1.1.8. Das übliche traditionelle Denken kennt keine Wahrheit

Für Postmoderne gibt es weder Seiende noch Ideen.

Da die Wahrheit traditionell in der Übereinstimmung

– von Essenz, Wesen oder Was der Seienden

– mit deren Ideen

besteht, glauben konservativ Denkende, der Postmoderne vorwerfen zu können,

– bei ihr sei alles gleich-gültig,  

– sie kenne keine Wahrheit oder

– fröne einer „Diktatur des Relativismus“. 

 

Darin besteht freilich nur ein sehr einfacher und nahezu schon peinlicher Denkfehler; nämlich:

– Die – unbestreitbare Wirklichkeit und Notwendigkeit der – Wahrheit, die ich voll und ganz anerkenne,

– wird mit einer ganz bestimmten,

  — an Antike und Mittelalter gebundenen, somit

  — vom damaligen Zeitgeist abhängigen,

  — heute nicht mehr verständlichen und

  — folglich unsinnig gewordenen  

  Interpretation der Wahrheit verwechselt.

 

Traditioneller Kritiker:

„Da die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden ist und du beide cancelst, kann es für dich keine Wahrheit geben.“

Postmoderner:

„Wenn die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden wäre, könnte es für mich tatsächlich keine Wahrheit geben, weil ich beide cancel.

Aber deine Voraussetzung ist falsch, denn

– nicht die Wahrheit selbst, sondern

– nur ihr antik-mittelalterliches Verständnis setzt die Seienden und deren Ideen voraus.

Wir müssen

– beides deutlich voneinander unterscheiden und

– ernsthaft nach einer Interpretation der Wahrheit suchen, die sich heute einem denkenden Menschen vermitteln läßt.“

 

Traditioneller Kritiker:

„Das nennen wir ‚Anpassung an den Zeitgeist‘.“

Postmoderner:

„Dann ist eure Alternative unvollständig:

Daß stets die Versuchung besteht, sich an den heutigen Zeitgeist anzupassen, wird wohl kaum jemand ernstlich bestreiten wollen; und ebenfalls nicht, daß sehr viele ihr erliegen.

Ebenso groß ist aber auch die gegenteilige Gefahr, nämlich der naive Glaube,

– die Wahrheit zu besitzen und

– bewahren zu können oder gar zu sollen.

Das geht nicht, denn

– Wörter bezeichnen Begriffe,

– Begriffe ermöglichen Wissungen, und

– Wissungen führen zu Inhalten.

Allein letztere können wahr sein; aber festhalten lassen sich nur die Wörter. Wer sie stur wiederholt, hat sich an einen früheren Zeitgeist angepaßt.“

 

Zwischen diesen beiden Anpassungen liegt das Bemühen um die Wahrheit.

Es versucht, das Zusammenspiel der Wörter, Begriffe und Wissungen so zu leiten, daß die wahren Inhalte durch die geschichtliche Dynamik hindurch bewahrt werden. 

Wenn Jesus beispielsweise von sich behauptete, er – sage nicht nur, sondern – sei selbst die Wahrheit,

– kann sie nicht einmal die Form von Wissungen besitzen – weil kein Mensch und schon gar nicht der Gottmensch aus Wissungen besteht –, so daß

– das traditionelle Wahrheitsverständnis ausscheidet.

Es rührt von der griechischen Antike her und läßt sich nicht mit dem christlichen Glauben vereinbaren.“  

   

Abgesehen von diesem Denkfehler sahen wir am Beispiel der Sokratischen Gerechtigkeit bereits, daß die Tradition – selbst wenn ihr Wahrheitsverständnis  richtig wäre – ein ernstliches Problem damit hätte:  

Woran erkennen wir, ob die Seienden ihrer jeweiligen Idee entsprechen oder nicht?

Das heißt, wie läßt sich die traditionelle „Wahrheit“ verifizieren bzw. falsifizieren? 

Welches materielle Bettgestellt ist „wahr“, weil es mit seiner rein geistigen Idee harmoniert?

Ein „Wahrheitsverständnis“ ohne Kontrollmöglichkeit ist kein Wahrheitsverständnis, sondern belangloses Gerede.

 

Antony Flew verdeutlichte meine Intention mittels der Parabel vom unsichtbaren Gärtner, in der es ihm um die Frage nach der Beweis- bzw. Widerlegbarkeit eines seienden Gottes geht. 

Zwei Forscher entdecken im Urwald einen gepflegten Garten. Der eine meint, hier müsse ein Gärtner am Werk sein, während ihm der andere widerspricht. Sie beobachten den Garten, sehen aber nie jemanden. Der Gläubige behauptet daraufhin, es handle sich um einen unsichtbaren Gärtner. Daraufhin installieren sie einen Elektrozaun, stellen Hunde dazu und patrouillieren. Dennoch wird kein Gärtner gesehen, gehört oder verbellt. Der Gläubige bleibt trotzdem bei seiner Meinung und sagt, der Gärtner sei nicht nur unsichtbar und unhörbar, sondern auch körperlos.

Damit drängt sich natürlich die entscheidende Frage auf, was ein solches Wesen von einem eingebildeten Gärtner oder gar keinem Gärtner unterscheidet.

