1.1.1. Explizieren als Einheit von Markieren und (verbalem) Wissen

„Wissen“ ohne Wovon ist kein Wissen, denn mit ihm wird nichts gewußt; das heißt, wer von nichts „weiß“, weiß gar nicht. Es gibt also kein Wissen ohne Wovon; letzteres nennen wir im weiteren auch „Referent“.

Bezüglich dieser Referenten sind natürlich sehr viele verschiedene Einteilungen denkbar und möglicherweise auch sinnvoll. Wir unterscheiden Referenten, deren Existenz

– entweder unabhängig davon ist, daß wir sie wissen,

– oder erst dadurch zustande kommt, daß wir ihre Existenz wissen.   

 

Ersteres entspricht natürlich den traditionellen Seienden; für sie ist es völlig belanglos, ob wir von ihnen und ihrer Existenz wissen.  

Der zweite Fall mag Ihnen auf den ersten Blick als widersprüchlich erscheinen; das ist er aber nicht:

Ein simples Beispiel bilden Referenten, die selbst Wissungen darstellen. 2 mal 4 ist gleich 8, und da Zahlen Wissungen sind, verfügen wir hierbei über eine Wissung von Wissungen. Diese Iteration läßt sich natürlich beliebig fortsetzen; es gibt Wissungen von Wissungen von Wissungen von . . .

Das ist meines Erachtens keine Erkenntnis, die also auch falsch sein könnte, sondern eher eine Tautologie wie „weißer Schimmel“ oder „runder Kreis“. Demzufolge gibt es Referenten unserer zweiten Art sowohl im traditionellen als auch im postmodernen Denken.   

 

Schon jetzt erkennen wir, daß bei ersterem etwas nicht stimmen kann: 

Es gibt keine Wissung ohne ihren Referenten, hatten wir soeben eingesehen und bei einer uns objektiv vorgegebenen Wirklichkeit gewiß auch erwartet.

Überraschenderweise gilt die Umkehrung, es gibt keinen Referenten ohne seine Wissung, jedoch ebenso.

AD: „Das ist keine Überraschung, sondern einfach falsch! 

Die Seienden sind doch keineswegs weg, wenn wir nicht(s) von ihnen wissen. Sie haben bei Ihrer Unterscheidung der beiden Fälle auch selbst vorausgesetzt, daß unsere Kenntnis die traditionellen Seienden nicht beeinflußt.“

 

Ich verstehe Ihr Anliegen sehr gut, bleibe aber bei meiner Überzeugung, weil Ihr Einwand höchstwahrscheinlich auf einem entscheidenden Fehler beruht:

Wir müssen ganz deutlich zwischen Seienden und Referenten unterscheiden; die beiden Begriffe haben kaum etwas gemein: Der Glaube an Seiende entspricht einem ganz speziellen Denkmodell, aber Wissungen besitzen stets Referenten. Das heißt, Seiendes ist ein ontologischer, und Referent ein erkenntnistheoretischer oder semantischer Begriff.

 

Die objektive Wirklichkeit (der Tradition) besteht per definitionem aus Seienden.

Was besagt das eigentlich?

AD: „Daß es dies und das gibt; Sonne, Mond und Sterne hatten Sie oben als Beispiele genannt.“

Ja; das war auch nicht falsch, weil ich Ihnen nahebringen wollte, wie wir den Begriff der Seienden heute nach zweieinhalb tausend Jahren Gewöhnung nutzen. Aber stellen Sie sich bitte einmal vor, der Begründer dieses Modells zu sein; Platon vielleicht. Was legen Sie dann mit Ihrer Definition, die objektive Wirklichkeit bestände in Seienden, fest?   

AD: „Dann kommen natürlich nicht diese oder jene Seienden vor, sondern nur das, was sie alle gemeinsam haben müssen, weil es die Seienden erst zu Seienden macht.“

Sehr schön; und das besteht meines Erachtens in zwei Eigenschaften:

Sämtliche Seienden sind 

– mit sich selbst identisch und

– voneinander getrennt.

