AD: „Sie hatten uns oben versprochen, möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten – und nun kommt aus heiterem Himmel plötzlich ein Jenseits ins Spiel, mit dem die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Das klingt hinterwäldlerisch und ist es wohl auch . . .“
Wir müssen an dieser Stelle etwas langsamer vorgehen, weil sie mit möglichen Mißverständissen gespickt ist.
Ich benutze das Begriffspaar Diesseits – Jenseits nur für das traditionelle Denken, das stets auf den Seienden basiert. Wir lehnen letztere ab, womit das Dieseits ebenso entfällt wie das Jenseits.
Dieser Unterscheidung liegt der Gedanke zugrunde, daß die Wirklichkeit eventuell über alles Wiß-, Verfüg- oder Wahrnehmbare hinausgeht. Eine solche Möglichkeit läßt sich einerseits nicht nonchalant von der Hand weisen, muß jedoch andererseits nicht im Sinne der Tradition verstanden werden. Wir vermitteln beide Seiten und wechsen deshalb postmodern von der Gegenüberstellung Diesseits – Jenseits zu Immanenz – Transzendenz.
Mit anderen Worten:
Ohne Seiende gibt es auch keine objektive Welt. Die im letzten Kapitel angedeutete Frage nach ihrer Ermöglichung muß uns also gar nicht mehr interessieren.
Aber damit leugnen wir natürlich nicht die Wirklichkeit – was auch widersprüchlich wäre –, sondern bestreiten lediglich ihre traditionelle Form und suchen nach einer anderen, postmodernen.
„Möglichst auf jeden unbegründeten Gedanken zu verzichten“, wie Sie es formuliert haben, bedeutet dann jedoch, für eine postmoderne Transzendenz offen zu sein, denn sie von vornherein zu bestreiten, wäre ebenfalls ein unbegründeter Gedanke.
„Ich verstehe nicht, wovon du sprichst, weiß aber, daß es das nicht gibt“ wirkt nicht unbedingt überzeugend.
AD: „Ohne Seiende entfällt nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit, denn diese muß traditionell ebenfalls ein Seiendes darstellen, das notwendigerweise
– entweder selbst der Welt angehört oder
– die Sphäre bildet, in der sich die Welt befindet.
Damit erübrigt sich die Frage nach dem Anfang für uns, und ich weiß gar nicht recht, weshalb Sie im vorigen Kapitel überhaupt darauf eingegangen sind.“
Das stimmt; ich habe meine Gedanken dort der Einfachheit halber zunächst etwas unsauber formuliert und korrigiere mich nun:
Unabhängig von der völlig sekundären Frage, ob die Immanenz einen Anfang (und ein Ende) besitzt oder nicht, stehen wir vor der folgenden Alternative:
– Entweder die Immanenz trägt sich selbst, oder
– sie verdankt sich einem transzendenten Grund.
Um ihn geht es letztlich; dieser Grund hat aber auch gar nichts mit einer Ursache – für den zeitlichen Anfang – der Immanenz zu tun.
Der Unterschied zwischen Ursache und Grund sowie die Bedeutung des letzteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, daß dem traditionellen Denken zufolge ohne den Grund – die Ideen – auch keine Wahrheit existieren würde.
Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu können, mußte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Maßstab – des Bauplans –, ist keine begründete Wertung möglich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Façon: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.
Sokrates stellte für Platon die personifizierte – Idee der – Gerechtigkeit dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich und eine hinreichende Ähnlichkeit zwischen beiden feststellte.
Sollten Sie jetzt bedenklich die Stirn runzeln, gehen wir wahrscheinlich vollkommen d’accord:
Wie kann eine rein geistige Idee mit der praktischen Lebensführung verglichen werden?
Wir müssen derartige Fragen zum Glück nicht beantworten, denn mit den Seienden werden für uns natürlich auch deren Baupläne, die Ideen, hinfällig.
Diese sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge natürlich auch für die materiellen Körper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise könnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den Planeten konkrete Gestalt an oder verkörpert sich darin – ganz ähnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.
Platon war diesbezüglich so konsequent, daß er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls würden diese Dinge ja seines Erachtens gar nicht existieren; aber durch die entsprechenden Ideen gibt es nun – analog zur Gerechtigkeit – sogar wahre Bettgestelle und wahren Schmutz bzw. Kot.
Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der „wahren Liebe“, dem „wahren Freund“ oder „Helden“ wirkt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.
Von besonderem Interesse für unsere weiteren Überlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.
Bei den Ideen des Jenseits können wir uns diesbezüglich kurzfassen: Sie sind – wie der traditionelle Gott – gar nicht in der Zeit und müssen somit identisch sein. Die Gerechtigkeit beispielsweise ist eine ewige Idee; sie bildet für Sokrates und Mutter Theresa exakt das gleiche Ideal.
Die Seienden können sich offensichtlich verändern; Moritz wächst, das Wasser fließt, oder die Sonne geht auf und unter.
An dieser Gegenüberstellung wird bereits deutlich, daß wir Identität und Unveränderlichkeit sauber voneinander unterscheiden müssen:
Erstere kommt dem traditionellen Jenseits zu; seine Zeitlosigkeit hat nichts mit Änderungen oder Nicht-Änderungen zu tun.
Die Seienden gehören dagegen der Zeit an. Das bedeutet, daß sie variieren können – aber natürlich keineswegs müssen. Tun sie es nicht, werden die Seienden dadurch jedoch nicht identisch, sondern sie sind einfach nur unveränderlich. Das ist partout nichts Besonderes, sondern lediglich der asymptotische Grenzfall einer Änderung mit dem Wert 0.
Das Auto fährt immer langsamer und steht schließlich; ein Apfel wird rot oder bleibt grün; gewiß ist er nicht (ewig-)identisch.
– Das Diesseits kann nicht identisch, und
– das Jenseits nicht unveränderlich sein.
Wer letzteres von Gott annimmt, denkt ihn nach dem Modell eines Granitblocks – nur noch unveränderlicher.