1.1.3. Das Referenzproblem

Die Tradition meint, am Anfang stünden die Seienden.

Das ist jedoch ausgeschlossen, weil wir den Zirkel des Wissens

– zum Erstmaligen von Wissungen hin, aber

– nicht zum Noch-Ungewußten – insbesondere also den Seienden –

öffnen können.

Ich habe in den letzten beiden Abschnitten versucht, Ihnen das, so gut es mir möglich war, plausibel zu machen. Eine saubere Begründung war das jedoch noch nicht; die soll nun folgen.  

 

AD: „Da bin ich aber gespannt!

Warum sollten die Seienden nicht unserem Wissen von ihnen vorangehen? Wer traditonell denkt, könnte beispielsweise sagen:

‚Schon vor allem Wissen – evolutiv gedacht also vor zig Jahrmillionen – existierten Seiende.'“

Nein; wer so denkt, weiß nicht, wovon er spricht, denn was soll „Seiende vor jeglichem Wissen“ bedeuten?

AD: „Das ist doch völlig klar:

Es gab damals Seiende, die natürlich noch niemand wußte, aber aufgrund ihrer Identität(S) bereits das waren, was wir heute von ihnen wissen.“ 

 

Diese Antwort, die gewiß die meisten Leser teilen würden, enthält einen Denkfehler:

– Wir verfügen heute unbestreitbar über Wissungen; das ist die eine Seite.

– Auf der anderen Seite stehen die ursprünglich unbekannten Seienden.

Wie wollen Sie feststellen,

– ob sich unsere Wissungen

– auf diese Seienden beziehen oder auch nur in irgendeinem Zusammenhang mit ihnen stehen?

 

Dazu wäre eine Fähigkeit der Art vonnöten: Ich

– weiß zwar nichts von den Seienden,

– weiß aber, daß meine Wissungen solche von den Seienden sind.

Das stellt offensichtlich einen Widerspruch dar und müßte korrigiert werden: Sie

– wissen nichts von den Seienden und

– können somit natürlich auch nicht wissen, ob sich Ihre Wissungen auf diese beziehen.

 

Verallgemeinert könnte dieses Ergebnis lauten:

Der Referent X, auf den sich unser Wissen beziehen soll, kann nicht nur für sich allein in einem Nirvana existieren und vollkommen unbekannt oder ungreifbar sein. Er wäre dann für uns inexistent, würde nur sinnleer behauptet und zum Schein vielleicht sogar mit einem Namen versehen, der jedoch nichts benennt.

– Im Falle der Wiederholungen entgehen wir dieser Gefahr bloßer Worthülsen, indem der Referent (bereits) eine Wissung darstellt.

– Bei den Erstmaligungen ist das ausgeschlossen; der Referent kann nicht gewußt, muß aber dennoch bestimmt, ausgezeichnet oder – in der Sprache George Spencer-Browns – „markiert“ sein. Wodurch kann das geschehen?

Meines Erachtens allein durch das Wissen des betreffenden Referenten bzw. der Erstmaligung.

 

AD: „Jetzt verstehe ich auch Ihre obige Unterscheidung, daß wir den Zirkel des Wissens 

– zwar zum Erstmaligen von Wissungen, aber

– nicht zum Ungewußten hin

verlassen bzw. andern können. Soeben hatte ich mich noch gefragt, worin hier ein Unterschied bestehen soll; das Ungewußte sind doch „Wissungen“, die noch nicht geerstmaligt wurden. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt:

Das Erstmaligen von Wissungen setzt bei letzteren und damit beim Verfügbaren an, weil es versucht, kontinuierlich vom Wiederholen zum Erstmaligen zu gelangen.

Ein Wissen von Ungewußtem oder Nicht-Wissen würde dagegen einen Übergang vom Nullmaligen oder Unverfügbaren zum Wiederholten erfordern. Natürlich weiß niemand, wie man den bewerkstelligen sollte, denn ein solcher Übergang entspräche einem blinden Hopser, bei dem die Stelle des Absprungs unbekannt ist.“

 

Das war sehr schön, denn damit weisen Sie en passant auf eine Möglichkeit hin, unsere Überlegungen zu vereinfachen. 

Zwischen Wissen und seinem wiederholten bzw. gewußten Referenten, besteht kein Unterschied, der einen Unterschied macht. Damit müssen wir nicht mehr zwei Möglichkeiten betrachten, sondern können uns bei voller Allgemeinheit auf den einzig möglichen Fall beschränken: 

1. Es gibt kein Wissen ohne Referenten.

2. Die Verbindung ist einseitig; es handelt sich jeweils um den Referenten des Wissens.

3. Letzteres bestimmt oder markiert seinen Referenten.

4. Ein „unbestimmter“ bzw. „unmarkierter Referent“ ist kein Referent, sondern ein Seiendes. 

5. Wissungen sind Wiederholungen. 

6. Der Referent enspricht dem Erstmaligen einer Noch-nicht-Wissung.

7. Ohne Referenten

    – wäre also nicht nur die „Wissung“ keine Wissung, sondern

    – würde es nicht einmal „Wissungen“ im Sinne von Wiederholungen geben. 

