1.1.2. Die Korrektur des traditionellen Denkens in der Moderne

Mit der Aufklärung, spätestens im 18. Jahrhundert nahm die Einsicht, daß das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht, immer stärker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und gerät damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unerschütterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; erstere müssen also auch ohne letztere denkbar – gemacht – werden.

 

In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als Einheit von 

Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden. 

Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst;  definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse. 

 

Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:

Das sind die Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg  die Seienden erstellt hat; sie fallen also exakt mit seinen einmaligen Ideen zusammen:

Ideen   =   Essenzen, Wesen oder Wasse

Das ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare installiert werden.

 

Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars‘ besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee

existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und 

verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.

Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen Idee des Planeten

 

Die Moderne cancelt die notwendigerweise rein geistigen Ideen, weil sie nicht immanent erfahren, sondern nur als transzendent gedacht und damit geglaubt oder behauptet werden können. Sie ersetzt die göttlichen Ideen durch unsere Begriffe, um die weiterhin erwünschten Seienden zu retten. Diese bestehen nun in der rein immanenten Einheit von 

Begriff auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.

Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; die Idee bzw. der Begriff des Yetis wurde vom Demiurgen nicht umgesetzt.   

 

Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental und hat gewaltige Konsequenzen:

Aus den transzendent-vorgegebenen Ideen wurden die immanent-verfügbaren Begriffe. Jene entsprachen Idealen und ermöglichten dadurch nicht nur die Seienden, sonden zudem begründbare Urteile.

Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren. Der Begriff des Menschen dagegen ist ein bloßes Denkwerkzeug und drückt absolut nichts aus.

Ohne die transzendenten Ideen bleibt aus Sicht der Traditionalisten nur eine „Diktatur des Relativismus“.

 

AD: „Das leuchtet mir alles ein und war auch sehr hilfreich; aber darf ich bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen. Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘. 

‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiendes damit ein Unbegriff. 

‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“

 

Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergrößern läßt. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:

Wieso sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Genügt die Annahme der Existenz oder der Glaube daran tatsächlich, um aus Erfindungen Realität bzw. aus Phantasiegestalten Wirklichkeitsformen werden zu lassen? Wenn Einhörner imaginär sind, weshalb sollten dann Nashörner real sein?

 

AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch niemand Einhörner.“

Letzteres nehmen Sie freilich nur an, und zu ersterem:

Ich bin mir sehr sicher, daß viele unserer Vorfahren die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder oder den König von Gottes Gnaden nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl wir sie heute alle unter den Nicht-Seienden einordnen würden.

AD: „Stimmt; sowohl die Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende als auch ihre Wahrnehmbarkeit können höchstens als zeit- und subjektabhängig verstanden werden.“ 

 

AD: „Aber wollen Sie damit etwa sagen, daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht? Daß Leben, Liebe, Leid und Tod bloße Narrationen sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen können?“

Nein; natürlich nicht; Ihre Schlußfolgerung, daß sich derartiges bei mir ergeben müßte, wirkt zwar sehr stringent, enthält aber einen gewaltigen Denkfehler:

 

Ich bin tatsächlich überzeugt, daß es keine Seienden gibt, sondern die angeblichen „Seienden“ bloße – mehr oder weniger willkürliche – Konstruktionen darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden. Aber da mir die traditionelle Ansicht fernliegt, die Wirklichkeit bestehe in oder aus den Seienden, folgt daraus postmodern absolut nicht, daß unsere Wirklichkeit konstruiert ist.

Außerdem wäre diese Annahme ja widersprüchlich, weil das Konstruieren der – angeblich nur konstruierten – Wirklichkeit selbst wirklich sein müßte.

Mit anderen Worten:

Wenn Sie die Wirklichkeit traditionell mit den Seienden identifizieren, müssen Sie sich natürlich dagegen verwahren, letztere als bloße Konstruktionen zu betrachten, weil ansonsten Ihre Wirklichkeit weg wäre.

Ich dagegen kann die Seienden problemlos als Konstruktionen auffassen, weil meine Wirklichkeit eine ganz andere ist.   

 

In der Moderne kam es noch zu einer zweiten wichtigen geistesgeschichtlichen Korrektur:

Seiendes ist nicht gleich Seiendes; die Subjekte können auch als Seiende ihren Status radikal ändern, und das geschah etwa parallel zur Auflösung der Ideen.

Die vormodernen Subjekte verstanden sich im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wofür – in eine vorgegebene Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was.

Der Sinn ihres Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – im Jenseits einmal dafür belohnt zu werden   

Philosophisch könnte man sagen: Das waren zwar Subjekte im Nominativ; sie besaßen „selbstverständlich“ eine Seele und wurden – wie alle Seienden – substanziell oder identisch gedacht. Aber dennoch waren sie nicht autonom; weder standen sie auf eigenen Beinen noch spielte ihre Freiheit eine sonderliche Rolle, und als Selbstbestimmung war sie schon gar nicht zu denken.  

 

Das änderte sich in der Moderne grundlegend.

Die Subjekte

– blieben zwar weiterhin Seiende,

– wurden aber autonomer, souveräner oder unabhängiger,

– erfuhren sich zunehmend als frei, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich und

– verstanden sich häufig als autark im Sinne von „auf den eigenen Beinen stehend“.

 

Auch das gehört zur „Aufklärung“, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden von der Transzendenz. Besondern wichtige Denker auf diesem Weg waren Descartes, Kant, Hegel und Husserl.

