1.1.7. Das traditionelle Denken kennt keine Zeit

Martin Heidegger wirft der Tradition „Seinsvergessenheit“ vor. Diese Kritik können wir auf sich beruhen lassen, weil das Sein im postmodern Denken ohnehin keine (große) Rolle spielt; unser Einwand ist eher ein gegenteiliger: 

Die Tradition hat duch ihr Fokussieren auf die Seienden die Zeit – nicht nur vergessen, sondern – niemals hinreichend beachtet

 

Natürlich war immer von der Zeit die Rede, aber was hierbei „Zeit“ genannt wurde, hatte mit der wirklichen Zeit zumeist nichts gemein und betraf lediglich eine „verräumlichte“ oder „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller). Wir sprechen bei ihr deshalb im weiteren von der Synchronie und verstehen diesen Begriff ganz wörtlich:

Die traditionelle Zeit ist eine (still) stehende Zeit oder pure Gleichzeitigkeit.

Das hätte bereits an den Paradoxien von Zenon deutlich werden können, wurde aber kaum aufgegriffen:

Sein Pfeil kann weder fliegen noch ruhen, denn beides ist nur in der Zeit, aber nicht in der Synchronie möglich. Schauen wir uns letztere etwas genauer an.

 

Die Synchronie ist der Zeitstrahl mit dem Parameter t und entspricht damit dem mathematischen Kontinuum der reellen Zahlen. Unsere Physik ist auf ein solches Verständnis der Zeit angewiesen, weil sie auf Differentialgleichungen beruht, die von ihr abhängen.   

Damit bildet die Synchronie – und das ist das Problematische an ihr – kein stetiges Kontinuum, sondern ein solches von Zeitpunkten:

Im Zeitpunkt t(1) befindet sich Zenons Pfeil an der Stelle x(1) – „eingefroren“ bis in alle Ewigkeit.

 

AD: „Das verstehe ich nicht; im Zeitpunkt t(2) kann der Pfeil doch bei jedem beliebigen x(2) sein.“

Nein; das kann er nicht. Mit ihrer Annahme wiederholen Sie den Fehler, den nahezu die gesamte Tradition begeht:

t(1) ist ein Zeit-, und x(1) ein Raumpunkt. Punkte sind ausdehnungslos; Zeitpunkte „dauern nicht“ (Henri Bergson) und Raumpunkte kennen kein Variieren, so daß weder die Zeit vergehen noch der Ort sich ändern kann. Das hatte ich gemeint mit „‚eingefroren‘ bis in alle Ewigkeit“.

 

Zenons Pfeil kann in der Synchronie weder fliegen noch nicht-fliegen, denn

– er kommt nicht von x(1) nach x(2), und

– die Synchronie nicht von t(1) nach t(2). 

AD: „Mir wurde in der Schule gelehrt, diese Paradoxien seien durch die Infinitesimalrechnung beseitigt worden?“

Nein; sie wurden lediglich überspielt oder vertuscht; keine Rechenmethode kann

– den Pfeil von x(1) nach x(2), und

– die Synchronie von t(1) nach t(2) bringen,

weil es ohne Variation bzw. Dauer nur Zustände – (1) resp. (2) –, aber keine Übergänge zwischen ihnen gibt.

 

Sie stellen sich gewiß vor, der Pfeil befände  sich bei t(1) an der Stelle x(1) und bei t(2) an der Stelle x(2). Aber wie kommt er von (1) nach (2)?

AD: „Ich sehe da gar keine Schwierigkeit; wir unterteilen einfach die Differenzen t(2) – t(1) sowie x(2) – x(1) – und schon ist das ‚Problem‘ gelöst.“

Nein; von Lösung kann keine Rede sein! 

Natürlich können wir alle Differenzen immer feiner unterteilen. Zwischen (1) und (2) liegt (1,5), und wenn wir es noch detaillierter haben möchten, kommen (1,25) sowie (1,75) dazu usw. Wie lange wir ein solches Procedere auch fortsetzen; es bleibt bei Zeit- bzw. Raumpunkten, und immer wieder bis ins Unendliche erhebt sich die gleiche Frage: Wie kommen wir zum „nächsten“ Punkt?

Dazu taugt auch die tausendste Unterteilung nicht; vielmehr läßt sich ein Raum- bzw. Zeitintervall nur durch etwas überbrücken, was variiert resp. dauert.

