Das waren sehr viele Zitate; sie sollten die Richtung andeuten, in die wir uns bewegen werden, und Ihnen damit eine Entscheidung ermöglichen, ob es sich eventuell lohnen könnte, mein Buch zu lesen.
Haben Sie keine Sorge, daß es in diesem Stil – also auch ein wenig langweilig und ermüdend – weitergeht. Ganz im Gegenteil; ich versuche, selbst zu denken, finde das unheimlich spannend, weil man möglicherweise gezwungen wird, einen völlig unbekannten Weg in geistiges Neuland zu wagen, und lade Sie ein, mich dabei zu begleiten.
Wenn Sie Fehler finden, hat sich das Thema für Sie höchstwahrscheinlich erledigt. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich kurz auf die entsprechenden Schwachstellen hinweisen würden. Ich danke Ihnen schon im Voraus und bitte um Entschuldigung für mein Versehen.
Unter Fehlern verstehe ich insbesondere logische Widersprüche, fehlende Denkmöglichkeiten und ungerechtfertigte Annahmen jeglicher Couleur, also nicht nur wissenschaftliche, sondern auch weltanschaulich-religiöse oder alltägliche.
Keinen Fehler bedeutet es freilich, gegen den Strich zu denken oder vom Zeitgeist mit seinen Plattitüden abzuweichen, von dem also, was „man sagt“ oder „jeder weiß“. Solche „Selbstverständlichkeiten“ interessieren mich nicht im geringsten.
Dabei darf es natürlich nicht um das Widersprechen als Selbstzweck gehen, wie wir es heute in unserer Gesellschaft – mit nahezu beliebigen Begründungen oder auch ganz ohne sie – tagtäglich erleben. Entscheidend ist lediglich, daß Unsinnigkeiten auch dann zu vermeiden sind, wenn sie von vielen Menschen geteilt werden und somit – gewissermaßen als ideologisches Bekenntnis – einem beliebigen Gruppen- bzw. Korpsgeist entsprechen, wie wir ihn von Diktaturen oder „verschworenen Gemeinschaften“ kennen.
Bloße Ansichten sind belanglos, und eine „Meinungsfreiheit“, derzufolge schließlich jeder sagen darf, was er „denkt“, ist keine Errungenschaft der Demokratie, sondern zerstört sie. Meinungs-Freiheit setzt Meinungs-Bildung im engeren Sinne voraus, und ohne diese wäre es häufig besser, auf jene zu verzichten.
Die meisten von uns können es sich heute kaum leisten, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, belanglos oder sinnleer herausstellt.
Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst oberflächlich, belanglos und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung und Tips vom Baumarkt oder Finanzberater lesen.
(„Tips“ stimmt; ich halte mich an die alte Rechtschreibung, denn sie wurde gerade überarbeitet, als ich endlich einigermaßen sicher darin war. Die vorreformerische Orthographie ist offiziell auch für Bücher gestattet; sie muß nur konsequent von gestern sein, und dem versuche ich nachzukommen.)
Zahlreiche prominente Wissenschaftler deuten unser Zeitalter als das Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde mitbestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge, Seebeben oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.
Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit den meisten anderen Menschen gegenüber leben zu können und mich nicht nur schämen zu müssen.
Simpel ausgedrückt möchte ich etwas zurückgeben.
Obwohl ich seit bald 50 Jahren über den Inhalt des Buches nachdenke, gelingt mir leider immer noch keine leicht verständliche Darstellung, so daß Ihnen die vorliegende gewiß einige Mühe abverlangen wird. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.
Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß
– meine Gedanken zum einen sehr ungewohnt sind, weil ich mich nicht von ihrer Exotik verunsichern lasse, sofern sie mir als richtig oder gar relativ zwingend erscheinen, und
– es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden.
Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen,
– entweder möglichst jeden Schritt innehalb seiner Grenzen als folgerichtig zu erkennen und dann auch – wenn es sein muß zähneknirschend – mitzugehen
– oder ihn aus guten Gründen abzulehnen.
