1.1.4. Das postmoderne Denkmodell als Korrektur des traditionellen

Nein; natürlich nicht. In diese Richtung geht ein häufiger Vorwurf von Traditionalisten. Er ist jedoch völlig unbegründet, denn die von Ihnen angedeutete Alternative

entweder wirkliche Seiende

– oder unwirkliche Konstruktionen

ist

– nicht nur unvollständig, sondern

– sogar falsch, weil die Seienden nicht wirklich sind, sondern irrtümlich als wirklich geglaubt werden.

Wir müssen also genauer überlegen und unterscheiden dazu

die Wirklichkeit von

den Wissungen.

 

Wissungen sind (im allgemeinen) entweder richtig oder falsch; häufig ist uns aber unbekannt, welches der beiden Prädikate im Einzelfall zutrifft.

Daß sie unwirklich sind, ist für die Tradition selbstverständlich; im vierten Teil werden wir sehen, daß dies auch postmodern gilt. Was unwirklich ist, kann meines Erachtens weder wahr noch unwahr sein. Mit Sätzen wie „Es gibt keinen Teufel, aber der wahre Teufel besitzt Hörner“ beispielsweise läßt sich schwerlich ein Sinn verbinden.  

Die postmoderne Wirklichkeit kann natürlich nicht gewußt werden, weil die Wissungen höchstens weitere Wissungen als Referenten besitzen und damit (unter anderem auch) ein Wissen von der Wirklichkeit ausgeschlossen bleibt.

 

Damit können läßt sich unser Dreizeiler von soeben etwas ergänzen:

Wir müssen also genauer überlegen und unterscheiden dazu

die ungewußte Wirklichkeit von

den unwirklichen Wissungen.

Nun zu Ihren Fragen:

 

Zunächst wäre es ein völliges Mißverständnis der (oder zumindest unserer) Postmoderne, würden wir ihr unterstellen, sie ersetze die Wirklichkeit durch Konstruktionen. Vielmehr tauscht sie die traditionelle gegen eine postmoderne Wirklichkeit aus. Erstere besteht in den Seienden; können wir auch zu letzterer bereits etwas sagen? 

Wie vermag die postmoderne Wirklichkeit überhaupt ein sinnvoller Begriff zu sein, obwohl wir absolut nichts von ihr wissen können? Das scheint auf den ersten Blick als unmöglich; die Philosophie des Ereignisses, die sich im 20. Jahrhundert allmählich entwickelte (Martin Heidegger, Gilles Deleuze, Alain Badiou, Slavoj Zizek) zeigt uns jedoch eine Lösung des nur scheinbaren Widerspruchs, die an zwei Voraussetzungen gebunden ist:

 

1. Die Wirklichkeit – darf nicht als Seiendes (Ding, Sache, Substanz, Material . . .), sondern – muß als Ereignis gedacht werden. Ich favorisiere zumeist die gleichbedeutende Formulierung, daß die Wirklichkeit in einem Sich-Zei(ti)gen besteht, weil sie mir als deutlicher und aussagekräftiger erscheint.

Aber auch Ereignisse, von denen ich prinzipiell nichts wissen kann, sind jedoch für mich null und nichtig – es sei denn, ich bin in sie verstrickt, sie gehen mir nahe oder betreffen mich. Daraus ergibt sich die zweite Bedingung, die wir an eine postmoderne Wirklichkeit stellen:

 

2. Ihr Sich-Zei(ti)gen muß unter anderem auch mich als Verstrickten zeitigen.

Ein solches „Mir oder Mich“ als Dativ- bzw. Akkusativ-Subjektivität hat kaum noch etwas mit dem traditionellen Subjekt zu tun, welches durch sein Dasein und Handeln, seine Eigenschaften oder Fähigkeiten charakterisiert wird.

Das Zei(ti)gen ist ein „in Geschichten Verstricken“ (Wilhelm Schapp), und ich bin – zunächst einmal nur – der Verstrickte. Dadurch wird mir – möglicherweise sehr schmerzlich – eine Wirklichkeit zugänglich, von der ich nichts wissen kann und brauche.

 

Das vielleicht beste Beispiel, um uns den gewaltigen Unterschied zwischen dem Sich-Zei(ti)gen der Wirklichkeit und dem Wissen zu verdeutlichen, bildet die Gegenüberstellung der Geschichten, in die wir verstrickt sind, mit unserer Biographie. Letztere kann völlig richtig sein – hat aber dennoch so gut wie gar nichts mit den Verstrickungen unseres – wahren oder unwahen – Lebens zu tun.

Die beiden – das Sich-Zei(ti)gen der Wirklichkeit und die Wissungen – gehören zwei ganz verschiedenen Ebenen an, zwischen denen wir gar nicht sauber genug unterscheiden können. Natürlich müssen sie irgendwie zusammenhängen – es gibt keinen postmodernen Dualismus –, aber wie das möglich sein könnte, ist noch völlig offen.

 

AD: „Ich verstehe auch nicht, was es bedeuten soll, daß sich die Wirklichkeit zei(ti)gt.“

Das kann an dieser Stelle gar nicht anders sein, und wir kommen ausführlich darauf zurück. Sind Sie bitte vorerst mit einem sehr einfachen, aber völlig adäquaten Beispiel zufrieden:

Der Titel des Kinderbuches „Was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ ist traditionell formuliert, und deswegen läßt sich die Frage nicht befriedigend beantworten.