 

Mehr läßt sich meines Erachtens kaum sagen; vom Wissen ist gar nicht die Rede, und dann gibt es natürlich auch keine Referenten.

Die Seienden können dazu werden; sie sind potentielle Referenten, aber keine aktualen. Dieser Übergang ist jedoch weitaus komplizierter, als wir uns gemeinhin vorstellen.

AD: „Wieso? Ich muß doch nur hinschauen; auf den Mond zum Beispiel, und dann weiß ich von ihm.“

Sie wissen vom Mond, nachdem Sie hingeschaut haben. Wohin sehen Sie, um von ihm zu wissen?

 

AD: „Sie meinen also, die Seienden sind – per definitionem – alle voneinander getrennt und mit sich selbst identisch, aber wir wissen von keinem einzelnen Seienden Eigenschaften, die nur ihm zukommen und es somit von den anderen unterscheidet?“.

Nein; was ich meine, ist viel „schlimmer“:

Es gibt keine einzelnen Seienden; weder dieses und jenes noch ein Seiendes A oder B. Solange wir keine Unterschiede wissen, läßt sich nicht sinnvoll von einer Mehrzahl der Seienden sprechen; diese entsteht erst durch Unterscheiden, und das ist an unser Wissen gebunden.

AD: „Jetzt kam ich nicht mit . . .“

Die Buchstaben oder Ziffern bilden ein schönes Beispiel, um das Gemeinte zu verdeutlichen:

In diesem Buch stehen viel Großbuchstaben A; Seite 1 dritte, achte und zwölfte Zeile; Seite 2 vierte . . . Das ist unbestreitbar, obwohl es nur ein großes A gibt; auch das läßt sich kaum bestreiten:

Das eine A erscheint an vielen Stellen, und obwohl es dies tut, ist es nur ein einziges A.

 

AD: „Ich kann Ihnen jetzt nichts Gescheites mehr entgegnen, aber ein bißchen widersprüchlich wirkt es schon, was Sie da sagen . . .“ 

Ja; was Sie als Widerspruch erleben, ist jedoch die Lösung unseres Problems:

– Das eine und einzige A in unserem Beispiel ist die Wissung A, und

– die vielen A’s an den verschiedensten Stellen des Buches sind die Referenten dieser Wissung.

Die beiden bilden eine integrale Einheit, so daß es keine Wissung ohne Referenten gibt, und keinen Referenten ohne Wissung. 

Der Referent ist eine wiederholbare Form, die nur existiert, wenn tatsächlich – im Unterscheidbaren – unterschieden wird; und wie dies zu erfolgen hat, bestimmt die Wissung. Ohne Wissung kein Referent.

Unsere Erwartung, ohne Referent keine Wissung, versteht sich von selbst, weil eine „Wissung“ ohne Wovon keine Wissung darstellt. 

 

 

 

das läßt sich jedoch aufklären, indem wir langsam Schritt für Schritt vorgehen:

Unseren Anfang bilden die Unterscheidungen, weil sie recht eindeutig zu verstehen sind.

A unterscheidet sich von

– B, denn es ist ein anderer Buchstabe;

– 8, denn es entspricht keiner Zahl;

– Gekraxel, denn es stellt ein Symbol dar . . .

Damit sollte George Spencer-Browns Definition des Wissens verständlich werden.

Es ist an Unterscheidungen gebunden und besteht in einer seiner beiden Seiten. In welcher, das muß markiert werden, so daß sich das Wissen als Einheit von Unterscheiden und Markieren ergibt.

 

 

Das eine Seiende erscheint nicht einmal, so daß selbst diese Schwierigkeit entfällt. Die Vielheit der Seienden wird aus ihm erst, indem wir

– einen Unterschied zwischen dem „Seienden A“ und dem „Seienden B“ herstellen und damit  

– die beiden Seienden erzeugen.    