Gute Gründe können freilich nur Gegenargumente, aber nicht widersprechende Meinungen sein. „Ich sehe das anders“ ist nicht nur kein guter Grund, sondern gar keiner. Weshalb sehen Sie es trotz meiner Argumentation anders?
Zu unserem Anthropozän gehört ganz wesentlich, daß ein gemeinsames sauberes Denken weitestgehend fehlt. Das war wohl „schon immer“ so; aber in einer monolithischen oder autoritätsgläubigen Gesellschaft ist eine geistige Beweglichkeit für das Zusammenleben wohl auch nicht unbedingt erforderlich. Die vor uns stehende (zum Glück) pluralistische Epoche kann ohne seriöse geistige Auseinandersetzungen jedoch nur friedlos werden, weil die unaufhebbaren Differenzen dann eben anders ausgetragen werden müssen.
„Und willst du nicht mein Bruder sein, . . .“
Ein „ja, aber . . .“ hilft beim Denken nicht weiter; entweder „ja“ oder „nein“; tertium non datur, denn jedes Dritte wäre nur ein fruchtloses Rumgeeiere.
Beim Denken; im Leben ist das zumeist ganz anders.
Weder glaube ich an die Logik, noch bildet sie für mich das Nonplusultra (wie mir mitunter vorgehalten wird); alles Wichtige im Leben oder das, was uns zu Menschen macht, transzendiert die Logik. Damit wird es jedoch keineswegs unlogisch, sondern befindet sich als Alogisches jenseits der logischen Dimensionen – aber damit freilich auch jenseits von richtig oder falsch.
Das bedeutet, daß wir das Entscheidende useres Lebens nicht wissen, aussagen oder bezeichnen, sondern höchstens beschreiben und darstellen können. Darin besteht nicht zuletzt die Aufgabe der Kunst, die also ebenso alogisch ist wie unser Leben. Sie kann letzteres auch tanzen, malen, singen, vertonen oder in Stein meißeln, dies aber weder richtig noch falsch tun, sondern vielleicht ausdrucksstark, überzeugend, mitreißend oder einfach schön.
Wer jedoch nicht „nur“ – mehr oder weniger treffend – beschreiben bzw. ausdrücken, sondern einen Anspruch auf Richtigkeit erheben möchte, muß logisch sauber arbeiten, denn andernfalls kann seine „Aussage“ nicht nur nicht richtig, sondern nicht einmal falsch sein.
Eine unlogische „Aussage“ ist weder Aussage noch Kunst und kann weg.
Um das Mitdenken zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge möglichst vollständig wiederzugeben. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig viele Überschneidungen, das heißt, Wiederholungen und somit Redundanz. Die nehme ich bewußt inkauf, und vielleicht kommt Ihnen dieses „schon wieder“ mitunter sogar ganz gelegen.
Hinter mir liegt ein Denkweg, für den ich, wie schon gesagt, Jahrzehnte benötigt habe. Wenn Sie immer noch ein Stückchen brauchen, um ihn nachvollziehen zu können, wäre das meines Erachtens also weder sonderlich überraschend noch ärgerlich. Aber vielleicht ist es auch nur halb so schlimm, weil irgendwann der flow einsetzt und Sie dann – ebenso wie es mir erging – gar nicht mehr aufhören wollen oder können.
Betrachten Sie mein Buch als eine „Abkürzung“, mit der ich dem einen oder anderen Leser bzw. Hörer bereits helfen konnte, worüber ich sehr froh und wofür ich sehr dankbar bin.
Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.
„Herr Müller sagt aber . . .“
Na und? Frau Meier meint auch etwas.
„Prüfet alles und behaltet das Gute„, nicht aber das, was „die Guten“ sagen. Denn wer zu ihnen gehört, müssen wir erst herausfinden, indem wir das, was wir subjektiv als gut erachten, selbst erkennen.
