Natürlich gibt es auch Blitze, Explosionen, Unfälle und viele andere „Dinge“, die gar keine richtigen Dinge darstellen, weil sie nur von kurzer Dauer sind.
Traditionell Denkende setzen jedoch hinreichend viele Seiende als stabil voraus und nehmen an, daß ein paar kurzlebige Seiende nicht zum Chaos führen oder Orientierung, Ordnung, Gesetzlichkeit und andere Strukturen in unserer Welt verunmöglichen.
Nun kommt ein Gedanke, der Ihnen bisher wahrscheinlich kaum begegnet ist, obwohl ich ihn für fundamental halte:
Die Tradition müßte, um ihren eigenen Ansatz (widerspruchsfrei) denken zu können, konsequent zwei Argumentationen für ihre Seienden unterscheiden, tut dies aber praktisch nicht.
Der erste Zugang hängt unmittelbar mit unseren Wahrnehmungen zusammen; wir sehen den Mond, hören die Glocken und riechen das Parfüm. Die Seienden sind bei dieser Herangehensweise zwingend erforderlich, denn ohne Mond, Glocken oder Parfüm wären der Tradition zufolge unsere Wahrnehmungen nicht möglich.
Letztere ergeben sich aus dem Wechselspiel oder Zusammenwirken von uns und den Seienden. Wir leisten möglicherweise beide einen Beitrag dazu, kennen ihn aber nicht, denn gegeben ist allein das daraus resultierende Endergebnis; die Wahrnehmung also.
Beispielsweise habe ich oder befindet sich dort eine Baum-Wahrnehmung.
Ich — mein Beitrag → Baum-Wahrnehmung ← Baum —
Auf der rechten Seite hat es keinen Sinn, den unbekannten Beitrag des Baumes von letzterem selbst zu unterscheiden, weil wir den Baum ebenfalls nicht wissen; wir wollen ihn ja durch unsere bzw. seine Wahrnehmung erst kennenlernen.
Wir wissen weder meinen Beitrag, noch den Baum, und beide bleiben prinzipiell unbestimmbar, weil die Frage nach ihnen einer mathematischen Aufgabe der Form entspricht:
Die Summe zweier Zahlen ergibt Hundert; wie heißen die beiden Zahlen?
Dieser Argumentationsgang, können wir damit zusammenfassen,
– zeigt, daß Seiende traditionell zwingend erforderlich sind, um wahrnehmen zu können,
– führt aber zwangsläufig nicht zum Ziel.
Die Tradition
– braucht ihre Seienden unbedingt,
– weiß aber nicht, was das sein soll, und
– kann sie prinzipiell nicht bestimmen.
Es ist natürlich ein schwerer Schlag für das traditionelle Denken, die eigenen Grundbegriffe nicht verstehen zu können. Deshalb hat man nach einem Ausweg gesucht, und der sieht – gewiß stark vereinfacht – etwa folgendermaßen aus:
Die Gleichung mit zwei Unbekannten ließe sich vermeiden, wenn wir einen neutralen Beobachter hätten, der
– die Wirklichkeit ohne eigenen Beitrag wahrnimmt,
– ihr also nichts hinzuzufügt oder entnimmt und
– uns seine – dann natürlich adäquate – Schauung mitteilt.
Im Beispiel: Dort befindet sich seine Baum-Schauung.
neutraler Beobachter — sein Beitrag → Baum-Schauung ← Baum —
Der Beitrag des neutralen Beobachters zu ihr ist 0, so daß diese Baum-Schauung mit dem Baum als Seienden zusammenfällt; verallgemeinert erkennt der neutrale Beobachter die Seienden.
Die alten Griechen haben diese übermenschliche Aufgabe konsequenterweise einem Gott anvertraut. Der wurde bei ihnen häufig „Nous“ genannt; bei Pascal wird hieraus der „Gott der Philosophen“, in der Moderne die Vernunft, und Thomas Nagel, ein noch lebender amerikanischer Philosoph, sieht darin den „Blick von nirgendwo„.
Dieser Name ist gut gewählt, weil jeder konkrete Ort des Nous mit einer entsprechenden Perspektive verbunden wäre, und
– genau sie ist das, was uns Menschen
– gemeinsam mit unseren speziellen Sinnesorganen
am Erkennen der Seienden hindert. Noch deutlicher wäre „Blick von nirgendwo und -wann“.
Bestände die Möglichkeit einer solchen Schau, wäre die Tradition aller Sorgen ledig; wir können die Seienden von uns aus zwar definitiv nicht bestimmen, uns aber mit dem Nous arrangieren.
Und jetzt folgt die postmoderne Enttäuschung:
– Der Blick von nirgendwo ist uns selbst nicht möglich und
– den Nous oder Gott der Philosophen bzw. eine entsprechende Vernunft gibt es nicht.
Wer von Seienden spricht, weiß also nicht, was er sagt.
AD: „Aus Sicht der Postmoderne, wohlgemerkt!“
Nein; das glaube ich nicht. Wir haben lediglich das ernstgenommen, was die Tradition selbst zu ihrem eigenen Ansatz sagt und somit auch von ihr selbst kommen müßte.
