3.1. Von der objektiven Welt der Seienden zur subjektiven Welt der Aktanten

Der Übergang vom Mittelalter zur Moderne hat das traditionelle Denken kaum berührt. Die Erde beispielsweise blieb objektiv-real, und es wurde lediglich aus der wirklichen Scheibe eine wirkliche Kugel.

Nun dürfen wir uns freilich nicht vorstellen, die Physiker der beginnenden Moderne hätten das alte Trugbild der Erdscheibe mit der objektiv-realen Erde verglichen, den bisherigen Fehler erkannt und daraufhin das falsche Scheiben-Bild durch das richtige Kugel-Bild ersetzt. 

Das ist ausgeschlossen, weil es keine objektiv-reale Erdkugel gibt. Schon zu Beginn des ersten Teils hatten wir gesehen, daß sich die Dreckkugel, auf der wir möglicherweise leben, prinzipiell nicht von einer Hohlkugel, in der wir ebenfalls leben könnten, unterscheiden läßt. Was soll dann die objektiv-reale Erde sein? 

 

Ich stelle mir das damalige Geschehen vielmehr folgendermaßen vor:

Galileo Galilei und seine Kollegen sind bei ihren Naturbeobachtungen auf eine wachsende Zahl von Schwierigkeiten gestoßen, wenn sie sich die Erde als eine Scheibe dachten. Es existierten gewiß mehrere Wege, um die sich ergebenden Probleme zu lösen; einer von ihnen bestand darin, das alte Erd-Modell zu korrigieren und es statt der Scheibe mit einer Kugel zu versuchen.

Bei einem solchen Umdenken kam der Unterschied zwischen Tradition und Postmoderne noch gar nicht vor.

 

Traditionell

– handelt es sich stets um unwirkliche  Modelle

von der objektiv-realen Erde als einem wirklich Seienden. 

– Die Modelle gehören – nicht der objektiven Welt, sondern – nur dem subjektiven Weltbild an,

– sollen sich im Verlaufe der Forschung immer stärker an die wirkkliche Erde annähern und

– werden im asymptotischen Grenzfall als deren adäquate Repräsentation ebenfalls „objektiv“.

 

Postmodern

sind unsere Modelle dagegen wirklich, denn

– sie besitzen kein Wovon bzw. keinen Referenten.

– Die Modelle können sich also weder auf etwas beziehen noch an etwas annähern; vielmehr

– bilden sie selbst die subjektive Welt und

– können somit gar nicht objektiv, sondern nur mehr oder weniger und damit partiell intersubjektiv sein.

 

An der soeben bereits wiederholten Stelle des ersten Teils hatten wir uns Bahnkurven von Himmelskörpern angeschaut und (hoffentlich) eingesehen, daß diese keine Seienden darstellen können.  

Verfolgen wir jedoch an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht. Ich bestreite also nicht ihn, sondern lediglich daß es sich dabei um ein Seiendes handeln soll, denn

– Seiende(b) existieren ohne den Nous gar nicht,

– Seiende(u) sind prinzipiell unerkennbar, und zudem

– weiß niemand, worin ihre Existenz bestehen sollte.

 

Sämtliche vernünftigen Gründe sprechen also dafür, alle Seienden zu streichen

Aber nichtsdestotrotz bewegt sich dort auf einer – sogar schon im Voraus unglaublich genau berechenbaren – Bahnkurve der Mond. Er ist kein Seiendes, sondern per definitionem (im Anschluß an Bruno Latour) ein Aktant.

 

AD: „Vielleicht sollten Sie nochmals ganz allgemein definieren, was wir darunter verstehen.“

Ja, gerne; Aktanten sind Wissungen oder Modelle; diese beiden Begriffe betrachten wir als synonym.

Als solche

– sind die Aktanten das Resultat unseres bisherigen Lebens und somit

– subjektiv bzw. partiell intersubjektiv, so daß sie sich

– (nur) zu einer subjektiven Welt formen können.

 

AD: „Ich glaube, so einfach geht das nicht.

Wissen bzw. Modelle sind rein geistig; traditionell stehen ihnen die wirklichen Seienden gegenüber. Es mag ja sein, daß zwischen beiden Seite stets etwas gemauschelt und nicht sauber genug unterschieden wurde.

Aber das ändert nichts daran, daß Geistiges

nicht unmittelbar, sondern

nur indirekt über uns wirken kann.

