AD: „Wenn das Sich-Zei(ti)gen der Wirklichkeit zu Geschichten führt, die „mir oder mich“ als den darin Verstrickten konstituieren, kann es für mich keine andere oder mir fremde Subjektivität geben. Was meinen Sie dann mit Intersubjektivität? Ich bin auch 100%-ig überzeugt, daß wir sie unbedingt benötigen, sehe aber keine Möglichkeit, die Intersubjektivität zu denken.
Dann kann es für mich auch keine geben, denn wir sind uns wohl darin einig, auf leere Worte zu verzichten.“
Schön, daß Sie von sich aus auf diese Problematik stoßen; sie ist ebenso fundamental wie schwierig, weil bei ihr das postmoderne Denken dem traditionellen sehr stark zuwiderläuft.
Aus dem traditionellen Vergehen der Zeit bzw. Diachronie wird bei uns das Sich-Zei(ti)gen der Wirklichkeit, und das führt stets zum Erstmaligen der Situation. Diese kann nur in einer Ganzheit bestehen, weil alles mit allem wechselwirkt, so daß wir die Situation im Sinne des „individuum est ineffabile“ prinzipiell nicht wissen können.
Theoretisch wären wir damit am Ende; praktisch zerlegen wir die Situation näherungsweise in Wissungen, das heißt, in Wahrnehmungen und Vorstellungen, die aus der Vergangenheit wiederholt sind.
Aber das ist schon wieder bloße Theorie. Was ich gesagt habe muß nicht falsch sein, aber wir leben nicht mit physikalischen Grundbegriffen, sondern sind in Geschichten verstrickt. Sie werden von den Wahrnehmungen und Vorstellungen verursacht und stellen somit wiederum Wissungen dar.
Wissen kann keine Wirklichkeit hervorbringen; letztere zei(ti)gt sich selbst.
Ich bin „Mir oder mich“ ist der in Geschichten Verstrickte, und jede andere Subjektivität ist ausgeschlossen; da gehen wir völlig d’accord.
Weil diese Gedanken schon sehr gegen den traditionellen Strich gebürstet sind, wiederhole ich nochmals in anderen Worten. Sie sollten möglichst verstehen, daß jedoch kein anderer Inhalt vorliegt.
Wir nehmen nicht wahr und stellen uns nicht vor, denn die Wirkichkeit zei(ti)gt sich näherungseise zu oder in den Wissungen.
In unsrem Bewußtsein befinden sich folglich sowohl Wahrnehmungen – obwohl wir keine Wahrnehmenden sind – als auch Vorstellungen – obwohl wir keine Vorstellenden sind.
Der Inhalt ändert sich beim Übergang von der traditionellen Psyche zum postmodernen Bewußtsein also nicht, die Wissungen kommen nur ganz anders zustande. Deswegen behalten wir die Worte bei, die Begriffe jedoch nicht. Wir haben weiterhin Wahrnehmungen und Vorstellungen, aber sie sind nun etwas Differentes.
Diese Korrektur ist zwingend:
Wir Subjektivitäten bestehen in der Einheit von Verstricktem und Antwortendem. Das heißt, wir kämen für die Wissungen immer prinzipiell zu spät, weil sie bereits vorliegen müssen, damit sie uns in Geschichten verstricken und wir darauf antworten können; Zei(ti)gen heißt näherungsweise (in Geschichten) Verstricken.
Erst dann gibt es uns; ich bin kein kontinuierlich-stabiles Seiendes, sondern das Selbst, zu dem ich mich ausgehend von einem in Geschichten Verstrickten durch mein freiheitliches gegenwärtiges Antworten selbst bestimme.
Die Wahrnehmungen und Vorstellungen bewirken bzw. ermöglichen also
– Geschichten sowie
– „mir oder mich“ als den darin Verstrickten und
– mich selbst als den darauf Antwortenden.
All das ist im strengsten Sinne unsichtbar; Wahrnehmen geht gar nicht, und Vorstellen bedeutet pure Beliebigkeit, weil sich ohne Referenten nicht zwischen richtigen und falschen Vorstellungen unterscheiden läßt.
Damit erhalten wir eine saubere Dreiteilung des Bewußtseins:
1. Wirklichkeit
1.1. Wahrnehmungen
In oder zu ihnen zei(ti)gt sich die anonyme Wirklichkeit.
1.2. „mir oder mich“
∋
– Handeln oder Antworten
– Fühlen, Spüren oder „innere Leben“
2. Nicht-Wirklichkeit
Vorstellungen
Es läßt sich
– weder unterscheiden, ob sie richtig oder falsch sind,
– noch welcher Wirklichkeit – den Wahrnehmungen oder „mir oder mich“ – sie entspringen.
