1.1.4.1. Der Grundgedanke

Ich hatte Ihnen einen Grundgedanken versprochen, der meines Erachtens evident ist. Das heißt, er erscheint mir als alternativlos, weil meine Phantasie nicht ausreicht, um ihn infrage zu stellen. Das ist er:   

 

Für Babys gibt es noch keine Welt, weil sowohl das Wissen als auch das Denken an die Sprache (im engeren Sinne) gebunden sind. Deshalb sagt man zum Beispiel, Tiere hätten – keine Welt, sondern – nur eine Umwelt, die weder (begriffliches) Wissen noch Denken kennt.

Die Babys werden größer und lernen sehr viel; für uns ist entscheidend, wie dieses Lernen erfolgt.

AD: „Da sehe ja nun gar keine Fraglichkeiten: Die Babys greifen nach der Klapper, sehen Mama, den Teddy oder Baum und wissen lediglich noch nicht, wie diese Objekte alle heißen.“

 

Das ist die übliche Antwort, die

– exakt dem traditionellen Denken entspricht, aber

– meines Erachtens falsch sein muß,

weil sie das, was sie erklären soll, bereits voraussetzt:

Diese Antwort

– geht von Seienden aus und

– unterscheidet zwischen

  — dem Baby als (erkennendem) Subjekt sowie

  — Klapper, Mama, Teddy oder Baum als (erkannten) Objekten. 

Von dieser Antwort der Traditionalisten können wir natürlich nicht ausgehen, weil sie schwerwiegende Fehler enthält. 

 

Es gibt eine Wirklichkeit, und die ist nicht vom Himmel gefallen, sondern verdankt sich einer Genese. Ich sehe nicht, wie man einer solchen Aussage in ihrer Allgemeinheit widersprechen könnte.

Die Tradition zerlegt diese Genese in zwei aufeinanderfolgende Abschnitte, nämlich in Phylo- und Ontogenese.

Erstere führt zu den Seienden. Daraus resultiert der Streit zwischen dem „kreationistischen“ Schöpfungs- und dem „wissenschaftlichen“ Evolutionsglauben, der postmodern gar nicht denkbar ist, traditionell aber – insbesondere in der USA – erbittert geführt werden kann.

Der Phyologenese folgt die Ontogenese der Babys. Natürlich müssen sie unglaublich viel lernen, aber das gehört eher in die Psychologie; philosophisch ist alles schon fertig und zum Greifen nahe. Das Subjekt existiert, nimmt die Objekte wahr und muß nur noch lernen, wie sie genannt werden.

Rein philosophisch reduziert sich die Ontogenese somit auf das Bennnen der Objekte. Das entspricht haarscharf der Bibelstelle, in der Adam den Tieren Namen gab.

 

Ich habe allergrößte Achtung vor den Menschen, die vor über zweieinhalb tausend Jahren zu so einer geistigen Abstraktion in der Lage waren. 

Heute könnte und sollte man jedoch sehen, daß mit einem solchen Denken aber auch gar keine entscheidende Frage beantwortet wird. Alles, was für unser Leben wichtig ist, wird in die Phylogenese abgeschoben und auf die sinnleere Alternative „entweder Schöpfung oder Evolution“ reduziert; danach kommt nur noch das Lernen von Vokabeln.

Mit Verlaub, das ist Schwachsinn.

Wir wollen es besser machen, und ich komme dazu auf unseren obigen Satz „Die Babys werden größer und lernen sehr viel; für uns ist entscheidend, wie dieses Lernen erfolgt“ zurück.

 

Es geschieht dadurch, daß mit den Kindern gesprochen wird und sie ihre Verstehungen teilweise glauben. So entsteht allmählich eine kleine subjektive Welt. Natürlich bei jedem Kind ein wenig anders; dem einen wird dieses erzählt, und dem anderen jenes.

Wovon hängt ab, was angenommen bzw. abgelehnt wird?

Von einem Vergleich der Verstehungen mit der objektiven Wirklichkeit?

Eine bejahende Antwort ist ausgeschlossen, wenn wir uns der traditionellen Aufspaltung der Genese in Phylo- und Ontogenese verweigern, weil dann keine Seienden vorhanden sind, mit denen wir unsere Verstehungen vergleichen könnten.