Wenn sich beispielsweise Seiende namens ‚Billardkugeln‘ stoßen und Sie machen aus ihnen Aktanten, müssen wir das Stoßen streichen, denn Wissen tut soetwas nicht.“

 

Ich bin überzeugt, daß es so einfach geht.

Betrachten wir als Beispiel den Alpha Centauri; das ist Wissen, ein Modell oder Aktant. Durch das Teleskop, wird erkenntlich, daß es sich bei ihm um ein Doppelsternsystem handelt. Wir können diesen Alpha Centauri also aus vier einzelnen Aktanten zusammensetzen;

– Sonne(1),

– Sonne(2),

– Wirken von Sonne(1) auf Sonne(2) und

– Wirken von Sonne(2) auf Sonne(1).

 

Nun wird vielleicht schon deutlich, wo ich hin will: 

– Wissen wirkt zwar nicht aufeinander, haben Sie gesagt,

aber daß das Wirken ein Wissen sein kann, werden Sie doh kaum bestreiten.

 

AD: „Wenn das Wirken ein Wissen ist,

muß dieses Wissen also im Umkehrschluß ein Wirken sein . . .

Warum war ich mir trotzdem so sicher, daß Wissen nicht wirken kann?“

Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir beachten, daß sich der Wissens-Begriff beim Übergang von der Tradition zur Postmoderne radikal wandelt:

Das Wissen(t) ist Wissen von Referenten; dann ist klar, daß nicht das Wissen, sondern seine Referenten wirken.

Das Wissen(p) ist dagegen Wissen ohne Referenten; dann ist gar niemand anders mehr da, der wirken könnte, als das jeweilige Wissen selbst.

 

Ich hätte also deutlicher  schreiben müssen:

Wissen(t) wirkt natürlich nicht aufeinander,

aber wenn das Wirken kein Wissen(p) wäre, wüßten wir gar nichts davon.

 

 

Seiende Aktanten    
       
stabil stabil    
objektiv subjektiv    
an sich
für mich    
sind / existieren ich weiß    
können gewußt werden sind Wissen    
Referenten ————-    
wirken aufeinander wirken aufeinander    
+    
wirken auf mich wirken auf mich    

Abbildung 3.1.-1

 

AD: „Jetzt verstehe ich auch, was Sie oben zu Wittgensteins Sprachspielen sagten:

‚Wer nicht glaubt, daß der Eiffeltum in Paris steht,

– leugnet also keine objektive Realität, sondern

– verläßt unsere Sprachspiel-Gemeinschaft.‘

Bestimmte zusammengehörige (Gruppen von) Aktanten entsprechen der Intersubjektivität, auf die sich eine Sprachspiel-Gemeinschaft geeinigt hat.

Die Tradition begeht seltsamerweise immer wieder den Fehler, solche relativen, weil mentalitäts-, zeit- und ortsbedingten kontingenten Übereinstimmungen zu objektiven An-sich-‚Wahrheiten‘ zu verabsolutieren.“

 

AD: „Jetzt steht der Eiffelturm eben in Paris, aber theoretisch hätte sich die Sprachspiel-Gemeinschaft auch auf Rom verständigen können.“

Nein, das wäre ein grobes Mißverständnis! Absprachen im Sinne von bewußten Übereinkünften oder Beschlußfassungen sind, wenn überhaupt, bestenfalls als extreme Grenzfälle denkbar. Die Sprachspiele stehen der Wirklichkeit nicht als das andere gegenüber – wie dies traditionell die Sprache tut –, sondern bilden einen integralen Teil der einen und einzigen Wirklichkeit, die sich einheitlich entwickelt.   

Genau deswegen hat Wittgenstein die Sprachspiele eingeführt; er wollte damit die angebliche Unwirklichkeit der traditionellen Sprache korrigieren. Sprachspiele können nicht als deren Anwendungen verstanden, weil sie der Wirklichkeit angehören und ihr nicht gegenüberstehen. 

 

AD: „Ich glaube, Sie zu verstehen, erkenne aber noch nicht, wieso dieser prinzipielle Unterschied zwischen Aktanten und Seienden daraus resultieren soll, daß letztere als objektiv vorgegeben betrachtet werden, während die Aktanten nur subjektives Wissen sind.“  

Stellen wir uns vor, Sie frühstücken im Garten und sehen, wie der böse Hund des Nachbarn Ihre liebe Katze jagt.

