1.3. Kopernikanische Wende

Die Denkrichtung unserer Überlegungen können wir in einfachen Worten anhand von vier für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen andeuten:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Max Black: „Existierte die Rückseite des Mondes, bevor wir sie gesehen haben?“

Wohl viele von uns dürften sich bei solch naiven Fragen fast beleidigt fühlen und sie natürlich alle mit einem glatten „ja“ beantworten.

Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß manches für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem wir uns 100%-ig anschließen.

 

Mir ist bewußt, daß diese „Kopernikanische Wende“ (Kant) natürlich „keineswegs eine Empfehlung für mein Buch darstellt, sondern eher das Gegenteil. Denn Neues will weder der Fachmann noch der Laie. Jener ist froh, wenn er so weitermachen kann, wie er es gelernt hat, . . . und dieser will auch nicht eine neue und revolutionäre Philosophie vorgesetzt bekommen, sondern – wenn überhaupt Philosophie, dann schon – die richtige oder die Philosophie der Gegenwart.“ (Franz Rosenzweig)

 

Bei beiden Wünschen des Laien muß ich Sie allerdings enttäuschen:

Die richtige Philosophie kann es nicht geben, weil philosophische Fragen keine endgültigen Antworten kennen – genau das macht sie zu philosophischen Fragen: Was einmal definitiv beantwortet sein wird, war schon zuvor keine philosophische Frage.

„Die Meinung, die sich am Ziel glaubt, blockiert das Verstehen“ (Josef Simon) und damit die Wahrheit, würde ich gerne ergänzen.

Ob mein Denken gegenwärtig en vogue ist – der zweite Wunsch soeben –, interessiert mich nicht. Ich möchte – soweit das überhaupt möglich ist – jeglichen Zeitgeist hinter mir lassen; freilich denjenigen, der zur Zeit des Sokrates, Jesus, Thomas oder Newton herrschte, ebenso wie den heutigen.

 

AD: „Ich glaube, das geht nicht.

Es wäre doch möglich, daß etwas Richtiges und Grundlegendes nur relativ kurzzeitig im kollektiven Gedächtnis der Menschen auftaucht. Wie wollen Sie das dann vom oberflächlichen Zeitgeist unterscheiden?“

Wenn Sie mit Ihrem Verständnis Recht hätten, stände ich tatsächlich vor einem unlösbaren Problem; aber nicht nur ich: Wir alle wären dem Zeitgeist hoffnungslos ausgeliefert, weil „zu seiner Zeit“ natürlich immer (fast) alles für ihn spricht.

Ein Paradebeispiel bildet der Glaube an die exakte Wissenschaft, der bis weit in das 20. Jahrhundert hinein den Zeitgeist so sehr bestimmte, daß wir glaubten, dieser Wissenschaft alle anderen Bereiche der Gesellschaft unterordnen zu müssen. 

 

Meines Erachtens unterscheidet sich der Zeitgeist vom Entscheidenden

– nicht dadurch, daß dieses (zufällig) länger akzeptiert wird als jener

– – was ja bereits eine aufgeklärt-vernünftige Gesellschaft voraussetzen würde –, sondern

– dadurch, daß das Richtige über eine längere Zeit gut begründet werden kann als der Zeitgeist;

– insbesondere auch dann noch, wenn sich der Zeitgeist längst gedreht hat.     

Das Richtige braucht den Zeitgeist nicht; aber wir benötigen das Richtige, um den Zeitgeist an seiner Grundlosigkeit als solchen zu erkennen.

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein Bewußtseinswandel hin zu den negativen Antworten auf die obigen Fragen bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten vier Jahrhunderten ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer ständig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir glauben, in den exakten Wissenschaften den Königsweg – vielleicht nicht nur zur Richtigkeit, sondern sogar – zur Wahrheit gefunden zu haben.

Die exakten Wissenschaften – für mich persönlich insbesondere die Theoretische Physik und Mathematik – sind großartig und eine unglaubliche Kulturleistung sowie ein Segen für uns alle. Aber zum einen haben sie nichts mit der Wahrheit zu tun, und zum anderen gibt es sehr viele weitere, ebenso bewundernswerte kulturelle Errungenschaften.