 

AD: „Was bedeutet es, daß eine Wissung keinen „unmarkierten Referenten“ besitzen kann?“

Daß sämtliche Referenten ungewußt sind, müßte ich wohl gar nicht mehr sagen. Aber – und das ist ein wichtiger Gedanke – „unmarkierte Referenten“ bilden keine Referenten, weil sie nicht diskret(isiert) sind. Sie existieren nur in ihrer Einheit als das kontinuierliche Meer des Ungewußten. 

Hier liegt meines Erachens eine entscheidende Fehlerquelle des traditionellen Denkens:

Seine Seienden sind „unmarkierte Referenten“; das Wovon des Wissens liegt also immer schon vor; nur das Wissen davon fehlt noch.

 

Postmodern steht unserem Wissen nicht dieses oder jenes Ungewußte gegenüber, sondern ein einziges Meer des Nicht-Wissens. 

Durch sein Markieren diskretisiert das bereits bestehende Wissen dieses Kontinuum und erzeugt dadurch erst die Referenten, die somit immer nur markierte Referenten sein können. 

 

Josef Mitterer hat das Spencer-Brownsche Markieren sehr anschaulich weitergedacht:

In seiner „Philosophie des Non-Dualismus“

– ersetzt er unser Wissen oder die Wiederholung durch das „Wissen so far“ und

– den Referenten bzw. das Erstmaligen durch das „Wissen from now on“. 

Letzteres haben wir noch nicht und könnten es ohne das – bereits vorhandene – Wissen so far auch niemals erlangen. Das Wissen from now on ist ein Wissen ins Blaue hinein; aber das Wissen so far klärt, welches Blau dabei gemeint ist. 

Die Tradition kennt mit ihren ungewußten Seienden nur ein einziges, und das ist das Grau, in dem des Nachts alle seienden Katzen erscheinen.

 

Diesem Procedere machen wir uns zunutze, wenn Vorträge mit Themen oder Kapitel mit Überschriften versehen werden. Das ist jeweils das Wissen so far, auf welches der Inhalt als Wissen from now on folgt.   

Werden neue Elementarteilchen, Krankheiten oder Himmelskörper entdeckt, wissen wir bereits das markierte Blau, in das hinein sich der Referent diffus verliert verliert.

 

Das Referenzproblem, in welches wir jetzt versucht haben, ein wenig Licht zu bringen, wird von nahezu der gesamten Tradition überspielt. Ich formuliere es nochmals möglichst exakt, weil ein denkender Mensch gar nicht glauben will, daß es fast immer übersehen oder einfach ignoriert wird:

1. Es kann kein Wissen von purem Nicht-Wissen geben, denn woher sollten wir dann wissen, von welchem Nicht-Wissen wir angeblich wissen; es existiert doch nicht nur ein einziges. 

2. Das uns interessierende Nicht-Wissen muß sich also von jedem anderen unterscheiden lassen.

3. Unterscheiden setzt jedoch Wissen voraus:

    Wir können nicht sinnvoll sagen, A unterscheide sich von B, ohne den Unterschied zu wissen. 

4. Wissen vom Nicht-Wissen ist also nur möglich, wenn letzteres durch ein Wissen so far als Wissen from now on markiert wird.

5. Das Nicht-Wissen wird damit zwar noch nicht gewußt, ist aber bereits diskretisiert.

 

Die Tradition setzt als selbstverständlich voraus, daß beispielsweise unser Sonnen-Wissen das Wissen von der seienden Sonne bildet; weiß aber nicht, was diese überhaupt sein soll.

AD: „Wenn wir danach fragen, bekommen wir zwar überzeugend erscheinende Antworten, sie

– gehören jedoch alle den Sonnen-Wissungen an und

– haben mit der seienden Sonne nichts zu tun.

– Sie werden ihr einfach blind zugeordnet, aber

– nach ihnen hatten wir gar nicht gefragt.

 

Hier wurden völlig grundlos zwei getrennte Entitäten – Nullmaliges und Wiederholtes – miteinander identifiziert.

Auf der einen Seite steht

– die – angeblich seiende, aber völlig ungewußte – Sonne,

– welche nur durch ihren Namen ‚Sonne‘ vertreten wird.

Auf der anderen Seite haben wir unser Sonnen-Wissen,

und jeder denkende Mensch müßte sich meines Erachtens fragen:

Die Sonne kommt nie und nirgends vor; wir reden nur über sie und schreiben ihr alle möglichen Eigenschaften zu.

Bei Rotkäppchen verhält es sich zwar exakt ebenso – aber kaum jemand zieht daraus irgendwelche Konsequenzen.“

 

Das Problem besteht also nicht im Sonnen-Wissen, sondern in der Sonne selbst, die

– stets nur als Seiendes vorausgesetzt oder

– als „Sonne“ bezeichnet wird,

– sich aber niemals zeigt.

