Mit der Aufklärung, spätestens im 18. Jahrhundert nahm die Einsicht, daß das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht, immer stärker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und gerät damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unerschütterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; wir hatten schon bemerkt, daß das ausgeschlossen ist.
In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als Einheit von
– Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden.
Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst; definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse.
Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:
Das sind die Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg die Seienden erstellt hat; sie fallen also exakt mit seinen einmaligen Ideen zusammen:
Ideen = Essenzen, Wesen oder Wasse
Das ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare installiert werden.
Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars‘ besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee
– existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und
– verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.
Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen rein geistigen Idee des Planeten.
Die Moderne cancelt die Ideen,
– weil sie nicht immanent erfahren, sondern
– nur als transzendent gedacht und damit geglaubt oder behauptet werden können, und
– ersetzt die göttlichen Ideen durch menschliche Begriffe.
Die gibt es aber gar nicht, das heißt, sie gehören nicht der traditionellen Wirklichkeit an, sondern sind lediglich erfunden oder konstruiert. Die Begriffe stellen bloße Denkwerkzeuge dar; ebenso notwendig wie unwirklich.
Damit bestehen die Seienden in der rein immanenten Einheit von
– Begriff auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.
Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; der Begriff des Yetis wurde vom Demiurgen nicht realisiert.
Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental, und ihre beiden wichtigsten Konsequenzen hatten wir bereits angedeutet:
Zum einen kann die Existenz der Seienden nicht mehr verständlich begründet werden, denn sie müssen, anschaulich gesprochen, einfach vom Himmel gefallen sein.
Und zum anderen waren die Ideen auch Ideale, an denen die Seienden gemessen werden konnten bzw. sich messen lassen mußten. Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren.
Auch diese zweite Funktion der Ideen geht mit deren Übergang zu den Begriffen verloren.
AD: „Können wir bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen.
Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘.
‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiende damit ein Unbegriff.
‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“
Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergrößern läßt. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:
Wieso sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Genügt die Annahme der Existenz oder der Glaube daran tatsächlich, um aus Erfindungen Realität bzw. aus Phantasiegestalten Wirklichkeitsformen werden zu lassen?
Wenn Einhörner imaginär sind, weshalb sollten dann Nashörner real sein?
AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch keiner Einhörner.“
Ich bezweifle letzteres nicht nur, sondern bin mir sogar sehr sicher, daß viele unserer Vorfahren beispielsweise die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder oder den König von Gottes Gnaden und vielleicht sogar Einhörner nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl wir sie heute alle unter „Nicht-Seiende“ einordnen würden.
AD: „Stimmt; sowohl die Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende als auch ihre Wahrnehmbarkeit lassen sich höchstens als zeit-, kultur oder subjektabhängig verstehen. Der eine ‚hatte eben zufällig Glück gehabt‘ und der andere erlebt ‚eine wunderbare Fügung Gottes‘ . . .“
AD: „. . . Aber wollen Sie damit etwa sagen, daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht? Daß Leben, Liebe, Leid und Tod bloße Narrationen sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen können?„
Nein; natürlich nicht; Ihre Schlußfolgerung, daß sich derartiges bei mir ergeben müßte, wirkt zwar sehr stringent, ist es jedoch nicht:
Ich bin tatsächlich überzeugt, daß es keinerlei Seiende gibt, sondern die angeblichen „Seienden“ bloße – mehr oder weniger willkürliche – Konstruktionen darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden. Damit ist auch der „moderne Übergang von den Ideen zu den Begriffen“ meines Erachtens nicht nur völlig unproblematisch, sondern stellt in Wirklichkeit gar keinen Übergang dar, weil die „Ideen“ – dem vormodernen Denken zum Trotz – immer schon Begriffe waren und nur als Ideen behauptet oder mißverstanden wurden.
Da die Wirklichkeit für mich jedoch weder in den Ideen noch in den Seienden besteht, kann ich das völlig emotionslos und widerspruchsfrei denken.
Wer sie dagegen traditionell mit den Seienden identifiziert, muß sich natürlich dagegen verwahren, letztere als bloße Konstruktionen zu betrachten, weil ansonsten seine Wirklichkeit weg wäre.
In der Moderne wird das traditionelle Verständnis der Wirklichkeit als einer Menge von Seienden nicht nur beibehalten, sondern so stark simplifiziert, daß es wie selbstverständlich erscheint und „natürlich“ vollkommen durchschaut wird:
Wir besitzen diesem Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Präsentierteller vor uns ausgebreitet, so daß wir sie mittels der Sprache bezeichnen können.
„Löwe“ beispielsweise meint den Löwen, der in Afrika durch die Savanne streift.
Zu sagen, den Löwen, Afrika und die Savanne gäbe es – ebenso wie das Wort „Löwe“ – in der Postmoderne nicht mehr, wäre offensichtlich Unsinn, da wir ja gerade mit ihnen operieren; sie können lediglich nicht länger als Seiende verstanden werden.
Damit stellen sich uns zwei Fragen:
Zum einen tritt offensichtlich etwas anderes an die Stelle der Seienden; was sind Löwe, Afrika, Savanne und „Löwe“ bei uns? In diese Richtung denken im Abschnitt 1.1.4. weiter.
Zum anderen müssen wir für unsere weiteren Überlegungen jedoch jetzt schon klären, welche Art von Entitäten die Sprache bezeichnet.
Traditionell sind das die Seienden; aber es versteht sich nicht von selbst, daß dies auch für ihre postmodernen Nachfolger gilt.
Also: Was bezeichnen wir mittels der Sprache?
Die Antwort lautet: Jeweils unser eigenes oder subjektives Wissen.