 

Die heute weit verbreitete Annahme, deren Krönung bestände in den exakten Wissenschaften, teile ich nicht. Das bezieht sich insbesondere auf den Reduktionismus, der davon ausgeht, daß sich nahezu alles – Leben, Bewußtsein, Kunst, Sprache, Religion usw. – auf Physik als die fundamentale Naturwissenschaft zurückführen lasse.

Bevor Sie mein Buch jetzt endgültig als „unwissenschaftlich“ beiseite legen, sollten Sie vielleicht einmal in „Geist und Kosmos“ von Thomas Nagel schauen. Obwohl dieses Buch den Untertitel trägt „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“, dürfte es kaum Fachleute geben, die Nagel vorwerfen, er sei unwissenschaftlich.

Und selbst wenn sie es täten: Was spricht gegen gegen „unwissenschaftlich“?

 

AD: „Das sehe ich nicht ein; wenn die exakte Wissenschaft richtig ist, muß die Nicht-Wissenschaft als deren Negation falsch sein.“

Nein; zum einen verstehen wir noch gar nicht, worin die angebliche Richtigkeit der exakten Wissenschaft genau bestehen könnte, und zum anderen ist Ihre Argumentation zu simpel gestrickt. Wir werden ausführlich darauf zurückkommen, so daß ich Sie bitte vorerst mit einem Beispiel, das auf Ernst von Glasersfeld zurückgeht, abspeisen darf:

Um den vor ihm liegenden Wald zu durchqueren, tastet sich ein Blinder Schritt für Schritt mühsam vorwärts. Auf der Gegenseite angekommen hat er einen Weg gefunden, um sein Ziel zu erreichen. So, wie der Blinde gelaufen ist, geht es also – auch. Es paßte; aber nicht wie der Schlüssel zum Schloß, sondern wie einer von 1000 Dietrichen. Dieser Weg war möglich – 999 andere wären es freilich auch gewesen.

 

Ihr Fehlschluß besteht also in Folgendem:

Natürlich gilt „Wenn A richtig ist, muß Nicht-A als seine Negation falsch sein“; aber darum geht es an dieser Stelle gar nicht:

Bei uns ist A – der Weg des Blinden – keineswegs richtig, sondern lediglich geeignet, um ein davon unabhängiges Ziel B, die andere Seite des Waldes, zu erreichen. Daraus folgt dann nicht, daß andere Wege ungeeignet sein müßten.

Was hat ein von A unabhängiges B mit dem Negieren von A zu tun?

 

Verstehen Sie mein Relativieren der exakten Wissenschaften bitte nicht falsch; das ist keine Ungerechtigkeit; ich bin dankbar und froh, heute hier in Mitteleuropa leben zu dürfen, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den meisten von uns geht es zum Glück besser als vielen mittelalterlichen Fürsten. Das betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens; selbst die relative Anzahl der Menschen, die gewaltsam umkommen, nimmt angeblich stetig ab (Thomas Piketty, „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“). 

Das entspricht dem Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ bzw. “ jedoch nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle oder Tiefe; das Leben ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

Es geht nur – im Sinne von „allein“ oder „ausschließlich“ – um unser Leben, weil es unüberbietbar ist. 

 

Wir sollten Theodor Adornos Bonmot „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ durch den Hinweis ergänzen, daß aber auch das wahre Leben im falschen beginnen muß.

Unser Leben ist weder Prüfungs- noch Bewährungsort und auch kein Jammertal, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- sowie unterscheidend Christliche. Jesus wurde bekanntlich unter anderem auch vorgeworfen, er sei ein „Säufer und Fresser“.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen“ (wollen).

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das bereits befürchtete „aber nur“ also doch noch – erst die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch sein Wozu oder Ziel, seinen Sinn.

Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – faßte seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Wozu zum Leben besitzt, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus Frankls Mund hat eine solche Überzeugung für mich Gewicht, denn er überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

 

Selbstverständlich können wir das Wozu unseres Lebens – seine mögliche Fülle also oder fromm ausgedrückt das Reich Gottes – völlig ignorieren und mit ungezügeltem Prassen, seichter Unterhaltung bzw. langweiligem Zeitvertreib oder Nicht-Denken in seinem Wie aufgehen.

Aber dieses Wie ist doch nichts anderes als der Status quo unseres Lebens auf dem Weg zu seiner möglichen Erfüllung oder Fülle, seinem Wozu oder Telos. Es ist also weder sekundär noch vermeidbar, sondern – als Beginn im falschen Leben – notwendig.

 

Meines Erachtens ergeben sich daraus zwei wichtige Konsequenzen:

Zum einen schadet sich selbst oder „ist schön dumm“, wer mit den Status quo seines Lebens zufrieden ist, denn das – Mehr des – Reich Gottes wartet auf ihn. Damit schließt sich der Kreis zu meinem „Trott“ im vorigen Kapitel. Er kann niemals fromm oder gottgefällig sein – weil er gegen mich gerichtet ist

Zum anderen würde ein Wozu des Lebens ohne Wie erfordern, daß ersteres fertig vom Himmel fiele.   

 

Ich bleibe also – mit der Tradition – dabei, zwischen dem Wie und Wozu des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, die beiden voneinander zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen:

Das Wie des Lebens ist – als der Status quo des letzteren – die notwendige Voraussetzung seines eigenen Wozu, der Fülle des Lebens; ohne Wie kein Wozu; ohne Status quo kein Telos; ohne Menschen-Welt kein Gottes-Reich.

In unserem Buch geht es um beides; deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß. Wer das Leben will oder wem es gar – Schiller zum Trotz – als „der Güter höchstes“ gilt, kann in unseren letzten Gedanken einen Vorschlag sehen, wie sich der nicht nur unselige, sondern sogar widersprüchliche Dualismus von Immanenz und Transzendenz oder Diesseits und Jenseits möglicherweise überwinden ließe. 

 

AD: „‚Unselig‘ ist klar, aber wieso ‚widersprüchlich‘?“

Wir können nur in dem Maße von einem Jenseits sprechen, wie es unserem Wirklichkeits-Bild angehört, und müßten demzufolge in letzterem eine Grenze ziehen, die dieses Jenseits vom Diesseits trennt. 

Aber was meinen wir dann überhaupt mit diesen Worten? Was ändert sich an der Grenze?

Die meisten der traditionell Gläubigen würden wahrscheinlich antworten, daß dort unser Zugang endet. Vorstellen können wir uns „alles“, die Immanenz wahrnehmen sowie wissen und die Transzendenz – vorstellen halt; das geht ja immer; nützt uns aber nichts. 

 

Eine „Transzendenz“, von der wir nichts wissen können, ist keine Transzendenz, sondern gar nichts.

Wer trotzdem von ihr spricht macht Sie zu einer Hinterwelt.

Unter dieser verstehen wir eine Sphäre

– die uns unzugänglich ist,

– sofern aber dennoch von ihr gesprochen wird.

 

Ich wiederhole bewußt noch einmal ganz deutlich mein Anliegen: 

Die Transzenzdenz muß keine Hinterwelt sein; wir suchen unter anderem auch nach einer Form, in der sie vernünftig – und nicht unselig-hinterwäldlerisch als Gegenstück zur Immanenz – gedacht werden kann.

Die Immanenz kann eine Hinterwelt sein. Sie ist es immer dann, wenn

– Seiende(b) und Seiende(u) vorausgesetzt werden, aber

– nicht zwischen beiden unterschieden wird, sondern

– sie als Seiende miteinander identifiziert werden:

 

Die Logk, die zur Hinterwelt führt, ist ganz einfach:

– Seiende(b) wissen wir durch den Nous,

– Seiende(u) sind prinzipiell unwißbar, so daß

– wir in den Seienden prinzipiell Unwißbares wissen.     

