Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitestgehend davon aus,
– daß uns allen eine objektive Welt vorgegeben ist,
– die aus Seienden besteht.
Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es erweist sich als recht harmlos:
Was beim Bäcker gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen oder Theologen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren objektiver Existenz oder Wirklichkeit Sie restlos überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .
Beispiele ersetzen keine Definition oder Erklärung:
Unter einem Seienden verstehen wir eine objektive Entität, die
– theoretisch auch ganz allein aus sich heraus oder für sich vorhanden sein könnte,
– damit insbesondere unabhängig bzw. getrennt von allen anderen Seienden – insbsesondere von uns Subjekten – sein muß, sowie
– mit sich selbst identisch und
– erkennbar ist.
Ursprünglich waren die allermeisten Seienden einmal ungewußt, und im Laufe der Zeit können wir immer mehr von ihnen wissen; das meint die Moderne mit „Fortschritt“.
AD: „Seiende ändern sich doch fast immer; Menschen wachsen, Züge fahren, die Sonne geht auf und unter. Mit ihrer Identität der Seienden widersprechen Sie dem jedoch ganz massiv.“
Nein; das muß kein Widerspruch sein, stellt aber gewiß ein ernstliches Problem dar. In der Antike wurde es häufig unter dem Titel das „Schiff des Theseus“ diskutiert: Wie viele oder welche Teile davon dürfen maximal ausgetauscht werden, wenn es das Schiff des Theseus bleiben soll?
Moritz hat man – ebenfalls schon in der Antike – eine identische und vielleicht sogar ewig-identische Seele verliehen, durch die er „immer“ Moritz sein wird. Wir erkennen ihn nicht wieder – vom Baby zum Uropa –; uns hilfft eine unsichtbare Seele natürlich keineswegs. Aber für das Christentum bot sich diese Lösung des Theseus-Problems an, weil es vollkommen genügt, wenn nur Gott Moritz identifizieren kann.
Ihr Einwand war also sehr wohl begründet, denn „Identität“ ist ein vieldeutiges Wort, und deswegen sprechen wir bei der Identität der Seienden im weiteren genauer von der Identität(S).
Das Problem selbst kann jedoch gerne bestehen beiben, da wir ausnahmslos alle Seienden verabschieden und auf dem Wege auch diese Ungereimtheit beseitigen.
AD: „Als Paradebeispiel für das traditionelle Denken könnte uns folglich die Evolutionstheorie dienen. Ihr zufolge gab es identische(S) Seiende schon Jahrmilliarden vor allem Wissen, und allmählich werden immer mehr von ihnen zu dessem Wovon.“
Natürlich wäre die Evolutionstheorie einerseits das traditionelle Exempel.
Aber andererseits kann es gar kein (richtiges) Beispiel für das herkömmliche Denkmodell geben, weil Wissen von Seienden prinzipiell unmöglich ist.
Meine Begründung für diese gewiß überraschende Behauptung folgt in den nächsten Abschnitten.
Zunächst schauen wir uns einige Grundbegriffe an, um eine möglichst solide Basis für unsere Argumentation zu schaffen, und unterscheiden dabei zwischen
– den Wovons oder Referenten des Wissens, die es auch postmodern gibt, sowie
– den Seienden, (an) welche nur die Tradition glaubt.
.
„Wissen“ ohne Wovon ist kein Wissen, denn dabei wird nichts gewußt; das heißt, wer von nichts „weiß“, weiß gar nicht. Es gibt also kein Wissen ohne seinen Referenten, auf den es sich bezieht.
Referent ist somit ein erkenntnistheoretischer oder semantischer Begriff,
Der Glaube an Seiende entspricht dagegen einem ganz speziellen Denkmodell, so daß Seiende einen ontologischen Begriff darstellt, und es folglich einen Kategorienfehler bedeutet, Referenten und Seiende durcheinanderzuwerfen.
