1.1.2. Der Zirkel des Wissens

Die uns interessierenden Prädikate besitzen also innerhalb unserer subjektiven Welten sehr wohl weiterhin einen Sinn, dürfen aber nicht auf letztere selbst übertragen werden; die traditionelle Suche nach dem richtigen bzw. wahren Weltbild erübrigt sich postmodern.

AD: „Richtig oder falsch sind lediglich Prädikate von Wissungen, und die existieren für mich nur innerhalb meiner Welt. Das würde aber doch bedeuten, daß wir

– nur Wissungen und

– nur von Wissungen wissen könnten?

Das halte ich für ausgeschlossen!

Die Tradition täuscht sich tatsächlich, weil sie von inexistenten Seienden und Nicht-Seienden zu wissen glaubt. Einverstanden; aber ich weiß zum Beispiel von der Evolution oder Geschichte, von Biographien, Weltbildern und Sprachen; das sind doch alles keine Wissungen.“

Sondern?

AD: „Tatsachen, Dinge, Sachverhalte, Prozesse, . . .“

 

Nein; ich glaube, in Ihrer vollkommen überzeugend klingenden Antwort kommt ein verdeckter Rest des traditionellen Denkens zum Ausdruck:

– Es gibt zwar keine – hinterwäldlerischen – Seienden, aber

– die – vordergründigen – Tatsachen, Dinge, Sachverhalte, Prozesse, . . . wird doch wohl niemand bestreiten wollen.   

Doch!

Die von Ihnen angedeutede Aufzählung „Tatsachen, Dinge, Sachverhalte, Prozesse, . . .“ geht vollkommen in Ordnung; wir ergänzen lediglich „und das sind ausschließlich Wissungen„.

 

Damit bestreite ich insbesondere

– nicht, daß es Materie gibt, sondern lediglich,

– daß sie wirklich ist oder (zum Beispiel als Seiendes) der Wirklichkeit angehört. 

Materie ist ein Begriff und folglich – so wie jeder andere auch – etwas rein Geistiges und damit Unwirkliches.

AD: „Das gilt wortwörtlich auch für die Erde.

Aber unabhängig davon besteht die materiell-wirkliche Erde aus materiell-wirklicher Materie.“

Ihre materiell-wirklichen Dinge

– sind Seiende der objektiven Welt, und die

– gibt es postmodern nicht (mehr). 

AD: „Aber wir nehmen die Erde doch wahr; können sie angreifen und uns daran die Füße brechen.“

Natürlich; weil Wahrnehmungen Wissungen sind.

  

Im Abschnitt 1.1. hatte ich geschrieben:

„‚Wissen‘ ohne Wovon ist kein Wissen, denn dabei wird nichts gewußt; das heißt, wer von nichts ‚weiß‘, weiß gar nicht. Es gibt also kein Wissen ohne seinen Referenten, auf den es sich bezieht.“

Das können wir nun ergänzen:

Die Referenten der Wissungen müssen wiederum in Wissungen bestehen.

Das mißfällt Ihnen höchstwahrscheinlich; sogar aus zwei ganz unterschiedlichen Gründen:

1. Es widerspricht total unserer traditionellen Prägung.

2. Vollkommen unabhängig davon scheint daraus ein in sich geschlossener Zirkel der Wissungen zu resultieren.

Mit dem ersten Punkt habe ich natürlich keinerlei Schwierigkeiten, den zweiten gilt es dagegen ernst zu nehmen. Aber hierbei ist nicht nur die Antwort, sondern schon die Fragerichtung zumindest zweideutig:

 

Der Zirkel des Wissens könnte zum einen dadurch aufgebrochen oder verlassen werden, daß der Referent des Wissens nicht wiederum gewußt wird; „Tatsachen, Dinge, Sachverhalte, Prozesse, . . .“.

