1.1.6. Das Konzept der Seienden ist widersprüchlich

Vielleicht haben Platon, Aristoteles und andere Genies völlig anders gedacht; das schließe ich keineswegs aus. Mir geht es aber nicht um deren Denken, sondern um unser heutiges. Nahezu alle Menschen setzen hierbei das traditionelle Denkmodell voraus, als wäre es selbstverständlich, und ohne sich ernstlich mit der Antike oder auch nur dem Mittelalter beschäftigt zu haben. Und auf das, was dann herauskommt, bezieht sich unsere obige Überschrift; es enthält zumindest zwei eklatante Widersprüche.  

 

Zu Beginn dieses Kapitels hatten wir die Seienden definiert als Entitäten, die

– objektiv, das heißt,

– unabhängig von uns, 

– mit sich selbst identisch,

– voneinander getrennt und

– erkennbar sind.

Nun soll deutlich werden, daß es dergleichen gar nicht geben kann.

 

Jedes Seiende könnte für sich allein die verrücktesten Eigenschaften besitzen, müßte aber von allen anderen Seienden getrennt sein.

Was das bedeutet, wird noch ersichtlicher, indem wir den Begriff der Relation einführen und zwischen realen sowie konstruierten Relationen unterscheiden.

Erstere existieren wirklich; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.

Das Größenverhältnis zwischen den beiden gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt ihnen nicht wirklich zu und berührt sie gar nicht, sondern wird lediglich von außen an die Himmelskörper herangetragen.

 

Daß Seiende getrennt voneinander sind, bedeutet, daß zwischen ihnen beliebig viele konstruierte Relationen bestehen können, aber keine realen

Auch die traditionellen Subjekte sind Seiende und haben demzufolge keinerlei Kontakte; weder untereinander noch zu Objekten. Damit entfallen aber auch sämtliche Wahrnehmungen der Subjekte, denn ohne Wechselwirkung sind sie unmöglich.

 

Eine etwas ausgefallene philosophische Richtung besteht im Solipsismus. Das Wort kommt von „solus“, „allein“ und bezeichnet ein Denken, demzufolge ich mich als einziges Subjekt überhaupt verstehe. Wäre ich Solipsist, könnte ich Ihre Existenz nicht einmal bestreiten, weil sich das, was es logischerweise gar nicht geben kann, auch nicht bestreiten läßt.

Das erscheint Ihnen gewiß als absurd; soweit ich weiß, gibt es jedoch innerhalb des traditionellen Denkens bisher kein überzeugendes Argument gegen den Solipsismus. Warum soll ich beispielsweise nicht ein Buch schreiben, obwohl ich überzeugt bin, daß es keine Leser gibt? Ich schreibe halt gern.

 

Ob ich

– wirklich das einzige Subjekt überhaupt bin oder

– nur absolut keinen Kontakt zu allen anderen Subjekten habe, die es außer mit noch gibt,

bdeutet keinen Unterschied, der einen Unterschied macht.

Dem traditionellen Denken zufolge – glücklicherweise aber im Gegensatz zu unserem Leben – müßten wir also alle Solipsisten sein; blind, taub, apathisch, . . .

Die Kehrseite der Medaille besteht natürlich darin,

– daß wir von keinem anderen Seienden wissen könnten und

– auch die Objekte im übertragenen Sinne „Solipsisten“ wären.

 

Damit sind wir bereits beim zweiten Punkt:

Zwischen Erde und Mond kann keine reale Beziehung bestehen, wenn wir sie als philosophische Objekte verstehen.

Bei physikalischen Objekten bestehen diesbezüglich keine Schwierigkeiten; zu Erde und Mond gesellt sich ihre Massenanziehung dazu.

AD: „Aber das können Sie doch auch auf die Philosophie übertragen; dort haben wir mit Erde, Mond und Massenanziehung dann ebenfalls drei – Seiende in diesem Fall. 

 

Das stimmt nicht. Es geht doch keinesfalls um die Bezeichnungen; entscheidend ist vielmehr, daß die seiende „Massenanziehung“ keine Massenanziehung sein kann, weil diese eine reale Relation sein muß.

Mit anderen Worten:  

Die philosophische Masenanziehung zieht nichts an, sondern führt dazu, daß wir drei getrennte Seiende vorliegen haben – ganz so, wie es sich für das traditionelle Denken gehört.

Übertragen wir das physikalische System Erde-Mond dagegen umgekehrt in die Philosophie, entsteht nur ein Seiendes, eben das Ganze

 

Solipsisten können als blinde und taube Subjekte nicht die Wirklichkeit verstehen. Wie löst man dieses Problem am besten?

Unsere Variante besteht darin, sämtliche Seienden zu opfern; Subjektivitäten sind nicht nur keine Solipsisten, sondern benötigen das Sich-als-angesprochen-Erfahren sogar, um sie selbst werden zu können.

Die Tradition bleibt dagegen bei ihren Seienden – und mauschelt:

Zum einen entwickelt sie Wahrnehmungstheorien, die den eigenen Prämissen diametral zuwiderlaufen; es gibt keine sehenden Subjekte; entweder . . ., oder . . .

Zum anderen benötigt die Tradition den Nous; das ist in der Antike ein göttliches Wesen, das

– nicht zu den Seienden zählt, dadurch

– sehen kann,

– von außen auf die Welt schaut und

– sie dadurch in ihrer Wirklichkeit erkennt.

Aus dem Nous wird für Pascal der „Gott der Philosophen“, in der Moderne die „eine menschliche Vernunft“ und bei Thomas Nagel der „Blick von nirgendwo“, „und nirgendwann“ würde ich gerne ergänzen.

 

AD: „Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß die Philosophie in so einem eklatanten Widerspruch zur Physik stehen könnte . . .“

Doch; denken Sie etwa an den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie. Wir gehen heute zumeist davon aus, daß letztlich alles mit allem zusammenhängt; einerlei ob wir das nun durchschauen oder nicht.

Solange wir versuchen, das auf der Grundlage einer Philosophie zu verstehen, die das glatte Gegenteil voraussetzt und eine Summe getrennter Seiender zu ihrer fundamentalen Prämisse erhebt, werden wir bei der Lösung unserer Probleme auf ernsthafte Schwierigkeiten stoßen müssen.