AD: „Das ging mir jetzt zu schnell. Was ist Wissen überhaupt?“
Diese Frage wird in der Postmoderne sinnleer, und deswegen kann ich sie Ihnen nicht beantworten:
Nur wer das Wissen für ein Seiendes hält, kann sinnvoll fragen, was das wirklich sei. Tilman Borsche zeigt in seinem Buch „Was etwas ist“, weshalb dies das Grundproblem des traditionellen Denkens überhaupt darstellt.
Für uns, also postmodern gehört das Wissen dagegen zu den Begriffen, und sie sind alle lediglich Denkwerkzeuge. Dieses „lediglich“
– ist einerseits als abwertend gegenüber den Seienden durchaus begründet,
– andererseits sind die Begriffe natürlich unbedingt erforderlich für unser Leben und sollten möglichst hilfreich, geschickt, fruchtbar oder kreativ sein. Gute Begriffe verkürzen Denkwege, vermeiden Sackgassen und eröffnen Schnellstraßen. Werden die Begriffe anders gewählt, denken wir nicht nur different, sondern unser gesamtes Leben kann völlig anders verlaufen.
Aus dem
– traditionellen „Was ist das Wissen wirklich?“ wird damit
– postmodern ein „Wie verstehen oder definieren wir (unter anderem auch) den Begriff des Wissens am besten, so daß er uns hilft, ein wahres Leben zu führen?“.
Für das Alltagsdenken genügt die Ebene der Seienden. Philosophisch resp. theologisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen und fragen, woher sie kommen bzw. wer oder was sie ermöglicht. Das ist zwingend, denn die Seienden können sich ja nicht selbst hervorbringen; Selbstverursachung gibt es ebensowenig wie die Selbstbewegung eines Perpetuum mobile.
AD: „Ist nicht nahezu die gesamte Theologie des Mittelalters mit Thomas von Aquin an der Spitze davon ausgegangen, daß Gott sich selbst hervorbringt bzw. -gebracht hat und er somit als ‚causa prima‘ dem ersten Beweger des Aristoteles entspricht?“
Völlig richtig; aber unsere Aufgabe besteht nicht darin, leere Worte nachzuplappern. Sie ohne ein angemessenes Verständnis zu benutzen, entspricht dem Vorspielen falscher Tatsachen und kann damit eine Form von Lüge sein.
Wie sollte ein A, das es gar nicht gibt, sich erzeugen können?
Wie sollte ein A, das es gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können?
Das mag noch so oft wiederholt werden; begreifen kann es meines Erachtens niemand. Aber eine „Erklärung“, die ich – auch beim besten Willen – nicht verstehe, ist (für mich) keine Erklärung; deswegen frage ich weiter und gibt es das vor Ihnen liegende Buch.
Daß den meisten meiner Bekannten bei derartigen Worten alles klar zu sein scheint, verunsichert mich nicht. „Philosophieren ist der Versuch zu verstehen, was man selbst sagt“ (Georg Picht), und erst nachdem uns dies halbwegs gelungen ist, sollten wir reden.
Unsere Moderne „löst“ das Problem mit der Herkunft der Seienden anhand einer Evolution. Aber das ist natürlich keine Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie beliebige Seiende innerhalb der vergehenden Zeit kausal aus früheren Seienden hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft:
Was existierte vor dem Wasserstoff?
Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration und damit immer tiefer in das Früher hinein, aber niemals zu einem Ziel. Hegel nannte dergleichen deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“; sie „löst“ das Probem, indem sie es immer weiter vor sich her schiebt – bis wir es nicht mehr erkennen bzw. irrtümlich glauben, es gelöst zu haben.
Nach der tausendsten Warum oder Woher-Frage kanem wir einfach keine Lust mehr auf eine Fortsetzung.
Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.
In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir die kritischen Fragen – mit der soeben angedeuteten Logik – konsequenterweise natürlich auch auf den angeblichen Schöpfer anwenden müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.
Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit überhaupt?“ –, ließe er sich wahrscheinlich auch gleich auf die Welt selbst beziehen – wie die vorchristliche Antike dies tat –, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre.
