1.1. Das traditionelle Denken

Die zweieinhalb tausend Jahre seit Platon geht das abendländische Denken weitgehendst davon aus, daß uns eine Wirklichkeit objektiv vorgegeben ist, deren Bestandteile per definitionem die Seienden bilden. Vor diesem hochtrabend klingenden Wort muß man nicht erschrecken; es erweist sich als recht harmlos:

Was beim Bäcker  gebacken wird, bildet Gebäck; was Archäologen finden, gilt als Fundstück; und was für traditionelle Philosophen oder Theologen ist, stellt ein Seiendes dar. Sie könnten also problemlos Tausende von Seienden nennen und müßten dazu lediglich die Dinge aufzählen, von deren objektiver Existenz, (Vorhanden-)Sein oder Wirklichkeit Sie restlos überzeugt sind; Gebäck, Fundstücke, Materie, Blitze, Evolution oder Schöpfung, der eigene Körper, Sonne, Mond und Sterne . . .

 

Objektiv vorgegebene Seiende müssen stabil und erkennbar sein; sonst könnten wir ja gar nicht wissen, daß sie uns vorgegeben sind. Das heißt,

– ursprünglich waren sie einmal ungewußt, und

– im Laufe der Zeit wissen wir immer mehr von ihnen.   

Umgekehrt bedeutet dies, daß sich unser Wissen auf die Seienden beziehen muß oder wir sie als die Referenten bzw. das Wovon des Wissens zu verstehen haben.

 

AD: „Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen; wie soeben.“

„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!

„Danke! Daß wir nur Seiende wissen können, glaube ich nicht; ich weiß zum Beispiel auch Spielregeln, Sachverhalte oder die Lösung von Aufgaben; das sind doch keine Seienden.“

 

Stimmt; da haben Sie Recht. Ich wollte meinen Gedankengang erst einmal möglichst verständlich und sauber zu Ende bringen, weil er eine der Grundlagen für viele weitere Überlegungen bildet. Ich korrigiere ihn nun ganz in Ihrem Sinne:

Wissen kann zwei Arten von Referenten besitzen:

Zum einen gibt es Wissen von Wissen, so daß das Wovon des Wissens wiederum in Wissen besteht und sich diese Iteration damit beliebig fortsetzen läßt; Wissen von Wissen von Wissen von . . . Das ist keine Erkenntnis, die also auch falsch sein könnte, sondern eine bloße Tautologie wie „weißer Schimmel“ oder „unverheirateter Junggeselle“.    

Ich weiß, daß 2 x 8 gleich 16 ist und dies das Quadrat von 4 darstellt, was der Differenz zwischen 10 und 6 entspricht, . . .

Zum anderen können die Referenten des Wissens der Tradition zufolge auch in Seienden (bzw. Nicht-Seienden) bestehen, so daß wir dies sogar als Definition der Seienden (resp. Nicht-Seienden)  nutzen könnten.

Wissungen und Seiende (oder Nicht-Seiende) bilden eine vollständige Alternative; eine dritte Art des Wovon der Wissungen scheint mir ausgeschlossen zu sein. 

 

Für das Alltagsdenken genügt diese Ebene der Seienden. Philosophisch resp. theologisch müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen und fragen, woher sie kommen bzw. wer oder was sie ermöglicht. Das ist zwingend, denn die Seienden können sich ja nicht selbst hervorbringen; Selbstverursachung gibt es ebensowenig wie die Selbstbewegung eines Perpetuum mobile.

 

AD: „Ist nicht nahezu die gesamte Theologie des Mittelalters mit Thomas von Aquin an der Spitze davon ausgegangen, daß Gott sich selbst hervorbringt bzw. -gebracht hat und er somit als ‚causa prima‘ dem ersten Beweger des Aristoteles entspricht?“  

 

Völlig richtig; aber unsere Aufgabe besteht nicht darin, leere Worte nachzuplappern. Sie ohne ein angemessenes Verständnis zu benutzen, entspricht dem Vorspielen falscher Tatsachen und ist damit vielleicht eine Form von Lüge.

Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, sich erzeugen können?

Wie sollte ein A, das es noch gar nicht gibt, überhaupt irgendetwas erzeugen können? 

Das begreift niemand; aber eine „Erklärung“, die ich – auch beim besten Willen – nicht verstehe, ist für mich keine Erklärung; deswegen frage ich weiter und gibt es das vor Ihnen liegende Buch.

Daß vielen meiner Bekannten bei derartigen Worten alles klar zu sein scheint, verunsichert mich nicht. „Philosophieren ist der Versuch zu verstehen, was man selbst sagt“ (Georg Picht), und erst nachdem uns dies halbwegs gelungen ist, sollten wir reden. 

