1.9.3. Seiende oder Aktanten

Natürlich bleibt es dennoch Ihnen überlassen, das rein Subjektive (weiterhin) als Ihr Innen zu verstehen.

Jeder von uns entwickelt seine Begriffe (teilweise) selbst, und je mehr Arbeit wir in einen Begriff investieren, um so fruchtbarer kann er als subjektives Denkwerkzeug für uns werden.

Das entspricht dem traditionellen Verum-ipsum-factum-Prinzip (Das Wahre und das Gemachte sind eins) von Giambattista Vico, das bei Kant oder Carl Friedrich von Weizsäcker die Form „Wir können … nur das wirklich verstehen …, was wir selbst gemacht haben“ annimmt. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen:

Wir können nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben.  

 

AD: „Und in dem Maße, wie mir das gelingt, sind meine Gedanken richtig?“

Nein; so einfach ist es wohl nicht.

Mir ging es jetzt allein um das Referenzproblem, das heißt darum, ob unser Denken überhaupt in einem Bezug zur Wirklichkeit stehen kann. Das ist doch nicht selbstverständlich; machen wir uns beispielsweise Gedanken über den grasgrünen Steinbeißer, fehlt mit ziemlicher Sicherheit jegliche Anknüpfung an die Wirklichkeit

AD: „Weil er gar nicht existiert.“

 

Nein; das wäre die übliche Antwort, die uns jedoch nicht (mehr) befriedigt, weil die Tradition das Referenzproblem mißachtet:

(1)   Was hat der Name „grasgrüner Steinbeißer“ mit dem grasgrünen Steinbeißer zu tun?

(2)   Wer ist das überhaupt?

(2a) Das weiß ich nicht.

(2b) Das weiß ich.

(3)   Gibt es den grasgrünen Steinbeißerüberhaupt?

 

ad (1): Absolut nichts. 

Namen können willkürlich gewählt werden. Der Preis, den wir für diese „Freiheit“ zahlen, besteht natürlich darin, daß Namen uns partout nichts sagen. Wen oder was CR7 benennt, verrät der Name nicht.

 

ad (2a): Verfügen wir nur über den Namen, bleibt uns völlig verschlossen, wer das sein soll.

 

ad (2b): Um wissen zu können, wovon die Rede ist, muß ‚grasgrüner Steinbeißer‘ ein Begriff in meinem Weltbild sein.

Aus diesem allein und

– völlig unabhängig von dem eventuell „wirklichen“ grasgrünen Steinbeißer, den wir in (2a) benannt haben,

ergibt sich, wer der grasgrüne Steinbeißer ist.

Dann stellt „grasgrüner Steinbeißer“ jedoch keinen Namen mehr dar, sondern (das gleiche Wort) wird zu einer Bezeichnung. Wir müssen den Begriff A mit „A“ bezeichnen – Sonne beispielsweise mit „Sonne“ –, sonst funktioniert unsere Sprache nicht. 

 

ad (3a): Wissen wir nicht, wer der grasgrüne Steinbeißer ist, wird die Frage nach seiner Existenz natürlich hinfällig, weil unverständlich.

 

ad(3b): Unser Weltbild bestimmt, wer der grasgrüne Steinbeißer ist, und wir entscheiden,

– ob wir ihn in unserer Welt haben und deshalb in das Außerhalb des Bewußtseins projizieren wollen,

– oder ob wir auf ihn verzichten. 

 

AD: „Es gibt also zwei verschiedene grasgrüne Steinbeißer:

 

Der erste

– ist ein Seiendes und

– besitzt den Namen ‚grasgrüner Steinbeißer‘.

Da uns dieser nichts sagt,

– wissen wir nicht, wer das sein soll, und

– können folglich nicht einmal nach seiner Existenz fragen.

 

Der zweite grasgrüne Steinbeißer

– ist (per definitionem) ein Aktant und

– besitzt die Bezeichnung ‚grasgrüner Steinbeißer‘.   

Diese sagt uns etwas,

– weil ‚grasgrüner Steinbeißer‘ ein Begriff in unserem Weltbild ist, und

– über seine Existenz in unserer subjektiven Welt bestimmen wir selbst.“

 

Vielleicht sollten wir noch anmerken, daß der Begriff des Aktanten auf Bruno Latour zurückgeht und er ihn sehr ähnlich verstand wie wir.

Sie haben sehr schön aufgezeigt, daß kein Weg von einem Namen zu einem Seienden führt. Wie könnte er auch? Zu welchem?

 

Das ist exakt die Stelle, welche die (meisten der) traditionell Denkenden nicht verstehen:

Sie glauben bei einem bestimmten Seienden beginnen zu können. Aber wie soll man das machen? Wir können Seiende nicht wahrnehmen; sie sind unsichtbar.

AD: „Aber ich sehe doch dort die Sonne!“

Nein; Sie haben eine Sonnen-Wahrnehmung oder –Sehung; ihnen ist also – wenn überhaupt – höchstens ein Abbild der Sonne gegeben. 

Wer bei letzterer beginnen möchte, muß die Sonne also wissen.

