AD: „Sie hatten uns eingangs versprochen, möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten und bringen kurz danach – für mich irritierend – ein Jenseits ins Spiel . . .“
Das verschwindet auch sofort wieder!
Ich benutze das Begriffspaar Diesseits – Jenseits nur für das traditionelle Denken, demzufolge die gesamte Wirklichkeit in diesem Sinne unterteilt werden kann. Da wir postmodern jedoch sämtliche Seienden ablehnen, gibt es für uns kein Jenseits – aber natürlich auch kein traditonelles Diesseits. Das eine ist so hinterwäldlerisch wie das andere.
Wir erheben nicht den Anspruch, eine vorgegebene Wirklichkeit möglichst adäquat wiederzugeben, sondern suchen nach einem Weltbild, das unser Leben möglichst zugleich erleichtert und vertieft. Wird daran zwischen Immanenz und Transzendenz unterschieden, so haben diese beiden Begriffe eine völlig andere Bedeutung als ihre traditionellen Pendants:
Wir behaupten nicht, es gäbe eine der Immanenz entzogene Transzendenz. Das wäre auch mehr als leichtsinnig, denn die damit zwangsläufig provozierte Frage, woher wir von einer solchen Transzendenz wissen wollen, führt uns in Teufels Küche, wie die jüngere Gestesgeschichte beweist.
Vielmehr verfügt jeder von uns über ein subjektives Weltbild, auf dessen Grundlage er sein Leben gestaltet. Die Fragen, ob jenes
– neben der notwendigen Immanenz eine Transzendenz enthält und
– worin diese gegebenenfalls besteht,
– sind vollkommen offen und
– werden allein vom Weltbild selbst beantwortet.
Vielleicht dient es dem Verständnis, den überzeugten Atheisten sowie den traditionell Denkenden als die beiden asymptotischen Grenzfälle unserer Transzendenz zu verstehen:
Der Atheist benötigt letztere gar nicht; er lebt aus der festen Überzegung, daß sich ausnahmslos alles immanent erklären läßt.
Für den Traditionalisten dagegen besteht (auch) die Transzendenz aus Seienden; sie kann folglich gewußt werden und wird damit zum Jenseits. Der Traditionalist selbst verfügt über ein mehr oder weniger großes Wissen davon.
AD: „Was ist besser?
Als Gläubiger können Sie kaum den Atheisten favorisieren, mögen den Traditionalisten aber ebenfalls nicht sonderlich . . .“
Ihre Frage ist falsch gestellt, weil es meines Erachtens letztlich absolut nicht um unser Weltbild geht. Natürlich ist es überaus wichtig, weil unsere Lebensweise ganz massiv vom Weltbild abhängt. Aber dennoch kann es nur sekundär sein, weil allein unser Leben wichtig ist.
Ich schließe, anschaulich gesprochen, jeden Gott aus, der uns fragt „Was hast du geglaubt“, gegebenenfalls Häkchen anbringt und dann zusammenzählt, ob ihre Summe für den „Himmel“ ausreicht.
Ohne jegliches Gericht ist unser Leben nach meinem Dafürhalten aber ebenfalls ausgeschlossen.
AD: „Oh! Das hatte ich nicht erwartet!“
Doch;
– zum einen geht es dabei jedoch allein um unser Leben, aber nicht darum, was wir glauben, und
– zum anderen kann ich natürlich nur von einem Gericht sprechen, wie es in meinem Weltbild vorkommt. Das ist jedoch kein Straf-, sondern ein Versöhnungsgericht:
Es muß unter anderem dafür sorgen, daß ein Folterer und sein Opfer danach in einem inneren Frieden zusammenleben können. Ein „Himmel“ mit „ich könnte dem . . .“ bzw. „Ich verzeihe dem nicht, daß . . .“ scheint mir unmöglich zu sein.
AD: „Ohne Seiende gibt es die traditionelle Zeit ebenfalls nicht, so daß die Transzendenz auch weder Anfang noch Ende kennt.
Die einzig-entscheidende Frage, die wir diesbezüglich beantworten müßten, besteht also darin, ob sich die Immanenz selbst trägt oder eines transzendenten Grundes bedarf. Um ihn allein geht es letztlich; dieser Grund hat aber auch gar nichts mit einer Ursache zu tun.
Der Unterschied zwischen Grund und Ursache sowie die Bedeutung des ersteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, daß dem vormodernen Denken zufolge ohne den Grund – die Ideen – auch keine Wahrheit existieren würde.
Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu können, mußte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Maßstab – des Bauplans –, ist keine begründete Wertung möglich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Façon: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.
Sokrates stellte für Platon die personifizierte – Idee der – Gerechtigkeit dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich und eine hinreichende Ähnlichkeit zwischen beiden feststellte.
Sollten Sie jetzt bedenklich die Stirn runzeln, gehen wir wahrscheinlich vollkommen d’accord:
Wie kann eine rein geistige Idee mit der praktischen Lebensführung verglichen werden?
Wir müssen derartige Fragen zum Glück nicht beantworten, denn mit der Moderne – und ganz in unserem Sinne – wurden die göttlichen Ideen zu Begriffen und damit bloßen Denkwerkzeugen verweltlicht.
Diese sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge natürlich auch für die materiellen Körper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise könnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den seienden Planeten konkrete Gestalt an oder verkörpert sich darin – ganz ähnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.
Platon war diesbezüglich so konsequent, daß er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls würden diese Dinge ja seines Erachtens gar nicht existieren (können); aber durch die entsprechenden Ideen gibt es nun – analog zur Gerechtigkeit – sogar wahre Bettgestelle und wahren Schmutz bzw. Kot.
Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der „wahren Liebe“, dem „wahren Freund“ oder „Helden“ wirkt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.
Von besonderem Interesse für unsere weiteren Überlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.
– Ideen sind identisch(I), und das heißt sowohl ewig als auch unveränderlich.
Nur auf ihrer Grundlage läßt sich zum Beispiel sinnvoll sagen, daß zu Zeiten der Sauriere auf der Erde keine Menschen lebten.
– Seiende sind dagegen nur identisch(S).
Fast alle Seienden
— existieren nur eine bestimmte Zeit und
— können sich ändern.
Gott muß als Seiendes gewiß ewig gedacht werden, um seiner Funktion gerecht werden zu können; aber ich sehe keine Grund, für die weitgehendst vorausgesetzte Unveränderlichkeit Gottes.
Hieran wird nochmals sehr schön deutlich, daß wir Identität(S) und Unveränderlichkeit sauber voneinander unterscheiden müssen. Die beiden haben nichts miteinander zu tun, denn die Unveränderlichkeit ist lediglich der asymptotische Grenzfall einer Änderung mit dem Wert 0 und geht somit kontinuierlich in sie über.
Den Grundgedanken ewig identischer Ideen hat das traditionelle Denken bis heute beibehalten:
– „Ewig-identische“ Naturgesetze
– bestimmen wie „ewig-identische“ Elementarteilchen,
– sich gemäß einer „ewig-identischen“ Evolution
– in der „ewig-identischen“ Raum-Zeit bewegen.
Ohne derartige Annahmen wäre der Gedanke, wir könnten von unserem speziellen Hier und Jetzt aus die gesamte Wirklichkeit verstehen, überhaupt nicht möglich.
Nur wenn die Explosion eine ewig-identische Idee ist, können wir verstehen, daß es vor 13, 6 Milliarden Jahren einen Urknall gegeben haben soll. Wann und wo eine konkrete Explosion tatsächlich erfolgt, spielt dann überhaupt keine Rolle; es ist ja immer das Gleiche.