Nicht nur die Kinder, sondern auch wir Erwachsenen haben also lediglich die Möglichkeit, diese Verstehungen mit jenen zu vergleichen und abzuwägen, was uns als passabler erscheint. 

 

Daran daß jeder Mensch seine subjektiven Erfahrungen macht und auch nur machen kann, ändert sich das ganze Leben nichts. Es ist folglich eine Selbstverständlichkeit, daß jeder sprachbegabte und halbwegs gesunde Mensch seine subjektive Welt besitzt.

AD: „Ich dachte, Sie wären Physiker . . .“

Eben! Ich

– weiß, daß seriöse Physiker gar nicht von der – objektiven oder subjektiven – Welt sprechen, und

– glaube auch keineswegs an eine Materie, die

– durch ewig-unveränderliche Naturgesetze bestimmt wird.

 

Sämtliche Einzelwissenschaften verstehen nichts von einer Welt, denn ihr Gegenstand sind (richtige oder falsche) Wissungen, die es nur innerhalb der Welten gibt.

Diese Wissungen können natürlich in verschiedenen subjektiven Welten übereinstimmen, wodurch eine partielle Intersubjekivität entsteht. Beispielsweise Physik zu studieren

– heißt somit, in die Wissungen der physikalischen Intersubjektivität eingeführt zu werden, und das

– hat

  — weder etwas mit Objektivität

  — noch mit einer Welt und

  — schon gar nichts mit einer objektiven Welt zu tun. 

 

Die Physiker der beginnenden Moderne haben nicht genauer hingeschaut als ihre mittelalterlichen Kollegen und dadurch festgestellt, daß die Erde in Wirklichkeit eine Kugel ist, sondern haben

– ihre offenen Fragen, Probleme oder Experimente

  — sowohl mit dem Modell einer Erdscheibe

  — als auch mit dem Modell einer Erdkugel

konfrontiert und dabei erkannt, daß

– zwar auch letzteres viele Schwierigkeiten bereiten wird, aber

– wahrscheinlich ein fruchtbareres Denkwerkzeug darstellt als das Scheibenmodell. 

 

Zusammengefaßt besteht mein Tip für „die wohlmeinenden, aber ehrlich überforderten Leser“ also darin, sich nicht von den leeren Behauptungen der Tradition beeindrucken zu lassen.

Sie gibt zu, daß die kindlichen Welten natürlich subjektiv sein müssen; freilich nur weil sie falsch sind.

Aber wann werden sie richtig und damit objektiv? Mit dem Abitur oder erst nach dem Studium? Natürlich sind diese Fragen dumm; ich weiß das, möchte aber betonen, daß dies nicht an mir liegt. Ich traue mich lediglich, die Fragen zu stellen, die sich als naheliegend aufdrängen, wenn man den traditionellen Ansatz ernstnimmt. 

Meines Erachtens geht es an dieser Stelle nur um Psychologie:

Irgendwann möchten fast alle Menschen erwachsen sein und damit die Seiten wechseln; nicht mehr die Fragen stellen, sondern beantworten. Wer so gestrickt ist, kann natürlich nicht zugeben, daß seine Welt „nur“ subjektiv ist. Also wird er sie „objektiv“ nennen und seinen eigenen „Wechsel“ von der einen Welt zur anderen verdrängen; „der Rubikon ist überschritten“.    

 

Die traditionellen Kritiken an der Postmoderne zielen zumeist in die folgende Richtung:

„Wenn jeder von uns seine subjektive Welt hätte und ihr entsprechend leben würde, müßte das Chaos ausbrechen.“

Das ist ein „Argument“ der Form „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf . . .“ und muß somit nicht ernstgenommen werden.

Im Gegenteil; für alle Menschen, die nicht davon ausgehen, daß wir im Chaos versinken, beweist unser Zustand, daß die Warnung falsch ist. Nun kann man gewiß darüber streiten, ob das Chaos bereits ausgebrochen ist; aber auch jene, die dies bejahen, wissen nicht weshalb.

Spekulationen helfen uns nicht weiter, Lügen aber ebenfalls nicht:

Wir sollten also endlich dazu stehen, daß

– wir alle und

– immer schon

„nur“ über eine subjektive Welt verfügen und endlich damit aufhören, uns gegenseitig sowie selbst zu belügen.

Vielleicht wäre das der gegebenenfalls notwendige Weg aus dem Chaos.