Mit der Aufklärung nahm die Einsicht, daß das traditionelle Denken das Jenseits als Grund des Diesseits notwendigerweise erforderlich macht, immer stärker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und gerät damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitgehendst von einem unerschütterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; wir hatten schon bemerkt, daß das ausgeschlossen ist.
In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als Einheit von
– Essenz, Wesen oder Was auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen verstanden.
Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst; definieren wir ein Seiendes als das, was ist, dann muß die Existenz natürlich dazugehören. Fehlt sie, handelt es sich nicht um Seiende, sondern um Nicht-Seiende, das heißt, um reine Essenzen, Wesen oder Wasse.
Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:
Das sind die Baupläne, nach deren Vorlage der Demiurg die Seienden gefertigt hat; sie fallen also exakt mit seinen einmaligen Ideen zusammen:
Idee = Essenz, Wesen oder Was
Das ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08/15 können beliebig viele Exemplare hergestellt werden.
Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars‘ besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verkörpern. Im Gegensatz zu seiner Idee
– existiert der Mars also in Raum und Zeit, so daß wir ihn zum Beispiel sehen können, und
– verfügt er über viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften wie Masse, Größe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.
Unsere Sonne könnte tausend Planeten haben; sie alle wären Realisierungen oder Verweltlichungen der einen rein geistigen Idee des Planeten.
Die Moderne cancelt die Ideen,
– weil sie nicht diesseitig erfahren, sondern
– nur als jenseitig gedacht und damit höchstens geglaubt oder behauptet werden können, und
– ersetzt die göttlichen Ideen durch menschliche Begriffe.
Im Gegensatz zu jenen gehören diese aber nicht der traditionellen Wirkichkeit an, sondern sind lediglich erfunden oder konstruiert; Begriffe stellen bloße Denkwerkzeuge dar, die wir uns einfallen lassen haben.
Damit bestehen die Seienden nun in der rein diesseitigen Einheit von
– Begriff auf der einen Seite und
– Existenz, Sein bzw. Daß auf der anderen.
Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; der Begriff die Idee des Yeti wurde vom Demiurgen nicht realisiert.
Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental, und ihre beiden wichtigsten Konsequenzen hatten wir bereits angedeutet:
Zum einen kann die Existenz der Seienden nicht mehr verständlich gemacht werden, denn sie müssen, anschaulich gesprochen, einfach vom Himmel gefallen sein; den Seienden fehlt der tragende Grund.
Und zum anderen waren die Ideen auch Ideale, an denen die Seienden gemessen werden konnten bzw. sich messen lassen mußten. Die Idee des Menschen beispielsweise drückte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie ursprünglich – von wem auch immer – einmal gedacht waren.
Auch diese zweite Funktion der Ideen geht mit deren Übergang zu den Begriffen verloren; letztere sind bloße Denkwerkzeuge und keine Leitsterne.
AD: „Können wir bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zurückkommen.
Wie sollen wir überhaupt von ihnen wissen können? Das Wahrnehmen scheidet – wenn es sie gar nicht gibt – naturgemäß aus, und vorstellen läßt sich (fast) ‚alles‘.
‚Ich weiß, was nicht existiert‘ ist meines Erachtens widersprüchlich, und Nicht-Seiende damit ein Unbegriff.
‚Natürlich‘ gibt es keine Einhörner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierhörnern? ‚Jeder weiß‘, daß Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal über Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind ‚offensichtlich‘ Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .“
Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tatsächlich bloße Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergrößern ließe. Aber damit regt sich natürlich ein – für das traditionelle Denken – schlimmer Verdacht:
Weshalb sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Wenn Einhörner imaginär sind, wie können Nashörner dann real sein?
AD: „Weil jeder von uns schon Nashörner gesehen hat, aber noch keiner Einhörner.“
Ich bezweifle letzteres nicht nur, sondern bin mir sogar sehr sicher, daß viele unserer Vorfahren beispielsweise die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder, Feen oder den König von Gottes Gnaden und vielleicht sogar Einhörner nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben – obwohl wir sie heute alle unter „Nicht-Seiende“ einordnen würden.
AD: „Das stimmt zwar; sowohl die Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende als auch ihre Wahrnehmbarkeit lassen sich höchstens als zeit-, kultur oder subjektabhängig verstehen. Beispielsweise hatte der eine bei seinem Unfall eben ‚zufällig Glück gehabt‘, und der andere sieht im eigenen Überleben ‚eine wunderbare Fügung Gottes‘.
Aber wollen Sie damit etwa sagen, daß unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen bestehen würde? Daß Leben, Liebe, Leid und Tod bloße Narrationen sind, die wir auch beliebig hätten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen können?„
Nein; natürlich nicht; Ihre Schlußfolgerung, daß sich derartiges bei mir ergeben müßte, wirkt zwar sehr stringent, ist es jedoch nicht:
Ich bin tatsächlich überzeugt, daß es keinerlei Seiende gibt, sondern die angeblichen Seienden bloße – mehr oder weniger willkürliche – Konstruktionen darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden.
Damit ist auch der moderne „Übergang von den Ideen zu den Begriffen“ meines Erachtens nicht nur völlig unproblematisch, sondern stellt in Wirklichkeit gar keinen Übergang dar, weil die „Ideen“ – dem vormodernen Denken zum Trotz – immer schon lediglich menschliche Begriffe waren und nur als göttliche Ideen behauptet bzw. mißverstanden wurden.
Da die Wirklichkeit für mich jedoch weder in den Seienden noch in den Ideen besteht, kann ich das völlig emotionslos denken und stoße auch nicht auf Widersprüche. Letztere entstehen nur für traditionell Denkende, weil bei ihnen die Wirklichkeit gecancelt wird.
In der Moderne wird das traditionelle Verständnis der Wirklichkeit als einer Menge von Seienden nicht nur beibehalten, sondern so stark simplifiziert, daß es wie selbstverständlich erscheint und „natürlich“ vollkommen durchschaut wird:
Wir besitzen diesem Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Präsentierteller vor uns ausgebreitet, so daß wir sie mittels der Sprache bezeichnen können.
„Löwe“ beispielsweise meint angeblich den Löwen, der in Afrika durch die Savanne streift.
Zu sagen, ihn, Afrika und die Savanne gäbe es – ebenso wie das Wort „Löwe“ – in der Postmoderne nicht mehr, wäre offensichtlich Unsinn, da wir sie gerade als wirkliche Beispiele nutzen. Sie können lediglich nicht länger als Seiende verstanden werden; allein darum geht es mir.
Wir stehen also insbesondere vor der brennenden Frage, was postmodern an die Stelle der Seienden tritt. Unsere Antwort wird in Ludwig Wittgensteins Sprachspielen bestehen, was ich aber an dieser Stelle leider noch nicht verständlich machen kann.