1.1.7. Zugang zum Nous – „ja“ oder „nein“

Die Tradition glaubt, der Kosmos befände sich im Raum. Um die physikalisch-materiellen Seienden erkennen zu können, muß man sich demzufolge also außerhalb von ihm befinden und von dort aus auf den Raum und seinen Inhalt schauen.

Die Denkfigur, die das in der Philosophie ursprünglich übernahm, war der griechische Gott Nous. Aus ihm wurde bei Pascal der Gott der Philosophen, und in der Moderne die Vernunft; Thomas Nagel nennt ihn den „Blick von nirgendwo“, wobei ich gerne ergänzen würde „. . . und nirgendwann“. 

 

Diesen Gedanken können wir ein wenig verallgemeinern: 

Der Nous ist das Vermögen zu schauen, wobei  Schauen bedeutet, über unser sinnliches Wahrnehmen hinausgehen und die Wirklichkeit selbst erkennen zu können. Nur bei Platon haben wir diesen größeren Zusammenhang wenigstens minimal angetippt; der Nous schaut bei ihm auch die Ideen.

Unabhängig von allen einzelnen Philosophen können wir jedoch für die gesamte Tradition sagen:

Ihr zufolge gibt es eine fertige, an sich existierende oder objektive Wirklichkeit.

Da wir das ohnehin nicht glauben, müssen wir ihr Zustandekommen oder ihre Ermöglichung nicht verstehen und somit beispielsweise nicht zwischen Seienden und Ideen unterscheiden. Der Einfachheit halber gehen wir im weiteren von verallgemeinerten traditionellen Seienden aus.

Ob es sich dabei um Materie, Ideen, Formen, Naturgesetze, Tatsachen, Raum-Zeit-Punkte oder was auch immer handelt, spielt überhaupt keine Rolle.  

 

Entscheidend ist jedoch ein anderer Punkt:

Mit dem traditionellen Glauben an eine solche Wirklichkeit muß es auch einen Standpunkt außerhalb von ihr geben.

Damit verallgemeinern wir den Beginn dieses Abschnitts und gehen von der objektiven Realität im Raum zu allen Seienden (in) der gesamten Wirklichkeit über. 

Der Nous befindet sich außerhalb von ihr und ist die Fähigkeit, die Seienden zu schauen.

 

Damit haben wir vielleicht die schönste und einfachste Möglichkeit erreicht, unsere beiden Denkmodelle voneinander zu unterscheiden:

Die Tradition beansprucht, einen Zugang zum Nous zu besitzen und damit die Wirklichkeit der Seienden schauen zu können.

Die Postmoderne hält den Nous für eine pure Illusion. Ihr zufolge gibt es kein Außerhalb der Wirklichkeit, so daß diese

– nicht geschaut werden kann, sondern

– sich zei(ti)gen muß.

 

AD: „Könnten Sie den Nous bzw. sein Schauen bitte nochmals an einem Beispiel verdeutlichen?“

Ja; der Einfachheit halber komme ich dazu wieder auf die objektive Realität zurück, die sich der Tradition zufolge im Raum befindet, so daß der Nous außerhalb von ihm stehen muß.

(1) Wir sind nicht der Nous, sondern die Tradition bildet sich nur ein, seine Fähigkeit des Schauens zu besitzen.

(2) Also schaut sie nicht; vielmehr stellt sie sich lediglich vor, was er angeblich schauen würde

(3) Aber

     – die diesbezüglichen Vorstellungen sind x-beliebig, und

     – die Annahme, das wären die Schauungen des Nous ist völlig aus der Luft gegriffen.   

 

Dieser neue Ansatz führt zu zahllosen Konsequenzen; ein Paradebeispiel bildet die Trennung von Theorie und Praxis, die postmodern hnfällig wird:

Im Sinne der Tradition können wir die Seienden nicht nur schauen, sondern müssen dies sogar, um den rechten Umgang mit ihnen zu ermöglichen. Das ist es eben, was die nicht-modernen Kulturen alle falsch machen und von uns lernen sollten . . .

 

Sätestens an dieser Stelle sollte auch überdeutich werden, daß die Tradition ihre Subjekte falsch auffaßt. 

Sie können unmöglich in der Einheit des Körpers mit irgendeinem Innen bestehen, denn:

– Ohne Subjekt keine Sehung.

– Ohne Sehung kein Raum.

– Ohne Raum kein Körper.

Zusammengefaßt führt dies zu dem anti-traditionellen Ergebnis:

Ohne Subjekt kein Körper

Dann stellt es natürlich einen Widerspruch dar, das Subjekt als Einheit aus Körper und Innen verstehen zu wollen. Man kann den Körper doch nicht als Teil des Subjekts nutzen, wenn es ihn erst durch oder nur für das fertige Subjekt bzw. dessen Sehungen gibt; das wäre ein logischer Zirkel. 

 

Die schlimmste Folgerung, die sich aus dem Glauben an den Nous ergibt, scheint mir darin zu bestehen, daß die Traditon ein rein geistiges Ordnungsschema mit der Wirklichkeit verwechselt.

Dank unseres bisherigen Lebens verfügen wir – unabhängig von den beiden Modellen – über Wissungen. Beziehen sich diese nicht wiederum auf Wissungen, muß es sich bei den Referenten traditionell um Seiende oder Nicht-Seiende handeln. Erstere sind angeblich vorhanden; aber was bedeutet das?

