Der physikalische Kosmos besteht aus diskreten Seienden; sie sind also getrennt oder unabhängig voneinander. (Felder und ähnliches vernachlässigen wir der Einfachheit halber, damit das entscheidende Ergebnis möglichst deutlich hervortritt.)
Als Subjekte gehören wir selbst diesen Seienden an, was Probleme mit sich bringt, die jedoch – für mich unverständlicherweise – weitestgehend übersehen werden.
Um sie zu verstehen, führen wir den Begriff der Relation oder Beziehung ein und unterscheiden zwischen realen sowie konstruierten Relationen.
Das „real“ soll anzeigen, daß die ersteren Beziehungen tatsächlich existieren; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.
Ihr Größenverhältnis gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt den beiden Körpern nicht wirklich zu und berührt sie gar nicht, sondern wird lediglich von außen an sie herangetragen.
Daß Seiende diskret oder unabhängig voneinander sind, bedeutet, daß zwischen ihnen beliebig viele konstruierte Relationen bestehen können, aber keine realen; dann wären sie ja nicht mehr getrennt voneinander.
Nach diesen begrifflichen Klarstellungen kommen wir endlich zur Sache:
Erde und Mond sind
– physikalische Seiende, aber
– keine philosophischen.
Die Massenanziehung verhindert, daß die beiden unabhängig voneinander und damit philosophische Seiende sind.
Wegen der Wechselwirkung zwischen Erde und Mond haben wir philosophisch nicht zwei oder drei Seiende vorliegen, sondern genau ein Seiendes, nämlich die Einheit von allem – { Erde + Wechselwirkung + Mond }.
Das hat sehr viel mit uns als den traditionellen Subjekten zu tun, weil es – physikalisch – keine Sinneswahrnehmung ohne Wechselwirkung gibt; wir müssen uns also entscheiden:
Die Tradition versteht uns als philosophische Seiende; dann muß sie alle Wechselwirkungen und damit auch Wahrnehmungen streichen, und wir wären blind, taub, gehör- sowie tastlos.
Insbesondere hätten wir also auch keinen Zugang zu unseren Mit-Subjekten – und würden ganz allein oder perfekt isoliert leben. „Leben“ ist gut; wir könnten weder essen noch trinken oder uns setzen . . .
Zwischen
– dieser Isolation von meinen Mit-Subjekten und
– deren Nicht-Existenz
besteht natürlich kein Unterschied, der einen Unterschied macht.
Theoretisch macht die Tradition uns also zu Solipsisten, was sie jedoch praktisch dann gleich wieder vergißt.
„Solipsismus“ kommt von „solus“, „allein“ und bezeichnet eine philosophische Richtung, in der ich mich als einziges Subjekt überhaupt verstehe; wäre ich Solipsist, würde ich also auch Ihre Existenz bestreiten. Nein; ich könnte sie nicht einmal bestreiten; was es logischerweise gar nicht geben kann, läßt sich auch nicht bestreiten.
Das erscheint Ihnen gewiß als absurd; soweit ich weiß, gibt es jedoch bisher innerhalb des traditionellen Denkens kein überzeugendes Argument gegen den Solipsismus.
Die großen traditionellen Denker in Antike und Mittelalter haben dieses Problem ihrer Philosophie natürlich ebenfalls erkannt. Um es zu lösen, erfanden sie den Nous. Er ist kein Seiendes und folglich auch nicht wie wir mit Blindheit geschlagen; da der Nous also nicht zur Welt gehört, kann er sie von außen schauen, so daß alles rund und stimmig wird.
Wir haben in diesem Abschnitt zwei Arten von Seienden unterschieden; die philosophischen und die physikalischen.
Analog dazu hatten wir im ersten Teil bereits von bestimmten bzw. unbestimmten Seienden gesprochen.
Versuchen Sie sich bitte zu verdeutlichen, daß diese beiden Einteilungen übereinstimmen; die philosophischen sind die bestimmten, und die physikalischen die unbestimmten Seienden.