Ich erlebe sehr häufig, daß diese Prioritäten vertauscht werden; das erleichtert den „Denkern“ nicht nur die Auseinandersetzung, sondern erspart sie ihnen sogar. Damit kommen wir auf das soeben angedeutete Manko unseres Anthropozän zurück:
Leider wollen bzw. können sehr viele Menschen nicht selbst denken und möchten gesagt bekommen, was richtig oder gar wahr ist. Da ich niemanden beleidigen möchte, verzichten wir auf Beispiele, aber sie erübrigen sich heute wohl ohnehin. Ich bin fest überzeugt, daß eine solche Un-Kultur hinter die Aufklärung zurück und damit in eine tiefe Krise führen muß. Wir dürfen nicht die Künstliche Intelligenz nutzen und selbst denken wie im Mittelalter; dann ist die Furcht vor einer übermächtigen Technik natürlich begründet.
Die KI erweist sich dann nicht als intelligenter, sondern wir selbst machen uns dümmer als sie ist.
Die Irreversibilität der Zeit bedeutet nicht, daß die Errungenschaften der Vorfahren zu einem festen Beststand oder Besitz unserer Gesellschaft geworden sein müßten.
Die Aufklärung beispielsweise gehört als geschichtliche Epoche ins 18. Jahrhundert, aber daraus folgt keineswegs, daß wir aufgeklärt sind. Wer nicht tagtäglich versucht, selbst kritisch zu denken, fällt hinter das damals bereits mögliche Niveau zurück. Unsere persönliche Aufklärung
– stellt keine historische Tatsache dar, sondern
– bildet eine Praktik, die nur im jeweiligen Hier und Jetzt möglich ist.
Wird sie da nicht kontinuierlich vollzogen, halten wir uns vielleicht für aufgeklärt, sind es aber nicht.
„Ecclesia semper reformanda“; alle Kirchen und nicht nur sie brauchen eine kontinulierliche Reformation, um nicht in ihren Traditionen zu erstarren oder an ihnen zu ersticken und damit den Glauben und das Denken zu verunmöglichen.
Bei den Kirchen ist das besonders problematisch, weil vielen Menschen ihr Glauben sehr wichtig ist und sie – aus Angst, ihn zu verlieren – zu einem traditionell-konservativen Denken neigen. Das muß nicht falsch sein, birgt aber immer die Gefahr, in einen sturen Fundamentalismus zu verfallen. Erik Flügge beschreibt in seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit“, „wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“.
In Philosophie und Theologie geht es nicht um „ewige Wahrheiten“ und weder um Kontemplation noch um Rückschau, sondern darum, neue Begrifflichkeiten zu schaffen. Sie sollen den Menschen unmittelbar helfen, mit den spezifischen Problemen der jeweiligen Gegenwart zu leben, denn diese sind ebenfalls durch neue Begrifflichkeiten entstanden, wären mit den alten nicht einmal denkbar und können somit auf deren Grundlage auch nicht gelöst werden.
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ (Jean Jaurès).
Winston Churchill schrieb: „Ein vernünftiger Text soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“
(Ich will mich einerseits nicht mit fremden Federn schmücken und gebe deshalb gerne andere Autoren wieder, wenn ich glaube, daß sie meine Überlegungen besser zum Ausdruck gebracht haben, als ich das vermag.
Andererseits langweilt mich aber das Suchen nach den Quellen, und deshalb „zitiere“ ich zumeist recht locker aus der Erinnerung. Mir geht es also nur um den Inhalt und nicht um die sogenannte „wissenschaftliche Exaktheit“, mit der ich auch sonst wenig anfangen kann. Warum soll „wissenschaftlich“ eo ipso ein positives Prädikat sein? Bedeutet es nicht sehr häufig auch „engstirnig“, „voreingenommen“, „einseitig“ oder gar „überheblich“?)
Zurück zu Churchill; bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl . . .
Den tapferen Lesern wünsche ich die Erfahrung, daß letztlich wohl nur eigene Anstrengungen vor Langeweile bewahren, zur Sinnfindung beitragen und Erfüllung ermöglichen oder glücklich machen können.
Ich hoffe und glaube sogar ein wenig, daß Sie am Ende nicht das Gefühl haben werden, um Ihre Zeit betrogen worden zu sein. Mir hat sich eine neue Sicht auf mein Leben erschlossen, die ich am besten als „befreiend“ charakterisieren würde, weil sämtliche Denk- und Rede-Zwänge aufgrund angeblicher Evidenz, Logik oder Dogmatik jeglicher Couleur entfallen.