Die daraus resutierende Philosophie wird zumeist als eine solche des Subjekts bzw. des Bewußtseins bezeichnet, und der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert läutete bereits ihr Ende ein.

 

Wir können natürlich ebenfalls nicht bei einem solchen Denken stehenbleiben, weil seine Subjekte weiterhin Seiende darstellen. Um den prinzipiellen Bruch, den wir an dieser Stelle beabsichtigen, zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir bei unseren „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten

Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind die Subjektivitäten solche im Dativ oder Akkusativ:

Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“, sondern

„mir geht nahe“, „mich betrifft“ oder „berührt“.

Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, berührt oder interessiert – gibt es mich nicht. Ich bin kein autarkes Subjekt, sondern entstehe erst durch „mein“ Antworten.

Ich tue das vielleicht in Freiheit und

– bin darin – mit der Philosophie des Subjekts – autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch 

– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht autark, sondern

– abhängig davon, daß mir gegeben wird, um antworten zu können.

Ich bin nur in dem Maße, wie ich mein Leben

– als ein Antworten und damit

– in seiem Verantwortlich-Sein verstehe.

 

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß die „Philosophie“ und „Theologie der Gabe“ nach dem „Tod des Subjekts“ einen beachtlichen Aufschwung erfahren haben.     

Mein Leben soll ihnen zufolge ein Geschenk sein.

Aber das Beschenkt-Werden ist keine Einbahnstraße, die geradlinig zu mir führt, sondern das Geschenk erreicht mich nur in dem Maße, wie ich mich beschenken lasse.

Damit haben wir bereits die beiden Punkte erreicht, die meines Erachtens den Kerngedanken der Religion bilden:

 

1. Das Leben ist absolut unverfügbar.

Wir müssen – bzw. die Religion will – uns von der Illusion befreien,

– das Leben in den Griff bekommen,

– selbst gestalten oder

– uns verdienen zu müssen; 

– wir brauchen uns nicht zu rechtfertigen.

Über nichts von dem,

– was im Leben wichtig ist oder

– uns zu Menschen macht

– Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Dankbarkeit, Schönheit usw. im Sinne einer allseitigen Resonanz –, 

können wir verfügen. Widerfährt es uns dennoch, zeigt sich darin

– immanent unsere Menschenwürde und

– transzendent unser Bejaht-, Gewollt- oder Angenommen-Sein.  

 

2. Alle Hochreligionen wissen zudem, daß es ein absolutes „Du sollst“ gibt. So gewiß das ist, so umstritten sind freilich die Forderungen, die für verschiedene Religionen oder auch einzelne Menschen hinter diesem „Du sollst“ stehen.

Ich persönlich glaube an eine theoretisch sehr einfache – praktisch freilich möglicherweise höchst schwierige – Lösung:

Irgendwo geschriebene Gebote gelten für mich niemals unbedingt; was haben sie denn überhaupt mit mir zu tun? Weshalb soll ich mich nach diesem Gebot richten und nicht nach jenem – vielleicht gegensätzlichem?

Das Maximale, was ich tun kann, besteht darin zu versuchen,

– im Hier und Jetzt

– das eigene Gewissen zu erkennen und

– ihm zu folgen

 

Es ist völlig einerlei, ob irgendwo steht „Du sollst jedem, der unter die Räuber gefallen ist, helfen“.

Zu einem wirklichen „Ich soll“ wird es einzig und allein dadurch, daß mein Gewissen es mir sagt. Und das Ihm-Folgen entspricht dem Einwilligen in mein Beschenkt-werden – mir selbst zuliebe.

Mit anderen Worten:

Das Gewissen sagt mir nicht den allgemeinen Willen Gottes, sondern den subjektiven Weg zu meinem persönlichen Heil, das Gott mir schenken will.   

 

AD: „Das sind für Sie (die) zwei Kerngedanken der Religion; aber ich weiß überhaupt noch nicht, was letztere überhaupt sein soll.“

In der Religion geht es um das Erfahren der Transzendenz, nicht aber um diese selbst, denn eine Transzendenz, „die es gibt, gibt es nicht“. Ich unterscheide zwei Formen des Erfahrens:

 

Zum einen erleben wir meines Erachtens alle ganz massiv, die Endlichkeit unseres Wirklichkeits-Bilds und damit

– die Grenzen von Sinn,

– Widerstände und

– Scheitern.

 

Zum anderen erfahren wir wohl ebenfalls alle, den Anspruch, der

– von der Transzendenz ausgeht,

– mich persönlich anspricht und

– zum Antworten auffordert.

In dem Maße, wie ich bereit bin, diesem Anspruch gerecht zu werden, andert sich mein Wirklichkeits-Bild.

Das veranschaulichen wir uns am besten durch eine verschiebliche Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz. Es gibt kein Überschreiten, denn das wäre Wissen von der Transzendenz, das sie zu einem Referenten machen würde. Aber unser Wirklichkeits-Bild kann integraler werden, indem es „Teile“, die bisher der Transzendenz angehörten, in sich aufnimmt. 

 

Daß sich mein Wirklichkeits-Bild andert, und nicht ändert, wie ich soeben geschrieben hatte, war kein Lapsus, sondern zwingend: 

Nur Wissungen können sich ändern, aber unser Wirklichkeits-Bild zählt nicht zu den Wissungen, sondern bildet deren Horizont. Wissungen sind also innerhalb von ihm möglich; das Wirklichkeits-Bild selbst entsteht durch eine Genese, in deren Verlauf es sich andert.