Nehmen wir die Sprache ernst – und das ist letztlich alternativos, denn womit sollte man gegen die Sprache denken –, dann ist ein solcher Ausbruch nicht möglich:

Wir wissen Wissen; analog zum Essen des Essens oder Laufen des Laufes.   

Dieses Wissen muß ein Wovon besitzen. Eine solche Aussage ist jedoch nur sinnvoll, sofern wir letzteres bzw. den Referenten wissen; andernfalls wären das nur leere Worte. Um den Referent wissen zu können, muß er jedoch –  wiederum der Sprache zufolge – im Wissen bestehen; wir wissen nur Wissungen.

So läßt sich der Zirkel des Wisens also nicht knacken; die Referenten müssen Wissungen sein, so daß alles beim Alten bleibt..

 

Aber es besteht zum Glück eine zweite Möglichkeit:

Einerseits sind Wissungen notwendigerweise Wiederholungen, denn „erstmalige Wissungen“ sind keine Wissungen. Davon können wir uns leicht durch die – vergebliche – Suche nach einem Beispiel überzeugen.

Andererseits kann es aber keine Wiederholungen geben, die nicht zuvor geerstmaligt wurden. Erstmaligungen erfolgen also notwendigerweise; nur wissen wir sie nicht, weil sie keine Wissungen sind. Damit müssen wir zwischen Wiederholungen oder Wissungen auf der einen Seite und Erstmaligungen bzw. Noch-nicht-Wissungen auf der anderen unterscheiden.  

 

Diese zweite Variante bricht den Zirkel des Wissens auf,

– nicht indem wir zu Nicht-Wissen wechseln – das ist ausgeschlossen –, sondern

– durch den Übergang zu anderem Wissen.

Es bleibt also immer bei einem Zirkel des Wissens, der ausschließlich Wiederholungen enthält. Durch unsere Erstmaligungen werden das jedoch kontinuierlich andere, so daß wir auf diesem Wege auch verstehen, wie der Zirkel des Wissens überhaupt zustande kommt:

Durch seine Genese, die beim Baby beginnt, ein Leben lang – wie auch immer – andauert und spätestens mit dem Sterben endet.

 

AD: „Alles, was wir wissen (können), muß unserer subjektiven Welt angehören. Das würde Ihrem Ansatz entsprechend bedeuten, daß die postmoderne Wirklichkeit unwißbar ist, denn sie kommt „vor“ der Welt. 

Aber was nützt es, eine Existenz zu behaupten, von der absolut nichts bekannt ist?“ 

Bei letzterem widerspreche ich Ihnen vorsichtig: Die Wirklichkeit

– ist unverfügbar und

– kann dadurch auch widerständig sein.

Diese Eigenschaften haben jedoch nichts mit der jeweiligen subjektiven Welt zu tun oder sind nicht empirisch.

 

AD: „Wegen dieser Widerständigkeit kann ich zum Beispiel nicht mit dem Kopf durch die Wand.“

Ja; aber es wäre viel zu wenig, würden wir sagen: Da es hierbei um die Wirklichkeit geht, gilt „diese Aussage“ natürlich für die Tradition ebenso wie für die Postmoderne. Es ist nämlich nicht diese Aussage, sondern in den beiden Modellen jeweils eine andere: 

 

Das traditionelle Verständnis des Satzes lautet: 

Kopf und Wand

– gehören der Wirklichkeit an und

– sind folglich spezielle Seiende, nämlich starre Körper,

– die einander natürlich nicht durchdringen können.

Daß Sie nicht mit dem Kopf durch die Wand können, ist somit „physikalisch-logisch“. Unsere Vor-. . .-vorfahren haben sich vielleicht gewundert, weshalb sie anstoßen oder eine Beule davontragen; den Babys geht es möglicherweise heute noch so, aber uns natürlich nicht mehr.

 

Die Postmoderne weiß zwar viel weniger als die Tradition, ist aber nicht neidisch, sondern wundert sich über deren Selbstgewißheit bzw. -gefälligkeit. Insbesondere sind für sie weder Köpfe noch Wände wirklich, so daß Sie lediglich in einer übrtragenen Bedeutung oder metaphorisch gesprochen nicht mit dem Kopf durch die Wand können.