Freiheit bedeutet meines Erachtens, ich selbst sein zu können und das denken, sagen und (mit Einschränkung) tun zu dürfen, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin und was mir am Herzen liegt. Ein um Wahrheit bemühter Widerstreit hilft mir dabei, weil er meine Ansichten – möglicherweise sogar korrigiert, mit Sicherheit aber – schärft.
(Es ist klar, daß jeder von uns diese Gedanken für sich selbst formulieren muß.
Ich werde des öfteren zur ersten Person Singular wechseln, ohne nochmals darauf hinzuweisen. Das resultiert nicht aus einer übersteigerten Egomanie, sondern aus dem Willen, mich möglichst exakt und verständlich auszudrücken; in der Ich-Form ist das häufig leichter möglich.)
Es gibt meines Erachtens kein „so ist es“, sondern lediglich ein „ich kann mir das nach bestem Wissen und Gewissen gegenwärtig nicht anders vorstellen“ oder „das entspricht zur Zeit meiner festen, aber natürlich korrigierbaren Überzeugung“. Wer sie als wahr betrachtet, ist jedoch – Sie verzeihen mir bitte – entweder erschreckend anmaßend oder unglaublich einfältig.
Überzeugungen und die Wahrheit haben aber auch gar nichts miteinander zu tun. Die Begründung ist denkbar einfach, denn erstere sollte jeder und letztere kann keiner besitzen.
– Wer keine Überzeugung hat oder
– glaubt, über die Wahrheit zu verfügen,
ist kein ernstzunehmender Gesprächspartner.
Dieser Wegfall des „so ist es“ bzw. der objektiven Welt paßt zum christlichen Glauben, der uns freimachen will, um möglichst ohne Hindernisse und Grenzen nach der Wahrheit suchen zu können.
– Die Wahrheit setzt Freiheit voraus;
– die Freiheit aber nicht Wahrheit, sondern nur das Streben nach ihr; das wußte schon Lessing:
„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte“, würde ich mit Lessing die linke Hand wählen.
Nicht aus gespielter Bescheidenheit oder Demut, sondern wegen meiner tatsächlichen
– Hochachtung vor der Wahrheit und
– Einsicht in die eigene Endlichkeit.
Damit widerspreche ich explizit Karl-Heinz Menke und seinem Buch „Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?“. Keines von beiden, sondern die Freiheit bildet die notwendige Vorausetzung dafür, daß wir uns um Wahrheit bemühen können.
Ich beschreibe Ihnen also nicht – im Sinne eines Ratgebers – den Weg zu Ihrem Glück oder Heil, sondern will Ihnen unter anderem verständlich machen, daß Sie dafür im wesentlichen selbst zuständig und verantwortlich sind.
Natürlich bleiben die letzten Bedingungen und Umstände unseres Lebens absolut unverfügbar. Aber damit sollten wir uns nicht herausreden, denn bis wir zu ihnen gelangen, türmen sich für die meisten von uns viele störende Überzeugungen auf, welche die Freiheit unnötig begrenzen, weil wir sie irrtümlich als objektiv oder unumgänglich betrachten – sei es als Welt, Gesetz, Evidenz, oder Dogma –, tatsächlich aber übergehen sollten, um freier zu werden.
Unser erster Teil bildet eine Einleitung, deren Sinn darin besteht, Sie
– sowohl mit dem traditionellen Denken
– als auch mit dem Flair oder der Atmosphäre des Buches sowie
– seinem Ziel vertraut zu machen.
Im zweiten Teil versuche ich, das traditionelle abendländische Weltbild möglichst sachlich und argumentativ stark zu kritisieren. Dabei soll deutlich werden, daß dieses Denken einige
– philosophische Glaubensbekenntnisse und
–Widersprüche
enthält, die wir unbedingt wissen und möglichst korrigieren sollten.
Der dritte Teil bildet das Ziel und – auch vom Umfang her – den Schwerpunkt unserer Überlegungen.
