Stellen wir uns vor, den Eiffelturm zu betrachten; dann steht unser Körper in Gedanken vor ihm und richtet seine Augen darauf.
Das wäre die traditionelle Variante, die
– einerseits adäquate Erkenntnis sein möchte,
– andererseits aber vom eigenen Weltbild abhängig ist und
– sich somit in einen Widerspruch verwickelt.
Postmoden gibt es diese Situation natürlich ebenfalls; als Vorstellung – wie jetzt – und auch als Wahrnehmung.
Sie bildet eine integrale Einheit, zu der sich die Subjektivität verhält; es handelt sich um deren Situation(S).
Die Tradition zerlegt diese dagegen
– in den eigenen Körper und
– alles andere.
Letzteres wird dadurch zur Situation(K) des eigenen Körpers
– in welcher er sich tatsächlich befindet und
– zu der er sich verhält.
An dieser Stelle wird der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen unseren beiden Modellen sehr schön sichtbar:
Die Situation(S) besteht nur in oder aus Wissungen. Die müssen wirklich sein, weil sowohl die Subjektivitäten als auch ihre Freiheit dies ebenfalls sind, und Wirklichkeit nicht aus etwas Unwirklichem hervorgehen kann.
Die in der Situation(S) bzw. ihren Wissungen enthaltenen unwirklichen Begriffe sind erforderlich, da ohne sie kein Verhalten-zu oder Entscheiden-für möglich wäre.
Die Tradition ersetzt
– die Wirklichkeit sowohl der Situation (S) wie auch des Verhaltens zu ihr durch
– die Situation(K) und die Bewegungen des eigenen Körpers.
Dadurch
– verschwindet das Fleisch der postmodernen zeitlichen Wirklichkeit, und
– es bleibt nur deren zeitloses begriffliches Gerippe zurück.
Da das offensichtlich absurd ist, wurden die Seienden als Referenten der Begriffe erfunden.
Wirkt sich die postmoderne Anderung der Theorie auf unser Leben aus? Wenn nicht, wäre das wieder eimal ein Unterschied, der keinen Unterschied macht, und wir könnten,
– ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen, auf unsere Korrektur verzichten und
– die eingefleischten Pragmatiker in ihrer Überzeugung bestätigen, die Philosophie bringe uns ja doch nichts.
Ich glaube sehr fest, daß sich die Konsequenzen unseres Umdenkens kaum absehen lassen.
Dort
– ist kein stabiles Eiffelturm-Seiendes vorhanden und bereit zum Abgebildet-Werden, sondern
– ereignet oder zeitigt sich etwas, und
– wir kennen kein Argument, das es uns verbietet, von einem Open-End-Vollzug auszugehen.
Natürlich nicht,
– was die Dauer in der Syn- bzw. Diachronie anbetrifft,
– sehr wohl aber in der Tiefe, Stärke oder Emotionalität des Vollzugs und damit auch der Wissungen.
Sie sind folglich stets sowohl phantastischer als auch oberflächlicher möglich; wir sprechen im weiteren von „integraler“ bzw. „diskretisierter“.
Der Vollzug bricht ab, ohne mich zu fragen und fragen zu können, weil ich ja erst aus ihm hervorgehe. Wäre der Vollzug integraler bzw. diskretisierter gewesen, hätte er natürlich auch ein anderes Ich zur Folge gehabt.
Ohne mich muß er unverfügbar sein und das Wissen als sein Resultat auf ein bestimmtes Integrationsniveau führen. Dort kann ich ansetzen und es nahezu beliebig stark verringern; das wäre unser Diskretisieren oder im üblichen Sprachgebrauch das Analysieren.
Hierdurch vergrößern wir unser Verfügen-Können. Ich bestreite nicht, daß das auch notwendig ist; aber wichtig wäre ein angemessenes Gleichgewicht aus Diskretisieren und Integrieren. Ohne letzteres bewegen wir uns – theoretisch und heute auch höchst praktisch – auf einer abschüssigen Bahn. An ihrem Ende können wir unglaublich viel machen – aber letztlich ist alles gleich-gültig, weil sinnleer.
Worin dabei unser Hauptproblem besteht, dürfte bereits deutlich geworden sein:
Von dem Level ausgehend, zu dem uns der Vollzug gebracht hat, können wir
– diskretisieren, aber
– nicht integrieren.
Das Integrieren ist unverfügbar; es muß uns widerfahren oder geschenkt werden; die Theologen sprechen diesbezüglich von Gnade.
Wir können sie nicht erzwingen, aber sehr viel tun, um sie bzw. das Integrieren zu verunmöglichen.