 

Unsere Moderne „löst“ das Problem mit der Herkunft der Seienden anhand einer Evolution. Aber das ist natürlich keine Lösung, weil sämtliche Evolutionstheorien nur erklären können, wie beliebige Seienden kausal aus früheren hervorgehen, so daß wir weiterhin vor der Frage nach dem Ursprung der „ersten“ Seienden stehen. „Im Anfang war der Wasserstoff“, meinte Hoimar von Ditfurth und provozierte damit die Frage nach dessen Herkunft:

Was existierte vor dem Wasserstoff?

Das evolutive Denken führt notwendigerweise auf eine endlose Iteration und damit immer tiefer in das Früher hinein, aber niemals zu einem Ziel. Hegel nannte das deswegen eine „schlechte Unendlichkeit“; sie „löst“ das Probem, indem sie es immer weiter vor sich her schiebt – bis wir es nicht mehr erkennen bzw. irrtümlich glauben, es gelöst zu haben.

 

Antik-mittelalterlich ging dem modernen Gedanken einer Evolution die Idee der Schöpfung voraus.

In ihrer traditionellen Form ist sie aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie die Evolutionstheorie, weil wir unsere Frage nach dem Woher – mit der soeben angedeuteten Logik – konsequenterweise natürlich auch auf den angeblichen Schöpfer anwenden müßten und damit über den Schöpfer des Schöpfers des Schöpfers . . . wiederum auf eine unendliche Iteration stoßen würden.

Die Annahme, Gott existiere ewig, hilft uns kaum weiter, denn sollte ein solcher Gedanke nicht ohnehin unverständlich sein – „Was bedeutet Ewigkeit?“ –, ließe er sich auch gleich auf die Welt selbst beziehen, so daß jegliche Schöpfung unnötig wäre.

Die Annahme, daß natürlich Gott, aber nicht die Welt ewig sein könne, entbehrt jeglicher Grundlage; wir haben die entsprechenden Worte lediglich fest im Ohr, weil sie schon sehr lange gedankenlos nachgeplappert werden.

Kann Gott überhaupt Eigenschaften besitzen? Oder handeln?  

 

Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück:

Die Seienden bilden die Wirklichkeit, in der wir der traditionellen Überzeugung zufolge leben, und bedürfen eines Grundes, der sie ermöglicht, trägt, hervorbingt oder einfach sein läßt, denn aus Nichts kann auch nichts werden.

Dieses notwendige Fundament können wir prinzipiell nicht wahrnehmen, weil es sich andernfalls nicht um die tragende Ebene, sondern erneut um Seiende handeln würde; wir hätten nichts gewonnen und müßten unsere Suche nach dem Grund von vorn beginnen.

Er läßt sich also nur denken oder muß rein geistig sein und entspricht damit einem Jenseits oder einer Überwelt. Ich vermag nicht zu sehen, wie sich diese innerhalb des traditionellen Denkens vernünftig vermeiden lassen könnten. 

 

Legen Sie das Buch nicht sofort beiseite: 

Ich glaube weder (an) eine Überwelt noch (an) ein Jenseits, sondern bin lediglich überzeugt, daß sie für die Tradition unvermeidlich sind

Dann besteht eben auch darin ein wichtiger Grund, sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen.  

 

Diese Überwelt bestand bei Platon und anderen antiken Denkern in den ewigen Ideen. Möglicherweise sind Ihnen die klassischen Transzendentalien – die Ideen des Einen, Wahren und Guten – oder die besonders populären Ideen der Gerechtigkeit und Schönheit geläufig.  

Sie haben alle nichts damit zu tun, wie wir heute den Begriff der Ideen nutzen. Aus den objektiven jenseitigen Fundamenten der Welt sind in der Zwischenzeit die subjektiven menschlichen (Schnaps-)Ideen geworden.  

 

Der prinzipielle Unterschied zwischen Seienden und Ideen läßt sich recht gut anhand des antiken Mythos vom Erbauen der Welt durch den Demiurgen verstehen:  

Ihm waren dazu die ewig identischen Ideen als „Bauplan“ vorgegeben; jede von ihnen bildet ein Singularetantum wie Durst, Haft oder Nähe beispielsweise.

Auf Grundlage der einen Idee des Planeten konnte der Demiurg nun beliebig viele Planeten als Seiende hervorbringen, deren sekundäre Eigenschaften nahezu beliebig waren, die aber alle in ihrem Planet-Sein – mit der Idee des Planeten und damit notwendigerweise auch untereinander – übereinstimmten.   

Die unsichtbaren Ideen und nur sie ermöglichen in diesem Denken die (gegebenenfalls) sichtbaren Seienden; keine Schönheitskönigin ohne die Idee der Schönheit.