 

AD: „Einverstanden; und noch eine zweite Frage:

Sie sagten soeben, daß das Reich Gottes ‚ohne sein Wie einfach vom Himmel fallen müßte‘. Na und? Dann fällt es eben.“

Sie haben Recht; die Erfüllung des Lebens könnte theoretisch bereits von Anfang an bestehen, so daß wir direkt in sie hineingeboren und der unglückliche Status quo, das unbefriedigende Wie oder das falsche Leben im falschen entfallen würden. 

Warum leben wir Menschen nicht von Anfang an in der Vollendung, dem Paradies oder Reich Gottes?

 

Auf der einen Seite liegt hier offensichtlich ein brennendes Problem vor: Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die Moderne wesentlich durch den – im Nachhinein als recht naiv erkannten – Glauben mitbestimmt wurde, die Fülle des Lebens für alle zukünftigen Menschen innergeschichtlich verwirklichen zu wollen und zu können; entweder als Kapitalismus oder als Kommunismus.

Auf der anderen Seite kommen selbst von den Christen, denen diese Frage doch auf den Nägeln brennen müßte, diesbezüglich kaum konstruktive Antworten. Die allermeisten von ihnen sehen sogar in ihrem Nicht-Wissen nicht nur keinen Mangel, sondern geradezu einen Gradmesser demütig-ergebener Rechtgläubigkeit:

„Gottes Gedanken sind nicht meine Gedanken.“

„Wer bin ich, daß ich solche Fragen stelle – oder gar zu beantworten versuche?“

 

Mit einer solchen „Logik“ kann ich absolut nichts anfangen; sie ist mir furchtbar zuwider.

Da das Denken im Suchen nach Wahrheit oder Richtigkeit besteht, über die Gott immer schon verfügt, kann er nicht denken und somit auch keinerlei Gedanken besitzen. Denn andernfalls müßte er doch nach etwas suchen, was er selbst ist oder zumindest hat; er wäre ein Alzheimer-Gott, so daß der „rechtgläubige“ Gedanke von soeben meines Erachtens hinfällig wird.

Mir geht es nicht um fromme Floskeln, sondern um begründbare Aussagen; Christen sollten offen Rechenschaft über ihren Glauben ablegen können und keine Angst vor kritischen Rückfragen haben müssen.

 

Aber abgesehen von solchen Nebenkriegsschauplätzen schlage ich vor, dieses Problem ganz anders anzugehen:

Bei wichtigen alltäglichen oder wissenschaftlichen Fragen kommt kaum jemand auf den Gedanken, sich mit der Antwort „prinzipiell unlösbar“ abzufinden und sie vielleicht sogar noch durch ein „genau so sollte es doch auch sein“ zu adeln. Läßt sich beispielsweise die Periheldrehung des Merkur mit Newton nicht erklären, finden wir das keineswegs großartig und rechtfertigen es auch nicht damit, daß Gottes (Schöpfungs-)“Gedanken“ nicht unsere Gedanken sind.

Wir bleiben dann keinesfalls bei solch frommen Geschwafel stehen, sondern suchen nach vernünftigen Antworten; in unserem Beispiel gelang Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bekanntlich der Durchbruch.

Weshalb sollten wir in Philosophie oder Theologie anders vorgehen als in der Physik – und in jedem kritischen Weiterdenken empört einen Häresieverdacht vermuten oder eine Gotteslästerung wittern?

Es ist entsetzlich unbefriedigend, wenn wir die Frage nach dem Warum oder Wozu unseres Erdenlebens nicht vernünftig beantworten können!

 

Mir schwebt eine dogmenfreie Theologie vor, die die „Dogmen“ nicht ignoriert oder gar leugnet, sondern in der sie keine – als willkürlich erscheinenden – Dogmen mehr sind, über die Nicht-Christen nur verwundert den Kopf schütteln können. Vielmehr müßten die „Dogmen“ als verständliche und möglichst sogar selbstverständliche Resultate aus einem eo ipso begründeten und damit nachvollziehbaren Denken hervorgehen.