 

Diese Frage läßt sich meines Erachtens nicht vernünftig beantworten, ohne die vierdimensionale Raum-Zeit der Physik einzuführen. Wie nennen sie im weiteren der Deutlichkeit halber „Synchronie“, und die darin enthaltene Zeit ist die stehende. Somit können wir Synchronie als Gleichzeitigkeit ganz wörtlich nehmen; sie bildet die Einheit von Raum und (still) stehender Zeit.

Letztere besteht aus Punkten, entspricht den reellen Zahlen und bildet somit ein mathematisches Kontinuum. Zu jedem Zeitpunkt gehört ein bestimmter Zustand; Zenons Pfeil beispielsweise befindet sich bei t(1) an der Stelle x(1).

Nun können wir unsere Eingangsfrage beantworten:

Ein materielles Seiendes A ist im Sinne der Traditon vorhanden, wenn es sich im Zeitpunkt t(1) innerhalb der Synchronie an einer bestimmten Raum-Stelle befindet.   

 

AD: „Ich habe damit kein Problem und frage mich lediglich, was das mit einer stehenden Zeit oder Gleichzeitigkeit zu tun hat.“

Eine aus Punkten aufgebaute Zeit kennt keine Dauer, so daß kein Übergang von einem Zeitpunkt zu einem anderen möglich ist. Diese Zeit ist „zeitlos oder verräumlicht“ (A. M. Klaus Müller); ich würde sagen „eingefroren“. Es ist ewig derjenige Zeitpunkt, der eben gerade ist. Henri Bergson wies schon vor über 100 Jahren intensiv darauf hin, daß die physikalische Zeit im eklatanten Widerspruch zu unserem Leben steht.

Zenons Pfeil kann weder fliegen noch nicht-fliegen, denn er kommt nicht von t(1) nach t(2). 

AD: „Mir wurde in der Schule gelehrt, diese Paradoxien seien durch die Infinitesimalrechnung beseitigt worden?“

Nein; sie wurden lediglich überspielt oder vertuscht; keine Rechenmethode kann den Pfeil von t(1) nach t(2) bringen, weil es ohne Dauer nur Zustände, aber keine Übergänge – zwischen ihnen – gibt.

 

Sie stellen sich gewiß vor, der Pfeil befände  sich bei t(1) an der Stelle x(1) und bei t(2) an der Stelle x(2). Aber wie kommt er von dort nach hier?

AD: „Ich sehe da gar keine Schwierigkeit; wir unterteilen einfach die Differenzen t(2) – t(1) sowie x(2) – x(1) – und schon ist das ‚Problem‘ gelöst.“

Nein; von Lösung kann keine Rede sein! 

Natürlich können wir alle Differenzen immer feiner unterteilen. Zwischen t(1) und t(2) liegt t(1,5), und wenn wir es noch detaillierter haben möchten, kommen t(1,25) sowie t(1,75) dazu. Wie lange wir ein solches Procedere auch fortsetzen: es bleibt bei Zeitpunkten t(n) und immer wieder bis ins Unendliche erhebt sich die gleiche Frage: Wie kommen wir zum „nächsten“ Punkt?

Dazu taugen auch die tausendsten Zeitpunkte nicht; vielmehr läßt sich ein Intervall nur durch etwas überbrücken, was dauert.

 

AD: „Warum haben wir die Synchronie mit ihrer stehenden Zeit dann überhaupt, wenn sie im offensichtlichen Widerspruch zu unserem Leben steht?“

Sie ist unsere einzige Zeit, die

ausschließlich auf Wissungen basiert und somit

sauber gedacht werden kann.

Aber das ist natürlich keine Antwort auf Ihre Frage.

 

Die Tradition glaubt und muß auf den Spuren des Nous glauben, daß es Seiende gibt, und die Existenz der realen Seienden darin besteht, zum Zeitpunkt t im Raum vorhanden zu sein.

– Für uns existieren keine Seienden, und

– im Teil 2 werden wir sehen, daß ohnehin niemand versteht, was dieses „existieren“ bedeuten soll.

 

Die Synchronie

– hat also tatsächlich nichts mit unserem Leben oder der Wirklichkeit zu tun,

– stellt aber ein Ordnungsschema dar, ohne das

  — es ein stringentes Denken möglicherweise gar nicht gäbe und

  — insbesondere keine exakten Naturwissenschaften möglich wären.  

  

Um den Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Wissen oder Leben und Denken zu beseitigen, wechselt die Tradition von der stehenden zur vergehenden Zeit, von der Synchronie zur Diachronie.

Dies sind aber nur andere Worte und stellt keine Lösung dar, weil dabei angeblich zwei unvereinbare Forderungen erfüllt werden.

Auf der einen Seite muß die vergehende Zeit ein mathematisches Kontinuum mit seinen Punkten bleiben, weil sonst die Differentialgeichungen der Physik unmöglich würden.

Auf anderen Seite kann eine Zeit, die aus Punkten besteht nicht dauern und damit auch nicht vergehen, so daß die „vergehende Zeit“ keine vergehende Zeit, sondern eine Mogelpackung darstellt.

 

Wir werden also die Synchronie als Ordnungsschema und Zeit der Wissungen beibehalten.

Dazu kommt bei uns – statt der Diachronie – noch das Zei(ti)gen als die Zeit der Wirklichkeit.