„Gestatten Sie bitte, daß ich mich kurz vorstelle, wenn ich Ihnen schon ins Wort falle:
Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen; wie soeben.“
„Adé“ ist gut . . .; aber trotzdem: Herzlich willkommen!
AD: „Danke!
Sie hatten uns oben versprochen, möglichst weitestgehend auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten – und nun kommt aus heiterem Himmel plötzlich eine Transzendenz ins Spiel, mit der die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Das klingt hinterwäldlerisch und ist es wohl auch . . .“
Sofern Sie damit sagen wollen, wir wüßten nicht, worin die Transzendenz besteht und ob man das überhaupt wissen kann, gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Aber die Schlußfolgerungen, die sich daraus für mich ergeben, zielen scheinbar eher in die entgegengesetzte Richtung als bei Ihnen:
Ich halte die Frage, woher die Welt stammt, weder für dumm oder naiv noch für uninteressant. Oben sollte kurz angedeutet werden, daß sie bis heute nicht befriedigend beantwortet werden konnte. Nahezu alle uns bekannten Kulturen haben sich an ihr abgearbeitet und nicht zuletzt deshalb häufig einen Gott bzw. Himmel, ein Reich der Ahnen, Paradies oder Jenseits postuliert; die Namen tun nichts zur Sache.
Wir können eine solche Transzendenz vorerst weder erklären noch beschreiben. Aber gerade wenn ich, wie Sie formuliert haben, „möglichst weitestgehend auf jeden unbegründeten Gedanken verzichten“ möchte, darf ich die Existenz einer solchen Transzendenz ebensowenig leugnen wie behaupten; beides wäre völlig unbegründet, willkürlich oder aus der Luft gegriffen Das Unbekannte muß als solches offenbleiben und darf erst bejaht oder verneint werden, nachdem wir es hinreichend erkannt haben; nur so ist ein seriöses Entscheiden möglich.
Der Satz „Was ich nicht verstehe, kann unmöglich existieren“ zeugt kaum von Bescheidenheit oder Intelligenz.
Vielleicht wird noch deutlich, daß die Frage nach dem Woher der objektiven Welt tatsächlich dumm, weil falsch gestellt ist. Aber auch das müßte sich erst im Gefolge unserer Überlegungen ergeben und kann von einem philosophischen, das heißt, offenen Denken unmöglich vorausgesetzt werden.
AD: „So verstanden, würde ich mit Ihnen d’accord gehen.
Aber die alten Griechen konnten es gar nicht so verstehen, weil sie einen ewig-identischen Kosmos vorausgesetzt haben, womit sich die Frage nach seinem Entstehen erübrigte.“
Das ist richtig; ich habe meine letzten Gedanken der Einfachheit halber etwas unsauber formuliert und korrigiere mich nun:
Unabhängig von der sekundären Frage, ob die Welt einen Anfang (und ein Ende) besitzt oder nicht, muß es einen Grund für ihre Existenz geben, und er ist es letztlich, wonach wir suchen. Der Grund hat aber auch gar nichts mit der Ursache – für den zeitlichen Anfang – der Welt zu tun. Er ist das Primäre, und ohne den transzendenten Grund gibt es keine immanente Welt – weder mit noch ohne Anfang oder Ende.
Der Unterschied zwischen Ursache und Grund sowie die Bedeutung des letzteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, daß dem traditionellen Denken zufolge ohne den Grund auch keine Wahrheit existieren würde.
Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu können, mußte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Maßstab des Bauplans, ist keine begründete Wertung möglich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Façon: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.
Nach traditionellem Verständnis gibt es ohne die Ideen keine Wahrheit in unserem Leben.
Sokrates stellte für Platon die personifizierte (Idee der) Gerechtigkeit dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich – wie auch immer er diese Gegenüberstellung bewerkstelligt haben mag –, und die Ähnlichkeit der beiden Seiten bestätigte ihm seine diesbezügliche Einschätzung des Sokrates.
Die Ideen sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge natürlich auch für die materiellen Körper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise könnte es auch letztere nicht geben; sie nimmt in den Planeten Gestalt an oder verkörpert sich darin – ganz ähnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.
Platon war diesbezüglich so konsequent, daß er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls könnten diese Dinge ja seines Erachtens gar nicht existieren; aber durch die entsprechenden Ideen gibt es nun – analog zur Gerechtigkeit – sogar wahre Bettgestelle und wahren Schmutz bzw. Kot.
Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der „wahren Liebe“, dem „wahren Freund“ oder „Helden“ hallt dieses antik-mittelalterliche Denken heute noch nach.
Von besonderem Interesse für unsere weiteren Überlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.
Bei den Ideen der Transzendenz können wir uns diesbezüglich kurzfassen: Sie sind – wie Gott – gar nicht in der Zeit und müssen somit identisch sein. Die Gerechtigkeit beispielsweise ist eine ewige Idee; sie bildet für Sokrates und Mutter Theresa exakt das gleiche Ideal.
Die Seienden können sich offensichtlich verändern; Moritz wächst, das Wasser fließt, oder die Sonne geht auf und unter.
An dieser Gegenüberstellung wird bereits recht deutlich daß wir Identität und Unveränderlichkeit sauber voneinander unterscheiden müssen:
Erstere kommt der Transzendenz zu; das Zeitlose befindet sich jenseits von Änderungen oder Nicht-Änderungen; der traditionelle Gott könnte also – wenn es ihn überhaupt gäbe – nur identisch sein.
Die Seienden gehören dagegen der immanenten Zeit an. Das bedeutet, daß sie sich ändern können – aber natürlich keineswegs müssen. Tun sie es nicht, werden die Seienden dadurch jedoch nicht identisch, sondern sie sind einfach nur unveränderlich. Das ist partout nichts Besonderes, sondern lediglich der asymptotische Grenzfall einer Änderung mit dem Wert 0.
Ein Apfel wird rot oder bleibt grün; gewiß ist er nicht ewig-identisch.
Die Immanenz kann nicht identisch, und die Transzendenz nicht unveränderlich sein. Wer letzteres von Gott annimmt, denkt ihn nach dem Modell eines Granitblocks.