Wir werden auf einige Fälle zu sprechen kommen, an denen zumindest deutlich wird,

– wie ich das genau meine und

– daß dieses Ziel nicht illusorisch sein muß.

Ein Beispiel, das in diese Richtung weist, ergab sich bereits:

Daß der Glaube Berge versetzen kann, ist einfach Nonsens, solange wir an einer objektiven Realität festhalten. Sie muß gecancelt werden, wenn wir die Macht des Glaubens als wirklich erachten möchten.

 

Und auf ein zweites Beispiel kamen wir soeben zu sprechen:

Eine vernünftige traditionelle Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres irdischen Lebens scheint mir sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu sein. 

Postmodern wäre jedoch beispielsweise die nachstehende Denkrichtung möglich:

Adam und Eva kannten noch keine Sprache; woher sollten die ersten Menschen sie haben? Folglich lebten sie in einer unsagbaren und damit sowohl unwißbaren als auch unverständlichen Wirklichkeit. 

Der Bibel zufolge war es das Paradies.

Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, ist das aus logischen Gründen ausgeschlossen; man kann nicht im Paradies – oder wo auch immer – leben, ohne davon zu wissen oder gar: wissen zu können. Das Baby der besten Eltern der Welt lebt auch „im Paradies“ – und schreit, weint oder ist unzufrieden.

Adam und Eva mußten vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie im Paradies leben können; das war keine Sünde, sondern die notwendige Voraussetzung dafür, daß das wahre Leben in einem falschen beginnen kann

 

AD: „Ihre dogmenfreie Theologie scheint mir unmöglich zu sein:

Nach christlichem Verständnis kann die Offenbarung der Vernunft zwar nicht widersprechen, jedoch auch nicht mit ihrer Hilfe abgeleitet werden; sonst wäre die Offenbarung ja gar nicht nötig. Wenn Sie keine Dogmen anerkennen, ist aber genau das erforderlich; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich vernünftig ergeben.“

Genau darum geht es mir; die Nicht-mehr-Dogmen müßten sich tatsächlich vernünftig ergeben.

Das widerspricht nicht dem, was Sie, meiner Meinung nach richtig, zur Offenbarung gesagt haben, denn diese besteht nicht in Dogmen, sondern in der Selbstmitteilung Gottes durch seine Menschwerdung.

 

Die Dogmen haben lediglich die sekundäre Aufgabe, diese Offenbarung verständlich zu machen. Sie sind jedoch reines Menschenwerk und können somit bestenfalls vernünftig sein, denn mehr ist uns gar nicht möglich. Natürlich sollten sie auch vernünftig sein; je mehr die „Dogmen“ dies sind, desto näher kommen wir meiner dogmenfreien Theologie. 

Unverständliche Dogmen bestätigen nicht die Geheimnishaftigkeit Gottes, sondern die Grenzen der Theologen.

Es ist mir also vollkommen gleichgültig, ob beispielsweise die Trinität ein Dogma ist oder nicht. Aber für sehr interessant, spannend oder wichtig halte ich die Fragen,

was mit Trinität gemeint und

ob sie in dieser Interpretation richtig sein könnte. 

 

Woher sonst sollten wir denn wissen, daß Gott ein Gehemnis ist – wenn nicht durch seine Offenbarung? Wer diese Aufgabe verschwurbelt-unverständlichen Dogmen zuweist, hat meines Erachtens etwas falsch verstanden oder möchte nicht denken. 

Die „Dogmen“ können gar nicht deutlich und klar genug sein, um das Geheimnis der Offenbarung verständlicher und hierdurch geheimnisvoller zu machen. Wir

müßten aufgrund seiner Offenbarung durchschauen können, weshalb Gott ein Geheimnis ist, 

– dürften seine Geheimnishaftigkeit nicht bloß behaupten und

– dieses „Wissen“ nicht durch Dogmen unterstreichen,

– deren Aufgabe darin besteht, nicht verstanden werden zu dürfen.   

Viele Christen beschränken sich leider hierauf und wundern sich vielleicht auch noch, daß das – mit Recht – immer weniger Menschen interessiert.