Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als Geschöpfe von Gottes Gnaden. Sie wurden – ohne zu wissen, warum und wozu – in eine vorgegebene (Stände-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erfüllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um – gegebenenfalls – dafür im Jenseits einmal belohnt zu werden
Die Subjekte galten – wie alle Seienden – als substanziell oder mit sich selbst identisch und besaßen, im Gegensatz zu den Objekten, natürlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das heißt ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gläubig dem Willen Gottes unterzuordnen.
Das änderte sich in der Moderne grundlegend. Die Subjekte
– blieben zwar weiterhin Seiende,
– wurden aber souveräner oder unabhängiger,
– erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.
Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren beispielsweise Descartes, Kant, Hegel und Husserl.
Die daraus resutierende Philosophie – zumeist als eine solche des Subjekts bzw. Bewußtseins bezeichnet – neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geisteswissenschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu führte, daß die (angeblich) gebildetsten und aufgeklärtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten fähig sind.
Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der „Tod des Subjekts“ im 20. Jahrhundert gehört zur Suche nach einer Antwort.
Wir brechen natürlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, nämlich weil die Subjekte der Bewußtseins-Philosohie weiterhin Seiende sind.
Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzudeuten, sprechen wir bei den postmodernen „Subjekten“ im weiteren von Subjektivitäten.
Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr bestehen die Subjektivitäten in der Einheit von Verstricktem und Antwortendem:
Subjektivität = { Verstrickter + Antwortender }
Den Verstrickten hatten wir in Abschnitt 1.1.3. eingeführt; er ist die Dativ- bzw. Akkusativ-Subjektivität:
– Nicht „ich handle“, „denke“ oder „weiß“ . . ., sondern
– „mir geht nahe“, „mich betrifft“, „interessiert“ oder „berührt“ . . .
Schlage ich mir beim Bauen versehentlich mit dem Hammer auf den Daumen, bin ich ein Verstrickter. Vielleicht ärgert mich mein eigenes Ungeschick, aber ich fühle oder erlebe mich nicht als angesprochen; weder vom Hammer noch von der mangelhaften Übung.
Wenn ich dagegen spazieren gehe, Müll am Straßenrand sehe, gegrüßt werde oder über ein Problem nachdenke, kann ich mich zusätzlich als angesprochen erfahren.
Geschieht das, muß ich antworten – nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gründen –, denn auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-angesprochen-Fühlen ist ein Antworten.
Wodurch ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse, ist meines Erachtens vollkommen offen.
Emmanuel Levinas favorisiert (aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren „Antlitz“.
Ich glaube dagegen, daß Tiere und Pflanzen, jegliches Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit oder alltägliche Selbstverständlichkeiten ebenso möglich sind.
Ansprüche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich als weitere Beispiele weggelassen. Nicht weil sie mir als unmöglich erscheinen, sondern weil diese Ansprüche meines Erachtens nicht zu den immanenten noch additiv hinzukommen, sondern sich nur in letzteren ausdrücken können.
Ein Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Ansprüche für sich selbst erheben.
Als Verstrickter bin ich ein potentieller Träger von Freiheit; diese Möglichkeit wird aktualisiert, sobald ich mich als angesprochen erfahre und dadurch vollautomatisch zu einem Antwortenden werde.
So entsteht die vollständige Subjektivität, die wir nun genauer darstellen können:
Subjektivität = { notwendigerweise Verstrickter + möglicherweise Antwortender }
Das Mich-als-angesprochen-Erfahren bildet den Ursprung meiner Freiheit. Sie selbst besteht in der Entscheidung darüber, wie ich antworte. Ich tue dies
– mit der Philosophie des Subjekts autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich, jedoch
– entgegen der Philosophie des Subjekts nicht aus mir selbst heraus, sondern „nur“ in Form des Antwortens auf ein Mich-als -angesprochen-Erleben.
Wir können die Freiheit somit
– zwar als Selbstbestimmung verstehen;
– sie ist aber keine Eigenschaft oder Fähigkeit von uns, sondern
– das Geschenk des Sich-als-Angesprochen-Erfahrens.