 

H   →   K

 

Im Sinne der Tradition mit ihrem Glauben an Seiende ist diese Symbolik jedoch falsch.

Wir Menschen verfügen über ganz bestimmte, artspezifische Sinnesorgane und nur mit ihnen können wir wahrnehmen. Im Vergleich zu Fledermäusen, Bienen oder Maulwürfen wird sehr deutlich, daß all unsere Wahrnehmungen den Stempel „menschlich“ tragen. Wir sehen also niemals – neutrale Abbilder der – Urbilder, sondern immer nur „menschlich“ verfremdete und hätten deshalb besser schreiben sollen:

 

H(M)   →   K(M)

 

H(M) und K(M) bedeuten die Abbilder, die wir Menschen von Hunden H bzw. Katzen K sehen. Damit berücksichtigen wir den möglichen eigenen Beitrag zu all unseren Wahrnehmungen, von dem im ersten Teil bereits die Rede war. 

AD: „Das ist irre! Wir identifizieren die menschliche Wahrnehmung H(M) eines Hundes H mit dem Hund H und erklären jene damit zu einem Seienden. Warum eigentlich gerade die menschliche Wahrnehmung?“

Ja; wir schauen in den Spiegel und betrachten diese Wahrnehmung als ein adäquates Abild von uns. Das hatten wir bereits unter naivem Realismus eingeordnet. 

 

Die rechte Seite ist immer noch falsch, denn unsere Hundewahrnehmung H(M) rennt nicht unserer, sondern ihrer Katzenwahrnehmung nach, das heißt, demjenigen, was der Hund dort sieht, wo sich unsere Katzenwahrnehmung befindet.

 

H(M)   →   [K(M)](H)

 

Rechts geht es schwerlich weiter; Hundewahrnehmungen sind uns nicht zugänglich. 

Aber um die linke Seite ist es kaum besser bestellt: 

Dort steht, wie Hunde von Menschen wahrgenommen werden; das ist kein Problem und zeigt sich beim Spazierengehen.

Aber an die beiden Protagonisten dieser WahrnehmungenM und H – kommen wir nicht heran; selbst jedes M müßten wir doch durch M(M) {bzw. besser M(M) ?} ersetzen, weil wir auch uns selbst nur „menschlich“ wahrnehmen können.

Was ist ein Mensch M? Wo kommt überhaupt vor? 

 

Wir könnten diese Tiergeschichte weitertreiben; es wird immer komplizierter, je genauer wir nachdenken. 

Wie kann es zu diesem Chaos kommen?

Wir haben nur drei traditionelle Voraussetzungen ernstgenommen:

1. Es gibt Seiende, die sich aus Objekten und uns Subjekten zusammensetzen. 

2. Wir erkennen die Seienden teilweise in den Wahrnehmungen.

3. Diese bilden jedoch nicht neutral ab, sondern sind nachweisbar artspezifisch.

 

Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, welche dieser drei Prämissen aufgegeben werden könnte,

– um das angedeutete Chaos zu vermeiden und

– trotzdem noch innerhalb des traditionellen Denkmodells zu verbleiben.

 

Wir sind deshalb radikal und korrigieren postmodern:

1. Es gibt keine Seienden.

2. Dann muß und kann auch nichts erkannt werden.

3. Die Wahrnehmungen sind subjektiv und eröffnen jedem von uns seine eigene Welt.

 

AD: „Allmählich komme ich dahinter. Dann war Ihre obige Erklärung der Aktanten aber ein bißchen umständlich; wahrscheinlich, weil Sie uns wieder beim bisherigen Denken abholen wollten . . . Versuchen Sie es bitte noch einmal ohne diese Rücksichtnahme.“  

 

Dann würde ich vielleicht mit dem gleichen Satz beginnen:

Verfolgen wir an einem warmen Abend im Gras liegend die Bahn des Mondes, so läßt sich schwerlich leugnen, daß dort ein stabiler Mond seine Kreise zieht.

Damit sind meines Erachtens recht zwingend zwei Einsichten verbunden:

 

1. Der Mond ist ein Aktant.

Aktanten sind – wie Seiende – stabil und das bedeutet, daß sie unabhängig davon bestehen, ob wir aktual oder jetzt gerade an sie denken, sie wahrnehmen oder uns vorstellen.