Für die Postmoderne stellt dies eine interessante Erfahrungstatsche dar, könnte also auch anders sein und ist keineswegs „logisch“.   

Die Physik starrer Körper

– beschreibt nicht die Wirklichkeit in dem Sinne, daß sie

– das formuliert, was unabhängig von unserem Wissen objektiv gilt, sondern

– ist eine von uns konstruierte Theorie, die

  — zwar kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat, aber trotzdem

  — richtige oder falsche Voraussagen ermöglicht und damit  

  — das Einzige bildet, was empirischer Kontrolle zugänglich ist.

Die Unverfügbarkeit der Wirklichkeit ist dagegen nicht empirisch, sondern transzendental-strukturell.

 

AD: „Kann man das auch auf deutsch sagen?“

Entschuldigung!

„Transzendental“ hat nichts mit „transzendent“ zu tun; es betrifft vielmehr die Bedingungen, welche erfüllt sein müssen, damit etwas – in diesem Fall: die Unverfügbarkeit und insbesondere Widerständigkeit der Wirklichkeit – überhaupt möglich wird. Das klassische Beispiel finden wir bei Kant: Er fragt nicht einfach, was wir erkennen, sondern nach den notwendien Bedingungen, unter denen Erkenntnis erfolgen kann.

Bei uns wird daraus:

Was muß Wirklichkeit oder wie muß sie beschaffen sein, damit sie unverfügbar werden könnte?

Und „strukturell“ meint, daß wir nur von Eigenschaften sprechen, die – nicht additiv hinzukommen, sondern – sich aus der Struktur der Wirklichkeit ergeben.

Transzendental-strukturell heißt (in unserem Fall) somit ungefähr, daß eine Bestimmung nicht als empirisch vorgefundene Eigenschaft hinzugefügt, sondern aus dem Begriff der zugrunde gelegten Wirklichkeit hergeleitet wird:

Wenn die Wirklichkeit so ist, wie wir sie im Teil 3 verstehen oder definieren werden, dann muß sie unverfügbar, unwißbar, zeitlich, undenk- oder unvorstellbar sein. 

 

AD: „Danke; aber das leitet schon zu meiner nächsten Frage über:

Könnten Sie uns bitte so einfach wie möglich erklären, was Begriffe sind? Mit ‚Worten‘ habe ich keine Probleme; aber was unterscheidet die beiden voneinander?“   

Am besten geht es vielleicht mit David Hilbert. Das war ein deutscher Mathematiker, und so stand er von Berufs wegen unter anderem vor der nicht ganz leichten Aufgabe, auch eine solche Bitte erfüllen zu müssen. 

Bevor ich dies ebenfalls versuche, noch zwei Bemerkungen speziell zu unserer eigenen Begrifflichkeit.

 

Zum einen habe ich oben en passant den Begriff Wissung(en) eingeführt. Erschrecken Sie nicht wegen des unüblichen Wortes; die Wissungen entsprechen vollkommen dem substantivischen Wissen. Wir benötigen sie aber trotzdem, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.

Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich um „Wissungen – Gewußte“ sowie weitere Paare ergänzen.

Ein zweiter Grund ist grammatischer Art:

Wissung gestattet nicht nur – anders als das Wissen – die Pluralbildung Wissungen, sondern verweist auch eindeutig auf seine substantivische oder nicht-verbale Bedeutung:

Wir denken Denkungen, sehen Sehungen und wissen Wissungen. Wie wichtig das sein kann, hat uns insbesondere das letzte Wortpaar bereits mehrfach gezeigt. 

 

Zum anderen müssen wir noch klären, was der Begriff (der) Wissungen bedeutet. Diesbezüglich möge vorerst der Hinweis genügen, daß er für uns den Oberbegriff für Wahrnehmungen und Vorstellungen bildet; alles weitere, insbesondere also die Unterschiede zwischen beiden, benötigen wir noch nicht.

