Kontinuum ist es, was wir oben als unser subjektives Bewußtsein eingeführt hatten.   

Ihm gehört also alles uns Gegebene an; Wahrnehmungen, Vorstellungen, Schmerzen, Wissungen, Gefühle, Prophezeiungen usw.

Mit anderen Worten ist uns nichts zugänglich, was sich nicht im eigenen Bewußtsein befindet.

Das bedeutet, wie bereits ausgeführt,

keineswegs, daß kein Außerhalb unseres Bewußtseins existieren kann, sondern lediglich,

– daß wir – eo ipso im Bewußtsein – sogar von verschiedenen äußeren Sphären wissen können,

– sie selbst uns aber nicht gegeben sind.

Das Unbewußte kann weiterhin als Beispiel dienen, und die fremden Psychen müssen wir postmodern lediglich durch die fremden Bewußtseine ersetzen.