Die letzte Zeile klingt vielleicht kompliziert ist es aber gar nicht.

 

Es gibt zwei Arten des Wissens; Wissungen und Begriffe. Das war natürlich ein weiterer Grund für unsere Einführung der Wissungen.

An ihnen können wir unter anderem Vorstellungen, Denkungen und Verstehungen unterscheiden. Was sie vereint oder gemeinsam zu Wissungen macht, ist ihre Eigenschaft, nur aktual oder im Jetzt möglich zu sein; wir wissen – im emgeren Sinne – Wissungen jetzt oder gar nicht.

Aber daß Madrid die Hauptstadt Spaniens ist, wissen wir – im weiteren Sinne – auch, ohne aktuell daran zu denken und damit über das Jetzt hinaus.

Diese Form des Wissens entspricht den unbewußten Begriffen; sie

– können in den Wissungen realisiert, aktualisiert oder bewußt werden,

– fungieren somit als potentielle Wissungen,

– sind für eine bestimmte Dauer über das Jetzt hinaus näherungsweise konstant,

– bilden einen Pool der Wissungen, der sich stets unbewußt im Hintergrund befindet und

– in dieser Form während der gesamten Dauer – bei unserem Beispiel in einem Alter von 8 bis 80 Jahren – gewußt wird.  

 

 

Vermögen  
Praktiken Präreflexionen Wissen  
    Wissungen Begriffe  
    – Vorstellungen – Aktanten  
    – Denkungen – Nicht-Aktanten  
    – Verstehungen    
  jetzt   dauernd  

Abbildung 3.1.-2

 

2. Die Mond-Wahrnehmung ist keine (verdoppelnde) Abbildung des Mond-Aktanten – auch beim Sehen nicht –, sondern dessen (einspurige) aktuale Bestätigung.

Wegen ihrer Stabilität müssen die Aktanten Begriffe sein; aber das ist keine Gleichsetzung:

Es gibt Begriffe, die wir glauben, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist; Krokodile und Drachen beispielsweise. Wenn Sie mich fragen, ob ich an den Klapperstorch glaube, aktualisieren Sie diesen Begriff bei mir; auch nicht-glauben kann ich also nur, was ich weiß.

 

Begriffe zu glauben, bedeutet, daß wir

nicht nur „ja“ zu ihnen sagen, sondern daß wir

– sie an der von uns vorgesehenen Stelle unserer subjektiven Welt einordnen.

Die Aktanten-Wahrnehmung ist damit – im Gegensatz zur Aktanten-Wissung – der nachweisbar aktualisierte Aktant.

 

Der Aktant namens „Sonne“ beipielsweise

– entspricht einem geglaubten Modell oder Begriff,

– besteht aus Materie – vorwiegend Wasserstoff und Helium –,

– ist sehr heiß, zieht die Erde an und kann zu Hautkrebs führen.

 

AD: „Also befinden sich die Aktanten auch nicht wie die traditionellen Wissungen in der Psyche?“

Natürlich nicht; ohne die Seienden gibt es kein Abbilden mehr und damit entfällt die Psyche ebenfalls, die ja als das zugehörige Organ erfunden worden war. 

 

Die traditionelle Wissung namens „Sonne“

wird nicht gewußt, sondern

weiß die oder von der Sonne und

kann nicht heiß sein.

 

Die postmoderne Wissung namens „Sonne“

wird gewußt, denn sie

weiß weder die noch von der Sonne und

ist heiß.

 

AD: „Es wird allmählich besser . . .; aber eine Frage hätte ich doch noch:

Sie sagten oben, daß wir nur aktual oder jetzt wissen – im Sinne von vorstellen, denken oder verstehen – könnten. Aber ich erinnere mich auch sehr genau daran, was ich gedacht hatte, als ich meine Frau zum ersten Mal sah; und das liegt schon lange zurück.“   

Das ist wieder die gleiche Problematik, die wir soeben schon hatten.

Auch Wissungen von Früher kann es nicht geben, da die Wissungen keinerlei Referenten besitzen.

Sie erinnern sich also nicht – im „jetzigen Jetzt“ – an ein „früheres Jetzt“, sondern verwirklichen jetzt eine Wissung als (ein Teil des) Früher, innerhalb dessen es natürlich kein Jetzt geben kann