 

AD: „Warum haben wir die Synchronie mit ihrer stehenden oder ‚eingefrorenen‘ Zeit dann überhaupt, wenn sie im offensichtlichen Widerspruch zu unserem Leben steht?“

Sie ist die einzige Zeit, die

ausschließlich auf Wissungen basiert, dadurch

sauber gedacht werden kann und uns somit

– ein Ordnungsschema zur Verfügung stellt, ohne das

  — unsere exakten Naturwissenschaften nicht möglich wären und vielleicht sogar

  — nahezu jedes stringente Denken über die Natur entfallen müßte.  

  

Die Synchronie ist eine mathematische Abstraktion, die nur Zeitpunkte ohne Dauer kennt. Das ist kein Nonsens, aber natürlich auch nicht unsere Zeit.

Die Tradition mauschelt, indem sie von dicken oder dauernden „Punkten“ ausgeht. Durch diesen faulen Zauber wird aus der stehenden die vergehende Zeit, oder aus der Synchronie die Diachronie. Nun kann Zenons Pfeil fliegen und auch ruhen. 

Aber die Diachronie ist noch absurder als die Synchronie, weil völlig unmöglich; sie stellt nicht einmal eine solide mathematische Abstraktion dar.

Trotzdem hält die Tradition sie weitgehendst für die objektive Zeit und damit für das Seiende, welches die gesamte Wirklichkeit und damit insbsondere unser Leben im Sinne eines Containers enthalten soll:

Alles, was wirklich ist, es einmal war oder sein wird, muß der Diachronie, dem Zeitstrahl mit den dicken „Punkten“, angehören.

 

Korrigiert und ganz ohne Mauschelei entspricht dies auch der von uns angezielten Lösung:

1. Die postmoderne Wirklichkeit ist – nicht nur in der Zeit, sondern sogar – zeitlich.

2. Die Tradition sieht richtig, daß wir nur Zeitloses wissen können, das heißt, lediglich das, was der Synchronie angehört.

3. Damit wird die Wirklichkeit notwendigerweiße unwißbar.

 

AD: „Das war ein schwieriger, weil unorthodoxer  Abschnitt; aber jetzt am Ende lichtet sich alles, und es wird sogar recht übersichtlich:

1. Die Diachronie, traditionelle oder vergehende Zeit ist weder Fisch noch Fleisch und sollten wir am besten vergessen.

2. Sie gehen von einem „Dualismus“ zwischen Wirklichkeit und Wissungen aus; letztere sind unwirklich, und die Wirklichkeit können wir nicht wissen.

3. Sie ist zeitlich, während die Wissungen der Synchronie angehören.

 

AD: „Das gefällt mir zwar, aber daraus ergibt sich auch mein nächstes Problem:  

Das Einzige, was wahr bzw. unwahr sein kann, ist postmodern mein Leben; demzufolge muß es auch wirklich sein. Das Wissen ist lediglich richtig oder falsch, weil unwirklich. Das paßt alles wunderbar zusammen, führt aber zu einer fast unheimlichen Konsequenz:

Ich kann mein Leben nicht wissen.“    

 

Natürlich nicht! Ihr „Dualismus“ trennt Leben und Biographie; jenes ist Wirklichkeit, und diese nur Wissen.

Ich einer frommen Sprache lautet das „Richter ist allein Gott“.

Und auch das biblische „. . . sie wissen nicht, was sie tun“ scheint mir stets richtig zu sein.

AD: „Nein; wenn ich esse, weiß ich doch zugleich, daß ich esse.“

Ich glaube, das stimmt nicht, kann es Ihnen aber erst in der Zsammenfassung 1.9. ausführlich erklären. Bitte begnügen Sie sich vorerst mit dem folgenden Provisorium.

 

Ihre beiden „esse“ besitzen zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen:

„Wenn ich esse“; hier geht es um die zeitliche und damit unwißbare Wirklichkeit des Essens als Teil oder Ereignis Ihres Lebens.

„. . . wissen, daß ich esse“; dieses Essen muß ein Begriff sein, denn andernfalls könnten wir es nicht wissen. Dieser Begriff gehört der Synchronie an, erfolgte gegen 18 Uhr, könnte theoretisch in meiner Biographie stehen und – anders als das erste „essen“ – auch falsch sein.