Dieser Versuch zu einer postmodernen Philosophie der Freiheit kann sowohl
– als Korrektur
– wie auch als Alternative des traditionellen Modells
verstanden werden.
Ich hoffe sehr, daß uns die praktischen Konsequenzen, die sich aus einem solchen Umdenken ergeben könnten, die Lösung der zahllosen Probleme, vor denen wir gegenwärtig offensichtlich stehen, erleichtern.
Die Postmoderne ist freilich ein schillernder Begriff, der häufig stark polarisiert und sehr unterschiedliche Bedeutungen besitzen kann. Auf diese Vielfalt gehen wir jedoch gar nicht ein, denn das ist kein Lehrbuch; ich stelle Ihnen nur meinen eigenen Ansatz vor, der – neben tausend anderen Varianten – zweifellos auch zur Postmoderne zählt.
Das „Alleinstellungsmerkmal“, das ihn auszeichnet, besteht wie bereits gesagt darin,
– kaum unbegründete Annahmen zu treffen, das heißt,
– sehr konsequent zu denken,
– möglichst alle wichtigen Aussagen zu rechtfertigen und somit
– selbst gespannt darauf sein zu können, wohin eine solche Reise des Geistes führt.
Ich schreibe nicht, was ich will, sondern nur, was ich schreiben „muß“. Wie in der Belletristik; deren Romanhelden entwickeln häufig eine Eigendynamik, welcher sich der Autor unterordnen sollte; er ist dann lediglich der Diener seiner Figuren.
„Jedes gute Buch schreibt sich von selbst; man darf es nur nicht dabei stören“ (Patricia Highsmith).
Soweit zu meiner Einladung.
AD: „Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:
Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.“
„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!
AD: „Danke!
Sie sagten oben, Überzeugung und Wahrheit hätten nichts miteinander zu tun. Demzufolge sind unsere Überzeugungen unwahr?“
Nein; das folgt keineswegs daraus:
Daß die Zeit nicht hoch ist, muß doch auch nicht bedeuten, sie sei tief; vielmehr halten wir beides für unsinnig.
Und so verhält es sich auch bei den Überzeugungen; sie können weder wahr noch unwahr sein, denn das eine wäre ebenso unverständlich wie das andere. Natürlich lassen sich nicht alle Eigenschaftspaare auf sämtliche möglichen Träger anwenden.
AD: „Das leuchtet mir ein; aber ein großes Problem bleibt dennoch bestehen:
Wir haben nur Meinungen und sind von ihnen mehr oder weniger überzeugt. Wahr bzw. unwahr können sie nicht sein, und ob sie richtig resp. falsch sind, wissen wir häufig nicht. Das gilt natürlich auch für die Prämissen oder Voraussetzungen sämtlicher Begründungen; sie stellen ebenfalls nur Meinungen dar.
Wie wollen Sie auf dieser Grundlage – im Sinne des ‚Alleinstellungsmerkmals‘ – Ihre Überzeugungen rechtfertigen? Ohne etwas (objektiv Wahres oder zumindest) Richtiges geht das ja gar nicht, denn andernfalls wären sämtliche Schlußfolgerungen ebenso ungewiß wie deren Voraussetzungen.“
Bis auf Ihr Ergebnis gehen wir völlig d’accord:
Auch meine Prämissen sind nur subjektive Meinungen; denn niemand besitzt etwas anderes. Sie unterscheiden sich allein darin von den Schlußfolgerungen, daß sie etwas intersubjektiver sein sollten und ich folglich hoffen kann, daß wir beide uns auf dieser – grund-legenderen – Ebene noch einig sind. „Begründen“ heißt dann ganz einfach:
Wenn ich so tief grabe, daß Sie meine Voraussetzungen teilen, ergeben sich zwingend die von mir angegebenen Konsequenzen. Sie „müssen“ also
– entweder geistig mitgehen
– oder Fehler in meiner Argumentation aufzeigen,
um Ihrem eigenen Weltbild nicht zu widersprechen.
