1.1.7. Vom Subjekt über dessen „Tod“ zur Subjektivität

Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wozu – in eine vorgegebene (Stände-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – dafür im Jenseits einmal belohnt zu werden   

Die Subjekte galten – wie alle Seienden – als substanziell oder mit sich selbst identisch(S) und besaßen, im Gegensatz zu den Objekten, natürlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das heißt ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gläubig dem Willen Gottes unterzuordnen. 

 

Das änderte sich in der Moderne grundlegend. Die Subjekte

– blieben zwar weiterhin Seiende,

– wurden aber souveräner oder unabhängiger,

– erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.

Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren beispielsweise Descartes, Kant, Hegel und Husserl.

Die daraus resutierende Philosophie – zumeist als eine solche des Subjekts bzw. Bewußtseins bezeichnet – neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geisteswissenschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu führte, daß die (angeblich) gebildetsten und aufgeklärtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten fähig sind.

Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert gehört zur Suche nach einer Antwort.

 

Wir brechen natürlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, nämlich weil die Subjekte der Bewußtseins-Philosohie weiterhin Seiende sind.

Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzudeuten, sprechen wir bei den postmodernen „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten. 

Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele. Darin besteht keine Absage an den christlichen Glauben, sondern eine solche an die traditionelle Philosophie; ihr entstammen die Seelen. Das ist ein Begriff, der als theologisches Denkwerkzeug benutzt werden kann, wenn man ihn für geeignet hält.

Oben sollte deutlich werden, daß wir dies nicht tun, weil die Seele lediglich eine Ad-hoc-Annahme darstellt, zu der ein falsches Weltbild diejenigen zwingt, die ein Leben nach dem Tod glauben möchten. 

 

Die Aussage, daß Subjekte leben, scheint für die meisten traditionell Denkenden selbstverständlich zu sein.

Wir hatten schon mehrfach darauf hingewiesen, daß dies nicht der Fall ist, und unsere postmoderne Analogie „Subjektivitäten leben“ wäre sogar ganz daneben. Weshalb, läßt sich gut verstehen:  

Um A von B – „Subjektivität“ und „leben“ also in diesem Fall – sinnvoll unterscheiden zu können, müssen wir den Unterschied zwischen ihnen wissen. Ist dies jedoch ausgeschlossen, weil weder A noch B Wissungen darstellen, besteht auch keine Möglichkeit, die beiden auseinanderzuhalten, so daß wir nur der Einheit { Subjektivität + Leben } einen Sinn zuschreiben können.

 

Ist die Subjektivität primär – was wir freilich nicht wissen –, kann sie

– leben, aber auch

– sterben und

– tot sein;

das entspräche dem traditionellen Leben der Subjekte als den Seienden.

Bildet jedoch das Leben die Basis, ist es noch anonym oder vorpersonal;

– die Subjektivität des Lebens geht aus ihm hervor;

– sie taucht auf, hält sich eine Weile und

– geht wieder im Leben unter.  

AD: „Dieses ‚Hervorgehen‘ oder ‚Auftauchen‘ ist mir ein bißchen dubios . . .“

 

Entschuldigung; das war zu kurz, aber ich möchte auch nicht unverständlich vorgreifen:

Erfahre „ich“ mich in dieser vorpersonalen Einheit als angesprochen,, muß ich antworten – nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gründen –, denn auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-als- angesprochen-Fühlen ist ein Antworten.

Darin bestehen die Geburt oder das Geschenk sowohl der Subjektivität als auch der Freiheit. Letztere bedeutet Selbstbestimmung, und ihr Akt entspricht dem Antworten, in bzw. mit dem ich mich zu einem Selbst bestimme. 

Ich tue dies 

– – mit der Philosophie des Subjekts – autonom oder eigenverantwortlich, jedoch 

– – entgegen der Philosophie des Subjekts – nicht aus mir selbst heraus.

Die Freiheit ist keine Eigenschaft, die – mehr der weniger viele – Menschen besitzen, sondern ein soziales Phänomen. Ich verdanke sie dem Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.

 

Wodurch bzw. Wovon ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse, ist meines Erachtens vollkommen offen.

Emmanuel Levinas favorisiert (aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren „Antlitz“.

Ich glaube dagegen, daß Tiere und Pflanzen, jegliches Glück oder Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit bzw. alltägliche Selbstverständlichkeiten ebenso möglich sind oder ein „Antlitz“ besitzen. 

 

Ansprüche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich als weitere Beispiele weggelassen. Nicht weil sie mir als unmöglich erscheinen, sondern weil diese Ansprüche meines Erachtens nicht zu den immanenten noch additiv hinzukommen, sondern sich nur in letzteren ausdrücken können.

Ein transzendenter Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Ansprüche für sich selbst erheben; sein „Wünsche“ enden stets in der Immanenz.

AD: „Er will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden?“      

 

Nein; ich bin übrzeugt, das will er nicht.

Aber diese Formulierung ist unglücklich und kann nur mißverstanden werden; weder will Gott gelobt noch will er nicht-gelobt werden.

Die Menschwerdung Gottes eröffnet uns einen Zugang, denn dadurch können wir unser Selbstverständnis auf ihn übertragen:  

Ich antworte nicht, sondern bin „mein“ unausweichliches Antworten auf das Mich-als-angesprochen-Erfahren; ich bin „mein“ Leben.

Gott antwortet nicht, sondern ist „sein“ unausweichliches Antworten auf das Sich-als-angesprochen-Erfahren; er ist „sein“ Leben.

Das Leben besteht bei Gott im achtsamen Antworten, und dazu gehört kein Gelobt-werden-Wollen.