Nur Wissungen sind veränder- oder unveränderlich; beides ist weder den Begriffen noch den subjektiven Welten möglich. Deswegen hatte ich oben geschrieben, daß wir unsere eigene Welt kontinuierlich „andern, korrigieren oder überformen“.

Das war kein Tippfehler; Wissungen ändern sich (möglicherweise) innerhalb der gegenwärtigen subjektiven Welt. Diese selbst, der Zirkel des Wissens und die Begriffe müssen sich andern; dadurch wird ihre Genese möglich, ohne welche sie gar nicht existieren würden.      

 

Nun also endlich zu unserer Erklärung der Begriffe; theoretisch ist sie einfach:

Begriffe sind das, was sich exakt definieren und damit auch sagen läßt, weil es keinerlei Bilder, Anschauungen, Ausmalungen oder dergleichen enthält.

Praktisch ist das jedoch sehr schwierig, weil für die meisten von uns nichts oder zumindest nicht viel übrigbleibt, wenn wir an einer Wissung X sämtliche Bilder, Anschauungen bzw. Ausmalungen streichen. Deswegen ist die Mathematik im allgemeinen nicht sonderlich beliebt.

Das Wort „X“ provoziert oder aktualisiert die Vorstellung X – mit all den Assoziationen, die „X“ eben bei uns hervorruft.

 

Das nutzt Hilbert für die Geometrie.

Selbst wenn wir soeben aus dem Schlaf geweckt wurden, sind wir uns praktisch ohne nachzudenken ganz sicher, daß zwei Punkte eine Gerade, drei Punkte (im allgemeinen) eine Ebene und eine Gerade mit einem Punkt außerhalb von ihr ebenfalls eindeutig eine Ebene bestimmen. 

Wie kommt das? Haben wir die geometrischen Axiome im Kopf und leiten die genannten Zusammenhänge daraus blitzartig ab?

Nein; natürlich nicht. Vielmehr verfügen wir über anschauliche Vorstellungen von Punkt, Gerade sowie Ebene, und aus ihnen ergeben sich unmittelbar und sehr einfach unter anderem die Zusammenhänge von soeben.

Das hat jedoch nichts mit Mathematik zu tun und wollte bzw. „mußte“ Hilbert seinen Studenten austreiben.

 

Wie macht man das, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden läßt, daß wir mit dem Wort „X“ irgendwelche Bilder, Anschauungen bzw. Ausmalungen assoziieren?

  Die Worte sind letztlich vollkommen belanglos; die Studenten sollen denken, und dazu bedarf es nicht der üblichen Worte, sondern nur der richtigen Begriffe. Folglich können wir ohne alle Bedenken beispielsweise „Punkt“ durch „Schornsteinfeger“, „Gerade“ durch „Liebe“ und „Ebene“ durch „Bierseidel“ ersetzen. Dann nehmen die drei obigen Zusammenhänge folgende Form an:

Zwei Schornsteinfeger bestimmen eine Liebe, drei Schornsteinfeger (im allgemeinen) einen Bierseidel und eine Liebe mit einem Schornsteinfeger außerhalb von ihr ebenfalls eindeutig einen Bierseidel.

 

Hilbert übersetzte die geometrischen Axiome in diese Ersatzsprache und bat seine Studenten, unsere drei Sätze daraus abzuleiten. Jetzt sind die automatischen Assoziationen zu den Worten nicht mehr verboten, weil sie eher schaden als nützen. Wer sich auf sie verläßt, wird kaum zur Euklidischen Geometrie gelangen.

Aber wer trotz der „falschen“ Worte die geometrischen Folgerungen aus den Axiomen – in der „Schornsteinfeger“-, „Liebes“- bzw. „Bierseidel“-Sprache – herleitet, hat gedacht und konnte dies nur tun, weil er die Begriffe verstand.