1.1.4. Die Korrektur des traditionellen Denkens in der Moderne II

In der Moderne kam es noch zu einer weiteren wichtigen geistesgeschichtlichen Korrektur; sie betraf das Selbstverständnis der Subjekte.

Vormodern verstanden sie sich im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Die Subjekte wurden – ohne zu wissen, warum und wofür – in eine vorgegebene (Stände-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – dafür im Jenseits einmal belohnt zu werden   

Die Subjekte galten – wie alle Seienden – als substanziell oder mit sich selbst identisch und besaßen, im Gegensatz zu den Objekten, natürlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das heißt ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gläubig dem Willen Gottes unterzuordnen, und bestand darin, „ja“ zu sagen. 

 

Das änderte sich in der Moderne grundlegend.

Die Subjekte

– blieben zwar weiterhin Seiende,

– wurden aber souveräner oder unabhängiger,

– erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.

 

Auch das gehört zur „Aufklärung“, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden vom Jenseits. Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren vielleicht Descartes, Kant, Hegel und Husserl.

Die daraus resutierende Philosophie – zumeist als eine solche des Subjekts bzw. Bewußtseins bezeichnet – neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geistesschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu führte, daß die (angeblich) gebildetsten und aufgeklärtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten fähig sind.

Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert gehört zum Suchen nach einer Antwort.

 

Wir brechen natürlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, nämlich weil die Subjekte der Bewußtseins-Philosohie weiterhin Seiende sind.

Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzuzeigen, sprechen wir bei den postmodernen „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten

Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind sie Subjektivitäten im Dativ oder Akkusativ:

Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“ . . ., sondern

„mir geht nahe“, „mich betrifft“, „interessiert“ oder „berührt“ . . .

 

Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, interessiert bzw. berührt, gibt es mich nicht.

Ich bin kein autonomes, immerwährend-stabiles Subjekt wie in der Bewußtseins-Philosophie, sondern entstehe erst dadurch, daß „ich“ mich als angesprochen erfahre.

Tue ich das, muß ich antworten – nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gründen –, denn auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-angesprochen-Fühlen ist ein Antworten.

 

Wodurch ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse, ist meines Erachtens vollkommen offen.

Emmanuel Levinas favorisiert (gewiß aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren „Antlitz“.

Ich glaube dagegen, daß Tiere und Pflanzen, jegliches Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit oder alltägliche Selbstverständlichkeiten ebenso möglich sind. 

Ansprüche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich als weitere Beispiele weggelassen. Nicht weil sie mir als unmöglich erscheinen, sondern weil diese Ansprüche meines Erachtens nicht zu den immenenten noch additiv hinzukommen, sondern sich sich nur in letzteren ausdrücken können. Ein Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Ansprüche für sich selbst erheben.   

 

Das Mich-als-angesprochen-Erfahren bildet den Ursprung meiner Freiheit. Sie selbst besteht in der Entscheidung darüber, wie ich antworte.  

Mit der Philosophie des Subjekts tue ich dies autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch 

entgegen der Philosophie des Subjekts nicht aus mir selbst heraus, sondern „nur“ in Form des Antwortens.

Es gibt also, mit anderen Worten, ein anonymes Leben; aus ihm gehe ich mit meinem persönlichen Leben in dem Maße hervor, wie ich dieses als ein Antworten verstehe.