 

Um bei Seienden starten zu können, müßten sie also bereits einem Begriff in unserem Weltbild entsprechen. Das bedeutet jedoch,

– daß wir nicht bei ihnen starten, sondern bei einem Begriff und

– daß wir es demzufolge mit Aktanten und nicht mit Seienden zu tun haben.

 

Gott und der Teufel stellen Paradebeispiele dar, um das gut zu verstehen:

Beide sind offensichtlich unsichtbar; es ist also nichts zu sehen, dem wir die Namen „Gott“ bzw. „Teufel“ geben könnten.

Gott und der Teufel müssen also bereits Begriffe sein, um ihnen Namen geben sie bezeichnen zu können. Und je nachdem, um welche Begriffe es sich dabei handelt, projizieren wir sie als Aktanten in unsere subjektive Welt oder eben auch nicht.

 

Ich weiß, daß diese Stelle schwierig ist und erkläre den springenden Punkt deshalb nochmals mit anderen Worten: 

Wir machen uns ernsthafte Gedanken über das Böse; können weder seine Existenz bestreiten noch annehmen, es gäbe keinen Grund für das Böse. Dieser bildet also einen Begriff, der vielleicht relativ fest in unserem Weltbild verankert ist.

Ein Freund sagt, der Grund für das Böse sei der Teufel.

Wenn letzterer jedoch nicht zum subjektiven Weltbild gehört, kann

– der Teufel für uns kein Begriff sein, so daß

– auch keinerlei Denken vom Grund des Bösen zum Teufel führt und wir ihn folglich

  — entweder als Seiendes bzw.

  — als Nicht-Seiendes

glauben müssen.

 

Die einzige Möglichkeit, nicht eines von beiden glauben zu müssen, besteht darin,

– den Teufel aus seinem Status des Seienden bzw. Nicht-Seienden zu befreien und

– ihn in einen Aktanten resp. Nicht-Aktanten umzuwandeln. 

 

Begriffe lassen sich denken und nur denken. 

Bei Aktanten bzw. Nicht-Aktanten entscheiden wir selbst, ob wir das Gedachte glauben.

Bei Seienden resp. Nicht-Seienden gibt es nur ein blindes Glauben, weil das Denken sie nicht erreicht.

AD: „Traditionalisten müßten theoretisch also gar nicht verstanden haben, was Denken überhaupt bedeutet. Sie akzeptieren die Seienden, lehnen die Nicht-Seienden ab und nennen das vielleicht ‚denken‘; so wie sie auch die Richtigkeit irrtümlich als ‚Wahrheit‘ bezeichnen.“

 

 

Seiende Aktanten    
stabil    
       
in der objektiven Welt in der subjektiven Welt    
objektiv subjektiv    
erkannt erfunden    
abgebildet projiziert    
transformierbar veranderlich    

Abbildung 1.9.3.

 

Die Aktanten sind ausnahmslos Vorstellungen.

Da sie sich nicht wahrnehmen lassen, kann es keine Wahrnehmungen von Aktanten geben.

Vorstellungen von Aktanten“ sind Vorstellungen von Vorstellungen und damit auch nur Vorstellungen.

 

Damit haben wir zunächst einmal die Schulden beglichen, die vom letzten Abschnitt noch übriggeblieben waren:

Eine subjektive Welt kann stabil sein, denn die Aktanten, aus denen sie besteht,

– bilden zwar nur Projektionen, aber es

– sind unsere Projektionen,

– so daß wir auch bestimmen, wie lange sie beibehalten werden:

Bis wir glauben, die Grundlage unserer Orientierung korrigieren zu müssen.  

 

In der Diachronie oder vergehenden Zet werden diese Seienden in jene transformiert; beispielsweise evolutiv Nukleononen zu Kernen, Kerne zu Atomen, Atome zu . . .

Da wir unsere Begriffe weitgehendst frei bestimmen können, entfallen derartige Einschränkungen, so daß alle denkbaren Anderungen möglich werden.  

 

AD: „Welche Rolle spielt die Logik in beiden Fällen?“

Bei der objektiven Welt überhaupt keine; und das aus zwei Gründen.

 

(1) Was nutzt die schärfste Schlußfolgerung, wenn sie mit einem (philosophischen) Glaubensbekenntnis beginnt? Sie kann dann bestenfalls die Form haben:

„Wenn

– es Seiende gäbe und

– diese die von Ihnen vorausetzten Bedingungen erfüllen würden,

dann ergäbe sich . . .“

 

(2) Außerdem hat die Logik absolut nichts mit dem Sinn oder Inhalt unserer Aussagen zu tun.

Ihr „falsch“ bezieht sich

– nicht darauf, sondern

– einzig und allein auf den logischen Schluß.

 

Unter einer Implikation A → B versteht man zum Beispiel den Zusammenhang „wenn A richtig ist, muß auch B richtig sein“ oder kürzer „aus A folgt B“ – vollkommen unabhängig von der Bedeutung. Somit gibt es in diesem (recht häufig vorkommenden) Fall nur die Warnung „Vorsicht Widerspruch!“, falls A richtig und B trotzdem falsch ist.

Positiv formuliert bedeutet das aber doch:

Die Alternative A → B ist immer richtig, wenn wir

für A etwas Falsches – „Der Mond besteht aus Käse“ zum Beispiel – oder

für B etwas Richtiges – „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ – einsetzen.