Für Postmoderne gibt es weder Seiende noch Ideen.
Da die Wahrheit traditionell in der Übereinstimmung
– von Essenz, Wesen oder Was der Seienden
– mit deren Ideen
besteht, glauben konservativ Denkende, der Postmoderne vorwerfen zu können,
– bei ihr sei alles gleich-gültig,
– sie kenne keine Wahrheit oder
– fröne einer „Diktatur des Relativismus“.
Darin besteht freilich nur ein sehr einfacher und nahezu schon peinlicher Denkfehler; nämlich:
Die – unbestreitbare Wirklichkeit und Notwendigkeit der – Wahrheit, die ich voll und ganz anerkenne, wird mit einem
– ganz bestimmten,
– an Antike und Mittelalter gebundenen, somit
– vom damaligen Zeitgeist abhängigen und
– möglicherweise heute nicht mehr nachvollziehbaren
Wahrheitsverständnis verwechselt.
Traditioneller Kritiker:
„Da die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden ist und du beide cancelst, kann es für dich keine Wahrheit geben.“
Postmoderner:
„Wenn die Wahrheit an Seiende und deren Ideen gebunden wäre, könnte es für mich tatsächlich keine Wahrheit geben, weil ich beide cancel.
Aber ich versuche sehr ernsthaft,
– zwischen einer solch speziellen, lediglich historisch bedingten Interpretation der Warheit und
– der alles entscheidenden Wahrheit zu unterscheiden.
Wenn Jesus von sich behauptet, er – sage nicht nur, sondern – sei selbst die Wahrheit,
– besitzt sie nicht die Form von Wissungen – weil kein Mensch und schon gar nicht der (Gott-)Mensch aus ihnen bestehen kann –, so daß
– insbesondere auch die antik-mittelalterliche Wissens-Variante ausscheidet.“
Abgesehen von diesem Denkfehler sahen wir am Beispiel der Sokratischen Gerechtigkeit bereits, daß die Tradition – selbst wenn ihr Wahrheitsverständnis richtig wäre – ein ernstliches Problem damit hätte:
Woran erkennen wir, ob die Seienden ihrer jeweiligen Idee entsprechen oder nicht?
Das heißt, wie läßt sich die traditionelle „Wahrheit“ verifizieren bzw. falsifizieren?
Welches materielle Bettgestellt ist „wahr“, weil es mit seiner rein geistigen Idee harmoniert?
Ein „Wahrheitsverständnis“ ohne Kontrollmöglichkeit ist kein Wahrheitsverständnis, sondern belangloses Gerede.
Antony Flew verdeutlichte meine Intention mittels der Parabel vom unsichtbaren Gärtner, in der es ihm um die Frage nach der Beweis- bzw. Widerlegbarkeit eines seienden Gottes ging.
Zwei Forscher entdecken im Urwald einen gepflegten Garten. Der eine meint, hier müsse ein Gärtner am Werk sein, während ihm der andere widerspricht. Sie beobachten den Garten, sehen aber nie jemanden. Der Gläubige behauptet daraufhin, es handle sich um einen unsichtbaren Gärtner. Daraufhin installieren sie einen Elektrozaun, stellen Hunde dazu und patrouillieren. Dennoch wird kein Gärtner gesehen, gehört oder verbellt. Der Gläubige bleibt trotzdem bei seiner Meinung und sagt, der Gärtner sei nicht nur unsichtbar und unhörbar, sondern auch körperlos.
Damit drängt sich natürlich die entscheidende Frage auf, was ein solches Wesen von einem eingebildeten Gärtner oder gar keinem Gärtner unterscheidet.
Wir stimmen gewiß Flew zu, daß ein Glaube, der gegen alle Falsifizierungen immunisiert wird – unsichtbar, unhörbar, körperlos, . . . – jegliche Aussagekraft verliert und auf die Ebene eines Märchens absinkt.
Ich würde sogar gerne noch einen Schritt weitergehen und den konservativ-traditionellen Vorwurf an die Postmoderne, sie kenne keine Wahrheit, umkehren:
Er ist meines Erachtens nicht nur einfach falsch, sondern stellt in den allermeisten Gesprächen, die wir tatsächlich führen, die wirklichen Verhältnisse sogar auf den Kopf:
Für 99% der konservativ-traditionellen Kritiker existiert keine Wahrheit; voller Emphase benutzen sie zumeist lediglich dieses Wort und plustern sich häufig mit dem überheblichen Anspruch auf, die Wahrheit zu besitzen. (Mit dem fehlenden Prozent räume ich gerne ein, daß es auch ein paar traditionell Denkende gibt, die diese Inkonsistenz sehen und zu überwinden suchen.)
