Für Postmoderne gibt es weder Ideen noch Seiende.
Traditionell besteht in der Übereinstimmung von diesen mit jenen oder in ihrer Entsprechung die Wahrheit. Konservativ Denkende glauben daher, der Postmoderne vorwerfen zu können,
– bei ihr sei alles gleich-gültig,
– sie kenne keine Wahrheit oder
– fröne eine „Diktatur des Relativismus“.
Ich betrachte diese Kritik als völlig haltlos:
1. Wir versuchen nachzuweisen, daß es tatsächlich keine Seienden gibt; damit fehlt bereits die eine Wahrheits-Seite.
2. Daß schon die Moderne kaum noch an die Ideen glaubt und damit auch die andere Seite entschwindet, ist natürlich kein Argument. Aber wer die Ideen in einer solchen Situation verteidigen möchte, weil sie für sein Denken wichtig sind, steht in der Pflicht, dafür starke Gründe vorzubringen.
Seine Gegenspieler müssen die Existenz der Ideen ebensowenig widerlegen wie diejenige von Phlogiston. Es gibt Wissungen, die nicht mehr interessieren; wer das für falsch hält, hat die Aufgabe, seine diesbezüglichen Argumente darzulegen.
3. Das traditionelle Wahrheits-Verständnis müßte zudem durch Kriterien ergänzt werden, an denen wir erkennen, daß die Seienden mit ihren Ideen übereinstimmen.
Woran können wir die Wahrheit verifizieren bzw. falsifizieren?
Wie verglich Platon das Lebens des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit?
Welches materielle Bettgestellt ist wahr, weil es mit seiner rein geistigen Idee harmoniert?
Ich habe nirgends von dergleichen gelesen; eine „Theorie“ ohne Nachprüfbarkeit ist aber keine Theorie, sondern leeres Gerede.
Es gibt noch einen zweiten, ganz andersartigen Gedankengang gegen den traditionellen Vorwurf an die Postmodernen, ihr Übergang von den transzendenten Ideen zu den immanenten Begriffen bedeute das Ende der Wahrheit. Er ist meines Erachtens nicht nur einfach falsch, sondern stellt die wirklichen Verhältnisse sogar auf den Kopf:
Mit der Postmoderne beginnt erst – natürlich nicht das Bereden, aber – das Verständnis der Wahrheit.
Traditionell ist das Wort „Wahrheit“ völlig unnötig und lediglich doppelt gemoppelt; Wissungen sind entweder richtig oder falsch.
Anstelle des Wortes „richtig“ wird jedoch häufig ein „wahr“ benutzt; das entspricht aber keiner neuen Bedeutung – denn dazu müßte erklärt werden, worin sie besteht –, sondern die beiden Worte sind völlig synonym. Statt überzogen und hochtrabend von „der Wahrheit“ zu sprechen, in deren Besitz man sich mit seinem bloßen Wissen glaubt, wäre es also angemessener sowie ehrlicher, bescheiden bei einem „das ist richtig“ zu bleiben.
In genauer Umkehrung des konservativen Vorwurfs kennt die Tradition also bloß Richtigkeit, aber keine Wahrheit.
Ich versuche, meine Intention nochmals an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Echnaton war einer der großen ägyptischen Pharaonen und wurde zugleich als Gott verehrt. Das ist logisch sauber, weil seine Untertanen aus anderen Zusammenhängen wußten, was ein Gott ist. Ohne dieses Wissen wäre „Gott“ nur ein anderes Wort für „Pharao“ gewesen.
Ebenso kann jedes „wahr“ verlustlos durch „richtig“ ersetzt werden, solange die Tradition nicht erklärt, was sie unter Wahrheit versteht:
„‚Richtigkeit?‘; ja dann sags doch auch so, und rede nicht geschwollen-hochtrabend herum!“
Mir ist es sehr wichtig, die Gleichung 2 x 2 = 4 nicht ebenso als wahr zu bezeichnen wie eine fundamentale Gewissensentscheidung, bei der es um Leben und Tod geht.
Ich behaupte keineswegs, die Tradition kenne keine vernünftige Erklärung der Wahrheit, sondern stelle lediglich fest, daß sie in unseren diesbezüglichen Gesprächen kaum eine Rolle spielt. Aber unser postmoderner Wahrheitsbegriff steht ebenfalls noch aus:
Die Tradition glaubt, Seiende wissen zu können. Gelingt ihr das, gelangt der Erkenntnisprozeß an ein ultimatives Ende, denn mehr als richtiges Wissen ist gar nicht möglich – und deswegen traditionell auch nicht mehr als Richtigkeit.
Postmodern wissen wir dagegen nur unser subjektives Wissen – ohne alle (objektiven) Referenten. Dann können wir natürlich immer weiterfragen, jeden erreichten Status quo wieder hinterfragen und so fort – ohne jemals ein Wissen zu erreichen, von den wir begründet sagen könnten, es sei definitiv richtig.
Irgendwann oder -wo brechen wir notgedrungen ab,
– wohl wissend, daß das Nachfragen weitergehen könnte bzw. vielleicht auch sollte, und
– begnügen uns mit diesem „Halbwissen“ oder
– verzweifeln daran.
Zu meinem Leben gehören
– keine Wissungen, aber
– der Umgang mit ihnen;
— das Anwenden, Richtigstellen, Korrigieren oder Überformen;
— das Annehmen oder Ablehnen; das Glauben oder Bestreiten.
All das kann und soll – wie mein ganzes Leben – wahr sein;
– sowohl bei den richtigen
– als auch bei den falschen Wissungen.
Mein Leben umfaßt beispielsweise das Sagen, das bei den Zuhörern Verstehungen bewirkt, die richtig oder falsch sein können, sich aber letztlich meiner Verfügbarkeit entziehen.
Das Sagen kann nur in dem Maße wahr sein, wie ich versuche, dem gerecht zu werden. Ein Sagen, das letztlich mißverstanden werden muß, ist unwahr – auch bei einer richtigen Aussage.
Es ist häufig unwahr, sie zu formulieren.