Anschaulich stelle ich mir das trinitäre Zusammenspiel etwa folgendermaßen vor:
| BEWUßTSEIN | ||||||
| obj. Wirklichkeit | Nicht-Wirklichkeit | subj. Wirklichkeit | ||||
| Sich-Zeitigen → | Wahrnehmungen | ↔ | Vorstellungen | ↔ | „mir oder mich“ | → Adventus |
| ∋ | ||||||
| – Handeln / Antworten | ||||||
| – „inneres Leben“ | ||||||
Abbildung 1.9.3.
AD: „Allmählich verstehe ich auch besser, daß Sie den Außen-Innen-Dualismus tatsächlich nicht mehr benötigen:
Traditionell handelt der materielle Körper, so daß die Handlungen im Raum und damit außen erfolgen. Aber sowohl unser Motiviert-Sein zum Handeln wie auch die Vorstellungen über seinen Ablauf können sich unmöglich im Raum befinden.
Postmodern geht das Handeln dagegen von „mir oder mich“ als dem Verstrickten aus. Weder er noch „sein“ Handeln oder „inneres Leben“ sind Wissungen, so daß wir sie auch nicht voneinander trennen können.“
Wenn damit nicht wieder die traditionelle Sichtweise provoziert wird, daß die Seienden sich aus Subjekten und Objekten zusammensetzen, können wir das „mir oder mich“ mit seinem Handeln und „inneren Leben“ als subjektive Wirklichkeit zusammenfassen und diese den Wahrnehmungen als der objektiven Wirklichkeit gegenüberstellen.
Aber das war nur der Vorspann zu Ihrer Frage nach den anderen Subjektivitäten.
Im traditionellen Sinne gibt es sie gar nicht, denn die Subjektivitäten sind postmodern keine „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz) mehr.
Das „mir oder mich“ ist ein potentieller Träger der Freiheit; erfährt es sich als angesprochen, muß es antworten und wird damit zum aktualen Träger, der sich im Akt der Freiheit zu einem Selbst bestimmt.
Es gibt keine gleichen Verstrickungen; jedes „dir oder dich“ ist anders als das „mir oder mich“. Aber zwei Verstrickte könnten sich in ihrer Intention einig sein.
Romeo und Julia zum Beispiel kamen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen und waren damit in völlig differente Geschichten verstrickt; auf der Ebene der potentiellen Freiheitsträger hatten sie wenig gemein. Aber sie waren angesprochen von der gleichen Hoffnung auf eine gemeinsame Liebe, und bestimmten sich dementsprechend für das gleiche Wir-Selbst.
Unser neuer, postmoderner Gedanke besteht verallgemeinert also darin, daß das Selbst zwar – bei allen beteiligten Subjektivitäten – ein individuelles „mir oder mich“ voraussetzt, aber kein individuelles Ich-Selbst sein muß, sondern in einem Wir-Selbst bestehen kann.
AD: „Das ist dann keine Intersubjektivität, sondern eine Interindividualität, die jedoch postmodern an die Stelle von jener tritt.“
Damit wäre ich ganz einverstanden.
Wenn es keine anderen Subjektivitäten gibt, ist es unmöglich, mich mit ihnen zusammenzutun; die Intersubjektivität entfällt.
Aber ich kann in meinem Anworten immer stärker auf das Mich-als-angesprochen-Erfahren eingehen. Das ist meines Erachtens das, was Nächstenliebe meint, und führt zur Interindividualität, die in sich meinem Wir-Selbst ausdrückt.
AD: „Das kann aber sehr einseitig sein und paßt wahrscheinlich häufig nicht zu Ihrem Romeo-Julia-Beispiel . . .“
Vollkommen richig!
Die Ethik ist absolut einseitig; diesen Punkt betont Emmanuel Levinas ganz massiv.
Ich entscheide nur für mich ganz allein in Freiheit, welche anderen Individuen ich in mein Wir-Selbst integriere; es ist nicht unser Wir-Selbst.
Für mich existieren nicht einmal andere Subjektivitäten, geschweige denn andere Freiheiten; und sie sind ethisch auch nicht erforderlich. Die „Goldene Regel“ und andere „ethische“ Vorgaben, haben aber auch gar nichts mit Ethik zu tun, sondern sind „Werte“ der Ökonomie, an die sich sinnvollerweise jede Mafiabande hält.
Aber mitunter greift auch „unser“ Wir-Selbst über Liebesverhältnisse hinaus.
Bei einem Fußballspiel bilden sich kleine Wire heraus, bei denen es vor allem um die Wurst bzw. das Bier geht. Die richtigen Fans entsprechen dagegen einem großen Wir oder – halb so groß – einem glücklichen und einem traurigen Wir.
Vor der Wende entstand unter den Demonstranten in der DDR ein gewaltiges Wir; auf der Gegenseite fehlte das höchstwahrscheinlich.
Das wichtigste Beispiel bildet für mich die Kirche als Leib Christi. Der ist nicht vorhanden, sondern zei(ti)gt sich in dem Maße durch mich, wie ich andere Individuen in mein Wir-Selbst integriere.