Martin Heidegger wirft der Tradition „Seinsvergessenheit“ vor. Diese Kritik können wir auf sich beruhen lassen, weil das Sein im postmodern Denken ohnehin keine Rolle spielt; unser Einwand ist eher ein gegenteiliger:
Die Tradition hat durch ihr Fokussieren auf die Seienden die Zeit – nicht nur vergessen, sondern – niemals hinreichend beachtet.
Natürlich war immer von der Zeit die Rede, aber was hierbei „Zeit“ genannt wurde, hatte mit der Zeitlichkeit der Postmoderne meistens gar nichts zu tun und betraf lediglich die vergehende Zeit oder Diachronie.
Zudem benötigen wir als ihr Pendant die Synchronie, die „stehende“ oder „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller).
Verstehen Sie das bitte ganz wörtlich:
– Eine „zeitlose Zeit“ ist keine Zeit, sondern Gleichzeitigkeit, und
– eine „stehende Zeit“ steht, aber vergeht nicht.
Die Synchonie beginnt mit dem Zeitpunkt t(1).
Da Zeitpunkte keine Ausdehnung oder „Dauer“ (Henri Bergson) besitzen, beginnt die Synchronie jedoch nicht nur bei t(1), sondern endet hier auch schon. Wie soll ein Zeitpunkt in einen anderen übergehen können?
AD: „Mir wurde in der Schule beigebracht, daß dieses Problem durch die Infinitesimalrechnung beseitigt worden sei?“
Nein; es wurde lediglich überspielt von ihr; keine Rechenmethode kann die Zeit von t(1) nach t(2) vergehen lassen, weil es ohne Dauer nur Zustände – entweder t(1) oder t(2) –, aber keinen Wechsel bzw. Übergang zwischen ihnen gibt.
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AD: „Ich persönlich sehe da überhaupt keine Schwierigkeiten und brauchte nicht einmal die Infinitesimalrechnung; wir unterteilen einfach die Differenz t(2) – t(1) – und schon ist das ‚Problem‘ gelöst.“
Nein; von Lösung kann keine Rede sein!
Natürlich können wir alle Differenzen immer feiner unterteilen. Zwischen t(1) und t(2) liegt t(1,5), und wenn wir es noch detaillierter haben möchten, kommen t(1,25) sowie t(1,75) dazu usw. Wie lange wir dieses Ausfspalten auch fortsetzen; es bleibt bei Zeitpunkten, und immer wieder bis ins Unendliche erhebt sich die gleiche Frage: Wie kommen wir zum „nächsten“ Punkt?
Dazu taugt auch die tausendste Unterteilung nicht; vielmehr läßt sich ein Zeitintervall nur durch etwas überbrücken, was dauert, und das haben wir bei der Synchronie nicht.
AD: „Wie löst die Physik dieses Problem? Deren Zeit, die zumeist durch einen Strahl mit dem Parameter t veranschaulicht wird, ist doch auch nur ein Nacheinander von Zeitpunkten oder eine Aufeinanderfolge von Synchronien?“
Natürlich; die physikalische Zeit spielt im Kontinuum der reellen Zahlen. Anders wäre unsere Physik auch gar nicht möglich, weil sie auf Differentialgleichungen basiert, die von t abhängen.
Aber damit ist die physikalische Zeit in sich widersprüchlich: Sie
– geht von Zeitpunkten aus und entspricht damit der Synchronie oder stehenden Zeit,
– wird aber als Diachronie bzw. vergehende Zeit ausgegeben.
Von einer Lösung des Problems, das letztlich in der Unvereinbarkeit von Zeitpunkt und zeitlicher Dauer besteht, kann nicht die Rede sein. Die Mathematik überspielt den offensichtlichen Widerspruch, und das Rechnen mit dieser „Zeit“ kann sogar Spaß machen . . .
Bei der ganz andersartigen Frage, wozu die Diachronie oder Synchronie gebraucht werden bzw. was sich überhaupt diachron bzw. synchron verhält, müssen wir sauber zwischen Tradition und Postmoderne unterscheiden.
Die Tradition benötigt die vergehende Zeit für die Seienden resp. alles Wirkliche; was einmal war oder sein wird bzw. gegenwärtig ist, muß ihr angehören. Die Diachronie ist die Zeit, in der Änderungen möglich sind; ein historisch wichtiges Beispiel stellt Zenons Pfeil dar; als fliegender bzw. herumliegender.
Daß alle Änderungen bzw. Nicht-Änderungen in der Diachronie erfolgen müssen, gilt auch postmodern. Nur ihr Inhalt ist ein anderer; aus den diachronen Seienden werden bei uns die diachronen Wissungen.
Die Synchronie spielt traditionell kaum ein Rolle, wird aber postmodern zur Sphäre der Begriffe und damit sehr wichtig. Deren zeitliches Verhalten kann ich Ihnen am besten an den Zahlen – als speziellen Begriffen – erklären.
Die Zahlen ändern sich einerseits nicht.
Andererseits können wir uns jedoch auch gar nicht vorstellen, was veränderliche Zahlen überhaupt sein sollten.
Die Nicht-Änderung der Zahlen ist also eine ganz andere als diejenige der herumliegenden Pfeile:
– Diese ändern sich nicht, obwohl sie es – in der Diachronie – könnten, und
– die Zahlen ändern sich nicht, weil es – in der Synchronie – gar nicht möglich ist.
Um nicht durcheinander zu kommen, sprechen wir bei den Begriffen im weiteren vorsichtshalber nicht mehr von Unveränderlichkeit, sondern von Konstanz; Wissungen sind möglicherweise unveränderlich, und Begriffe stets konstant.