Die Annahme, daß natürlich Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich fest im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos erzählt werden.
Kann Gott überhaupt Eigenschaften besitzen? Oder wollen und handeln?
Mit welchem Recht wenden wir unsere Begriffe, die sich als Denkwerkzeuge im Alltag bewährt haben, auf Gott an? Werden damit nicht eventuell mehr Probleme hervorgerufen als gelöst?
Damit kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück:
Die Seienden bilden die traditionelle Wirklichkeit und bedürfen als solche eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder einfach sein läßt, denn aus Nichts wird auch nichts. Dieses notwendige Fundament kann keinesfalls wieder in anderen bestehen, denn dann müßten wir unsere Suche nach deren Grund von vorn beginnen und gelangten wieder zu einer unendlichen Iteration oder Hegels schlechter Unendlichkeit.
Kann das Woher der Seienden jedoch nicht in ihnen selbst bestehen, muß es der Antike zufolge – unsichtbar oder rein geistig sein und somit – einem nur denkbaren Jenseits oder einer nicht-empirischen Überwelt entsprechen.
Legen Sie mein Buch nicht sofort beiseite; ich glaube das natürlich nicht.
– Zum einen lehnen wir postmodern das gesamte traditionelle Denken der Seienden ab, und
– zum anderen wären die Ideen auch innerhalb desselben keine Lösung, weil damit das Problem des Anfangs ebenfalls nur weiter in das Früher hinein verschoben würde.
Durch das Ändern von Bezeichnungen lassen sich keine schwierigen Fragen beantworten. Es macht, mit anderen Worten, keinen Unterschied, ob die Seienden durch Seiende oder durch Ideen ermöglicht werden. Gerade auch daran wird jedoch sehr deutlich, daß dieses Denken hoffnungslos in eine Sackgasse zu führen scheint.
Die Überwelt bestand bei Platon und anderen antiken Denkern in den identischen(I) Ideen. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.
Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Er entsprach einmal den objektiven jenseitigen Fundamenten der Welt; heute geht es nur um unsere menschlichen Produkte – von Schnapsideen bis zu genialen Einfällen.
Den Index „I“ haben Sie gewiß nicht überlesen; die Identität der Ideen ist eine andere als die der Seienden.
Nur zu ersterer gehören Ewigkeit und Unveränderlichkeit. Das leuchtet ein, weil die Platonischen Ideen mitunter auch christlich als die Schöpfungsgedanken Gottes interpretiert werden konnten. Was für ihn beispielsweise gerecht ist, gilt zu allen Zeiten vom Anfang bis zum Ende der Schöpfung und bildet den einen absolut identischen(I) Maßstab.
Traditionell sind Eisenbahnen, Hochhäuser und Mausefallen Seiende, aber offensichtlich weder ewig noch unveränderlich. Wir hatten oben schon angemerkt, daß das Seiende A sich noch so stark verändern und sogar entstehen oder vergehen kann; es bleibt mit sich selbst identisch(S) und damit – solange es existiert – das Seiende A.
Die Idee des Hochhauses ist identisch(I) und damit ewig-unveränderlich; deswegen können wir sagen, daß es vor der Moderne noch keine Hochhäuser als Seiende gab. Wer ihre Idee nicht kennt, versteht diesen Satz nicht.
Hochhäuser existieren erst seit dem 19. Jahrhundert und wie lange noch, wissen wir nicht. Die Hochhäuser als Seiende wandeln sich in der Zwischenzeit ganz massiv, entstehen und vergehen; das ist nicht widersprüchlich, weil sie nur identisch(S) sind.
Hochhaus ist Hochhaus – A = A, solange es Hochäuser gibt.
Die Idee des Hoachhauses ist die Idee es Hochauses – A = A, für immer und ewig
Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des antiken Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:
Ihm waren dazu die identischen(I) Ideen als „Baupläne“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe beispielsweise.
Auf der Grundlage der einen geistigen Idee des Planeten etwa konnte der Demiurg nun beliebig viele materielle Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein – mit der Idee des Planeten und damit notwendigerweise auch untereinander – übereinstimmten.
Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die sichtbaren Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.
Das halten wir fest:
| objektive Wirklichkeit | |||
| objektive Realität | |||
| Jenseits | Diesseits | ||
| Überwelt | Welt | ||
| Träger oder Grund der Seienden | Seiende | ||
| – Gott | |||
| – Ideen | = | { Essenz, Wesen oder Was + | |
| Sein, Existenz bzw. Daß } | |||
| – . . . . . | |||
| identisch(I) | identisch(S) | ||
| nicht wahrnehmbar | wahrnehmbar | ||
| denkbar | denkbar | ||
| rein geistig | materiell und geistig | ||
| nicht in Raum und Zeit | in Raum und Zeit | ||
Abbildung 1.1.
(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen.)
Ich habe die Seienden ganz bewußt nur rechts beim Diesseits aufgeführt, weil das Jenseits unterschiedlich gedacht werden kann:
Die Antike entschied sich, wie soeben deutlich werden sollte, weitgehend für ein Reich der Ideen.
Die christliche Theologie
– hat solche Gedanken jedoch zumeist von sich gewiesen,
– das Jenseis (im Kern) mit Gott identifiziert und
– diesen nahezu ausnahmslos als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes dargestellt.
Martin Heidegger sprach diesbezüglich von einer „Onto-Theologie“. Sie krankt meines Erachtens ganz entscheidend daran, daß das Jenseits nach dem Modell des Diesseits gedacht wird und nur einem Superlativ desselben entspricht. Letztlich gibt es nur die eine Wirklichkeit, die in das vollkommene Jenseits und das uns zwielichtige Diesseits zerfällt.
Nur in diesem Bild oder onto-theologisch kann man über die Gedanken oder Absichten, den Willen und das Handeln Gottes sprechen.
Wer dies alles ablehnt, muß deswegen noch kein Atheist sein, sondern vertritt möglicherweise nur eine andere Philosophie und hält vielleicht allein die Annahme, Gott sei ebenfalls nur ein – wenn auch besonderes – Seiendes, für falsch.
Mit anderen Worten:
Das traditionelle Modell mit seiner grund-legenden Alternative – entweder Wirklichkeit und damit Seiendes oder gar nicht(s) – hat auch nicht das Geringste mit dem Glauben zu tun, zwingt die Gläubigen aber dennoch, Gott als Seiendes denken zu müssen.
– Zum einen halte ich das aus philosophischen Gründen für absolut falsch, und
– zum anderen widerspricht ein solcher Gott meines Erachtens massiv dem Christentum.
Damit folge ich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der sagte
„Einen Gott, den es“ – als Seiendes – „gibt, gibt es nicht“.
Wir können uns an dieser Stelle kurzfassen, denn für uns stellt sich die Frage „Onto-Theologie – ‚ja‘ oder ’nein‘?“ gar nicht, weil wir sämtliche Seienden und damit natürlich auch einen solchen Gott ablehnen.
Das bedeutet freilich, daß es Materie oder einen Geist, die es gibt, ebenfalls nicht geben kann.
Gläubige, welche die traditionelle Theologie hinter sich gelassen haben, „glauben a-theistisch“ (Hartmut von Sass) an einen Gott, der im postmodernen Denken die traditionelle Alternative zwischen Seienden und Nicht-Seienden hinter sich läßt.
So wie die Zeit weder hoch noch tief sein kann und Überzeugungen sich jenseits von wahr oder unwahr befinden, hat Gott nichts mit der traditionellen Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende zu tun.
Im Bild gesprochen:
Postmodern haben wir zwei Nichtse oder „Vakua“ vorliegen.
Nur bei einem gibt die Tradition uns Recht und schreibt „Nicht-Seiende“ an dieses Nichts bzw. „Vakuum“.
Bei dem anderen streiten wir, und die Tradition glaubt – aus unserer Sicht irrtümlich –, es wären Seiende darin.