AD: „Das würde letztlich bedeuten, daß der Proponent den Opponenten
– höchstens innerhalb eines gemeinsamen Weltbilds überzeugen kann, indem er den Opponenten
– auf eine Konsequenz ihres Weltbilds hinweist, welche dieser bisher übersehen hat.
Mit der Wirklichkeit hätten Begründungen demzufolge gar nichts zu tun?“
Natürlich nicht; und deswegen spielt bei Beweisen weder die Wahrheit noch die Richtigkeit der Prämissen eine Rolle.
Der inhaltliche – also über die bloße Lgik hinausgehende – Teil betrifft allein das Weltbild und ist damit wie dieses weder wahr noch unwahr und weder richtig noch falsch. Wir gehen von einem Teil des Weltbilds aus, in dem Proponent und Opponent hinreichend übereinstimmen; ohne diese Einigkeit
– ist einerseits jeder Beweis ausgeschlossen, aber
– andererseits genügt sie allein auch.
AD: „Das ist ja furchtbar!
Es bedeutet doch, anders formuliert, daß der Proponent den Opponenten nur von dem überzeugen kann,
– was letzterer implizit bereits weiß – weil es in seinem eigenen Weltbild enthalten ist –,
– von dem er aber noch nicht ahnt, daß er es schon weiß,
weil ihm der logische Weg zu dieser Einsicht bisher unbekannt war und erst vom Proponenten eröffnet werden muß.“
Ihr „furchtbar“ deutet darauf hin, daß Sie erschrocken sind; dazu besteht aber gar kein Grund. Alles axiomatische Denken funktioniert nach diesem Schema:
Wir erhalten – als Resultat – immer nur das heraus, was wir selbst – als Prämisse – in das System hineingesteckt haben.
Die Logik kann nichts beisteuern, weil sie inhaltsleer und in diesem Sinne unwirklich ist.
AD: „Es ist also nicht richtig, sondern nur ‚hineingesteckt‘, daß 1 + 1 = 2 gilt?“
Im Prinzip stimmt das; ich würde es nur etwas anders formulieren:
Wir haben eine Mathematik – genauer: Algebra – entwickelt, konstruiert oder erfunden, aus deren Axiomen sich 1 + 1 = 2 als logische Konsequenz ableiten läßt. Diese Gleichung ist also weder wahr noch richtig im Sinne irgendeiner Übereinstimmung – womit auch immer. Vielmehr bildet sie lediglich eines der impliziten Ergebnisse unserer (mehr oder weniger willkürlichen) expliziten Axiome.
Den meisten von uns wurde es freilich anders gelehrt; sie haben erzählt bekommen, 1 + 1 = 2 sei eine (nahezu selbstverständliche) Erkenntnis. Schlimmer noch; die Mathematik wird sogar häufig als Paradebeispiel benutzt, um zu verdeutlichen, daß die Wahrheit – angeblich(!) – ewig unveränderlich sein müsse.
AD: „Es ist also nur eine (indirekte) Setzung und weder wahr noch richtig, daß ein Elefant und noch ein Elefant zwei Elefanten sind?“
Nein, natürlich nicht; ich habe von Mathematik gesprochen, und Sie wechseln jetzt zur Zoologie, in der jene nur angewandt wird.
Zu jeder Aufgabe gehört das geeignete Werkzeug oder zu jedem Problem eine passende Lösungsmethode. Für das Zählen von Tieren (und den meisten anderen Dingen) ist die spezielle (Variante der) Mathematik, in der 1 + 1 = 2 gilt – die Peanosche Mathematik –, die angemessene und jede andere ungeeignet; von mir aus gerne auch „falsch“.
Aber es finden sich leicht auch Beispiele, bei denen wir vielleicht 1 + 1 = 1 anwenden müssen, um „richtig“ zu liegen: Zwei Geschichten, die miteinander verbunden werden; Wolken, die ineinander übergehen; Gase bzw. Flüssigkeiten, die sich gut vermischen, ein Lärm und noch ein Lärm oder der Sinn des Lebens.
Und wenn Sie es noch praktischer haben möchten:
Ohne diese Boolesche Mathematik hätten wir keine Digitalrechner.