1.1.4.2. Die Motivation

Ihre zweite Bitte betraf die Motivation.

„Weshalb soll ich mich mit den postmodernen Gedanken herumschlagen und quälen, wenn traditionell alles so gut funktioniert?“

Als Aufhänger nutze ich das „alles“. Die Meinungen darüber, wie weit alles so gut funktioniert, gehen gewiß sehr auseinander; wir hatten dies gerade unter dem Thema „Chaos“ tangiert. Um jedoch auch an dieser Stelle nicht zu spekulieren, beschränke ich mich auf den eindeutigen Fall, der uns selbst als Subjekte betrifft.  

 

Traditionell ist es zwingend, daß ich „mein“ Körper bin. Obwohl das logischer Unsinn ist, traten bei meinem Befragen von Studenten nahezu keine anderen Überzeugungen auf.

Natürlich wird dem Körper recht häufig ein Innen, Geist oder Bewußtsein bzw. eine Seele resp. Psyche hinzugefügt; aber was das sein soll, bleibt – zumindest im Vergleich zum Körper – stets sehr verschwommen.

Und wenn dieses Innen im Sinne der christlichen Seele lediglich als das verstanden wird, was unser körperliches Sterben überdauert, wird es völlig hinfällig. Dann wird die Seele zum bloßen Lückenbüßer und erfüllt damit eine Funktion, die in der Geschichte oft Gott zukam: 

Wir

– haben eine wichtige Frage, 

– wissen keine vernünftige Antwort und

– lassen uns etwas einfallen – Gott bzw. die Seele in diesen Fällen –, was

  — lediglich in dem betreffenden Zusammenhang benötigt wird und 

  — darüber hinaus vielleicht sogar stört.

 

AD: „Dann bilden natürlich die Seienden ganz allgemein ein treffendes Beispiel: 

Die Tradition will erklären, wieso wir eine Sonnen-Wahrnehmung erleben; weiß es nicht; erfindet die Sonne als Ideallösung; hat aber dann nur noch Streß, weil dieses Seiende zu absolut nichts anderem taugt, sondern nur Schwierigkeiten bereitet. 

Zum Beispiel muß nun ihre Entstehung in einer Phylogenese erklärt werden.“

 

Danke! Diese Analogie, alle Seienden als Lückenbüßer zu verstehen, welche die Tradition erfunden hat, um auf einem „festen Fundament“ zu stehen, hilft vielleicht dem einen oder anderen Leser. 

Angenommen wir hätten kein Chaos und rein traditionell liefe „alles“ prima; dann würde dieses „alles“ dennoch mit dem eigenen Sterben enden.

Wenn

– ich mein Körper bin und

– eine unsterbliche Seele – als pure Ad-hoc-Hypothese – ehrlicherweise ablehnen muß,

ist mit dem biologischen Tod definitiv alles zu Ende.   

Vielleicht verhält es sich auch tatsächlich so; das weiß ich ebensowenig wie jeder andere; aber das ist nicht der entscheidende Punkt:

Der besteht vielmehr darin, daß diese Konsequenz keine Alternativen kennt. Im traditionellen Denken muß mit dem Tod alles vorbei sein, weil ich mein Körper bin und der verbrannt wird oder verwest.

 

Der traditionelle Ansatz ist also meines Erachtens falsch, weil

– ich selbst wählen können muß, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube, und

– diese Entscheidung nicht einem Weltbild überlassen darf, welches das Problem für mich „klärt“.

Vielleicht haben wir doch Chaos, weil in unserer philosophisch-theologischen Tradition mit dem Sterben alles zu Ende sein muß?

 

AD: „Aber sie können es doch niemand verübeln, der – von mir aus: niav – an eine unsterbliche Seele glaubt, so daß der Tod auch traditionell nicht das Aus sein muß.“

Das versteht sich von selbst; gegen einen friedfertigen Glauben gibt es niemals etwas einzuwenden, und es ist auch keiner verpflichtet, seinen Glauben intellektuel redlich darzustellen.

Aber ich persönlich sehe meine Aufgabe darin, dies ernstlich zu versuchen; meine Begründung ist recht einfach:

Wenn wir nicht deutlich aufzeigen können,

– daß sich die „Geschichten der Bibel“ prinzipiell von den „Märchen der Brüder Grimm“ unterscheiden,

– daß diese Differenz wichtig ist und

– was sie für unser Leben bedeutet,

muß dies vielleicht nicht ins Chaos, mit Sicherheit aber um „Tod Gottes“ führen.