 

 

Die objektive Wirklichkeit besteht aus Seienden, die alle mit sich identisch und voneinander verschieden sind. Das wissen wir, weil es lediglich die Definiton der Seienden wiedergibt.

Mehr ist uns nicht bekannt; es gibt also nur Seiende, aber kein spezielles Seiendes oder Seiendes A

AD: „Aber wir können doch irgendein Seiendes herausgreifen und ihm den Namen ‚A‘ geben.“

Nein; das können wir nicht, weil Ihr „Begriff“ 〉irgendein Seiendes〈 keinen Begriff darstellt.

Zum Verdeutlichen dessen, was ich meine, ersetzen wir die Seienden durch Loskugeln in einer Trommel. Davon können wir tatsächlich 〉irgendeine Kugel〈 ziehen, weil sie Zahlen tragen; beispielsweise die 18. 

Die Kugeln sind markiert, die Seienden aber nicht; deswegen gibt es die Kugel 18, jedoch kein Seiendes A. Um das einzusehen, sollte es genügen, wenn wir uns die Kugeln ohne Zahlen vorstellen. Welche haben wir dann gezogen?

Diese Kugel unterscheidet sich von jener dann nur noch durch ihre Lage in der Trommel; nach der Ziehung fällt diese mit jener Kugel zusammen. 

 

 

 

 

 

 

Das geschieht dadurch, daß wir von ihnen wissen:

Die Wissung A

– (1) kann die Wissung von einem bestimmten Seienden werden,

– (2) sofern dieses aus der gesamten unbestimmten objektiven Wirklichkeit

– (3) als ausgezeichnetes Seiendes A hervorgehoben oder markiert wird und man

– (4) zusätzlich die Wissung A als eine solche von ihm interpretiert,

– (5) was das Seiende A damit zum Referenten der Wissung A macht. 

 

Den Begriff des Markierens habe ich hierbei im Sinne von George Spencer-Brown benutzt; er meint damit, daß etwas erstmals als etwas unterschieden wird

Dieser Sechszeiler ist wahrscheinlich tiefsinniger, als es Ihnen auf den ersten Blick erscheinen mag; wir beginnen mit irgendeiner Wissung A: 

 

Ad (1) und (2):

 

Ad (3), (4) und (5):

Unsere Wissung A hat also zwei völlig verschiedene Aufgaben zu erfüllen:

1. Sie muß „〉irgendein Seiendes〈“ aus der gesamten objektiven Wirklichkeit auszeichnen, hervorheben oder markieren, denn erst dadurch gibt es 〉irgendein Seiendes〈; zum Beispiel das Seiende A.

2. „Erst nachdem dies geschah und wir also wissen, wovon überhaupt die Rede ist“, können wir sagen, die Wissung A beziehe sich auf das Seiende A

Dieser zweite Zusammenhang macht das Seiende A zum Referenten der Wissung A.

 

Damit benötigen wir einen neuen Begriff, nämlich die Einheit von Markieren und (verbalem) Wissen, die wir als Explizieren definieren.

Wenn das eine Einheit ist, war meine bisherige zeitliche Beschreibung „Erst nachdem dies geschah und wir also wissen, wovon überhaupt die Rede ist,“ natürlich falsch. Markieren und Wissen lassen sich nicht voneinander lösen, und insbesondere kommt jenes nicht vor diesem.

Das Explizieren eines Seienden besteht darin, daß es en bloc markiert und gewußt wird. 

 

AD: „- Durch diese Einheit des Explizierens – aus Markieren und Wissen –

– entsteht die Einheit des  – aus Referent und Wissen –,

die Sie vorhin schon erwähnt hatten, als ich es noch nicht glauben wollte:

Es gibt keine Wissung ohne ihren Referenten, und auch keinen Referenten ohne seine Wissung