3. Kritik des traditionellen Denkens der Moderne

Der Vollständigkeit und Systematik wegen haben wir bisher sowohl die immanenten nicht-materiellen als auch die transzendenten Seienden mit berücksichtigt; beispielsweise Gerechtigkeit und Schönheit in der Welt oder Gott und den Teufel in der Überwelt. Bei diesem dritten Teil beschränken wir uns jedoch auf die materiellen Seienden des physikalischen Kosmos.

Zum einen kann ich mich dann häufig unkomplizierter, aber trotzdem verständlicher ausdrücken, indem wir beispielsweise einfach von der Materie sprechen, und zum anderen will ich Sie überzeugen, daß keinerlei Seiende existieren. Wenn mir das bei Sonne, Mond und Sternen gelingt, glauben Sie mir vielleicht ohnehin, daß es auch keine ideellen Seienden gibt.

 

Sämtliche Seienden befinden sich außerhalb der Psyche und können dadurch prinzipiell nicht gewußt werden.

Die Tradition ignoriert letzteres; für sie sind die Seienden wißbar oder bilden das potentiell Gewußte. Zum aktual oder wirklich Gewußten werden sie dadurch, daß wir sie wahrnehmen, das heißt, als sinnliche Abbilder in unserer Psyche darstellen.

Wegen dieses Widerspruchs sprechen wir von einer Hinterwelt: Die Tradition weiß angeblich, was sie ihren eigenen Voraussetzungen zufolge unmöglich wissen kann.

Die Postmoderne löst diesen Widerspruch oder ist nicht mehr hinterwäldlerisch, indem sie ausnahmslos alle Seienden streicht

Ganz deutlich formuliert, damit tatsächlich sämtliche Mißverständnisse ausgeschlossen sein sollten, heißt das:

– Aus unserer postmodernen Sicht existiert kein seiender Gott,

– aber ebenso natürlich auch kein seiender Kosmos.   

Meine Aversionen beziehen sich nicht auf die Transzendenz, sondern auf die Hinterwelt

 

Entsprechen die Abbilder ihren Urbildern, müssen sie in den verschiedenen Psychen auch untereinander übereinstimmen und damit intersubjektiv sein.

Die inadäquaten „Abbilder“ sind zwar keine Ab-, sondern lediglich Trugbilder, gehören aber dennoch unserer Psyche an.

Das führt wieder zu meinem Igel-Problem:

Wie sollen wir die Ab- von den Trugbildern unterscheiden, wenn sich die Seienden außerhalb der Psyche befinden und uns dadurch prinzipiell nicht zugänglich sind?

 

Natürlich existieren ungezählte „Sonder-Bilder“, denn nicht hinter allen Wahrnehmungen stehen Seiende, so daß sie weder Ab- noch Trugbilder darstellen können. Die wenigsten Menschen werden Lichtreflexe, Regenbögen, Schatten, Strömungen, Strudel oder ähnliches in diesem Sinne verstehen.

Aber behaupten läßt sich die Existenz von Seienden natürlich immer; weshalb sollte gerade jene Spiegelung dort keine Abbildung darstellen?

AD: „Weil sie im nächsten Augenblick schon wieder weg ist.“

Also sind Blitze, Explosionen, Meereswellen oder Wirbelstürme auch keine Seienden?

 

Diese Gedanken nehmen wir konstruktiv in unsere Kritik auf:

Die Existenz von Urbildern als Basis unserer Wahrnehmungen

läßt sich nicht nur stets behaupten – auch wenn sie nicht vorliegt –, sondern

wird immer lediglich behauptet – und liegt nie vor.

Es gibt keinerlei Seiende; hinter Baum-Wahrnehmungen ebensowenig wie hinter den zugehörigen Schatten-Wahrnehmungen.

Wir bestreiten natürlich weder die einen noch die anderen Wahrnehmungen; ansonsten könnten Sie mein Buch mit Recht als „Unsinn“ zur Seite legen. Aber ganz so einfach mache ich Ihnen einen gerechtfertigten Aussstieg doch nicht. Ich leugne nur die Existenz der Hinterwelten, die Sie ebensowenig erleben wie ich (aber möglicherweise noch glauben).

Daß wir damit (im vierten Teil) vor der Aufgabe stehen, sowohl die Baum- als auch seine Schatten-Wahrnehmungen ohne urbildliche Bäume bzw. Schatten erklären zu müssen, versteht sich von selbst. 

 

AD: „Beim Schatten muß ich ihnen widersprechen.

Die Tradition benutzt den Ur-Baum natürlich primär, um unsere Baum-Wahrnehmungen zu erklären. Aber zugleich lassen sich doch mit ihm durch seine Unterbrechung der Ur-Lichtstrahlen auch die Baumschatten-Wahrnehmungen verstehen.“

Nein; das wäre meines Erachtens ein, freilich sehr weit verbreiteter, Denkfehler:

 

Wir erklären kausal, daß der Baum einen Schatten wirft; das ist Naturwissenschaft.

Auf dieser Ebene läßt sich freilich auch der Baum selbst verstehen; er wurde einmal gepflanzt, ist tüchtig gewachsen und dominiert jetzt den Garten.

 

Das interessiert die Philosophie beides nicht; sie will nicht kausal, sondern prinzipiell erklären; sie sucht hinreichende Gründe, aber keine notwendigen Ursachen.