Postmodern gibt es keinen Wind, sondern nur ein (verbales) Winden, weil das Seiende „Wind“ in eine sich zei(ti)gende Wirklichkeit „Winden“ übergeht, die durch Verben angemessener ausgedrückt werden kann als durch Substantive.

Dieses Winden kann sich zum Beispiel als Hurrikan, Schneesturm, Frösteln oder Erkälten zei(ti)gen. Das sind keine Seienden, sondern Zei(ti)gungen, in oder zu denen sich das Winden zeitigt. 

Deswegen das Sich-Zei(ti)gen; die postmoderne Wirklichkeit zeitigt sich – selbst – als, in oder zu Zei(ti)gungen. Das hat nichts mit Kausalität, Produzieren oder Schöpfen zu tun, sondern entspricht eher einem Explizieren bzw. Entfalten, denn es bleibt ja immer bei der kontinuierlichen postmodernen Wirklichkeit.

Das Winden erzeugt keinen Temperatursturz, sondern bleibt ein Winden, das sich in ihm zei(ti)gt.    

 

AD: „Dann wäre auch der Fluß ein schönes Beispiel. Es gibt ihn nicht als Seiendes, das wiederum seiende Strudel erzeugt, die sich mittels der Kausalität verstehen lassen. Postmodern haben wir vielmehr ein Fließen, das sich unter anderen auch im Strudel(n) zeitigt.

Das Fließen legt sich aus oder expliziert sich im Strudeln, Spritzen, Schäumen, Mitreißen, Hinabstürzen usw.“

Ja; alles richtig. Mir erschien der Wind nur deutlicher, weil sich der Fluß auch zu leicht als Seiendes auffassen läßt. Versteht man den Wind materiell oder material im Sinne bewegter Luft, führt er natürlich zu dem gleichen Problem.

 

Ich hatte oben etwas Falsches geschrieben; wir müssen einen Schritt weitergehen, denn die tatsächliche Situation ist „noch viel schlimmer“:

(1) Der Postmoderne wird zu Unrecht häufig unterstellt, sie tausche die traditionelle Wirklichkeit der Seienden gegen bloße Konstruktionen ein.

(2a) Das haben wir in einem ersten Schritt soeben zur Hälfte korrigiert:

Die Postmoderne ersetzt die traditionelle Wirklichkeit der Seienden durch eine sich zei(ti)gende Wirklichkeit und nicht durch irgendwelche Erfindungen.

(2b) Unser zweiter Schritt betrifft die noch fehlende Hälfte:

 

Bisher sind wir gutgläubig der Tradition in ihrem Selbstverständnis gefolgt und haben brav zugegeben, die Seienden würden deren Wirklichkeit bilden. Aber wir hatten doch bereits gesehen, daß das nicht stimmt und die Seienden – ebenso wie die Nicht-Seienden – bloße Konstruktionen darstellen.

Damit kehren wir den Vorwurf (1) um:

Die Postmoderne ist kein neues Denkmodell, sondern lediglich die notwendige Korrektur des traditionellen. Sie ersetzt dessen Glaubensbekenntnisse oder Luftschlösser durch eine sich zei(ti)gende Wirklichkeit.

Folglich stellt auch der moderne „Übergang“ von den „Ideen“ zu den Begriffen keinen Übergang dar, weil die „Ideen“ – dem vormodernen Denken zum Trotz – immer schon lediglich menschliche Begriffe waren und nur als göttliche Ideen behauptet bzw. mißverstanden wurden.  

 

In der Moderne wird das traditionelle Verständnis der Wirklichkeit als einer Menge von Seienden nicht nur beibehalten, sondern so stark simplifiziert, daß es wie selbstverständlich erscheint und „natürlich“ vollkommen durchschaut wird:

Wir besitzen diesem Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Präsentierteller vor uns ausgebreitet, so daß wir sie mittels der Sprache bezeichnen können.

„Löwe“ beispielsweise meint angeblich den Löwen, der in Afrika durch die Savanne streift.

 

Zu sagen, ihn, Afrika und die Savanne gäbe es in der Postmoderne nicht mehr, wäre offensichtlich Unsinn; wir entleeren die Welt nicht, sondern wollen sie nur verstehen.

Damit stellen sich uns zwei brennende Fragen:

1. Was bedeutet es, daß die Wirklichkeit – nicht in Seienden besteht, sondern – sich zei(ti)gt?

2. Was bezeichnen wir eigentlich mit den Worten „Löwe“, „Afrika“ oder „Savanne“, wenn es keine Seienden (mehr) gibt?

Einerseits haben wir letztere als bloße Konstruktionen durchschaut; andererseits bestreiten wir natürlich nicht, daß der Löwe in Afrika wirklich durch die Savanne streift, 

AD: „Deswegen haben Sie geschrieben ‚wir wollen die Welt verstehen‚ und nicht ‚anders verstehen als die Tradition‚; die versteht die Welt ja gar nicht. Die Tradition kommt gewissermaßen erst in der Postmoderne zu sich selbst.“ 

Vorausgesetzt, wir sind in der Lage, unsere beiden Fragen vernünftig zu beantworten.