Wir stimmen gewiß Flew zu, daß ein Glaube, der gegen alle Falsifizierungen immunisiert wird – unsichtbar, unhörbar, körperlos, . . . – jegliche Aussagekraft verliert und auf die Ebene eines Märchens absinkt.

 

Ich würde sogar gerne noch einen Schritt weitergehen und den konservativ-traditionellen Vorwurf an die Postmoderne, sie kenne keine Wahrheit, umkehren:

Er ist meines Erachtens nicht nur einfach falsch, sondern stellt in den allermeisten Gesprächen, die wir tatsächlich führen, die wirklichen Verhältnisse sogar auf den Kopf: 

Für 99% der konservativ-traditionellen Kritiker existiert keine Wahrheit.

Voller Emphase benutzen sie zumeist lediglich dieses Wort und plustern sich häufig mit dem überheblichen Anspruch auf, die Wahrheit zu besitzen. (Mit dem fehlenden Prozent räume ich gerne ein, daß es auch ein paar traditionell Denkende gibt, die diese Inkonsistenz sehen und zu überwinden suchen.)

 

Zu meiner Umkehrung des Vorwurfs: 

Wissungen können per defiitionem richtig sein. Werden sie als „wahr“ bezeichnet, bestehen zwei Möglichkeiten:

Es sollte deutlich werden, welche von „richtig“ abweichende Bedeutung diesem „wahr“ zukommt. Die meisten Kritiker spüren jedoch nicht einmal, daß dies erforderlich wäre. 

Fehlt eine entsprechende Erklärung, fällt der Sinn von „wahr“ mit demjenigen von „richtig“ zusammen, und die beiden Worte sind synonym. Aber das braucht niemand, so daß „wahr“ gestrichen und verlustlos durch das übliche „richtig“ ersetzt werden könnte. 

Statt überzogen und hochtrabend von „der Wahrheit“ zu sprechen, wäre es dann angemessener sowie ehrlicher, bei dem bescheidenen „das ist richtig“ zu bleiben.

 

In genauer Umkehrung des konservativen Vorwurfs kennt die hausgemachte Tradition also nur bloße Richtigkeit, aber keine Wahrheit.

Ich versuche, meine Intention nochmals an einem Beispiel zu verdeutlichen:

Echnaton war einer der großen ägyptischen Pharaonen und wurde zugleich als Gott verehrt. Das ist logisch sauber, weil seine Untertanen aus anderen Zusammenhängen wußten, was ein Gott ist. Ohne dieses Wissen wäre „Gott“ nur ein anderes Wort für „Pharao“, auf das man verzichten könnte.

Anders formuliert:

Es gibt sowohl Pharaonen als auch Götter, und zwischen beiden besteht ein wesentlicher bekannter Unterschied. Lediglich Echnaton gehörte beiden Kategorien an.  

 

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Wahrheit und Richtigkeit können die traditionell Denkenden jedoch zumeist nicht benennen. Die Gläubigen unter ihren missionieren häufig damit, daß Christus die Wahrheit sei.

Damit

– „erklären“ sie entweder die Unbekannte „Christus“ mittels der Unbekannten „Wahrheit“, oder

– sie reduzieren Christus auf die Richtigkeit von Aussagen. 

AD: „Man sollte sie fragen, was Christus beispielsweise damit zu tun hat, daß 1 + 1 = 2 richtig ist.“

 

Daß die Frage nach der Wahrheit zumeist stillschweigend übergegangen wird, ist aber kein Zufall:

Die Tradition glaubt, Seiende und damit die Wirklichkeit wissen zu können. Gelingt ihr das, ist mit der richtigen Erkenntnis ein Ziel erreicht, das diesem Denken zufolge gar nicht überboten werden kann.

– Was kann mehr als richtig sein?

– Was sollte Wahrheit dann noch bedeuten?

Eine sinnvolle „Über-Richtigkeit“ oder eben Wahrheit ist für die Tradition ausgeschlossen. Selbst ein Gläubiger, der weiß, was Gott von ihm will und dies tut, besitzt lediglich das richtige Wissen und handelt dementsprechend. Mehr geht gar nicht; wofür brauchen wir hier den Begriff der Wahrheit?   

 

Für die Postmoderne gibt es ebenfalls

– sowohl Wissungen

– als auch Wirklichkeit, aber im Unterschied zur Tradition

– keine Wissungen von der Wirklichkeit. 

Damit bleiben diese beiden Sphären sauber getrennt, so daß wir

– – mit der Tradition – richtige und falsche Wissungen unterscheiden können, uns aber

– – im Gegensatz zur Tradition – noch

  — die höhere Ebene der Wirklichkeit und

  — damit eine qualitativ andere Wertung bzw.

  — völlig neue geistige Dimension

  für das Wahre bzw. Unwahre zur Verfügung steht. 

 

Letztlich spielt es also höchstens eine untergeordnete Rolle, was Jesus zu bestimmen Anlässen  gesagt hat. Selbst wenn alles richtig gewesen wäre, dürften sich die Situationen seines Lebens kaum mit denen des unsrigen vergleichen lassen. 

Von Bedeutung für den Glauben kann folglich nur sein, was sein Leben als Antworten und damit ihn selbst wahr gemacht hat.