Um sie jedoch verstehen zu können, müssen wir zugleich klären, was genau die Wissungen sind. Der einfachste Weg zu diesem Ziel besteht wahrscheinlich in Ludwig Wittgensteins Argumentation gegen die Möglichkeit von Privatsprachen:
Angenommen in Ihrer Psyche befindet sich irgendetwas, was Sie bezeichnen möchten; worum es sich dabei handelt, ist völlig einerlei; eine Empfindung, Atmosphäre oder Stimmung, ein Eindruck oder Einfall. Sie geben dieser Gegebenheit den Namen „CR7“ und notieren ihn vorsichtshalber.
Morgen wollen Sie auf die Situation zurückkommen, haben den Namen parat, aber die Gegebenheit vielleicht nicht mehr, weil
– sie sich als solche prinzipiell nicht notieren läßt und
– Sie eine jetzige Gegebenheit wegen der zeitlichen Distanz nicht mit der von gestern vergleichen können.
Beides wäre freilich auch unnötig, wenn sich die gestrige Gegebenheit von selbst in Ihrer Psyche wiederholen würde. Ob dies tatsächlich der Fall ist, können Sie natürlich nicht kontrollieren; es muß Ihnen also von anderen Subjektivitäten bestätigt werden – und deswegen sind Privatsprachen unmöglich.
Damit wird unsere vorgreifende Antwort wohl verständlich:
Es können nur Wissungen bezeichnet werden, weil sie per definitionem exakt die Entitäten darstellen, welche die beiden dafür notwendigen Voraussetzungen erfüllen:
1. Die Gegebenheit muß sich innerhalb meiner eigenen Psyche wiederholen.
2. Daß sie das tatsächlich tut, bestätigen mir hinreichend viele andere Subjektivitäten.
Die Sprache bezeichnet also keine (objektive) Wirklichkeit, sondern meine subjektiven Wissungen.
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze im ganzen Buch. Er mag Sie sehr überraschen, ist aber recht einleuchtend, wenn wir ein wenig darüber nachdenken:
Das Erlernen der Sprache findet wesentlich schon im Vorschulalter statt. Die Kinder wissen nichts von Seienden oder sonstigen philosophischen Skurrilitäten, sondern verfügen über ganz normale kindliche Wahrnehmungen und Vorstellungen. Was anderes könnten sie also lernen zu bezeichnen?
Erschrecken Sie nicht wegen des unüblichen Ausdrucks „Wissungen“; er besitzt exakt die gleiche Bedeutung wie das Wissen. Wir benötigen ihn aber trotzdem, um eine möglichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu können. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers „Schwarzwald-Deutsch“, erfolgt aber relativ zwingend und unabhängig von ihm.
Wortpaare wie „Wahrnehmungen – Wahrgenommene“ oder „Vorstellungen – Vorgestellte“ besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik möchte ich um „Wissungen – Gewußte“ sowie weitere Paare ergänzen.
Ein zweiter Grund ist grammatischer Art:
Wissung gestattet nicht nur– anders als das Wissen – die Pluralbildung „Wissungen“, sondern verweist auch eindeutig auf seine substantivische oder nicht-verbale Bedeutung:
Wir wissen Wissungen.
In der Moderne kam es noch zu einer weiteren wichtigen geistesgeschichtlichen Korrektur:
Seiendes ist nicht gleich Seiendes; insbesondere die Subjekte können auch als Seiende ihren Status radikal ändern, und das geschah etwa parallel zur Auflösung der Ideen.
Die vormodernen Subjekte verstanden sich im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wofür – in eine vorgegebene Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was.
Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – im Jenseits einmal dafür belohnt zu werden
Philosophisch könnte man sagen: Das waren zwar Subjekte im Nominativ; sie besaßen „selbstverständlich“ eine Seele und wurden – wie alle Seienden – als substanziell oder identisch gedacht. Aber sie waren nicht autonom; weder standen sie auf eigenen Beinen noch spielte ihre Freiheit eine sonderliche Rolle, und als Selbstbestimmung war sie schon gar nicht zu denken.
Das änderte sich in der Moderne grundlegend.
Die Subjekte
– blieben zwar weiterhin Seiende,
– wurden aber autonomer, souveräner oder unabhängiger,
– erfuhren sich zunehmend als frei, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich und
– verstanden sich häufig als autark im Sinne von „auf den eigenen Beinen stehend“.
Auch das gehört zur „Aufklärung“, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden von der Transzendenz. Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren vielleicht Descartes, Kant, Hegel und Husserl.
Die daraus resutierende Philosophie – zumeist als eine solche des Subjekts bzw. Bewußtseins bezeichnet – neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geistesschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu führte, daß die (angeblich) gebildetsten und aufgeklärtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten fähig sind.
Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert bildet den Versuch einer Antwort.
Wir brechen natürlich ebenfalls mit dieser Traditione; freilich aus einem anderen Grund, nämlich weil die Subjekte der Bewußtseins-Philosohie weiterhin Seiende sind. Um den prinzipiellen Unterschied zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir bei unseren „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten.
Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind die Subjektivitäten im Dativ oder Akkusativ:
– Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“, sondern
– „mir geht nahe“, „mich betrifft“ oder „berührt“.
Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, berührt bzw. interessiert – gibt es mich nicht. Ich bin kein autarkes Subjekt, sondern entstehe erst durch „mein“ Antworten.
Ich tue das vielleicht in Freiheit und bin darin
– – mit der Philosophie des Subjekts – autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch
– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht autark, sondern
– abhängig davon, angesprochen zu werden, um antworten zu können.
Unseren diesbezüglichen Ausgangspunkt bildet ein anonymes Leben,
– das nur in dem Maße zu meinem Leben wird, oder
– aus dem ich nur in dem Maße hervorgehe,
wie ich eigenverantwortlich auf den Anspruch, der mich ungefragt und ungewollt trifft, antworte.