AD: „Doch; wenn sie scheint!“   

Nein; wenn „die Sonne scheint“, scheint nicht die Sonne, sondern wir haben Sonnen-Wahrnehmungen.

 

Wahrnehmungen sind – gemeinsam mit den Vorstellungen – Wissungen (so far), und diese bestehen alle im Wissen von ihrem Referenten, Erstmaligen oder Wissen from now on.

Speziell eine Sonnen-Wahrnehmung ist also

– keine Wahrnehmung einer angeblichen Sonne, sondern

– die Erweiterung unseres Wissens (from now on), die sich ergibt, wenn wir an das Sonnen-Wissen (so far) anknüpfen.      

 

Das paßt übrigens sehr schön zu unseren obigen Überlegungen bezüglich der Wirklichkeit und Welt.

Da die Tradition die beiden gleichsetzt, glaubt sie, problemlos von der Sonne sprechen zu können. Ihr Sonnen-Wissen ist – wie jedes Wissen – natürlich unwirklich, so daß für die Tradition aus postmoderner Sicht keinerlei Wirklichkeit existiert.

Die Postmoderne kennt dagegen nichts, was sowohl der Wirklichkeit als auch der Welt angehört. Natürlich nicht, denn sie sind wie Wasser und Feuer; jene ist prinzipiell unwißbar und diese besteht nur im Wissen – so far bzw. from now on.   

Auch Wissen von der Sonne kann somit nur Wissen from now on vom Wissen so far sein.

 

An dieser Stelle bietet es sich an, nochmals auf den Begriff zurückzukommen:

Er ist absolut nichts anderes als das (entsprechende) Wissen so far bzw dessen Einheit.

Der Begriff Sonne beispelsweise, wäre also traditionell die Gesamtheit unseres gegenwärtigen Wissens von der Sonne.

„Von der Sonne“ gibt es postmodern nicht; so daß ihr Begriff in der Gesamtheit des Sonnen-Wissens so far besteht. Der Begriff andert sich durch unser Erstmaligen kontinuierlich und kann insbesondere auch umfangreicher werden. 

 

Mein Lieblingsbeispiel bei den Begriffen bilden die Symbole; etwa das große A.

Wie lautet das zugehörige Wissen from now on?

In diesem Buch stehen viele A; Seite 1 dritte, achte und zwölfte Zeile; Seite 2 vierte . . . Das ist unbestreitbar, obwohl es nur ein A gibt – A = A; auch dem werden Sie kaum widersprechen.

Dieses eine A ist der Begriff oder das Wissen so far.

Das A erscheint im Buch an vielen Stellen, aber nicht als Begriff, sondern als dessen Referent bzw. Wissen from now on.

 

Damit haben wir bereits die drittte Identität gefunden, die Identität(B) des Begriffs.

Seine Referenten können

– in der Raum-Zeit auftreten, wo und wann auch immer sie wollen,

– in sämtlichen Texten, ja sogar

– handgeschrieben oder verschmiert sein:

Die Identität(B) des Begriffs A besteht darin, alle diese Referenten bestimmt oder „markiert“ zu haben.  

 

Auch die Asymmetrie innerhalb des Wissens wird an diesem Beispiel sehr schön deutlich:

Der Begriff A bestimmt, welche Pixelverteilungen im Buch seine Referenten sind.

Aber die Pixelverteilungen des Buches können niemals auf den Begriff A verweisen. 

 

AD: „Ich sehe aber noch einen Widerspruch bei Ihnen:

Wenn wir kein Wissen von den Seienden haben können, dürften Sie doch auch nicht behaupten, es gäbe keine.“

Sie haben Recht; ich kann meine Ablehnung der Seienden nicht restlos begründen.

Wir haben lediglich gezeigt, daß es unmöglich ist,

– vom Nicht-Wissen,

– das keinerlei Verbindung zum Wissen besitzt,

– in das Wissen überzugehen;

einfach weil sich keine Möglichkeit rechtfertigen läßt, dieses an das Nicht-Wissen anzukoppeln. 

 

Daraus folgt:

Vielleicht gibt es traditionelle Seiende; ich räume das sehr gerne ein.

Wenn unsere Überlegungen richtig sind, werden wir jedoch niemals von ihnen wissen (können).

Zwischen

– „Es gibt keine Seienden“ und

– „Wir werden niemals etwas von Seienden wissen“

besteht für mich jedoch „kein Unterschied, der einen Unterschied macht“ (Gregory Bateson). 

 

AD: „Man darf nichts unterscheiden, ohne den Unterschied zu wissen, haben Sie uns kürzlich beigebracht.

In dem speziellen Fall soeben kann gar kein Unterschied bestehen, weil ‚beide Arten von Seienden‘ nicht vorkommen.“