1.1. Das traditionelle Denken

Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitestgehend davon aus, daß eine uns vorgegebene und damit objektive Wirklichkeit existiert, deren Bestandteile per definitionem die Seienden bilden. Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es ist völlig harmlos:

Was beim Bäcker  gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen oder Theologen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren Existenz, (Vorhanden-)Sein oder Wirklichkeit Sie überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .

 

Für das Alltagsdenken genügt diese Ebene der Seienden. Philosophisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen und fragen, woher sie kommen bzw. wer oder was sie ermöglicht. Das ist zwingend, denn die Seienden können sich ja nicht selbst hervorbringen; Selbstverursachung gibt es ebensowenig wie die Selbstbewegung eines Perpetuum mobile.

 

„Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen; wie soeben.“

„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!

AD: „Danke!

Ist nicht nahezu die gesamte Theologie des Mittelalters mit Thomas von Aquin an der Spitze davon ausgegangen, daß Gott sich selbst hervorbringt bzw. -gebracht hat und er somit als „causa prima“ dem ersten Beweger des Aristoteles entspricht?“  

 

Sie haben völlig Recht; aber das sind für mich nur leere Worte, weil wir sie natürlich nachplappern, aber keinen zugehörigen Inhalt denken können:

Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, sich erzeugen können?

Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können?

Eine „Erklärung“, die ich – auch beim besten Willen – nicht verstehe, ist für mich keine Erklärung – deswegen frage ich weiter und gibt es dieses Buch.

 

Unsere Moderne „löst“ dieses Problem mittels der Evolution. Aber das ist natürlich keine Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie diese Seienden kausal aus jenen hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft: Was existierte in der traditionellen, vergehenden Zeit vor dem Wasserstoff?

Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration und damit immer tiefer in das Früher hinein, aber niemals zu einem Ziel. Hegel nannte es deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“; sie „löst“ das Probem, indem sie es vor sich her schiebt.

 

Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.

In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir unsere Frage nach dem Woher – mit der soeben angedeuteten Logik – natürlich auch auf den Schöpfer anwenden könnten bzw. müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.

Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit überhaupt?“ –, ließe er sich auch gleich auf die Welt selbst beziehen, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre. Die Überzeugung, daß zwar Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich so im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos geplappert werden.   

 

Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück:

Die Seienden bilden die uns zugängliche immanente Welt, in der wir leben, und bedürfen eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder einfach sein läßt, denn aus Nichts kann auch nichts werden. Diese fundamentalere Ebene können wir prinzipiell nicht wahrnehmen, weil es sich andernfalls nicht um eine fundamentalere Ebene, sondern erneut um Seiende handeln würde; wir hätten nichts gewonnen und müßten unsere Suche nach dem Grund von vorn beginnen.

Er läßt sich also nur denken oder muß rein geistig sein und entspricht damit einer Überwelt oder Transzendenz. Ich kann nicht sehen, wie sie sich dieser Gedanke innerhalb des traditionellen Denkens vernünftig vermeiden lassen könnte. 

 

Die Überwelt bzw. Transzendenz bestand bei Platon und anderen antiken Denkern in den ewigen Ideen. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.  

Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Aus den objektiven transzendenten Fundamenten der Welt sind in der Zwischenzeit die subjektiven menschlichen (Schnaps-)Ideen geworden.  

 

Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:  

Ihm waren dazu die ewig identischen Ideen als „Bauplan“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe beispielsweise.

Auf Grundlage der einen Idee des Planeten konnte der Demiurg nun beliebig viele Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein – mit der Idee des Planeten und damit notwendigerweise auch untereinander – übereinstimmten.   

Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die (gegebenenfalls) sichtbaren Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.

Das halten wir fest:

 

 

objektive Wirklichkeit  
       
Transzendenz Immanenz  
Ermöglichung der Welt objektive Welt
 
  Seiende  
– Gott      
– Ideen  =                                        { Essenz, Wesen oder Was +  
  + Existenz, Sein oder Daß }  
– . . . . . .       
  objektive Welt, die über objektive Realität  
  den (physikalischen) Kosmos (physikalischer) Kosmos  
  hinausgeht Körper  
  zum Beispiel:    
  Mathematik oder Musik    
       
nur denkbar denk- (und wahrnehmbar) denk- und wahrnehmbar  
rein geistig geistig (und sinnlich) materiell  
nicht in Raum und Zeit
in Raum und Zeit  

Abbildung 1.1.

 

(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen.)

 

„Körper“ verstehen wir im weitest möglichen Sinne, so daß alle festen materiellen Dinge, die natürlichen – leblosen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – ebenso wie die künstlichen Körper dazugehören. (Daß es rein physikalisch zum Beispiel auch Felder, Flüssigkeiten und Gase gibt, spielt für unsere Überlegungen keine Rolle; wir streben keine Vollständigkeit an.)

Die Körper bilden die objektive Realität oder den (physikalischen) Kosmos.

Die Immanenz oder objektive Welt der Seienden geht jedoch weit darüber hinaus, denn Farben, Töne oder Zwecke beispielsweise sind gewiß weltlich-immanente, aber keinesfalls physikalische Kategorien. Die Physik kennt diesbezüglich lediglich Wellenlängen bzw. Frequenzen, versteht aber Reißzwecken bereits nicht mehr, da sie einen Zweck erfüllen, der keine physikalische Kategorie darstellt. Der Kosmos ist als solcher notwendigerweise zwecklos.

Erweitern wir auch die objektive Welt noch um die Transzendenz, die jene erst ermöglicht, so entsteht die gesamte oder vollständige objektive Wirklichkeit der Tradition, die uns als Ausgangspunkt für alles Weitere dient.  

 

Hier deutet sich bereits ein Problem an, das die gesamte christliche Theologie durchzieht:

Ich habe die Seienden ganz bewußt nur rechts bei der Immanenz oder Welt aufgeführt, weil die Transzendenz bzw. Überwelt unterschiedlich gedacht werden kann:

Die Antike entschied sich, wie ich soeben zeigen wollte, weitgehend für ein Reich der Ideen.

Die christliche Theologie

– hat solche Gedanken jedoch zumeist von sich gewiesen,

– die Transzendenz mit Gott identifiziert und

– diesen nahezu ausnahmslos als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes dargestellt.

 

Martin Heidegger sprach diesbezüglich von einer „Onto-Theologie“. Sie krankt meines Erachtens ganz entscheidend daran, daß darin kein prinzipieller Unterschied zwischen Gott und Mensch besteht, denn beide sind Seiende mit nur noch quantitativen Unterschieden; Gott ist ein Übemensch, und der Mensch ein Untergott.

Nur onto-theologisch kann man über die Gedanken oder Absichten, den Willen und das Handeln Gottes sprechen.  

 

Wer dies alles ablehnt, ist allein deswegen noch kein Atheist, sondern vertritt möglicherweise nur eine andere Philosophie und hält vielleicht allein die Annahme, Gott sei ebenfalls nur ein – wenn auch besonderes – Seiendes, für falsch.

Das meinte Dietrich Bonhoeffer, als er sagte „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“.

Für uns stellt sich die Frage „Onto-Theologie – ‚ja‘ oder ’nein‘?“ jedoch gar nicht, weil wir sämtliche Seienden ablehnen.