Werden diese beiden Ebenen vermischt, indem wir vom Ur-Baum zum Baum philosophisch denken und von diesem zu seinem Schatten physikalisch, entsteht ein einziges Tohuwabohu, das mit Denken nicht mehr viel zu tun hat.     

Den entsprechenden theologischen Kagorienfehler begehen traditionell eingestellte Gläubige, wenn sie beispielsweise Krankheiten oder Kriege als Strafe Gottes ausgeben und diesen dadurch auf der Ebene eines Virus bzw. Machthabers verorten.

 

Da die Tradition an den physikalischen Kosmos als eine (erfundene) Hinterwelt glaubt, steht sie vor dem gewaltigen Problem, daß wir Subjekte

– gemessen an diesem Kosmos einerseits pure Nichtse sind,

– andererseits aber in unserem Leben einen Sinn suchen (müssen).   

Ich bezweifle ernstlich, daß sich dieser Widerspruch „Sinn tragender Nichtse“ auflösen läßt. Er resultiert einfach daraus, daß von der Tradition

auch das großartigste Innen als unwirklich erachtet und damit

dem zwar toten, aber dennoch als wirklich geltenden Kosmos untergeordnet wird.

 

Mir sind hingegen meine Wünsche, Sorgen, Hoffnungen oder Freuden wesentlich wichtiger als alle Schwarzen Löcher, Roten Riesen, Weißen Zwerge und farbigen Quarks zusammen.    

Meine Bauchschmerzen sind zwar „nur“ subjektiv, aber trotzdem wirklich, weil sie mir nahegehen oder mich betreffen.

Daß der Pluto fünf Monde besitzt, ist (möglicherweise) richtig, hat aber mit meinem Leben auch nicht das Geringste zu tun. Was wäre daran anders, wenn er nur vier hätte? Bekäme ich dann Bauchschmerzen?

 

Die Seienden sind zwar widersprüchlich, aber wir können sehr wohl nachvollziehen, wie die Tradition trotzdem auf die Idee ihrer Existenz kommen konnte:

Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung läßt sich gewiß am einfachsten erklären, wenn wir sie als Abbild einer Ur-Sonne verstehen.

Das überzeugt mich aber gar nicht, denn mit dem gleichen Recht könnten wir auch argumentieren:

Meine unbestreitbare Sonnen-Wahrnehmung wäre ausgeschlossen, wenn ich nicht leben würde; mit dieser Logik müßten wir sie an mein Leben binden.    

AD: „Ich verstehe; für Sie sind die Wahrnehmungen grund-legend wichtig, weil bei ihnen noch offen ist, nach welcher Seite sich das Wirklichkeits-Bild entwickelt; etweder zur objektiven Welt hin oder zu meinem subjektiven Leben.“

 

Die Tradition will ersteres; sie möchte wissen, wie es „wirklich“ oder für den Nous ist; dann sind wir natürlich pure Nichtse im Kosmos. Das führt zu einer entsprechenden Philosophie, die sich maßgeblich in der modernen Physik fortsetzt.

 

Postmodern bestreiten wir den Kosmos nicht, sondern sagen lediglich, daß er ohne uns nicht möglich wäre; aus den Seienden an sich werden Aktanten für uns.

Damit ändern wir die Form oder Struktur des Kosmos nicht im geringsten; ich habe doch keinerlei Schwierigkeiten mit der modernen Physik oder deren Gesetzen. Natürlich mit ihrer traditionellen Interpretation, derzufolge unsere Physik von einer bloßen Hinterwelt handeln müßte.

Das tut sie natürlich nicht; in ihr kommen nur Wissungen vor, die – wie immer bei uns – keinerlei Referenten besitzen und damit insbsondere auch keine – als Seiende – in der Hinterwelt.

 

Wir haben bisher immer nur den einen Widerspruch der Tradition betrachtet, daß ihre Seienden

sich außerhalb der Psyche befinden und 

– trotzdem erfahren, wahrgenommen, erkannt oder gewußt werden können.

Es gibt jedoch noch einen zweiten, ebenso eklatanten Widerspruch:

 

Die Tradition betrachtet die Seienden – all unserem Handeln zum Trotz – im Kern als vorgeben und damit als unverfügbar.

Würde das stimmen,

könnten wir absolut nichts tun, denn wir handeln ja der Tradition zufolge notwendigerweise an Seienden, und damit

wäre Freiheit ausgeschlossen.

Ich kann mir dieses hanebüchene Vorurteil nur so erklären, daß ursprünglich die Himmelskörper als Paradebeispiele der Seienden galten; fremde Galaxien sind uns ja heute noch unverfügbar vorgegeben. Beim Mond stimmt dies jedoch bereits nicht mehr; wir haben ihm zum Beispiel schon Bodenproben entnommen.

 

Die Grenze zwischen Verfügbar- und Unverfügbarkeit der Seienden verschiebt sich also zugunsten der ersteren.

Die Bodenproben stammen selbstverständlich vom Ur-Mond, und im Fernsehen konnten wir Abbilder ihrer Entnahme verfolgen.

Sind die Seienden nicht mehr „ewig“ oder unverfügbar, erhebt sich natürlich die Frage, was sie – außer ihrer unselig-hinderlichen Verdopplung in Ur- und Abbild – überhaupt noch von Aktanten unterscheidet.