3.7. Exkurs: Markus Gabriel als Naiver Realist

Dieses Kapitel enthält einen (leicht abgeänderten) Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung von Bruno Latours Denken durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin möglicherweise beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung; auch Gabriels Mißgriff würde dies nicht rechtfertigen.

Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dient, und zum anderen um diesen dritten Teil mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.

 

Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:

„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:

Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“

 

An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat 100%-ig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, der den fundamentalen Unterschied zwschen zwei Arten von Wirklichkeit – nämlich „ewigen“ Seienden und erfundenen Aktanten – nicht sehen kann oder will.

Ich werde versuchen, meine Argumentation und Verteidigung Latours – obwohl sie nur rein philosophisch ausfallen kann – ohne Fach-Chinesisch hinzubekommen.

 

Wir haben alle irgendein spezielles subjektives Weltbild. Rein assoziativ beziehen wir das zumeist allein auf die Immanenz; um diese unnötige Vernachlässigung der Transzendenz zu vermeiden, sprechen wir im weiteren besser von unserem Wirklichkeits-Bild.

Die meisten Menschen sind überzeugt, daß das ihrige wahr oder zumindest richtig ist. Das postmoderne Denken geht hingegen davon aus, daß diese Annahme

– nicht nur nicht überprüfbar, sondern

– völlig sinnleer ist, wei es keine objektive Wirklichkeit und damit auch

– weder ein wahres bzw. unwahres noch ein richtiges resp. falsches Bild von ihr geben kann.

 

Aber selbst diese Aussage, die Sie gewiß als eine ziemliche Zumutung erfahren, können wir vollkommen auf sich beruhen lassen. Als Prämisse für unsere Überlegungen genügt,

– daß wir subjektiv über ein bestimmtes Wirklichkeits-Bild verfügen,

– uns an ihm orientieren und

– orientieren müssen, weil die Alternative dazu nur in einem anderen Wirklichkeits-Bild bestände.

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen, die meines Erachtens ebenso weitreichend wie zwingend sind:

 

Zum einen können wir alles wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben beispielsweise –, was uns im Rahmen des eigenen Wirklichkeits-Bilds möglich ist. Hexen oder Schamanen etwa, die dem ihrigen zufolge fliegen können, werden das wahrscheinlich auch versuchen.

Die Wirklichkeit selbst bestimmt dann darüber, ob das Wollen zum Erfolg führt – aber das muß uns, wie bereits gesagt, schon nicht mehr interessieren.

 

Zum anderen können wir nichts wollen – tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben –, was in unserem Wirklichkeits-Bild gar nicht enthalten ist;  tolen zum Beispiel.

„Ich weiß doch gar nicht, was das sein soll“, möchten Sie vielleicht einwenden. Aber genau das meine ich ja: Das Wort „Tolen“

– besitzt keine Bedeutung, und

– deswegen wissen wir alle nicht, was das sein soll,

weil es in unserem Wirklichkeits-Bild nicht vorkommt

Bei dieser zweiten Konsequenz spielt die Wirklichkeit gar keine Rolle. Was wir nicht wissen, können wir auch nicht wollen.

 

Nach dieser Theorie zurück zum Thema.

Wir betrachten einen Patienten aus dem Jahre 2018, der sich miserabel fühlt, zum Arzt geht, von diesem untersucht wird und möglichst geholfen bekommen möchte. Noch kommt in keinem Wirklichkeits-Bild Covid vor, so daß eine entsprechende Diagnose unmöglich ist.

 

Der Patient könnte jedoch trotzdem Covid haben, denken Sie möglicherweise gemeinsam mit Gabriel; Latour und ich bezeifeln das.

Um dies nachvollziehen zu können, unterscheiden wir zwei prinzipiell verschiedene Arten von Wirklichkeit.

 

Die eine hängt mit unserem Leben zusammen, kann also auch bei Babys oder Tieren vorkommen und hat nichts mit irgendwelchen Theorien zu tun; nennen wir sie deswegen „Leibhaftigkeit des Lebens“.

Damit meine ich, daß es unserem Patienten schlecht geht, Freude und Leid unser Leben prägen, Geburt und Tod fundamental sind, Menschen einander lieben oder hassen und an Götter glauben können – aber all das nicht so, wie es unsere Theorien repräsentieren, sondern so, wie wir es erfahren und insbesondere die Kunst darstellt oder beschreibt.   