Uns unterscheidet von diesem Denken lediglich, daß wir
– eine Alternative dazu sehen,
– die traditionelle Lösung also nicht auf Teufel komm raus verteidigen müssen und somit
– ehrlich ihre Fehler oder Widersprüche zugeben können.
„Wie sonst sollte denn das Wahrnehmen möglich sein?“ . . . „Na bitte!“
AD: „Natürlich gibt es weder den Nous noch andere Götter; aber der Blick von nirgendwo (und -wann) erschien mir bisher immer als völlig unproblemarisch.“
Ich bestreite auch nicht, daß wir uns einen Blick von außen leicht vorstellen können; nahezu „alles“ läßt sich phantasieren; weshalb gerade das nicht? Mir geht es allein darum, daß aus dem Ausmalen eines solchen Blicks absolut nichts folgt, denn er
– ist frei erfunden – wir befinden uns weder nirgendwo noch nirgendwann – und
– zeigt uns folglich
— nicht die objektive Welt, sondern lediglich
— die eigene Vorstellung von ihr.
Wir können uns ausmalen, wie eine Schildkröte im Meer des Nichts schwimmt, auf der ein Elefant steht und die Erdscheibe trägt. Aber selbstverständlich glauben wir solchen Unsinn nicht.
Selbstverständlich? Warum glauben wir dann unseren eingebildeten Blick von nirgendwo? Wieso ist das kein Unsinn? Was hat eine vollkommen willkürliche, weil durch nichts auch nur andeutungsweise kontrollierbare Vorstellung mit Wirklichkeit, Richtigkeit oder gar Wahrheit zu tun? Weshalb nennen wir eine subjektive Einbildung „objektive Welt“?
AD: „Ich muß Ihnen im Namen der modernen Physik widersprechen!
Mit dem antiken Nous oder Pascals Gott der Philosophen kann man sehr schön erklären, was Nagel mit seinem Blick von nirgendwo meint, und daß uns Menschen eine solche Schau bis vor wenigen Jahrzehnten verwehrt bleiben mußte.
Das hat sich jedoch im 20. Jahrhundert geändert. Wir müssen nicht länger in die Haut des Nous schlüpfen, um seine (Nicht-)Perspektive einnehmen zu können, sondern erreichen sie mittels der heutigen Physik. Auf ihrer Grundlage wird der Blick von nirgendwo für uns zu einem Rechenergebnis.“
Es tut mir leid, aber ich muß Ihnen im Namen des gesunden Menschenverstands widersprechen!
Wir lesen häufig, daß die Naturgesetze unabhängig von Raum und Zeit oder in der gesamten Raum-Zeit identisch seien. Das kann gewiß richtig verstanden werden, aber die Formulierung und ihr Zusammenhang mit dem restlichen Text führen häufig auf eine völlig falsche Spur:
Die Wissenschaft hat nicht erkannt oder herausbekommen, daß die Naturgesetze überall und immer die gleichen sind – und das kann sie auch nicht, weil es prinzipiell unmöglich ist.
Wir können Narurgesetze immer nur hier und jetzt überprüfen, so daß lediglich der erdnahe Raum infrage kommt.
Ob sie im Später gelten, muß völlig offenbleiben; woher sollten wir das wissen (können)?
Vor 500 Jahren gab es noch gar keine Naturgesetze in unserem Sinne, so daß sie insbesondere auch niemand kontrollieren konnte.
Begründet können die Physiker also höchstens sagen, daß ihre Naturgesetze in einer recht kleinen Region der Raum-Zeit nachweislich identisch sind; die letzten 300 Jahre im erdnahen Raum. Das ist sehr erfreulich, denn andernfalls gäbe es gar keine Physik.
Freilich ist ihr Anwendungsbereich damit sehr beschränkt, und vielen Forschern dürfte er zu klein sein:
„Mich würde der Sirius interessieren und wie es vor 1000 Jahren war.“
Schade; das ist leider unmöglich; es besteht kein Weg zu Zielen, die über das physikalische Hier und Jetzt, in dem wir experimentieren, messen und überprüfen können, hinausreicht.
Natürlich ließe sich wild drauflos spekulieren; unseren Vorstellungen sind, wie oben bereits erwähnt, kaum Grenzen gesetzt, aber damit wechseln wir auch schnell und prinzipiell unkontrollierbar von der physikalischen in die Märchenwelt.
Zum Beispiel könnten wir – ohne erkennbaren Widerspruch – annehmen, die Naturgesetze wären in der gesamten Raum-Zeit identisch.
Nicht „im gesamten Kosmos“, denn der existiert ja noch gar nicht:
– Er ist, wie Sie ganz richtig sagten, ein Rechenergebnis.
– Das ergibt sich nur, wenn wir rechnen.
– Um dies zu können, müssen wir jedoch zuvor festlegen, (an) welche Naturgesetze wir glauben.