Zu meiner Umkehrung des Vorwurfs:
Wissungen können per defiitionem richtig sein. Werden sie als „wahr“ bezeichnet, bestehen zwei Möglichkeiten:
Es sollte deutlich werden, welche von „richtig“ abweichende Bedeutung diesem „wahr“ zukommt. Die meisten Kritiker spüren jedoch nicht einmal, daß dies erforderlich wäre.
Fehlt eine entsprechende Erklärung, fällt der Sinn von „wahr“ mit demjenigen von „richtig“ zusammen, und die beiden Worte sind synonym. Aber das braucht niemand, so daß „wahr“ gestrichen und verlustlos durch das übliche „richtig“ ersetzt werden könnte.
Statt überzogen und hochtrabend von „der Wahrheit“ zu sprechen, wäre es dann angemessener sowie ehrlicher, bei dem bescheidenen „das ist richtig“ zu bleiben.
In genauer Umkehrung des konservativen Vorwurfs kennt die hausgemachte Tradition also nur bloße Richtigkeit, aber keine Wahrheit.
Ich versuche, meine Intention nochmals an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Echnaton war einer der großen ägyptischen Pharaonen und wurde zugleich als Gott verehrt. Das ist logisch sauber, weil seine Untertanen aus anderen Zusammenhängen wußten, was ein Gott ist. Ohne dieses Wissen wäre „Gott“ nur ein anderes Wort für „Pharao“, auf das man verzichten könnte.
Anders formuliert:
Es gibt sowohl Pharaonen als auch Götter, und zwischen beiden besteht ein wesentlicher bekannter Unterschied. Lediglich Echnaton gehörte beiden Kategorien an.
Einen entscheidenden Unterschied zwischen Wahrheit und Richtigkeit können die traditionell Denkenden zumeist nicht benennen. Die Gläubigen unter ihren missionieren häufig damit, daß Christus die Wahrheit sei.
Damit
– „erklären“ sie entweder die Unbekannte „Christus“ mittels der Unbekannten „Wahrheit“, oder
– sie reduzieren Christus auf die Richtigkeit von Aussagen.
AD: „Man sollte sie fragen, was Christus beispielsweise damit zu tun hat, daß 1 + 1 = 2 richtig ist.“
Daß die Frage nach der Wahrheit zumeist stillschweigend übergegangen wird, ist aber kein Zufall:
Die Tradition glaubt, Seiende und damit die Wirklichkeit wissen zu können. Gelingt ihr das, ist mit der richtigen Erkenntnis ein Ziel erreicht, das diesem Denken zufolge gar nicht überboten werden kann.
– Was kann mehr als richtig sein?
– Was sollte Wahrheit dann noch bedeuten?
Eine „Über-Richtigkeit“ ist gar nicht sinnvoll denkbar. Selbst ein Gläubiger, der weiß, was Gott von ihm will und dies tut, besitzt das richtige Wissen und handelt richtig. Wofür brauchen wir hier den Begriff der Wahrheit?
Für die Postmoderne gibt es ebenfalls
– sowohl Wissungen
– als auch Wirklichkeit, aber im Unterschied zur Tradition
– keine Wissungen von der Wirklichkeit.
Wissungen sollten richtig und können unrichtig oder falsch sein.
Aber sie sind in jedem Falle völlig unabhängig von der Wirklichkeit, so daß wir für diese eine qualitativ andere Wertung bzw. völlig neue geistige Dimension einführen müssen. Mit den irrigsten Überzeugungen läßt sich möglicherweise ein wahres Leben führen; wenn das gelingt, sind jene völlig belanglos.
„Glaube doch, was auch immer du willst – ‚Richtiges‘ oder ‚Falsches‘ –, aber führe ein wahres Leben, denn das ist unüberbietbar.“ Auch Jesus hat nichts Richtiges gesagt, sondern bestenfalls seinem Leben – und damit sich selbst als Antworten – eine wahre Form verliehen.
Wahrheit
– kann es somit nur in der Postmoderne geben, und
– sie bezieht sich auf mich als Antworten auf „mein“ Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.