AD: „in einer etwas anderen Sprache gibt es das wohl alles auch traditionell; Ihr Analysieren zum Beispiel entspricht dort der Suche nach den kleinsten Teichen.“
Die haben wir natürlich nicht mehr, denn das wären Seiende. Aus den kleinsten Teilchen werden bei uns die kleinsten Wissungen, und die gibt es tatsächlich. Das sind die Bits, denn weniger als symmetrische Ja-Nein-Entscheidungen sind wissensmäßig nicht möglich. In Friedrich von Weizsäckers Physik bilden sie die unteilbaren „Atome“ und heißen „Ure“ oder „Uralternativen“.
AD: „Das wären die kleinst-möglichen Wissungen; gibt es auch die größten als deren Pendant?“
Ja; aber die kann ich Ihnen nicht sagen, und meines Erachtens dürfte das niemand können. Das hängt damit zusammen, daß das Diskretisieren verfügbar, und das Integrieren unverfügbar ist.
Die größte „Wissung“ ist keine Wissung mehr, denn sie kann uns nur asymptotisch
– als subjektives Weltbild und damit
– als Horizont unserer gesamten Wissungen gegeben sein.
Aber selbst dieses Weltbild entspricht nicht der größten Wissung, nach der Sie gefragt hatten. Wären die Vollzüge, die unser Weltbild hervorgebracht haben, integraler gewesen, hätten wir natürlich auch einen ganz anderen Horizont als dies tatsächlich der Fall ist.
Wir können also nur spekulieren und dürfen diese Gedanken im weiteren nicht benutzen:
Ich erhoffe mir die größten oder integralsten Wissungen von einem transzendenten Leben nach dem Tod, denn das hätte Konsequenzen, die mir als sehr vernünftig erscheinen:
1. Einerseits ergäbe sich daraus eine Kontinuität zwischen Immanenz und Transzendenz, ohne welche sich die Frage nach dem Sinn unseres immanenten Lebens kaum beantworten lassen dürfte.
2. Andererseits ist diese Kontinuität aber von einer solchen Art,
– daß zwar alle meine Fragen einmal beantwortet sein werden,
– ich aber heute nicht einmal die Fragen verstehe, die ich in der Transzendenz stellen würde.
AD: „Sie hatten oben angedeutet, daß durch unseren Wechsel vom traditionellen „Ich weiß die Wissungen“ zum postmodernen „Vollziehen der Wissungen“ bereits in der Immanenz völlig neue Erfahrungen denkbar werden und sprachen sogar von einem Open-End-Vollzug.
Ich beginne am besten mit den Wahrnehmungen; bleiben wir also beim Eiffelturm.
Traditionell gedacht steht dabei unser Körper vor ihm. Auch wenn wir uns sehr viel Mühe geben, alles mitzubekommen, und für jedes Detail offen sind: Der Eiffelturm ist mit sich identisch(S); mehr als ihn genau betrachten zu können gibt er einfach nicht her, so daß nur ein closed ending möglich ist.
Beim Vollzug der Eiffelturm-Wahrnehmungen fehlt – neben dem jetzt sekundären „Ich nehme wahr“ – dieser feste Anschlag, so daß mehr als bloße „Abbildungen“ möglich werden.
Was das bedeuten könnte, kann ich Ihnen schwerlich am Eiffelturm erklären, weil wir durch unsere traditionelle Prägung diesbezüglich sehr festgelegt sind. Hierfür eignen sich natürlich diejenigen Seienden besser, bei denen die Differenz zum Vollzug nicht so kraß ist wie beim Eiffelturm. Gute Beispiele wären vielleicht sportliche, kulturelle oder politische Großereignisse sowie private und religiöse Feiern. Ich beschränke mich auf letztere, weil sie am deutlichsten sind.
Natürlich können wir religiöse Feiern – sowohl von innen als auch von außen – ebenso betrachten wie den Eiffelturm. „Dort sitzt einer und versucht, sich zu konzentrieren“; „der steht immer und singt falsch“; „der Pfarrer lispelt ein bißchen, aber seine Predigt war nicht schlecht“; „die Frau hier drüben ist ziemlich hübsch . . .“
Aber durch den Vollzug der Feier ist auch etwas ganz anderes möglich, nämlich daß
– wir von diesem Vollzug mitgenommen werden,
– mit uns etwas geschieht oder
– wir uns wandeln.
Verbinden wir die beiden Seiten wieder:
Jeder Vollzug
– kann sowohl zu einer simplen Besichtigung, Anhörung oder sonstigen Bestätigung werden
– als auch zu einer unglaublichen Verwandlung von uns selbst führen.
Das läßt sich traditionell nicht so leicht erklären.