Das halten wir fest:

 

 

objektiv vorgegebene erkennbare Wirklichkeit  
       
Jenseits Diesseits  
Ermöglichung der Welt objektiv vorgegebene erkennbare Welt
 
  Seiende  
– Gott      
– Ideen  =                                        { Essenz, Wesen oder Was +  
  + Existenz, Sein oder Daß }  
– . . . . . .       
  objektive Welt, die über objektive Realität  
  den (physiklischen) Kosmos (physikalischer) Kosmos  
  hinausgeht Körper  
  zum Beispiel:    
  Mathematik oder Musik    
       
nur denkbar denk- (und wahrnehmbar) denk- und wahrnehmbar  
rein geistig geistig (und sinnlich) materiell  
nicht in Raum und Zeit
in Raum und Zeit  

Abbildung 1.1.

 

(Geschwungene Klammern bedeuten bei uns stets die Einheit der beiden Seiten, die zwischen ihnen stehen, und eingeklammerte Eigenschaften sind nur möglich, aber nicht notwendig.)

 

„Körper“ verstehen wir im weitest möglichen Sinne, so daß alle festen materiellen Dinge, die natürlichen – leblosen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – ebenso wie die künstlichen Körper dazugehören. (Daß es rein physikalisch zum Beispiel auch Felder, Flüssigkeiten und Gase gibt, spielt für unsere Überlegungen keine Rolle; wir streben keine Vollständigkeit an.)

Die Körper bilden für uns also die objektive Realität oder den (physikalischen) Kosmos.

Das Diesseits oder die objektive Welt der Seienden geht jedoch weit darüber hinaus, denn Farben, Töne oder Zwecke beispielsweise sind gewiß weltlich, stellen aber keine physikalischen Kategorien dar. Die Physik kennt diesbezüglich lediglich Wellenlängen, Frequenzen und ähnliches, versteht jedoch Reißzwecken bereits nicht mehr, da sie einen Zweck erfüllen und somit die rein physikalische Welt transzendieren. Der Kosmos ist notwendigerweise zwecklos.

Erweitern wir auch die objektive Welt noch um das Jenseits, das jene erst ermöglicht, so entsteht die gesamte oder vollständige objektive Wirklichkeit der Tradition, die uns – freilich nur im Sinne einer Negativfolie – als Ausgangspunkt für alles Weitere dient.  

 

Hier deutet sich bereits ein Problem an, das die gesamte christliche Theologie durchzieht:

Ich habe die Seienden ganz bewußt nur rechts bei der Welt aufgeführt, weil das Jenseits unterschiedlich gedacht werden kann:

Die Antike entschied sich, wie ich soeben zeigen wollte, weitgehend für ein Reich der Ideen.

Die christliche Theologie

– hat solche Gedanken jedoch zumeist von sich gewiesen,

– das Jenseis (im Kern) mit Gott identifiziert und

– diesen nahezu ausnahmslos als – höchstes oder „seiendstes“ – Seiendes dargestellt.

 

Martin Heidegger sprach diesbezüglich von einer „Onto-Theologie“. Sie krankt meines Erachtens ganz entscheidend daran, daß darin kein prinzipieller Unterschied zwischen Gott und Mensch besteht, denn beide sind Seiende; Gott ist dann lediglich ein Übermensch, und der Mensch ein Untergott.

Nur onto-theologisch kann man über die Gedanken oder Absichten, den Willen und das Handeln Gottes sprechen.  

 

Wer dies alles ablehnt, muß deswegen noch kein Atheist sein, sondern vertritt möglicherweise nur eine andere Philosophie und hält vielleicht allein die Annahme, Gott sei ebenfalls nur ein – wenn auch besonderes – Seiendes, für falsch.

Mit anderen Worten:

Das traditionelle Modell mit seiner grund-legenden Alternative – entweder Wirklichkeit und damit Seiendes oder gar nicht(s) – zwingt die Gläubigen, Gott als Seiendes denken zu müssen. Aber ein solcher Gott widerspricht meines Erachtens dem Christentum; damit folge ich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der sagte „Einen Gott, den es“ – als Seiendes – „gibt, gibt es nicht“.

 

Wir können uns an dieser Stelle kurzfassen, denn für uns stellt sich die Frage „Onto-Theologie – ‚ja‘ oder ’nein‘?“ gar nicht, weil wir sämtliche Seienden ablehnen. 

Das bedeutet natürlich, daß es Materie oder einen Geist, die es gibt, ebenfalls nicht geben kann.

Gläubige, welche die traditionelle Theologie hinter sich gelassen haben, „glauben a-theistisch“ (Hartmut von Sass) an einen Gott, der – kein Nicht-Seiendes ist, sondern – im postmodernen Denken die Unterscheidung zwischen Seienden und Nicht-Seienden transzendiert.