Auch eine totale Identität der Naturgesetze anzunehmen, ist natürlich Willkür, aber vielleicht die geringst-mögliche oder fairste.
Für diese übliche Voraussetzung spricht rein fachlich kein einziger Grund.
Aber ohne irgendeine mehr oder weniger willkürliche Festlegung könnten wir nicht weit rechnen und würde die Physik zu einer Art von Heimatkunde.
Auf der Grundlage der gewählten Naturgesetze berechnen wir also verschiedene kosmische Seiende. Welcher Zusammenhang zwischen diesen und ihren Wahrnehmungen besteht, weiß niemand, wie zuvor deutlich werden sollte.
Das bedeutet aber doch, daß wir die Berechnungen der Seienden auch nicht mittels unserer Beobachtungen am Himmel kontrollieren können.
Vergleichbar sind nur diese Rechenergebnisse mit jenen, und daß sie übereinstimmen, ist keine Grund zur Begeisterung, sondern eine Selbstverständlichkeit; alles andere wäre das Ende der Mathematik.
Ob unsere Rechenergebnisse
– überhaupt noch einen Wirklichkeitsbezug besitzen und
– worin er gegebenenfalls bestehen könnte,
ist völlig offen; das weiß meines Erachtens niemand.
Bei der Urknalltheorie beispielsweise erkenne ich nur einen psychologischen Wirklichkeitsbezug; sie bildet, Georg Picht zufolge, den „Weltentstehungs-Mythos des Atomzeitalters“.
Es begann mit dem little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist aber auch sonst ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerungszahlen, Wissungen, Informationen, Verfügbarkeiten, Fördermengen, Ansprüche, Geschwindigkeiten, Erwartungen, Produktionsraten usw. schnellen plötzlich in die Höhe. Damit einher gehen Zerstörungen beispielsweise von Lebensgrundlagen, Geborgenheiten, Sinnbezügen, Traditionen, Religionen, Werten, Sprachen, Minderheiten, Tieren oder Pflanzen.
Kann es uns überraschen, daß die Menschen einer solchen Zeit glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen?
Die Urknalltheorie ist natürlich eine physikalische, aber ihre Akzeptanz wird nicht von einer angeblichen objektiven Realität her verständlich, sondern meines Erachtens allein psychologisch:
Das ist unsere Theorie, denn sie entspricht – besser vielleicht: entsprach – dem kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft.
Ich bleibe also dabei; es gibt keinen Nous, und er läßt sich auch weder durch die Vernunft noch die Theoretische Physik ersetzen. Das bedeutet jedoch:
1. Die Tradition kann tatsächlich ohne sich zu widersprechen die (Existenz von) Seienden behaupten, aber das sind reine Erfindungen oder willkürliche Setzungen.
Wir verfügen über Baum-Wahrnehmungen, haben aber trotzdem keine Ahnung davon, was ein Baum sein soll oder könnte.
2. Gewußte Seiende sind zudem noch widersprüchlich, weil sie
– sich notwendigerweise außerhalb der Psyche befinden müssen und
– angeblich trotzdem gewußt werden.
Wir wollten zeigen, daß sich diese beiden Prämissen widersprechen.
3. Vorstellen können wir uns „alles“, aber daraus folgt nichts; insbesondere kein Wissen von Seienden.
Die Tradition weiß nicht, was ein Seiendes namens „Baum“ ist, braucht es aber, um unsere unbestreitbaren Baum-Wahrnehmungen erklären zu können.
Die Aussage, etwas Bestimmtes zu benötigen, was prinzipiell nicht gewußt werden kann, liegt unter der philosophischen Gürtellinie. Die großen Nachfolger Kants haben ihn massiv kritisiert, weil er genau das von seinem „Ding an sich“ annehmen mußte.
Ein „unbestimmbares Seiendes“ ist kein Seindes, sondern . . .?
Ich fürchte, wir finden auch durch sehr angestrengtes Nachdenken keine vernünftige Antwort, und werde deshalb in den nächsten Abschnitten einen scheinbaren Umweg über drei Beispiele einschlagen.
AD: „Darf ich bitte zuvor noch eine Frage einwerfen:
Wir können ja auch uns selbst wahrnehmen; wie muß Ihre Veranschaulichung von soeben bei mir selbst aussehen? Was steht rechts?“
Ich — mein Anteil → Ich-Wahrnehmung ← ? —
Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, glaube aber fest, daß es vielleicht auch sonst niemand vermag, weil an dieser Stelle meines Erachtens der Grundfehler oder -widerspruch des traditionellen Denkens zum Ausdruck kommt.
Um ihn zu korrigieren, wechseln wir nach und nach zur Postmoderne; dort sind wir aber noch nicht.
Gegenwärtig
– folge ich dem traditionellen Ansatz als wäre er selbstverständlich oder alternativlos und
– gebe mein Bestes, (angeblich) um ihn zu retten,
– bis ich Sie hoffentlich irgendwann überzeugen kann:
„Es geht tatsächlich nicht; geben wir es endlich auf!“