1.1.1. Von den Ideen zu den Begriffen

Vor der Moderne wurden die Seienden zumeist als Einheit von 

Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden. 

Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst;  definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse. 

 

Das sind die Ideen oder Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg  die Seienden gefertigt bzw. die Nicht-Seienden nicht gefertigt hat.

Idee   =   Essenz, Wesen oder Was

Ein solches Denken ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare hergestellt werden.

Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee

existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und 

verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.

Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen rein geistigen Idee des Planeten

 

Die Moderne cancelt die göttlichen Ideen nicht ersatzlos, sondern tauscht sie gegen das aus, was diese Ideen ihr zufolge und auch unserer Meinung nach immer schon waren, nämlich menschliche Begriffe.

Folglich bestehen die Seienden nun in der rein diesseitigen Einheit von 

Begriff auf der einen Seite und

Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.

Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber die Tradition weiß, was es nicht gibt.   

 

Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental, weil die Ideen zugleich Ideale darstellten, an denen die Seienden gemessen werden konnten bzw. sich messen lassen mußten

Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren. Diese Funktion geht verloren; Begriffe sind Denkwerkzeuge und keine Leitsterne.

 

AD: „Können wir bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen.

Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘. 

‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiende damit ein Unbegriff. 

‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“

 

Ich glaube, Sie haben 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich, wie Ihre Beispiel zeigen, beliebig vergrößern ließe. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:

Weshalb sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Wenn Einhörner imaginär sind, warum glauben wir dann, Nashörner seien real?

 

AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch keiner Einhörner.“

Ich bezweifle letzteres nicht nur, sondern bin mir sogar recht sicher, daß viele unserer Vorfahren beispielsweise Erdscheibe und Himmelsglocke, Hexen, Besessene, Wunder, Feen oder den König von Gottes Gnaden und vielleicht sogar Einhörner nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl viele Traditionalisten sie heute eher unter „Nicht-Seiende“ einordnen würden.

 

AD: „Das stimmt; beispielsweise hatte der eine bei seinem Unfall eben ‚zufällig Glück gehabt‘, und der andere sieht im eigenen Überleben ‚eine wunderbare Fügung Gottes‘; er wird scheinbar noch gebraucht. Jeder muß seine Antworten auf derartige Fragen selbst finden, darf sie aber nicht auf andere Menschen übertragen. Das folgt zwingend, da unsere Antworten sich „nur“ aus dem subjektiven Weltbild ergeben können, das bei jedem anders ist. 

Das gebe ich einerseits alles zu.

Aber andererseits kann es doch nicht sein,

daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht, oder

– dLeben, Liebe, Heil, Leid und Tod bloße Narrative sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns sogar ersparen können.“ 

 

Natürlich kann das nicht sein; es ergibt sich in Ihrer Argumentation aber doch auch nur, weil Sie unsere Wirklichkeit mit deren bloßen Interpretationen oder Deutungen  gleichsetzen.

Vielleicht wirkt darin noch das traditionelle Denken nach, demzufolge die Seienden in der Einheit von

Existenz, Sein bzw. Daß und 

Essenz, Wesen oder Was bestehen.

Wir trennen diese beiden Seiten völlig voneinander:

Die Wirklichkeit

ist kontinuierlich, fluid oder „nur“ bewußt und

besteht gar nicht in gewußten Stückchen, so daß die Frage, was diese sind, gegenstandslos wird.