Die Leibhaftigkeit des Lebens ist ungeschichtlich und war schon zu Zeiten von Ramses II die gleiche wie heute.

 

Die zweite Wirklichkeit oder Reflexion des Lebens wird von – wissenschaftlichen oder unwisenschaftlichen – Theorien konstruiert, existiert somit erst nach deren Erfindung, und wir projizieren sie aus unserem Bewußtsein heraus in die – oder besser: als – Welt.

Hierzu gehört Latour zufolge insbesondere die gesamte Naturwissenschaft mit dem Mycobacterium und Covid 19.

 

Ohne die Leibhaftigkeit des Lebens wäre seine Reflexion nicht möglich; aber diese bildet weder eine Beschreibung noch Wissen von jener, wie die uns fremden Kulturen mit ihren anderen Reflexionen beweisen.

Schmerzen und Orgasmen existieren seit Menschengedenken, denn sie gehören zur Leibhaftigkeit unseres Lebens; zehndimensionale Spinor-Räume müssen dagegen erst von Menschen erdacht werden, um vorhanden sein zu können.

 

Das waren eindeutige Beispiele; zumeist ist die Zuordnung schwieriger:

Die Gallenkolik gehört zum Medizin-Studium und damit zur Reflexion.

Interessieren wir uns nicht für diese Theorie und haben nur die leibhaftigen Schmerzen vor uns, gibt es „Gallenkoliken“ schon immer, aber es waren natürlich keine Gallenkoliken.

Die weibliche Eizelle wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckt; zuvor ging der Embryo vollständig aus dem Vater hervor, und die Mutter stellte lediglich den geschützten Raum für seine Entwicklung zur Verfügung. Deswegen stand auch Jesus‘ natürliche Geburt seiner Gottessohnschaft absolut nicht im Wege.

Die Reflexionen ändern sich; die Leibhaftigkeit ist immer die gleiche – läßt sich aber ohne Reflexion nicht greifen. Hans-Georg Gadamer abwandelnd könnten wir sagen:

„Wirklichkeit, die verstanden wird, ist Reflexion.“ 

 

Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten – im Rahmen seines eigenen Wirklichkeits-Bilds – vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun hat.

Das war im Mittelalter eben noch ganz anders. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich für viele Menschen als hinreichend einleuchtend, stimmig und widerspruchsfrei. Deswegen glaubten fast alle die dämonische Besessenheit, so daß sie doch „objektiv richtig“ war.

Daraus wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen.

Was es wirklich ist – die Gabriel-Frage nach der objektiven Wirklichkeit –, stellt ein Scheinproblem dar, weil die Leibhaftigkeit als solche nicht verstanden, gedacht oder gesagt werden kann.

Dazu benötigen wir erst eine Reflexion, und die ist stets auf 1000 Arten möglich.

Aufgrund unseres historischen Wissens wäre Besessenheit heute zwar möglich, aber für die meisten Menschen sehr unglaubwürdig.

Im Mittelalter war Corona noch nicht einmal möglich, weil es – im Gegensatz zur Besessenheit – noch keiner erfunden hatte.

 

Das  Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht aus mindestens zwei Gründen nicht:

Zum einen hat man die dämonische Besessenheit im Mittelalter bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Daß andere Menschen anders denken muß gar nichts mit ihrer Intelligenz zu tun haben. Besteht überhaupt ein Zusammenhang, ist völlig offen, welche Form er besitzt. 

Zum anderen hätte man die Viren damals – auch mit Mikroskop – keinesfalls sehen können, weil sie dem Wirklichkeits-Bild nicht angehörten.

 

AD: „Aber wir können doch auch etwas sehen, was wir noch nicht wußten; einen neuen Planeten unseres Sonnensystems beispielsweise.“

Dann kannten wir diesen speziellen Planeten noch nicht, aber „Planeten“ war bereits ein alter Begriff; das ist dann eine Entdeckung.

Sie wurde jedoch nur dadurch möglich, das der Begriff des Planeten zuvor bereits erfunden worden war; keine Entdeckung ohne Erfindung